Archipel Jugoslawien | Traduki

Archipel Jugoslawien

VON 1991 BIS HEUTE

Die Leipziger Buchmesse ist abgesagt:

„Common Ground. Literatur aus Südosteuropa“ goes digital!

In zahlreichen Gesprächen und anderen online Formaten präsentieren wir unser Programm!

In zahlreichen digitalen Gesprächen, Diskussionen, Buchpräsentationen, Spiel- und Dokumentarfilmen werden Autor*innen und weitere Akteur*innen zur Sprache kommen.

1991 zerfiel die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien. Dieser Zerfall hat eine ganze Generation von Autor*innen geprägt. Genau 30 Jahre später nimmt der Common Ground den Archipel Jugoslawien – Von 1991 bis heute in den Blick und präsentiert neue Bücher, Hintergründe und Schicksale. Dabei geht es nicht nur um Krieg und Hass, sondern auch um Hoffnung und neue Identitäten, und die bleibende Identifikation mit einem Staat, den es nicht mehr gibt. Um Menschen, die entwurzelt wurden, und solche, die ausharrten. Und um die Frage, wie ein Leben und Miteinander in der Gegenwart trotz allem möglich ist.

#CommonGroundReads #CommonGroundLeipzig #Traduki

BIS ZUM 27. MAI

27.05.2021

28.05.2021

29.05.2021

30.05.2021

Archipel Jugoslawien - Essays

  • Ab März
    Archipel Jugoslawien Essays auf faz.net & hier
    traduki.eu/archipel-jugoslawien faz.net

    Ihre persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen rund um den Zerfall Jugoslawiens, der vor 30 Jahren begann, haben 15 Autorinnen und Autoren aus Südosteuropa in eindringlichen Essays literarisch verarbeitet.

    Sechs dieser bisher unveröffentlichten Texte sind seit Anfang März, inklusive eines Beitrags des FAZ-Redakteurs Tilman Spreckelsen, auf faz.net zu lesen.

    Die Essays:

    Ab dem 30. März werden wöchentlich weitere Essays bis Ende Mai auf dieser Seite eingestellt.

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Donnerstag, 27.05.2021

  • ES WIRD GELESEN UND RECHERCHIERT!

Freitag, 28.05.2021

  • DAS KOMPLETTE PROGRAMM IST AM ENTSTEHEN

Samstag, 29.05.2021

  • GEDULD!

Sonntag, 30.05.2021

  • WIR FREUEN UNS AUF EUCH!

Archipel Jugoslawien
Von 1991 bis heute

Hana StojićKuratorin des Common Ground Programms

Was tun nach dem Ende der Welt? Wie weiterleben nach  der Apokalypse? Heilt die Zeit alle Wunden? Wohin mit der eigenen (und fremden) Nostalgie? Wo stehen die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens heute? Sind die postjugoslawischen Gesellschaften bereit, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen? Ist mit dem Ende Jugoslawiens auch die Idee des Jugoslawismus verschwunden? Waren die Fundamente dieses Staates nicht gut ausgegossen oder genügte wirklich nur ein falscher Mann an seiner Spitze, um das Haus zum Einsturz zu bringen? (Was) kann Europa aus Jugoslawiens Fehlern lernen?

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Essays

Ihre persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen rund um den Zerfall Jugoslawiens, der vor 30 Jahren begann, haben 15 Autorinnen und Autoren aus Südosteuropa in eindringlichen Essays literarisch verarbeitet. Sechs dieser bisher unveröffentlichten Texte sind seit Anfang März, inklusive eines Beitrags des FAZ-Redakteurs Tilman Spreckelsen, auf faz.net zu lesen:

Die Essays sind Drohnenflug von Darko Cvijetić, Brüderlichkeit und Einigkeit von Rumena Bužarovska, Das steinerne Floß von Drago Jančar, Das leichte Leben von Blerina Rogova Gaxha, Leben am Tatort von Tomislav Marković sowie Von der Namenlosigkeit von Goran Vojnović.

Ab dem 30. März werden wöchentlich weitere Essays bis Ende Mai hier auf der Archipel Jugoslawien-Seite veröffentlicht.


Nostalgie: die Melancholie der Rechten

von Andrej Nikolaidis

Das letzte jugoslawische Pop-Lied

von Aleksandar Bečanović

Die apokalyptische Uhr

von Faruk Šehić

Credits: Dženat Dreković, NOMAD

Die Zeit meines persönlichen Kataklysmus beginnt am 21. April 1992. An diesem Tag griffen bewaffnete serbische Extremisten, unterstützt durch die ehemalige Jugoslawische Volksarmee, meine Stadt an. Es waren unsere ‘Nachbarn’, Mitbürger, die sich in einer konzertierten Aktion aus der Stadt zurückgezogen hatten, um uns von den umliegenden Bergen her anzugreifen.

Der Angriff auf mein Land hatte schon vor diesem Datum stattgefunden, denn bis zum 21. April waren bereits viele Städte an der Ostgrenze zu Serbien, das damals noch Jugoslawien hieß, zerstört. In dem Moment, in dem Slowenien, Kroatien sowie Bosnien und Herzegowina Jugoslawien verlassen hatten, hörte dieser Staat in unser aller Bewusstsein nominell auf zu existieren. Doch dieser Staat stellte sich gegen uns alle, die wir ihn liebten und auf jede erdenkliche Weise zu seinem Erfolg beigetragen hatten.

Jeder Bürger von Bosnien und Herzegowina trägt diese zwei Uhren, diese zwei Zeitrechnungen tief in seinem Bewusstsein, in Leib und Seele sowie im Herzen.

Die erste Uhr fängt dort an zu schlagen, wo alles offiziell begonnen hat, die zweite ist eine wesentlich wichtigere, persönlichere Uhr, sie misst die Zeit ab dem Moment der Vertreibung aus dem eigenen Haus. Sie misst die Zeit, seit der man zum Flüchtling wurde, oder sie zählt die Stunden seit dem Moment der eigenen Verwundung, dem Kriegstod einer nahestehenden Person. Manche Uhren sind zum Abzählen bis zur Todesstunde bestimmt. In meiner Stadt ticken fünfhundert Soldatenuhren so lange, wie wir, die Überlebenden, existieren. Solange wir uns an unsere toten Freunde, Verwandten und Mitkämpfer erinnern.

Was die persönliche Uhr alles misst, kann man unmöglich zu Papier bringen. Ich versuche das schon die letzten 20 Jahre, seit ich als Schriftsteller öffentlich auftrete, doch ich weiß, dass ich mich kaum vom Ausgangspunkt entfernt habe. Schon die Tragödie eines einzelnen Menschen ist unbeschreiblich, hier aber reden wir von der Tragödie Hunderttausender Menschen aus diesem Land.

Diese persönliche Uhr ist die apokalyptische Uhr. Jeder Mensch hat eine. Der Krieg ist die Apokalypse, nur war damals niemand da, um uns das zu sagen. So wie auch nach dem Krieg niemand da war, um uns zu sagen, dass wir im postapokalyptischen Zeitalter leben. Lediglich den Fachbegriff ‘Post-Konflikt-Gesellschaft’ haben uns wohlmeinende Menschen aus dem Ausland verliehen, der erklären sollte, in was für einer Gesellschaft wir da jetzt leben.

Die kühle Terminologie der Wissenschaftssprache wird der apokalyptischen Uhr in keiner Weise gerecht. Sie erkennt sie nicht an, denn der Terminus ‘Post-Konflikt-Gesellschaft’ kennt nur die sogenannten Kriegsparteien. Nicht in jedem Krieg gibt es Kriegsparteien, es gibt die angegriffene Partei und die angreifende. Deshalb ist dieser Begriff völlig falsch, genau wie der Begriff Bürgerkrieg falsch und schändlich ist, mit dem der ‘wohlmeinende’ Fremde unseren Krieg, unsere Apokalypse beschreiben möchte.

Die Apokalypse besteht nicht aus den physisch zerstörten Städten, Dörfern, Brücken, Geburtskliniken oder Friedhöfen. Für mich ist die Apokalypse jener Moment, in dem alle Werte der bürgerlichen Gesellschaft einstürzen. Wenn alles, was schrecklich, unnormal und fürchterlich ist, völlig normal, gesellschaftlich akzeptabel und sogar wünschenswert wird.

Diese Apokalypse geschieht vor der eigentlichen physischen Zerstörung. Sie geschieht leise und unsichtbar. Der aufmerksame Zeitungsleser kann ihre Vorzeichen erkennen. Allzu oft ist dies eine Entmenschlichung bestimmter sozialer Gruppen, Individuen oder ganzer Völker.

So erschien beispielsweise in der Zeitung Kozarski Vijesnik aus Prijedor vor dem Beginn des Krieges 1992 eine Reihe von Texten, in denen Einwohner bosnischer, kroatischer und weiterer Nationalitäten entmenschlicht wurden. In dem konkreten Fall berichteten der Kozarski Vijesnik und Radio Prijedor von einem angehenden Facharzt der Gynäkologie aus Prijedor, Dr. Željko Sikora, der “bei Serbinnen, die mit männlichen Föten schwanger waren, Abbrüche hervorrief und serbische Neugeborene kastrierte”. Obwohl ethnischer Tscheche, war dieser im Bewusstsein der Bösewichte Kroate, denn alle Kroaten wurden damals von serbischen Nationalisten mit Ustaschas gleichgesetzt.

In der Belgrader Tageszeitung Ekspres politika wurde er “Monster-Doktor” genannt. Im Bericht der damaligen Bundesrepublik Jugoslawien an die Expertenkommission der UN unter »Indizien über Täter im unmenschlichen Umgang mit Zivilisten in Prijedor 1989-1992« wird Dr. Željko Sikora (gemeinsam mit zwei Ärzten bosniakischer Nationalität) erwähnt. Als ihr Hauptvergehen wird angeführt: “Systematische Drosselung der Geburtenrate unter der serbischen Bevölkerung im Bereich der Gemeinde Prijedor mittels Kastration von Neugeborenen serbischer Nationalität. (…) Durch Anwendung verschiedener Medikamente und Experimente machten sie Kinder im Krankenhaus von Prijedor zeugungsunfähig, stellten absichtlich Fehldiagnosen und gaben Erwachsenen serbischer Nationalität die falschen Medikamente.”

Als Folge solcher Anschuldigungen durch die Medien wurde Dr. Željko Sikora im Konzentrationslager Keraterm genauso wie Tausende seiner Mitbürger ‘falscher’ ethnischer Zugehörigkeit (in anderen Lagern) ermordet. Sein Leichnam wurde neben einem Müllcontainer auf dem Gelände des Lagers gefunden. Bevor man ihn tötete, war er täglich verprügelt worden.

Der Kozarski Vjesnik erscheint bis heute regelmäßig. Wenn man Željko Sikora als Suchbegriff ins Zeitungsarchiv eingibt, bekommt man überhaupt keine Information. Željko Sikora war der letzte männliche Nachkomme der Familie Sikora. Für seine »Verbrechen« wurde nie auch nur ein einziger Beweis gefunden, ebenso wenig wurde er je vor Gericht gestellt. Auch ist sein Name bis heute nicht von der Verleumdung reingewaschen.

Die Entmenschlichung und Dämonisierung von Gruppen, Einzelpersonen und ganzen Völkern währte schon lange vor dem unmittelbaren Kriegsbeginn auf dem Territorium des auseinanderfallenden damaligen Jugoslawiens. Das Ziel dieser Vorgehensweise war es, die gewöhnlichen Menschen auf Morde, Massaker und schließlich auch auf den Völkermord selbst als etwas vollkommen Gewöhnliches vorzubereiten.

Am 21. April 1992 wurde ich erstmals zum Flüchtling, und ich werde wohl nie mehr so ganz aufhören, ein Flüchtling zu sein, denn das ist nicht nur ein Status in der Kartei des Roten Kreuzes, sondern das Gefühl der fehlenden Zugehörigkeit in einem drin, zu nichts und niemandem. Ich liebe das Land, in dem ich lebe, aber nicht als Staat, nur als Land: als Summe von Landschaften und Naturschönheiten.

Wenn du Flüchtling wirst, ist das kein physischer Schmerz, es ist ein völlig schmerzfreier Vorgang, aber es gibt andere, unsichtbare Teile von dir, die noch jahrelang an fürchterlichen Phantomschmerzen leiden werden. In der Medizin verwendet man diesen Begriff, wenn ein Bein wehtut, das man nicht mehr hat, das einem abgeschnitten wurde. Uns hat man von unserem Vorkriegsleben abgeschnitten, und diese Phantomschmerzen sind etwas, das wir mit ins Grab nehmen werden.

Man wird mit der eigenen Biographie konfrontiert und muss sie annehmen wie alle Narben, die man an Leib und Seele trägt. Auf diese Weise kommt man immer vorwärts, denn das Einzige, was im Krieg nicht von einer Artilleriegranate zerstört werden kann, ist das Leben selbst. Der Wunsch nach Leben ist größer und stärker als alles.

Also griff ich zur Waffe und wurde Soldat.

Oft werde ich bei Lesungen im Ausland gefragt, ob ich Freiwilliger war. Für mich ist das immer ein Problem, denn wie soll ich den Leuten erklären, dass ich aus meiner Wohnung, meiner Straße und meinem Viertel vertrieben wurde, nur weil ich eine andere Augenfarbe hatte. Natürlich griff ich im selben Moment zur Waffe, eigentlich hatte ich nur eine Pistole, denn im April 1992 waren wir nicht gerade üppig bewaffnet.

Die ‘Außenwelt’ in Form der Vereinten Nationen verhängte ein Waffenembargo gegen unser Land. So waren wir dem bis auf die Zähne bewaffneten Feind auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Der Grund, weshalb man uns im Stich ließ, liegt darin, dass die feindliche Propaganda uns sehr erfolgreich als Fremdkörpergewebe im Leib Europas darstellte. Wir wurden als ‘blutrünstige Moslems’ bezeichnet, ‘die grüne Gefahr’, ‘Mudschahedin’, obwohl viele von uns Atheisten waren, säkulare Bürger, Jugoslawen, Bosnier, Linke, Kosmopoliten, Waver, Punker usw. All diese Identitäten wurden getötet und unter die Erde verfrachtet. Während das geschah, sprachen einzelne hochrangige europäische Politiker von der ‘schmerzlichen und qualvollen Restauration des christlichen Europa’. Wir waren Versuchskaninchen bei der Entwicklung der heutigen globalen Islamophobie.

Ich war mitnichten ein Freiwilliger, denn es war für mich keine Frage des freien Willens, zum Gewehr zu greifen, vielmehr war ich gezwungen, für mein biologisches Überleben zu kämpfen. Wir waren im April 1992 bereits von allen Seiten umzingelt, weshalb es nicht möglich war, dem Krieg zu entfliehen und aus sicherer Entfernung den Klugscheißer-Pazifisten zu geben, der sich zynisch über die Kriegsparteien äußert.

Über meine Erfahrungen im Krieg und als Soldat habe ich zahlreiche Gedichte, Kurzgeschichten, einen Roman und viele journalistische Texte geschrieben, weshalb es überflüssig wäre, alles zu wiederholen. Ich war Angehöriger der Armee von Bosnien und Herzegowina, nicht irgendeiner ‘muslimischen’ Armee, wie uns unser Feind und die ausländischen Beobachter von 1992-95 nannten. Einmal wurde ich schwer am linken Fuß verwundet. Ich ging ein halbes Jahr an Krücken. Danach kehrte ich zu meiner Einheit zurück und tat den gleichen Dienst wie vor der Verwundung. Ich wurde Zugführer (die Säule einer jeden Armee) und führte gegen Kriegsende 130 Mann in offensiven Aktionen an. Wie die meisten Menschen in Bosnien und Herzegowina hatte auch ich PTBS, dessen Auswirkungen erst spürbar werden, wenn der Krieg zu Ende ist.

Für meine militärischen Fähigkeiten wurde ich während des Krieges und danach mehrfach ausgezeichnet.

Als der Krieg vorbei war, versuchte ich das zu sein, was ich vor dessen Anfang war, ein Student der Veterinärmedizin im dritten Studienjahr. Doch schnell ließ ich das wieder sein und schrieb mich für Literatur ein. Ich begann täglich auf einer Olympia Monica von 1967 zu schreiben. Ich wollte Schriftsteller werden und wurde es.

Im Manuskript meines Romans Zimtbriefe gibt es folgende Passage, die am besten abbildet, in was für einer Welt wir da lebten, nachdem der Krieg nur formal zu Ende war:

„Das war keine ruin bar, jedenfalls war es das noch nicht geworden. Und wir nannten es Zauberwürfel, nicht weil es würfelförmig oder gar zauberhaft war, sondern weil das gut klang.

Wir kamen jeden Tag dorthin, zur täglichen und nächtlichen Therapie. Die ganze Stadt war eigentlich eine riesige Freiluft-ruin-bar, während der Zauberwürfel aufgeräumt, sauber und ziemlich neu war. Ich weiß nicht, woher der Hauptmann die für die Inneneinrichtung notwendigen Dinge besorgt hatte, aber sie waren da und glänzten wie die längst verlorenen Sonnen irgendeines Friedens.

(…)

Die Kellner hatten wohl Nerven wie Drahtseile, denn unser erster Krieg war gerade erst zu Ende. Wir konnten damals nicht wissen, dass dies erst unser erster Krieg war. Wer hätte wissen können, was passieren würde, wenn wir alles, was wieder aufzubauen war, in Gänze wieder aufgebaut hätten? Erst flickten wir die Häuser, bauten sie neu. Die Innenausbauten in uns selbst gingen nur langsam vonstatten. Unsichtbare Brandschäden waren schwerer zu beseitigen. Ersatzteile für den Innenaufbau standen uns nicht zur Verfügung, denn der Rest der Welt hatte uns vorübergehend aus den modernen Abläufen der Zivilisation ausgeschlossen. Und auf Krieg folgt Korruption und die Fortsetzung des Krieges mit friedlichen Mitteln; der Nationalismus wuchert wie Unkraut und ist nur schwer aufzuhalten. Manche Dinge geschehen hinter den Kulissen. Unsere Kulisse sind Ruinen voller kalter Asche, etwas ist außerhalb unseres Willens und wächst, obwohl wir es nicht beachten, da wir mit unseren eigenen Wunden beschäftigt sind.

Wunden sind wichtig, und es ist notwendig, die eigenen Wunden und die der Stadt zu versorgen. Dass wir uns nicht mit dem Hass beschäftigt haben, heißt nicht, dass er nicht in der Stille seines Amtes gewaltet hat. Die Schrecken des Krieges haben uns vom Hass geheilt. Nur, wer im Krieg alles Mögliche erlebt hat, weiß, dass der Hass den Menschen eingetrichtert wird, um die stets gleichen Kriegsziele leichter zu verwirklichen – Kampf ums Territorium und den Reichtum, den dieses mit sich bringt.

In vielen Menschen existiert der Hass bereits und muss nicht mehr angestachelt werden. Das Böse hat Vor- und Nachnamen, Augenfarbe, Finger, Brusthaare, Muttermale und Leberflecke, Narben vom Bolzplatz. Das Böse ist familientauglich, mag Kinder, das Böse ist sozial, verkehrt in Vorkriegscafés, hat ein breites Lächeln und noch alle Zähne im Kopf. Es ist das kleinbürgerliche, graue Böse. Es gibt auch ein anderes, besoffenes Böses, das Lumpenproletariat mit Zahnlücken. Es ist schwierig, das mit dem Bösen einfach zu klassifizieren, es entzieht sich jeder Beschreibung und Klassifizierung.

Das Böse ist nie banal.

Wir tranken im Zauberwürfel, das wünschten wir uns sehnlichst, uns fiel nichts anderes ein, was wir hätten tun sollen oder können. Da spazierten keine Psychologen oder Psychiater mit Zauberkapseln herum, um uns zu heilen. Auf den Straßen war niemand, bis auf uns und die streunenden Hunde, die die Heimkehr der menschlichen Wärme spürten und deshalb kamen, um sich aufzuwärmen. Medizin brauchten wir nicht, dachten wir, wie hätten wir das auch denken sollen, wenn wir uns selbst nicht für krank hielten. Wir waren nicht krank, es waren eben solche Zeiten.

Keiner von uns wusste, was die Abkürzung PTBS überhaupt bedeutete. Wir überließen uns einfach nur dem Lauf der Friedenszeit. Den unendlichen Diskussionen im Zauberwürfel. Vielleicht heilte uns das auch, denn ich erinnere mich an einen Moment, in dem das Xanax nicht wirkte. In dem es mir nicht half, als ich die Hitze aus dem Bauch in Brust und Kopf hochsteigen spürte, eine heftige Energie, wegen der ich befürchtete, in Flammen zu geraten und den Raum zu erhellen wie eine Leuchtrakete, allein, versteckt irgendwo auf der Brandstätte des Handwerkszentrums, erleuchtet von Mondschein, im Schatten des gesprengten Gotteshauses, dessen Turm in Richtung Erde und Unterwelt zeigte.

Je mehr das normale Leben in seine gewohnten Bahnen zurückkehrt, umso mehr Raum nimmt die Angst vor dem Tod ein. Uns selbst überlassen, lösten wir das mit Alkohol und leichten Betäubungsmitteln, wenn die Tabletten schon nicht wirkten. Wir dachten, der übermäßige Lebensgenuss würde uns eher in die zivile Normalität zurückbringen.

Wenn man einen Krieg überlebt hat, sollte man am besten sofort aus dem betreffenden Teil der Welt wegziehen und niemals zurückkehren. Warum hatte uns das niemand sagen können? Selbst wenn es uns jemand gesagt hätte, hätten wir ihm nicht geglaubt. Wir hätten weiter unser Ding gemacht.

Wo endet und wo beginnt unser erster Krieg? – ist eine Frage, die wir uns oft stellten, bis wir die Lust daran verloren, uns das zu fragen.

Was mich gerettet hat, war die Liebe, ein starker Glaube an das Leben als sinnvolle Ordnung der Dinge in Zeit und Raum, als Zeit und Raum noch linear waren. Denn mit den ersten Granaten verloren Zeit und Raum und alle anderen Dimensionen ihre unschuldige Geradlinigkeit unwiederbringlich. Wir versuchten die Schäden am linearen Verlauf von Zeit und Raum und allen anderen Dimensionen zu reparieren, aber es gelang uns nicht. In der nichtlinearen Welt wollten wir lineare Individuen sein. Es lief nicht. Selbst wenn wir gewusst hätten, dass es einmal in der Zukunft modern sein würde, vintage Gegenstände zu schätzen, vintage Poetik, Retro-Style, hätten wir uns nicht für irgendwelche Vorreiter gehalten, denn unser Leben war kein modischer Stil. Der Gegenwart hinterhertrauern kann man erst, wenn man alles verloren hat, wenn die eigene Zeit und der Raum unumkehrbar annulliert sind. Wir waren keine Hipster, obwohl wir alte und ungewöhnliche Dinge mochten.

Zwar kamen Leute aus dem Ausland und boten Kurse für das Weiterleben nach der Apokalypse an, doch ich nahm das nicht ernst, kaum jemand konnte das ernst nehmen. Wie hätten sie auch wissen können, wie wir leben sollen, wenn sie selbst noch nie einen Krieg überlebt hatten?“

Dieser Textausschnitt zeigt, wie die apokalyptische Uhr schlägt, nachdem die Apokalypse auch offiziell zu Ende ist. Sie setzt ihre Arbeit fort. Eine Apokalypse überleben heißt nicht nur physisch den Krieg und die allgegenwärtige Zerstörung zu überleben. Viele glauben nur, sie hätten überlebt, doch der Krieg hat sie in ihrem Wesen entwertet und die Fortsetzung des Lebens in Friedenszeiten für sie unmöglich gemacht. Sie sind Kriegszombies, denn sie kommen aus dem Krieg nie wieder heraus. Er regiert ihren Verstand, ihre Nerven.

Meine apokalyptische Uhr schlägt nun schon das 29. Jahr seit meinem persönlichen Kriegsbeginn. Ich habe gelernt, mit dem Ticken dieser Uhr zu leben. Diese Uhr ist ein Teil von mir und sie stört mich kein wenig, denn ich kann darüber schreiben. Ich habe mich mit ihrem Ticken synchronisiert.

Den wenigsten Menschen ist dieses Glück beschieden, aber sie kommen irgendwie klar und überleben die Schrecken des Friedens, denn wir wissen, dass das Leben größer und stärker ist als alles Böse, als die Vernichtung und jede Art von Apokalypse.

Ach so, und falls sich jemand fragt, ob ich Menschen getötet habe: Ja, ich habe feindliche Soldaten im Nahkampf auf dem Schlachtfeld getötet. Da gibt es keine Reue. Krieg ist leider die älteste Beschäftigung des Menschen. Wer überlebt, kann erzählen, kann schreiben. Es ist ein großes Privileg derer, die keine Erfahrung von Krieg oder Flucht und keinerlei traumatische Grenzerfahrung haben, den Überlebenden zuzuhören, damit es nie wieder Krieg gibt, für niemanden. Dies ist ein utopischer Wunsch, der vielleicht eines Tages in Erfüllung gehen mag. Ich glaube ganz fest an eine solche Utopie.

 

Deutsch von Elvira Veselinović

 

Nostalgie: die Melancholie der Rechten

von Andrej Nikolaidis

Credits: Tanja Draškić Savić

Was kann euch einer über Nostalgie erzählen, der sein Leben lang über sie liest und schreibt?

Vielleicht kann er sich vor allem selbst die Frage zu erklären versuchen: Woher diese ganze Nostalgie? Wo entspringt ihr breiter Lauf, der sich wie eine füllige, uralte Schlange nicht zum Meer hinbewegt, sondern zur blauen Leere der Melancholie?

Der Fluss ist da, aber die Quelle gibt es nicht mehr. Die Nostalgie entspringt keinem Ort, der durch die Frage nach dem „Wo“ zu bestimmen ist. Zu fragen ist vielmehr nach dem „Wann“. Wenn wir die Quelle der Nostalgie orten möchten, sollte der Finger statt auf den Globus auf den Kalender zeigen.

Also: Wann? In Sarajevo, in Jugoslawien. Genau das: Sarajevo, Jugoslawien als Zeitbestimmung, das bedeutet für unseren Nostalgiker – sollte eine Übersetzung in die standardisierte Zeitmessung notwendig sein – im späten April 1992.

 

I

Der Raum/die Zeit der Nostalgiequelle kann noch präziser bestimmt werden: die Milentije-Popović-Straße, der Sarajevoer Vorort Dobrinja, der Augenblick vor der Abfahrt, als er beim Einsteigen ins Auto, an dessen Lenkrad sein ungeduldiger Vater sitzt, der Gruppe winkt, die wie jeden Tag, an jenem Tag ohne ihn, am Rand des nahegelegenen Platzes Basketball spielt.

Oder hat alles ein paar Augenblicke früher begonnen, während er beim Aufbruch aus der Wohnung zum letzten Mal die Bibliothek des Vaters betrachtete? Als seine Familie die Wohnung abschloss, die seine Mutter als Angestellte bei Energoinvest ein paar Jahre zuvor von dem dahinschwindenden Staat bekommen hatte, hinterließ sie nichts Wertvolles – außer der Bibliothek des Vaters. Sie nahm, um klar zu sein, auch nichts Wertvolles mit, von den eigenen Leben abgesehen, deren in Friedenszeiten niedriger Wert im Krieg noch zusätzlich gesunken war.

Jahrzehntelang hatte der Vater Bücher gesammelt. Manche davon – wie die antike zerfledderte Bibel, in der Vaters Vater täglich gelesen und versucht hatte, den griechischen Text buchstabierend die Angst vor dem Tod zu verjagen – hatte er aus Ulcinj mitgebracht, von wo aus er nach Sarajevo gekommen war, um Literatur zu studieren, dort hatte er dann geheiratet, ein Kind bekommen und war geblieben, womit alle Ideale einer kleinbürgerlichen Existenz erfüllt waren. Manche hatte er von seinem Onkel geerbt. Manche – meist als Buchblock, ohne Einband – brachte er aus dem Zeitungsverlag Oslobođenje mit, wo er als Korrektor arbeitete: zum Beispiel Krležas „Zastave“. Die übrigen kaufte er, sammelte er, bekam er geschenkt … wie Bücher nun mal zu denen gelangen, die sie haben möchten. Es war eine gute Bibliothek. Ein Bekannter von ihm, selbst Dichter, versuchte monatelang, nachdem Soldaten die Wohnung verwüstet hatten, die Bücher aufzuspüren. Schließlich erfuhr er, dass ein Priester sie den Soldaten abgenommen hatte. Er versuchte, sie zu retten, begrub sie jedoch: Die Bücher endeten im Kirchenkeller in Kasindo, der im Herbst 1992 voll Wasser gelaufen ist.

 

II

Was noch kann euch einer über Nostalgie erzählen, der sein Leben lang über sie liest und schreibt?

Vielleicht, dass der erste Roman, den er geschrieben hat, grauenhaft war – wie bestenfalls die beiden nachfolgenden. Er hat ihn nicht veröffentlicht – die danach aber schon: ein bedeutender Unterschied. Es handelte sich um eine unglaubwürdige und prätentiöse Geschichte, geschrieben unter dem Einfluss von Pavić und Márquez, hier und da war auch der Einfluss von Boris Vian zu erahnen, dessen Bücher er zu jener Zeit verschlang. Er war siebzehn. Das soll nicht als erleichternder Umstand begriffen werden. Es soll Teenagern nicht verboten werden, zu schreiben, aber es sollte ihnen verboten werden, zu veröffentlichen. Wenn euch Sorgen plagen, weil euer Kind seinen hausgemachten Porno ins Internet gestellt hat, tröstet euch – es könnte schlimmer sein, es hätte auch einen Roman oder eine Gedichtsammlung veröffentlichen können.

Seinen unveröffentlichten Roman bewahrt der Vater zwischen Katasterauszügen, Besitzurkunden und den Taufscheinen der Vorfahren auf. Da es sich um schwer kompromittierendes Material handelt, hat er mehrmals erfolglos versucht, es zu entwenden. Er weiß nicht, ob sich die Geschichte als Tragödie oder als Farce wiederholt, er weiß nicht, ob sie sich überhaupt wiederholt, aber noch ein Priester, noch ein Keller und noch eine Überschwemmung kämen ihm gelegen.

Nun ja … Viele Jahre später erst, als er seine eigene Bibliothek besaß, in die er alle Titel aus der Dobrinja-Kollektion des Vaters eingereiht hatte, die ihm in Erinnerung geblieben waren, begriff er, dass seine Welt verschwunden war, und mit ihr sein früheres Leben, mit allen Möglichkeiten, allen Freuden und Katastrophen, die es in sich getragen hatte. Er begriff, dass das Verschwinden jeder Sache, und sei sie noch so klein, nicht weniger ist als das Ende einer Welt, und dass der Verlust nicht geringer ist aufgrund der Tatsache, dass die verschwundene Welt augenblicklich von einer anderen aus dem unerschöpflichen Vorrat an Welten ersetzt wird. Er begriff, dass das ganze Leben eine Reihe intimer Mikro-Enden von allem ist; dass, was wir geliebt haben, verschwindet und die Nostalgie zu unserer Religion wird.

Die sich täglich bestätigt, denn die Welt, wie wir sie gekannt haben, verliert sich vor unseren Augen, mit immer höherer Geschwindigkeit. Es verschwinden sowohl die Schicksale als auch die Landschaften, an die wir uns erinnern – die Macchie, die bis ins Meer hinunter wächst; die Flüsse aus gelben Ginsterblüten, die sich in alle Nuancen des Blaus ergießen, vom klaren, flachen Wasser bis hin zum tiefblauen offenen Meer. Es verschwinden die Gerüche und Geräusche, mit denen wir gelebt haben. Solange sie existierten, waren sie alltäglich. Wir sind durch sie hindurchgegangen, als wären sie nicht da. Jetzt, da es sie tatsächlich nicht mehr gibt, empfinden wir ihre Abwesenheit als unwiederbringlichen Verlust. Genauso ist es mit uns nahestehenden Menschen und dem Duft des Kiefernwalds – feuchte Erde, Harz, Jod – am frühen Morgen: Sie mussten verschwinden, damit wir begreifen, wie sehr wir sie brauchen. Daher hat unser Nostalgiker Folgendes verstanden: Er wird sich in Zukunft verzweifelt bemühen, sich an möglichst viel von allem zu erinnern, denn die verschwundene Welt wird nur in der Erinnerung fortdauern, die so brüchig und unverlässlich ist – weil die Erinnerung verblasst, weil es so vieles gibt, was wir verlieren, und so wenig, was wir in Erinnerung behalten können. Daher zeugt nur die unermessliche Trauer, von manchen Melancholie genannt, solange wir noch in der Lage sind, sie zu spüren, davon, dass dort, wo sich letztlich eine gähnende Leere auftut, einmal etwas gewesen ist.

Unser sich erinnernder Protagonist wird verstehen, dass der wahre Verlust nicht in dem besteht, was wir verloren haben, sondern in der Unmöglichkeit, darum zu trauern. Weshalb er, entgegen der Ansicht kluger Köpfe, meint, dass nicht die Nostalgie und Melancholie uns daran hindern, zu kämpfen, sondern dass es genau umgekehrt ist: dass in Wahrheit die Nostalgie und Melancholie der Kampf sind. In Wahrheit ist die Nostalgie das, womit wir gegen die Atemporalität des Augenblicks kämpfen, und die Melancholie das, womit wir uns gegen den falschen Enthusiasmus des falschen Fortschritts der marschierenden Augenblicke verteidigen.

 Die Nostalgie gewinnt immer, wie die Gravitation. Ist die Nostalgie, nebenbei bemerkt, nicht eine Art Gravitation der Erinnerung? Die Gravitation bringt Trost, denn sie bestätigt, dass doch eine gewisse Ordnung besteht: Alles wird fallen. Die Erinnerung wiederum ist die Ordnung selbst: Sie ist die Welt, die wir sortieren, die wir ordnen konnten, eine Welt, die sich unserem Bemühen, sie zu verstehen, nicht mehr widersetzt. In der Erinnerung ist endlich alles in Ordnung. In der Erinnerung konservieren wir eine Welt, die es nicht mehr gibt – und auch nicht gab. Die Nostalgie ist keine Erinnerung an die Welt, wie sie war, sondern daran, wie sie hätte sein können. Sie ist eine in die Vergangenheit versetzte Utopie, eine Phantasie in Form von Erinnerung, sie stellt das Vergangene über alles, was erst sein wird. Die Nostalgie ist der Triumph der Melancholie der Rechten.

Die Nostalgie liebt die Tradition, so wie es sich für die Rechten gebührt. Die Auswanderer, Flüchtlinge und die übrige Menagerie, die in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus Jugoslawien nach Europa übergeschwappt sind, pflegen zahlreiche nostalgische Rituale. Eine Gruppe jugoslawischer Auswanderer – es wird erzählt, es sei in Holland gewesen – hatte beschlossen, zum Ersten Mai, dem internationalen Tag der Arbeit, dem Grundstein jeglichen Bauwerks der Erinnerung an das einstige Land, ein Lamm zu drehen. Sie fanden eine geeignete Wiese, auf der sie, während das Lamm gebraten würde, Fußball spielen konnten. Die Wiese lag an einem Fluss, in dem sie Bier kaltstellen konnten. Sogar ein gutes Stück Holz für den Spieß fanden sie. Sie fanden alles, nur kein Lamm. Aus irgendeinem Grund war es nicht möglich, ein Lamm zu kaufen. 

Unsere Holländer fanden eine Lösung. Nachdem ihnen, in der wer weiß wievielten Metzgerei, gesagt worden war, dass kein ganzes Lamm zum Verkauf stehe, fragten sie: Gut, aber ein Lamm in Stücken haben Sie? Dann kauften sie alle Lamm-Fragmente, die sie in der Metzgerei finden konnten. Den Kopf und das linke Hinterbein kauften sie in einem anderen Geschäft. Dann begingen sie ihren Ersten Mai, auf ihrer Wiese am Fluss, wo sie mit einem Draht alle Stücke zu einem entstellten Körper zusammenbanden und das Lamm aufspießten. Das so stabilisierte Frankenstein-Lamm, diese flüchtlingshafte Lesart von Mary Shelleys Werk, war die Verkörperung ihrer Nostalgien selbst …

Ein Nostalgiker wird vor der Bizarrheit der Hollandgeschichte nicht erschaudern. Für ihn ist sie lediglich eine Illustration: dafür, wie weit die Menschen gehen, um das, was als Normalität in ihrem Gedächtnis verankert ist, zu re-kreieren. Die wahre Bizarrheit findet er nicht im Vergangenen, sondern im Heutigen. Denn die Gegenwart, so glaubt er, werde von der Ökonomie des Irrsinns gesteuert. Es gibt im Jetzt keine Scheußlichkeit, keine Niedertracht, nicht einmal eine Verrücktheit, die ihn überraschen würde. Als wäre den Menschen der Irrsinn zur Heimat geworden. So ergreift Menschen der Wirklichkeit, Menschen ihrer Zeit, die Angst, sobald sie einen Schritt in die Rationalität wagen, weshalb sie schnell nach Hause zurückkehren, in ihre Sanatoriumsländer, deren Fahnen da hängen wie zum Trocknen aufgehängte Zwangsjacken.

 

Deutsch von Margit Jugo

Das letzte jugoslawische Pop-Lied

von Aleksandar Bečanović

Credits: Privat

Im Jahr 1992 kam das Album von Jura Stublić und seiner Band „Film“ heraus, Futter für die Tauben. Unter A2 war eine Nummer mit dem folgenden Titel zu finden: Eh, mein Belgrader Freund. Es war der letzte jugoslawische Pop-Song.

In der Periode meines Aufwachsens in den achtziger Jahren in Montenegro und in Jugoslawien spielte die Suche nach der eigenen Identität eine große Rolle. Ich weiß nicht, wie die Dinge jetzt liegen, für die heutige Jugend, die im Netz nationaler Stereotypen gefangen ist, aber im Post-Tito-Jugoslawien, wo zumindest in der ersten Hälfte der achtziger Jahre die naive Meinung vorherrschte, die Probleme einer ethnischen Identifikation seien zumindest provisorisch gelöst, ließ sich die Frage nach der persönlichen Positionierung gegenüber der eigenen unmittelbaren Umgebung, und auf einer abstrakteren Ebene gegenüber der Welt, primär in der kulturellen Perspektive verorten. Es war einfach so, dass die beste Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ in der Definition des eigenen, persönlichen Geschmacks zu finden war. Selbstverständlich war ich mir nicht aller Reperkussionen bewusst, aber ich ahnte, dass meine frühen Faszinationen weitaus mehr über mich aussagen als ermüdende Fakten aus offiziellen Dokumenten. What thou lov’st well is thy true heritage: Auf diese Zeile von Ezra Pound aus Canto LXXXI stieß ich erst später, nämlich dann, als sich mein Glaube an die Macht der Literatur regte, als ich begriff, dass in der Literatur der präziseste Mechanismus für die Beschreibung der Existenz steckt.

Aber noch bevor die Bücher zum Hauptorientierungspunkt in meiner Weltanschauung avancierten und meinen Beruf als Schriftsteller besiegelten, gab es da noch etwas anderes. Zwar bin ich immer schon ein Sportfan gewesen, und dennoch ging meine Sportleidenschaft niemals in eine eindeutige Identifikation als Fan über, sodass ich schon früh verstand, dass im Hinblick auf die Identität die individuelle Komponente wesentlich wichtiger war als die kollektive. Außerdem war meine sehr früh erwachte Faszination für Horrorfilme, für die heftige Ikonographie der Angst und der Befriedigung allzu exklusiv, um mir in einer Zeit, in der Kult und genrebezogenes fandom noch unbekannt waren, eine weitreichende Legitimation zu bieten. Mit anderen Worten, mein Horror-Fanatismus war eine Art innerer Besessenheit, die ich nur mit einigen wenigen Freunden besprechen konnte und die sich nicht als Gegenstand für hitzige Debatten und unvermeidliche Dilemmata eignete, die jedoch notwendig sind, wenn man für den eigenen Platz in einer größeren Gemeinschaft kämpft, das heißt, in einer Gesellschaft, in der man gezwungen ist, Polemiken vom Zaun zu brechen, um sich Anerkennung zu verschaffen.

In den achtziger Jahren fand ich meine wichtigste Identitätschiffre in der Popmusik. Unter anderem auch in der heimischen Popmusik. Die Qualität der jugoslawischen Rockmusik, insbesondere in der kreativsten Periode zwischen 1979 und 1984, bot die Gelegenheit, die großen Dichotomien oder Vergleiche, die wir von der Musik aus dem Ausland kannten, nun mit der nötigen Einprägsamkeit im heimischen Kontext zu betrachten. Plötzlich war es aufregend, interessant und geradezu gefährlich, auf der immer vielfältigeren jugoslawischen Rock-Szene, die aufgesplittert genug war, um gänzlich disparate Geschmäcker zufriedenzustellen, einen bestimmten Standpunkt einzunehmen. Plötzlich war es von entscheidender Bedeutung, sich für die Musik auszusprechen, die man mochte, sowie zu deklarieren, welche Musik man aus tiefster Seele nicht ausstehen konnte. Sag mir, was du hörst, und ich sage dir, wer du bist: Musik als Merkmal für die Zugehörigkeit, aber auch für die eigene Distanzierung, denn beim Postulieren der Identität sind beide Elemente notwendig. Und noch etwas: Die akzeptierte oder selektierte Identität galt es zu elaborieren und in Debatten mit Leuten, die auf dem entgegengesetzten ästhetischen Pol stehen, hermeneutisch zu unterstützen.

In meinem Fall zog die Identifikation mit der Musik auch ein starkes Gefühl nach sich, zu einer Minderheit zu gehören, außerhalb des Mainstreams zu stehen. Was zugleich auch eine ängstliche Position par excellence ist sowie ein eindrückliches Merkmal dafür, dass man aus der Reihe tanzt: im Übrigen ist das grundlegende Charakteristikum einer jeden „echten“ Identität eine wesentliche Ambivalenz.

Natürlich sind das alles nachträgliche Rationalisierungs- und Interpretationsversuche. Als ich ins Teenager-Alter kam – und Jugoslawien ins letzte Jahrzehnt seiner Existenz – da waren meine Präferenzen nicht etwa Folge diskursiver Standpunkte sondern Folge eines einfachen, instinktiven Verhaltens: Beim ersten Anhören gefällt einem etwas Bestimmtes (was gleichermaßen ein starkes oder ein trügerisches Gefühl sein kann), und alles andere gefällt einem nicht so sehr. Dann wird einem irgendwann klar, dass der eigene Geschmack mit dem Mehrheitsgeschmack nicht übereinstimmt. Das, was für einen selbst offensichtlich und selbstverständlich ist, stellt sich für die anderen nicht so dar. Man begreift, es gibt eine Grenze, und die Welt ist anders strukturiert, seit man eine „falsche“ Schallplatte gekauft und auf dem eigenen Grammofon abgespielt hat. Es stellt sich heraus, die Ästhetik ist keineswegs eine harmlose Angelegenheit.

In meiner Wahl ließ ich mich weder von Erwachsenen und ihren Suggestionen, noch von Gleichaltrigen und ihren Überredungskünsten beeinflussen. Ich konnte sogar die Illusion aufrechterhalten, ich hätte meinen Geschmack spontan entwickelt, und auch auf eine authentische Weise – obwohl ich damals die Bedeutung des Wortes „authentisch“ nicht kannte. Die sogenannte Volksmusik irritierte mich von Anfang an bis aufs Blut, und auch der Rock-Mainstream konnte mich nicht überzeugen, in einem Spektrum der Musikbands von „Bijelo Dugme“ („Weißer Knopf“) bis „Riblja čorba“ („Fischsuppe“). Der Sound, der mich anzog, kam meist von den Bands, die nicht so oft in Radio oder im Fernsehen gespielt wurden. Manche Alben dieser Bands konnte ich in einem Einkaufszentrum in unmittelbarer Nähe kaufen, andere konnte ich mir von Bekannten leihen, während es durchaus auch Schallplatten gab, die für immer außer meiner Reichweite blieben, sodass mein Begehren nach unerreichbarer Musik mein Bewusstsein als Sammler erwecken konnte. Die Identität erlangt ihr Profil sowohl durch das, was wir bekommen, als auch durch das, was uns fehlt, was sich uns entzieht, was wir von vornherein verloren haben.

Nach anfänglicher Suche kristallisierten sich die Dinge heraus. Von links nach rechts auf der jugoslawischen Landkarte bildete sich eine solche Abfolge der Musikbands heraus: Pankrti – Videosex – Lačni Franz – Paraf – Prljavo kazalište – Azra – Film – Haustor – Luna (leider ist ihre erste und einzige Schallplatte, „Nestvarne stvari“ („Unwirkliche Dinge“), das beste Album der jugoslawischen Musik, noch immer nicht in meinem Besitz!) – Šarlo Akrobata – Električni orgazam – Idoli. Die Achse Ljubljana – Rijeka – Zagreb – Novi Sad – Belgrad funktionierte auf dem Gebiet der Pop-Musik am besten in der ersten Hälfte der achtziger Jahre, wodurch der progressivste und westlichste Teil der (populären) jugoslawischen Kultur geschaffen wurde, diesbezüglich konsistenter als Literatur und Film in jener Zeit. Verfeinerte, aber feste Melodien, interessante Harmonien, häufig einprägsame Bass-Linien, die eine unwiderstehliche Tanzatmosphäre hinzufügten, angereichert mit intelligenten und ironischen Texten, die existenzialistische und politische Themen analysierten, kreierten ein faszinierendes Landschaftsbild der Musik, welches bis heute nichts von seiner Frische und Innovation eingebüßt hat. Den perfekten Überbau für diese Basis bildete die Entdeckung der Band Laibach, wodurch ein teilweise ausgereifter Geschmack durch das Gefühl der Epiphanie bereichert wurde. (So wie Laibach mit der Veröffentlichung des epochalen Albums Opus Dei auf eine machtvolle Weise bestätigte, dass die Band über die Grenzen der jugoslawischen Musik überschritten hatte.)

Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet wirkt das Gesamtwerk dieser Bands noch beeindruckender, wie der autorisierte Soundtrack eines Augenblicks, als Jugoslawien deutlich zu verstehen gab, dass es in der Lage war, seine eigene Version des Zeitgeistes anzubieten, dass es von sich aus über das Potenzial verfügte, auf die Herausforderungen der neuen Zeit zu reagieren, und zwar – und das macht die Sache noch weitreichender – gerade dann, als die ersten Anzeichen für den einsetzenden Zerstörungsprozess und das bittere Ende auftauchten.

Als Mitte der achtziger Jahre Goran Bregović es schaffte, mit dem berüchtigten Lied Lipe cvatu (Die Linden blühen) eine noch üblere Version seines früheren sogenannten „Hirtenrocks“ fulminant vorzulegen und auf diese Weise einen Großteil der Kanäle für kulturelle Emanzipation blockierte, wurden die positiven Tendenzen plötzlich marginalisiert. Sowohl in der Musik, als auch in der Gesellschaft wandten sich die Dinge zum Schlechteren. Gute Alben wurden eher zur Ausnahme als zur Regel, einzelne Arbeiten der oben erwähnten Bands waren weiterhin attraktiv, aber die Kreativität wurde im Zaum gehalten. Als Joy Division und The Smiths in mein Leben kamen, hatte sich für mich persönlich der Akzent definitiv verschoben. Aber niemals so stark verschoben, als dass ich aufgehört hätte, aufmerksam mitzuverfolgen, was meine Lieblingsbands noch zu sagen hatten, und so gelangte ich, bereits mit einer gewissen Nostalgie, zu der Schlussfolgerung, dass vom jugoslawischen Punk und der Revolution der Neuen Welle zumindest für eine kurze Zeit ein unwiderstehlicher kathartischer Effekt ausging, der einen Hinweis darauf lieferte, dass Jugoslawien das Potenzial hatte, eine der besseren Welten zu sein. Wenn man über den Verfall von etwas lesen möchte, dann sollte man dies ausgehend von den besten Fragmenten des bestehenden Textes tun und nicht etwa ausgehend von den offensichtlichsten Tatsachen. Und so kommen wir nun endlich, nach einer allzu lange geratenen Exkursion, zu dem Lied Eh, mein Belgrader Freund.

Und zu Jura Stublić, dem die Rolle zufiel, ein pointiertes good-bye to all that zu liefern. Auch in seinen glänzendsten Momenten war seine Musikband Film nicht so charismatisch wie Idoli, so experimentell wie Šarlo Akrobata, so sophisticated wie Haustor. Als Textschreiber war Stublić nicht so politisch interessant wie Johnny Štulić, auch nicht so vielseitig wie Zoran Predin, und auch nicht so esoterisch wie Slobodan Tišma. Die wichtigste Qualität von Film, was in der Phase der Neuen Welle stärker zu Tage trat, ist die volle Hingabe dieser Musikband an die melodische Pop-Struktur, bei der keine Abstriche gemacht wurden, ganz gleich wie wichtig „die Botschaft“ war, die ausgesendet werden sollte. Wenn zwischendurch etwas Melancholie hervorblitzte, dann wurde die Tanzgrundlage der Arbeit von Film dadurch lediglich veredelt.

Stublić war weder ein Kommentator, noch ein Prophet, noch das Sprachrohr einer Generation, die dem jugoslawischen Rock eine noch nie da gewesene Relevanz bieten konnte. Es gab da auch schlagfertigere und vergeistigtere und engagiertere Songschreiber. Und doch, als das Land im Begriff war zu zerfallen, als ein Wertesystem unter dem wachsenden Nationalismus zerbröselte, war sogar im Rahmen der Rockmusik, die im Prinzip universell eingestellt ist, ausgerechnet Stublić derjenige, dem es gelang, in einem dreiminütigen Lied die Ausmaße einer irreversiblen Trennung einzufangen. Wenn Sie, so wie ich, glauben, dass der tragische Eros sich in kleinen, melodramatischen Stücken stärker einschreiben kann als in epischen Narrativen, dann ist es nicht überraschend, zu der Schlussfolgerung zu gelangen, dass die Ausmaße der heranrollenden Katastrophe sich womöglich am besten in einem ganz „gewöhnlichen“ A2-Lied darstellen lassen. Mit anderen Worten, ich wollte über das, was in dem schon nicht mehr existierenden Land, in dem ich aufgewachsen war, passiert ist, aus erster Hand etwas erfahren, aus jener Sphäre, die mir am meisten bedeutete, während ich versuchte, meine eigene Persönlichkeit auszubilden.

Die bewaffneten Konflikte in Jugoslawien hatten schon begonnen, und niemand zweifelte mehr daran, dass es zu einem Blutvergießen kommen würde. Eine Evidenz, die sich nicht ignorieren ließ, und die es galt symbolisch zu überarbeiten und dringend künstlerisch zu beschreiben, Zeugnisse, verfasst in einem Vokabular, welches nur wenige Jahre zuvor für eine entschlossene, modernistische Wende gesorgt hatte und nun in einer ganz anderen Atmosphäre – der Atmosphäre der Retardierung und Tribalisierung – zu räsonieren hatte.

Bezeichnend ist, dass Stublić die notwendige Transkription in Eh, mein Belgrader Freund mit Hilfe des Liedes Am blauen Meeresstrand (Na morskom plavom žalu) bewerkstelligen konnte, wobei dieses Lied auf Grund des spezifischen Kontexts, in welchem es auftauchte, sich für das Publikum eher wie ein traditionelles Lied als wie eine Autorennummer ausnahm. Das heißt, Stublić bearbeitete – in sämtlichen Bedeutungen dieses Wortes – etwas, das zum populären Imaginarium zählte: eine Melodie, die aus (unserem) kollektiven Unbewusstsein zu stammen schien. Im Hinblick auf den Text entschied sich Stublić für einen äußerst direkten, also naiven Zugang in einem rhetorischen Rahmen, der das letzte Symptom einer unvermeidlichen Trennung und bedauerlicherweise auch der Gewalt darstellt. Ein äußerst einfacher Text, der über Trennung und Verlust auf eine Art und Weise spricht, die an den minimalistischen „Essenzialismus“ der alten Volkslieder erinnert.

Als Inszenierung des Abschieds, aber auch des Verzeihens, als Thematisierung des Zerfalls einer Gemeinschaft hat das Lied Eh, mein Belgrader Freund die jugoslawische Form und den jugoslawischen Inhalt beibehalten: eine letzte, nostalgische Äußerung in einer Sprache, die alle – zumindest noch eine kurze Periode hindurch – verstehen können sollten. Das erste Mal Eh, mein Belgrader Freund zu hören, war so wie eine rührende Nachricht zu empfangen, die Mahnung zugleich ist. Resignation und Lamento, ein Requiem, ausgedrückt in populistischer Lyrik, ein Bericht, der mitten aus dem Herzen des Problems kommt. Aus all diesen Gründen war Eh, mein Belgrader Freund das letzte jugoslawische Pop-Lied. Es bezeichnete die definitive Markierung, ein post scriptum, das aus einer ästhetischen Schlussfolgerung kam: nach diesem Lied, oder, genauer gesagt, erst nach diesem Lied konnte die Teilung erfolgen – in ein Ex-Jugoslawisches und ein Post-Jugoslawisches.

Deutsch von Mascha Dabić

 

Matthew Morete

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Archipel Jugoslawien
Von 1991 bis heute

Hana StojićKuratorin des Common Ground Programms

Credits: Ekko von Schwichow

Was tun nach dem Ende der Welt? Wie weiterleben nach  der Apokalypse? Heilt die Zeit alle Wunden? Wohin mit der eigenen (und fremden) Nostalgie? Wo stehen die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens heute? Sind die postjugoslawischen Gesellschaften bereit, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen? Ist mit dem Ende Jugoslawiens auch die Idee des Jugoslawismus verschwunden? Waren die Fundamente dieses Staates nicht gut ausgegossen oder genügte wirklich nur ein falscher Mann an seiner Spitze, um das Haus zum Einsturz zu bringen? (Was) kann Europa aus Jugoslawiens Fehlern lernen?

Jugoslawien gibt es nicht mehr. Seit 30 Jahren. Der Vielvölkerstaat war baufällig und die Chance wurde versäumt, ihn demokratisch zu reformieren. Verbrechen, Flucht, Vertreibung, Konzentrationslager und Genozid waren die Folgen.

Trotz allem sind die Länder, die einst brüderlich vereint waren und in Gewalt auseinander gingen, ein kulturell zusammengehöriger Raum. Diesem gemeinsamen Raum widmet das Traduki-Netzwerk sein Programm „Archipel Jugoslawien“ – 360 Monate nach dem Ende Jugoslawiens. Denn viele der einst verfeindeten exjugoslawischen Länder arbeiten heute bei Traduki zusammen, begegnen sich auf Augenhöhe und haben sich auf das Wagnis eines „Common Ground“ eingelassen. Selbstverständlich ist das nicht.

Common Ground goes digital: Aufgrund der Pandemie muss unser Common Ground im world wide web seinen Platz finden, statt auf der Leipziger Buchmesse. Wir lassen uns davon nicht unterkriegen und gemeinsam mit unserem Partner, der Leipziger Buchmesse, und zahlreichen AutorInnen und GesprächspartnerInnen aus Südosteuropa nehmen wir uns den digitalen Raum für ein vielseitiges, anspruchsvolles und auch kontroverses Programm. Auch wenn wir zuvor schon digitale Formate realisiert haben, tauchen wir mit dem Common Ground 2021 nun noch tiefer ein in die Welt der Hashtags und Follower.

Das Programm Archipel Jugoslawien ist vielschichtig. Da sind zunächst jene 15 Essays südosteuropäischer SchriftstellerInnen verschiedener Generationen und Lebenswelten, die in sehr persönlicher Weise zurückblicken auf  die letzten 10950 Tage. Manche von ihnen erlebten den Zerfall Jugoslawiens als Kinder, manche als  Soldaten, andere als Geflüchtete, wieder andere als Emigranten. Wir freuen uns, dass die FAZ sechs Essays bereits veröffentlichte, alle Texte können Sie in den nächsten Wochen hier auf unserer Webseite lesen.

Neben den Essays stehen 10 digitale Veranstaltungen im Zentrum unseres Auftritts. Darunter Gespräche zu aktuellen Themen, die Südosteuropa und damit Europa betreffen: Erinnerung,  Bestandsaufnahme, aber auch ein Blick nach vorn, ein Weiterdenken dieses geografischen und kulturellen Raumes im europäischen Kontext.

Weiter präsentieren wir südosteuropäische Neuerscheinungen in deutscher Sprache, darunter Bücher gerade auch der jüngsten AutorInnengeneration.  Doch längst nicht alles ist übersetzt, was für das deutschsprachige Publikum interessant wäre, darum stellen wir auch Bücher vor, die ihren Weg auf  den deutschsprachigen Buchmarkt  unbedingt noch finden sollten.

Das Jahr 1991 brachte nicht nur im Südosten Europas große Umwälzungen:  Vor 262800 Stunden ging auch die Sowjetunion zu Ende und das kommunistische Regime Enver Hoxhas in Albanien wurde abgelöst. Auch diese Ereignisse haben in unserem Programm einen Platz gefunden.

Die Balkan Film Week ist inzwischen fester Bestandteil unseres Auftritts in Leipzig, und so wollen wir auch in diesem Jahr für das Leipziger (und das online-) Publikum mit einer sorgfältigen Filmauswahl wieder eine weitere Tür in Richtung Südosten öffnen.

Begeben Sie sich mit uns in den Archipel Jugoslawien, und blicken Sie mit uns zurück auf die vergangenen 1.576.800 Minuten aber auch voraus und in eine Zukunft, die manches was in den letzten 946.080.000 Sekunden unmöglich schien, hoffentlich wieder möglich macht.

 

 

Common Ground 2020-2022

Informationen und Material zum vergangenen Traduki-Programm auf der Leipiziger Buchmesse 2020 gibt es hier:

Herkunft und Zugehörigkeit 2020