Was kann euch einer über Nostalgie erzählen, der sein Leben lang über sie liest und schreibt?

Vielleicht kann er sich vor allem selbst die Frage zu erklären versuchen: Woher diese ganze Nostalgie? Wo entspringt ihr breiter Lauf, der sich wie eine füllige, uralte Schlange nicht zum Meer hinbewegt, sondern zur blauen Leere der Melancholie?

Der Fluss ist da, aber die Quelle gibt es nicht mehr. Die Nostalgie entspringt keinem Ort, der durch die Frage nach dem „Wo“ zu bestimmen ist. Zu fragen ist vielmehr nach dem „Wann“. Wenn wir die Quelle der Nostalgie orten möchten, sollte der Finger statt auf den Globus auf den Kalender zeigen.

Also: Wann? In Sarajevo, in Jugoslawien. Genau das: Sarajevo, Jugoslawien als Zeitbestimmung, das bedeutet für unseren Nostalgiker – sollte eine Übersetzung in die standardisierte Zeitmessung notwendig sein – im späten April 1992.

I

Der Raum/die Zeit der Nostalgiequelle kann noch präziser bestimmt werden: die Milentije-Popović-Straße, der Sarajevoer Vorort Dobrinja, der Augenblick vor der Abfahrt, als er beim Einsteigen ins Auto, an dessen Lenkrad sein ungeduldiger Vater sitzt, der Gruppe winkt, die wie jeden Tag, an jenem Tag ohne ihn, am Rand des nahegelegenen Platzes Basketball spielt.

Oder hat alles ein paar Augenblicke früher begonnen, während er beim Aufbruch aus der Wohnung zum letzten Mal die Bibliothek des Vaters betrachtete? Als seine Familie die Wohnung abschloss, die seine Mutter als Angestellte bei Energoinvest ein paar Jahre zuvor von dem dahinschwindenden Staat bekommen hatte, hinterließ sie nichts Wertvolles – außer der Bibliothek des Vaters. Sie nahm, um klar zu sein, auch nichts Wertvolles mit, von den eigenen Leben abgesehen, deren in Friedenszeiten niedriger Wert im Krieg noch zusätzlich gesunken war.

Jahrzehntelang hatte der Vater Bücher gesammelt. Manche davon – wie die antike zerfledderte Bibel, in der Vaters Vater täglich gelesen und versucht hatte, den griechischen Text buchstabierend die Angst vor dem Tod zu verjagen – hatte er aus Ulcinj mitgebracht, von wo aus er nach Sarajevo gekommen war, um Literatur zu studieren, dort hatte er dann geheiratet, ein Kind bekommen und war geblieben, womit alle Ideale einer kleinbürgerlichen Existenz erfüllt waren. Manche hatte er von seinem Onkel geerbt. Manche – meist als Buchblock, ohne Einband – brachte er aus dem Zeitungsverlag Oslobođenje mit, wo er als Korrektor arbeitete: zum Beispiel Krležas „Zastave“. Die übrigen kaufte er, sammelte er, bekam er geschenkt … wie Bücher nun mal zu denen gelangen, die sie haben möchten. Es war eine gute Bibliothek. Ein Bekannter von ihm, selbst Dichter, versuchte monatelang, nachdem Soldaten die Wohnung verwüstet hatten, die Bücher aufzuspüren. Schließlich erfuhr er, dass ein Priester sie den Soldaten abgenommen hatte. Er versuchte, sie zu retten, begrub sie jedoch: Die Bücher endeten im Kirchenkeller in Kasindo, der im Herbst 1992 voll Wasser gelaufen ist.

II

Was noch kann euch einer über Nostalgie erzählen, der sein Leben lang über sie liest und schreibt?

Vielleicht, dass der erste Roman, den er geschrieben hat, grauenhaft war – wie bestenfalls die beiden nachfolgenden. Er hat ihn nicht veröffentlicht – die danach aber schon: ein bedeutender Unterschied. Es handelte sich um eine unglaubwürdige und prätentiöse Geschichte, geschrieben unter dem Einfluss von Pavić und Márquez, hier und da war auch der Einfluss von Boris Vian zu erahnen, dessen Bücher er zu jener Zeit verschlang. Er war siebzehn. Das soll nicht als erleichternder Umstand begriffen werden. Es soll Teenagern nicht verboten werden, zu schreiben, aber es sollte ihnen verboten werden, zu veröffentlichen. Wenn euch Sorgen plagen, weil euer Kind seinen hausgemachten Porno ins Internet gestellt hat, tröstet euch – es könnte schlimmer sein, es hätte auch einen Roman oder eine Gedichtsammlung veröffentlichen können.

Seinen unveröffentlichten Roman bewahrt der Vater zwischen Katasterauszügen, Besitzurkunden und den Taufscheinen der Vorfahren auf. Da es sich um schwer kompromittierendes Material handelt, hat er mehrmals erfolglos versucht, es zu entwenden. Er weiß nicht, ob sich die Geschichte als Tragödie oder als Farce wiederholt, er weiß nicht, ob sie sich überhaupt wiederholt, aber noch ein Priester, noch ein Keller und noch eine Überschwemmung kämen ihm gelegen.

Nun ja … Viele Jahre später erst, als er seine eigene Bibliothek besaß, in die er alle Titel aus der Dobrinja-Kollektion des Vaters eingereiht hatte, die ihm in Erinnerung geblieben waren, begriff er, dass seine Welt verschwunden war, und mit ihr sein früheres Leben, mit allen Möglichkeiten, allen Freuden und Katastrophen, die es in sich getragen hatte. Er begriff, dass das Verschwinden jeder Sache, und sei sie noch so klein, nicht weniger ist als das Ende einer Welt, und dass der Verlust nicht geringer ist aufgrund der Tatsache, dass die verschwundene Welt augenblicklich von einer anderen aus dem unerschöpflichen Vorrat an Welten ersetzt wird. Er begriff, dass das ganze Leben eine Reihe intimer Mikro-Enden von allem ist; dass, was wir geliebt haben, verschwindet und die Nostalgie zu unserer Religion wird.

Die sich täglich bestätigt, denn die Welt, wie wir sie gekannt haben, verliert sich vor unseren Augen, mit immer höherer Geschwindigkeit. Es verschwinden sowohl die Schicksale als auch die Landschaften, an die wir uns erinnern – die Macchie, die bis ins Meer hinunter wächst; die Flüsse aus gelben Ginsterblüten, die sich in alle Nuancen des Blaus ergießen, vom klaren, flachen Wasser bis hin zum tiefblauen offenen Meer. Es verschwinden die Gerüche und Geräusche, mit denen wir gelebt haben. Solange sie existierten, waren sie alltäglich. Wir sind durch sie hindurchgegangen, als wären sie nicht da. Jetzt, da es sie tatsächlich nicht mehr gibt, empfinden wir ihre Abwesenheit als unwiederbringlichen Verlust. Genauso ist es mit uns nahestehenden Menschen und dem Duft des Kiefernwalds – feuchte Erde, Harz, Jod – am frühen Morgen: Sie mussten verschwinden, damit wir begreifen, wie sehr wir sie brauchen. Daher hat unser Nostalgiker Folgendes verstanden: Er wird sich in Zukunft verzweifelt bemühen, sich an möglichst viel von allem zu erinnern, denn die verschwundene Welt wird nur in der Erinnerung fortdauern, die so brüchig und unverlässlich ist – weil die Erinnerung verblasst, weil es so vieles gibt, was wir verlieren, und so wenig, was wir in Erinnerung behalten können. Daher zeugt nur die unermessliche Trauer, von manchen Melancholie genannt, solange wir noch in der Lage sind, sie zu spüren, davon, dass dort, wo sich letztlich eine gähnende Leere auftut, einmal etwas gewesen ist.

Unser sich erinnernder Protagonist wird verstehen, dass der wahre Verlust nicht in dem besteht, was wir verloren haben, sondern in der Unmöglichkeit, darum zu trauern. Weshalb er, entgegen der Ansicht kluger Köpfe, meint, dass nicht die Nostalgie und Melancholie uns daran hindern, zu kämpfen, sondern dass es genau umgekehrt ist: dass in Wahrheit die Nostalgie und Melancholie der Kampf sind. In Wahrheit ist die Nostalgie das, womit wir gegen die Atemporalität des Augenblicks kämpfen, und die Melancholie das, womit wir uns gegen den falschen Enthusiasmus des falschen Fortschritts der marschierenden Augenblicke verteidigen.

 Die Nostalgie gewinnt immer, wie die Gravitation. Ist die Nostalgie, nebenbei bemerkt, nicht eine Art Gravitation der Erinnerung? Die Gravitation bringt Trost, denn sie bestätigt, dass doch eine gewisse Ordnung besteht: Alles wird fallen. Die Erinnerung wiederum ist die Ordnung selbst: Sie ist die Welt, die wir sortieren, die wir ordnen konnten, eine Welt, die sich unserem Bemühen, sie zu verstehen, nicht mehr widersetzt. In der Erinnerung ist endlich alles in Ordnung. In der Erinnerung konservieren wir eine Welt, die es nicht mehr gibt – und auch nicht gab. Die Nostalgie ist keine Erinnerung an die Welt, wie sie war, sondern daran, wie sie hätte sein können. Sie ist eine in die Vergangenheit versetzte Utopie, eine Phantasie in Form von Erinnerung, sie stellt das Vergangene über alles, was erst sein wird. Die Nostalgie ist der Triumph der Melancholie der Rechten.

Die Nostalgie liebt die Tradition, so wie es sich für die Rechten gebührt. Die Auswanderer, Flüchtlinge und die übrige Menagerie, die in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus Jugoslawien nach Europa übergeschwappt sind, pflegen zahlreiche nostalgische Rituale. Eine Gruppe jugoslawischer Auswanderer – es wird erzählt, es sei in Holland gewesen – hatte beschlossen, zum Ersten Mai, dem internationalen Tag der Arbeit, dem Grundstein jeglichen Bauwerks der Erinnerung an das einstige Land, ein Lamm zu drehen. Sie fanden eine geeignete Wiese, auf der sie, während das Lamm gebraten würde, Fußball spielen konnten. Die Wiese lag an einem Fluss, in dem sie Bier kaltstellen konnten. Sogar ein gutes Stück Holz für den Spieß fanden sie. Sie fanden alles, nur kein Lamm. Aus irgendeinem Grund war es nicht möglich, ein Lamm zu kaufen. 

Unsere Holländer fanden eine Lösung. Nachdem ihnen, in der wer weiß wievielten Metzgerei, gesagt worden war, dass kein ganzes Lamm zum Verkauf stehe, fragten sie: Gut, aber ein Lamm in Stücken haben Sie? Dann kauften sie alle Lamm-Fragmente, die sie in der Metzgerei finden konnten. Den Kopf und das linke Hinterbein kauften sie in einem anderen Geschäft. Dann begingen sie ihren Ersten Mai, auf ihrer Wiese am Fluss, wo sie mit einem Draht alle Stücke zu einem entstellten Körper zusammenbanden und das Lamm aufspießten. Das so stabilisierte Frankenstein-Lamm, diese flüchtlingshafte Lesart von Mary Shelleys Werk, war die Verkörperung ihrer Nostalgien selbst …

Ein Nostalgiker wird vor der Bizarrheit der Hollandgeschichte nicht erschaudern. Für ihn ist sie lediglich eine Illustration: dafür, wie weit die Menschen gehen, um das, was als Normalität in ihrem Gedächtnis verankert ist, zu re-kreieren. Die wahre Bizarrheit findet er nicht im Vergangenen, sondern im Heutigen. Denn die Gegenwart, so glaubt er, werde von der Ökonomie des Irrsinns gesteuert. Es gibt im Jetzt keine Scheußlichkeit, keine Niedertracht, nicht einmal eine Verrücktheit, die ihn überraschen würde. Als wäre den Menschen der Irrsinn zur Heimat geworden. So ergreift Menschen der Wirklichkeit, Menschen ihrer Zeit, die Angst, sobald sie einen Schritt in die Rationalität wagen, weshalb sie schnell nach Hause zurückkehren, in ihre Sanatoriumsländer, deren Fahnen da hängen wie zum Trocknen aufgehängte Zwangsjacken.