Was tun nach dem Ende der Welt? Wie weiterleben nach der Apokalypse? Heilt die Zeit alle Wunden? Wohin mit der eigenen (und fremden) Nostalgie? Wo stehen die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens heute? Sind die postjugoslawischen Gesellschaften bereit, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen? Ist mit dem Ende Jugoslawiens auch die Idee des Jugoslawismus verschwunden? Waren die Fundamente dieses Staates nicht gut ausgegossen oder genügte wirklich nur ein falscher Mann an seiner Spitze, um das Haus zum Einsturz zu bringen? (Was) kann Europa aus Jugoslawiens Fehlern lernen?
Jugoslawien gibt es nicht mehr. Seit 30 Jahren. Der Vielvölkerstaat war baufällig und die Chance wurde versäumt, ihn demokratisch zu reformieren. Verbrechen, Flucht, Vertreibung, Konzentrationslager und Genozid waren die Folgen.
Trotz allem sind die Länder, die einst brüderlich vereint waren und in Gewalt auseinander gingen, ein kulturell zusammengehöriger Raum. Diesem gemeinsamen Raum widmet das Traduki-Netzwerk sein Programm „Archipel Jugoslawien“ – 360 Monate nach dem Ende Jugoslawiens. Denn viele der einst verfeindeten exjugoslawischen Länder arbeiten heute bei Traduki zusammen, begegnen sich auf Augenhöhe und haben sich auf das Wagnis eines „Common Ground“ eingelassen. Selbstverständlich ist das nicht.
Common Ground goes digital: Aufgrund der Pandemie muss unser Common Ground im world wide web seinen Platz finden, statt auf der Leipziger Buchmesse. Wir lassen uns davon nicht unterkriegen und gemeinsam mit unserem Partner, der Leipziger Buchmesse, und zahlreichen AutorInnen und GesprächspartnerInnen aus Südosteuropa nehmen wir uns den digitalen Raum für ein vielseitiges, anspruchsvolles und auch kontroverses Programm. Auch wenn wir zuvor schon digitale Formate realisiert haben, tauchen wir mit dem Common Ground 2021 nun noch tiefer ein in die Welt der Hashtags und Follower.
Das Programm Archipel Jugoslawien ist vielschichtig. Da sind zunächst jene 15 Essays südosteuropäischer SchriftstellerInnen verschiedener Generationen und Lebenswelten, die in sehr persönlicher Weise zurückblicken auf die letzten 10950 Tage. Manche von ihnen erlebten den Zerfall Jugoslawiens als Kinder, manche als Soldaten, andere als Geflüchtete, wieder andere als Emigranten. Wir freuen uns, dass die FAZ sechs Essays bereits veröffentlichte, alle Texte können Sie in den nächsten Wochen hier auf unserer Webseite lesen.
Neben den Essays stehen 10 digitale Veranstaltungen im Zentrum unseres Auftritts. Darunter Gespräche zu aktuellen Themen, die Südosteuropa und damit Europa betreffen: Erinnerung, Bestandsaufnahme, aber auch ein Blick nach vorn, ein Weiterdenken dieses geografischen und kulturellen Raumes im europäischen Kontext.
Weiter präsentieren wir südosteuropäische Neuerscheinungen in deutscher Sprache, darunter Bücher gerade auch der jüngsten AutorInnengeneration. Doch längst nicht alles ist übersetzt, was für das deutschsprachige Publikum interessant wäre, darum stellen wir auch Bücher vor, die ihren Weg auf den deutschsprachigen Buchmarkt unbedingt noch finden sollten.
Das Jahr 1991 brachte nicht nur im Südosten Europas große Umwälzungen: Vor 262800 Stunden ging auch die Sowjetunion zu Ende und das kommunistische Regime Enver Hoxhas in Albanien wurde abgelöst. Auch diese Ereignisse haben in unserem Programm einen Platz gefunden.
Die Balkan Film Week ist inzwischen fester Bestandteil unseres Auftritts in Leipzig, und so wollen wir auch in diesem Jahr für das Leipziger (und das online-) Publikum mit einer sorgfältigen Filmauswahl wieder eine weitere Tür in Richtung Südosten öffnen.
Begeben Sie sich mit uns in den Archipel Jugoslawien, und blicken Sie mit uns zurück auf die vergangenen 1.576.800 Minuten aber auch voraus und in eine Zukunft, die manches was in den letzten 946.080.000 Sekunden unmöglich schien, hoffentlich wieder möglich macht.