Das Gefühl und das Wissen um die eigene zugehörigkeit gehören zu den verblüffendsten Erfahrungen im Leben. zwar scheint zugehörigkeit eine persönliche Angelegenheit zu sein, doch das Verb gehören verlangt a priori nach einem dazu. zu wissen, dass man dazugehört, beispielsweise zu einer Gruppe, deren Werte und Merkmale, deren gemeinsame Erlebnisse man teilt, erzeugt ein Gefühl der Akzeptanz; als Subjekt von bestimmbarer Herkunft wird man anerkannt. In dieser Formel übernimmt die Herkunft die Rolle einer „Quelle“, sie ist Schauplatz der eigenen zugehörigkeit – zu Familie, Nationalität, Land, Gesellschaft und Kultur. zugehörigkeit kann das starke Gefühl vermitteln, am rechten Platz und dabei anerkannt zu sein, gleichzeitig können dadurch aber auch die immerwährenden Fragen nach der eigenen Identität aufkommen und, im besten Falle, produktive Debatten losgetreten werden. Nicht ohne Grund war, historisch gesehen, die Idee der zugehörigkeit eigentlich immer mit Begriffen wie Traditionalität, Strenge und Rigidität verwoben. In diesem gedanklichen Gewebe sind „Wurzeln“ eine oft wiederholte Metapher: Bilder von fruchtbarem Boden werden heraufbeschworen, verleiten zum Nachdenken über lineare Lebensgeschichten, über Beständigkeit und: zugehörigkeit. Dieses Bild aber konkurriert mit der Anschauung, Identität sei ein fluides, geschmeidiges Wesen, das sich durch die Einflüsse von „außen“ immer wieder neu erfindet. Letztendlich wird zugehörigkeit ein Leben lang im zusammenleben mit verschiedensten Personen, zu diversen zeitpunkten, an unterschiedlichen Orten, mit dem sich wandelnden Ich immer wieder aufs Neue verhandelt.
Das Programm der zweiten Leipziger Balkan Film Week zeigt Filme, die dem diesjährigen Thema Common Ground: Herkunft und zugehörigkeit folgen und vor dem Hintergrund des vielschichtigen geografischen Raumes der Balkanregion komplexe Geschichten um und über Identität zeigen. Während der vier Filmtage ist das Publikum dazu eingeladen, in zahlreiche Welten einzutauchen, die das Thema zugehörigkeit aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten, auf eine Art und Weise, die nicht nur an den Südosten Europas gebunden ist, sondern zu vielen Orten und Plätzen unserer Welt Bezug hat. Die unterschiedlichen Facetten von zugehörigkeit spannen einen weiten Bogen: von der zugehörigkeit zur Familie, zum Heimatland oder der neuen Heimat (als Migrant, Flüchtling oder Asylsuchender), zur Religion oder zur Neudeutung derselben, zur eigenen Sexualität bzw. zum eigenen Gender, und nicht zuletzt zu einer bestimmten und bestimmenden Kultur. Die acht Filme, die dieses Jahr präsentiert werden, untersuchen und diskutieren die subtilen Kämpfe und Kompromisse, die dem Phänomen der zugehörigkeit innewohnen. Denn zugehörigkeit schließt von Natur aus einige ein und folglich andere aus. In der heutigen globalisierten Welt, in der immer strengere innere Grenzen gezogen werden – eigentlich eine contradictio in adiecto, ist die Dialektik der Gleichzeitigkeit von Inklusion und Exklusion ein unumgängliches Thema.