„Du hättest in keine bessere Zeit geboren werden können
als gerade in die heutige, in der wir alles
verloren haben.”
Simone Weil
1992 verabschiedete ich mich mit meinen Tagebuchaufzeichnungen von Jugoslawien. Es war Winter und Schnee fiel. Ich notierte mir damals, dass der AVNOJ, der Antifaschistische Rat der Nationalen Befreiung Jugoslawiens, fünfzig Jahre zuvor, im November 1942, in Bihać gegründet worden war. Dort wurden die Grundsteine für das sozialistische Jugoslawien gelegt.
Jetzt brach vor meinen Augen nicht nur das Land zusammen, sondern auch die persönliche Vergangenheit mehrerer Generationen. Die militante Einsatzgruppe der Führer und der einflussreichen Intellektuellen erdachte für die Volksmassen inmitten der Ruinen eine neue Vergangenheit. Ich blickte den Panzerkonvois aus dem Fenster meiner Wohnung in Újvidék/Novi Sad nach, sie rollten auf Vukovar zu und wurden von den Patrioten der Gegend und von adretten Bankangestellten mit einem Blumenregen begrüßt. Ich schloss das Fenster, die Bilder der Kraftmeierei vor meinen Augen bedrückten mich, und ich dachte, wenn ein Land mit einer Karawane von Panzern bewacht werden muss, sollte es lieber verschwinden.
Die neue Vergangenheit brach mit Panzern über uns herein.
Mir ist nicht nostalgisch zumute, wiewohl ich überzeugt bin, alles verloren zu haben. Die Bücher sind von den Regalen in meinem Arbeitszimmer verschwunden. Eine weite Leere gähnt um mich herum. Mit fünfzig lud ich zu einem Abschiedsessen ein, wenn mich die Geschichte schon dazu verurteilt hat, das Leben neu zu denken; ist es doch sündhaft geworden, sich redlich zu erinnern. Man verfolgt mein Gezappel mit wachen Augen, damit ich nicht insgeheim die geschändete Geschichte noch mit Hilfe von verdächtigen Metaphern beschwöre.
Ich legte Gedecke auf, wobei ich grübelte, wie viele Gäste wohl kommen würden. Jemand rief meinen Namen. Ich ahnte es schon, sie würden zahlreich kommen und alle würden über mich zu Gericht sitzen. Sie würden meine Irrgänge und meine naiven Illusionen auflisten, meinen Patriotismus auf die Apothekerwaage legen, wie auch meine nationalen Gesinnungen. Sie würden mich vor ein provisorisches kafkaeskes Gericht zitieren. Ich beschloss, noch ein Gedeck aufzulegen, vielleicht käme der Messias.
Die unbekannte Gästeschar strömte in Gruppen heran, gleich kriminellen Banden, sie werden das Urteil verkünden. Meine Spruchrichter fielen stumm in mein Zimmer ein, in Wirklichkeit kennen sie mich gar nicht, was sie nicht im Geringsten stört, ja, sie wollen mich gar nicht kennen. Dicht neben ihnen die Reihe der Zeugen, denen ich ebenfalls unbekannt bin. Meine Richter kamen und gingen, sie maßen mich mit verächtlichen Blicken und entfernten sich wieder, dann kamen neue Einsatztruppen.
Die Strafexpedition hat keinen Sinn. Das Urteil ist wohl schon lange fertig, es wurde mir nicht mitgeteilt, weil sie sich so in der Episode der Schlussabrechnung noch einmal ausleben können, und ich, was kann ich tun, ich räume das Gedeck für den Messias wieder weg. Der Messias ist nicht gekommen.
Das Erinnern bewirkt bei mir nichts, meine Erinnerungen wurden geplündert. Ich versuche, in meinen Romanen alles das zu bewahren, was noch zu bewahren ist. Meine Fürsorge erstreckt sich auch auf die restliche Zukunft, indem ich versuche, noch ein Scheibchen zu retten.
Ich bin gezwungen, eine lange Reise anzutreten, deren Zweck und Dauer mir unbekannt bleiben. Ich versuche meinen Koffer anzuheben, der aber ist so schwer, dass ich ihn nicht einmal von der Stelle bringe. Und doch ist sein Inhalt noch vor dem Antritt der Reise verbraucht. Ich bin mit einem leeren Koffer zum bis heute andauernden Begräbnis Jugoslawiens aufgebrochen.
*
Der Leichnam, Jugoslawien genannt, liegt aufgebahrt vor mir. Das Land entstand im Großen Krieg, als die Franzosen hofften, ein starkes Jugoslawien würde sie vor der deutschen Gefahr schützen. Die Sandburg von Versailles aber ging im Zweiten Weltkrieg unter und das antifaschistische Jugoslawien wurde erschaffen. Nachdem die Berliner Mauer endgültig gefallen war und die beiden deutschen Länder sich vereinigt und die Fackel des gemeinsamen Europa emporgehoben hatten, zerfiel das seinerzeit vielversprechende Experiment Europas in Stücke. Die Fackel flammt allerdings nicht mehr so lichterloh wie damals, weil die Führer der Nationalstaaten ihr die Sauerstoffzufuhr blockieren. Neue, festere, unsichtbare Mauern werden errichtet, jeder schützt seine Souveränität, wie er kann.
Anfangs wurde die Trauerfeier in der verfluchten Gegend mit Gewehrschüssen und Kanonendonner abgehalten. Die Donau spülte Leichen ans Ufer, es war geboten, sich zu verhalten, als wäre überhaupt nichts vorgefallen. Die örtlichen Sender berichteten detailliert über die Erfolge des Novi-Sad-Korps. Auf dem leeren Grundstück meiner Wohnung gegenüber trafen regelmäßig vollbeladene Lastautos ein, von welchen teures Porzellan, Gemälde mit sakralen Themen, Fahrräder, Fernsehgeräte, Waschmaschinen und anderer Hausrat gezerrt wurden. Krieger von der Front in Vukovar verscherbelten hier ihre Diebsbeute. So manche Passanten wandten beim Anblick der Hökerei das Gesicht in Abscheu ab, andere feilschten und kauften die blutbefleckten Waren glücklich auf. Die paramilitärischen Truppen plünderten Vukovar genauso aus wie die eminenten Mitglieder der neuen Klasse das in Trümmern liegende Jugoslawien. Der Ausverkauf der Kriegsbeute begann. Auch die Milizionäre wollten einen bescheidenen Gewinn lukrieren, man kann ja kein Gratis-Patriot sein. Vom Tisch der neuen Oligarchen mussten doch auch für sie einige Krümel abfallen. Die großen Fische lächelten nur. Sie deklamierten im Fernsehen ihre Ansichten von Heimatliebe und Selbstaufopferung, sie feuerten das Volk zum Krieg an, während sie selbst das sozialistische Volksvermögen emsig plünderten.
Der Kleptokapitalismus und die bis ans Kinn bewaffnete Demokratie begrüßten mich im Tarnanzug. Sie wären auch dann gekommen, wenn wir sie nicht gewollt hätten. Ich muss anerkennen, wir waren sehr darauf aus, bloß nannten wir es nicht Kapitalismus. Wir wiederholten nur die Schlagworte Parlamentarische Demokratie, Freier Markt, Mehrparteiensystem. Nachdem die Herren das Volksvermögen untereinander aufgeteilt hatten, schlossen sie Frieden. Sie bebauten die leeren Grundstücke, da stand dann eine prosperierende Bank, daneben wurde ein elegantes Hotel errichtet, die Felduniformen wurden von modischen, europäischen Markenanzügen abgelöst; die gestern noch Tarnuniformen trugen, die elastischen Professoren der Rechtswissenschaften, die tonangebenden Patrioten und cleveren Politiker beteuerten, es sei ja nichts geschehen, es habe Schuld auf beiden Seiten gegeben, jetzt sei nur wichtig, vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken. Die schöne neue Zeit war angebrochen. Ich bemerkte, dass die Parlamentsabgeordneten in letzter Zeit alle Manschettenknöpfe anlegen.
Die Barbaren von gestern gefallen sich heute in Designeranzügen westlichen Zuschnitts.
Vergessen wir die Ruinen der Städte! Vergessen wir Sarajevo, Dubrovnik, Mostar, Vukovar und die Tausenden von unbekannten, verlassenen Geistersiedlungen und Dörfer, deren Brandgeruch vom lauen Frühlingswind herangeweht wird. Vergessen wir, wie lange der Himmel von einer dicken Rauchwolke verdeckt war. Vergessen wir, dass Gott sich hilflos in der Höhe versteckt hielt, ich befürchte, wir haben ihn vertrieben. Vergessen wir, dass Hunderttausende in alle Richtungen der Windrose geflohen sind. Vergessen wir die Straßen und Plätze voller stinkender Leichen, verziert mit den Nationalflaggen und Symbolen. Vergessen wir die kaum hörbaren, erstickten Rufe vergewaltigter Frauen in der Ferne, ihr Wehklagen. Vergessen wir die Massengräber, ausgehoben von treuen Patrioten ihrer Nation in diesem ehemals schönen, an Naturschätzen reichen Land, das Brüderlichkeit und Einheit verkündete, das das größte Experiment Europas nach 1945 darstellte, in dem drei Religionen und zahlreiche Nationen hätten miteinander leben sollen.
Das 21. Jahrhundert ist angebrochen, das Jahrhundert der sündigen Amnesie.
Generationen wachsen auf, die ihre Erinnerung auf Knopfdruck verlieren.
Die Wunde Srebrenica schmerzt am erstarrten Körper Europas.
In der seitdem vergangenen Zeit erscheinen wir immer weniger vor der aufgebahrten Leiche Jugoslawiens, der Erinnerungsraub hat das Seine getan. Vor der Totenbahre salutieren nur einige Freunde und mir unbekannte Menschen in stillem Gedenken, Serben, Kroaten, Slowenen, Bosniaken, Montenegriner, Mazedonier … Sie alle stehen mit gesenktem Kopf da. Es gibt keinen Festredner, wir sind nicht zum Würdigen gekommen, nur zum Trauern. Meine Freunde haben alles verloren, was ihnen einmal gehört hat, sie nehmen resigniert zur Kenntnis, dass sie alle in eine neue Heimat geraten sind, Staatsgrenzen trennen sie voneinander, sie sind Bürger stolzer und souveräner Nationalstaaten geworden, die sie dereinst, eines schönen Tages in das nationale Pantheon aufnehmen werden, denn ein Nationalstaat kann auch gegenüber verlorenen Söhnen gnädig sein.
Ich trauere mit ihnen gemeinsam, als Mitglied einer Minderheit habe ich denselben Verlust erlitten wie die Mehrheit, bloß habe ich als Kompensation keinen Nationalstaat bekommen. Ich wurde ein Waise Jugoslawiens. Meine Freunde werden neue Hymnen bekommen, sie erinnern sich an die alte höchstens mit Nostalgie, singen die neue gezwungen mit, ich aber bleibe ohne Hymne und bei großen Nationalfeiern werde ich nur den Mund tonlos aufreißen, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Das abgestumpfte Europa ahnt nicht einmal, dass Pandoras Büchse geöffnet und ein Virus freigesetzt wurde, das Virus des ethnischen Populismus, das binnen zweier Jahrzehnte den ganzen Kontinent befallen wird. Vorerst sinniert es darüber, dass es einen Cordon sanitaire errichtet, der es beschützt, und es wendet unschuldig den Blick von der Szene ab, in der der Rechtsextremismus fröhliche Urständ feiert.
Meine trauernden Freunde und ich sind am Massenmord unschuldig, und trotzdem sühnen wir vor dem Leichnam, denn die Sühne ist unumgänglich für uns, büßen doch heutzutage nur die Unschuldigen.
Wir sehen einander ratlos an.
Wir wissen nicht, wo wir das heimatlose Jugoslawien bestatten sollen.
Es hat keine Grabstätte.
Ich möchte anregen, in einem beliebigen europäischen Museum einen Platz für die ewige Ruhe Jugoslawiens zu suchen. Doch ich überlege es mir, bedeutete doch Jugoslawien für mich ein Leben lang Europa, war es doch meine Europa ersetzende Ersatzheimat.
Ich habe sie verloren. Meine heimatlos gebliebenen Freunde haben als Wiedergutmachung eine bis an die Ohren waffenstarrende Miniheimat bekommen, ich aber habe eine europäische Ersatzheimat verloren und mir wurde ein bewaffneter Nationalstaat als Erbteil zugesprochen.
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Ich hatte die Strecke Skopje-Ljubljana öfter im Glauben zurückgelegt, im vielfarbigen Europa zu reisen. Die Unterschiede zogen mich an, niemals hätte ich gedacht, sie könnten dermaßen explosiv sein. Es musste nur jemand die Lunte anzünden.
Inzwischen zaudert die Europäische Union. Sie kann nicht viel ausrichten, ist sie doch nur eine Union von Nationen. Jeder Nationalstaat verfügt über ein Vetorecht, Europa erinnert an einen lahmen Riesen. Zwischen der europäischen Utopie und der Brüsseler Wirklichkeit gähnt eine Schlucht. Mein einziger Trost ist, dass ich zwei Reservebänke habe: Serbien und Ungarn. Von Zeit zu Zeit wechsle ich sie, mal sitze ich hier, mal da. Ich gaukle mir vor, mit meinen beiden Kulturen reicher zu sein, indessen höre ich die vorwurfsvolle Frage, mit welchem Recht ich zwei Reservebänke beanspruche, ich soll mich entscheiden und mich mit einer zufriedengeben, ich soll hierher oder dorthin gehören.
Verwaist stehe ich vor der Leiche herum, die wir nicht beerdigen, vor der wir nur träge Wache schieben und stumm trauern.
Selbst nach drei Jahrzenten gibt es niemanden, der sie würdig bestattet hätte, sie liegt, gemeinsam mit unsrer Vergangenheit, aufgebahrt im Niemandsland.
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Ich stammle, im Kampf mit meinem Gewissen: Wir hatten einst einen Sozialismus, den nicht die Bajonette der Sowjets gebracht hatten, er war ein Produkt unsrer eigenen antifaschistischen Bewegung. Es gibt niemanden, auf den wir die Verfehlungen des Sozialismus und mit ihm zusammen unsere eigenen abwälzen könnten. Wir können nicht sagen, die Russen hätten ihn uns aufgezwungen. Über die Verfehlungen aber sollten wir sprechen, doch ermangelt es mir an Seelenstärke, habe ich doch damals, als er sich auf dem Höhepunkt seiner Kraft befand, mit ihm argumentiert; nach seinem Hinscheiden werde ich ihn nicht mit Füßen treten. Ich nehme seine Sünden stoisch auf mich und murmle ängstlich seine Verdienste vor mich hin.
Als Gymnasiast ließ ich mit meinen Klassenkameraden die jugoslawische Fahne flattern, als die Limousine Marschall Titos voller Würde die Hauptstraße Újvidéks/Novi Sads entlangrollte. Wir winkten ihm zu und er winkte zurück. Seine Frau Jovanka grüßte uns mit ihrem allseits bekannten Jugo-Lächeln. Wir hatten eine Utopie, die heutzutage als sündhaft gilt. Wir hatten eine Welt, die wir für wirklich hielten.
Sozialismus, brummle ich dahin, derweil ich den antikommunistischen Tiraden ehemaliger Kommunisten lausche. Die neue Generation, Kinder des Kapitalismus, sie verstehen nicht, was hier bewiesen werden soll. Wenn nur jemand eine Lanze für den Sozialismus bräche, dann verstünde die heutige Jugend vielleicht die seinerzeitigen leidenschaftlichen Diskussionen, deren Tonaufnahmen und Abschriften in staubigen Aktenbündeln versenkt wurden. Ich nahm zur Kenntnis, dass man darüber am besten schweigt. Dies erkannte ich, als ich vor Kurzem, unterwegs in die Buchhandlung in der Njegoš-Straße, zwei Schülerinnen erblickte, die vor einem alten Haus stehen blieben. Die eine zeigte auf eine Figur, die im Schaufenster stand. „Siehst du, das ist der Tito. Großvater hatte sein Foto auf der Anrichte stehen. Einmal fragte ich ihn, wer der Typ sei. Vielleicht ein entfernter Verwandter? Darauf sagte er nur, Liebes, du bist noch ein Kind, du würdest es eh nicht verstehen, wer Tito war.“ Das andere Mädchen sah nachdenklich drein und fragte: „Und hat er nicht gesagt, wann er dir verraten will, wer dieser Tito ist?“ „Nein, er ist vor zwei Jahren gestorben“, antwortete ihre Freundin. Im Weitergehen blickte ich noch zurück, die ratlosen Kinder des Kapitalismus standen noch immer vor der Auslage. Ich glaube, so stehen auch die verwaisten Generationen vor dem Tor der Geschichte herum.
Bei mir regte sich Schuldbewusstsein. Wir schulden uns die Vergangenheit des 20. Jahrhunderts. Was bedeutet Faschismus? Was bedeutet Kommunismus? Heutzutage setzen viele ein Gleichheitszeichen zwischen die beiden Begriffe, und das belastet die Väter und Großväter schwer. Ich bin noch die Kalkulation schuldig. Wäre der Sozialismus nicht über mich hereingebrochen, wäre ich wahrscheinlich in meinem Dorf geblieben, Arbeiter geworden wie mein Vater oder Bauer wie mein Großvater. Als erste Generation, die vom Land in die Stadt kam, stellte ich mir vor, ich würde eine neue Welt erschaffen, ich protestierte und diskutierte, ereiferte mich und träumte von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz, sodann von einem Kapitalismus mit menschlichem Antlitz, schwärmte für die Samtene Revolution, schließlich taumelte ich im Zeitalter der digitalen Revolution in die feudale Tradition.
Der Sozialismus hat mich zur Schule geschickt, für mich gesorgt, mich erhoben – und oft erniedrigt. Jahrzehntelang grübelte ich, wie ich ihm denn gerecht gegenübertreten sollte, denn so, wie ich meine eigene Vergangenheit nicht korrekt beurteilen kann, kann ich mit meiner Gegenwart auch nichts anfangen.
Im Interesse der größeren Freiheit wurde ein Verhalten, das an die Grenze des Verrats streift, ein politischer Zwang. Ich weine der Vergangenheit nicht hinterher, habe keinen Grund dafür, lebe ich doch auch jetzt in denselben bescheidenen Verhältnissen wie seinerzeit. Ich war kein Kommissar des Einparteiensystems, aber auch des Mehrparteiensystems nicht. Nie hatte ich irgendeine Funktion inne, war weder Chefredakteur noch Direktor. Als Autor kann ich freier sprechen als damals, zugleich aber gehört es zur Wahrheit dazu, dass seinerzeit das Wort mehr Risiken barg und mehr Gewicht besaß. Immer öfter nehme ich die Bibel zur Hand, um auch damit dagegen aufzubegehren, dass die Politik zur neuen Religion geworden ist. Die Parteienführer sind die neuen Kirchenoberhäupter, die Priester und Popen ministrieren lediglich neben ihnen.
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Ich weine der Vergangenheit nicht nach, doch betrauere ich sie, wie es sich gehört. Nach dem Friedensabkommen von Dayton machte ich mich in elender Stimmung auf in die Nachfolgestaaten meiner ehemaligen Heimat. Ich wurde von Schuldbewusstsein geplagt, wiewohl ich kein Wort gegen den einen oder anderen neu entstandenen Staat sagte. Angsterfüllt ging ich von Serbien aus in die ehemaligen Länder Jugoslawiens, wurden doch diese auch auf den Leichen Unschuldiger errichtet. Die Verbrechen wurden in meinem Namen begangen. Wenn ich zu den Wahlen gegangen bin: deshalb. Wenn ich nicht zu den Wahlen gegangen bin: deshalb. Wie ich es auch drehe und wende, ich habe zur Verfestigung und zum Sichern der Macht der neuen Ordnung beigetragen, auch wenn ich mir darüber im Klaren war, dass die roten Teppiche, die in die Parlamente führten, von Blutstropfen gefärbt waren. Ich lebte in einer Zeit der Sühne ohne Schuld.
Mit der Zeit blieben die Beteuerungen der Rechtsstaatlichkeit aus. Sie wird heutzutage ohnehin nur noch von den verwaisten und mitleidig belächelten Menschenrechtsorganisationen angemahnt, die zu ihrem Unglück immer wieder verdächtigt werden, fremde Interessen zu bedienen. An einer Wand erblickte ich zwei Riesenplakate, auf dem einen prangte das Portrait Ratko Mladić‘, des Angeklagten in Den Haag, auf dem anderen die Reklame einer multinationalen Firma. Man könnte sagen, ein Marketing-Handschlag, der in diesem Fall nichts anderes bedeutete als das Eintreffen der Zukunft. Das Kapital hat die Utopie der Europäischen Union besiegt.
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Die Jahre, ja, die Jahrzehnte ziehen ins Land. Serbien trottet auf die Europäische Union zu, den Berichten aus der EU zufolge aber recht behäbig. Die neunziger Jahre liegen hinter uns, doch bedrücken sie uns noch immer. Schwer zu sagen, was geschehen ist. Wurde Milošević gestürzt oder ging eine Ära zu Ende? Ich hoffe, sie möge beendet sein, andererseits wage ich nicht zu behaupten, dass eine neue Ära angebrochen ist. Stattdessen lebe ich bis heute in einer Übergangszeit. Ein Minister der gegenwärtigen Regierung erweist dem Grab des damaligen Diktators seine Reverenz, nennt ihn einen Helden der Nation, und die Mehrheit des Landes nickt bei den Wahlen alles stumm ab. Wir sind zum Ausgangspunkt zurückgekehrt, nur sprühte damals ein Fünkchen Hoffnung, jetzt aber heilen wir die von der Hoffnung geschlagenen Wunden mit der Medizin des Überlebens. Alles hat aufgehört. Und es ist nicht möglich, eine unvollendete Geschichte dem Vergessen anheimzugeben.
Sie sind dieselben, dortselbst, und doch nicht genauso. Damals war die Welt schwarz-weiß, heute ist alles klebrig und grau in grau.
Serbien war in den Neunzigern ein Kontrapunkt Europas, ein Paria, ein Ausgestoßener. Heute hat es sich den ostmitteleuropäischen ethnopopulistischen Trends angeglichen. Der grobe und ungezügelte Nationalismus der neunziger Jahre wechselte zum Diskurs des demokratischen Nationalismus. Die Idee des Nationalstaates gewann an Kraft, sie schloss sogar mit dem Großteil der politischen Eliten der nationalen Minderheiten Frieden. Serbien wird von keinem wirtschaftlichen Embargo bedroht, die ausländischen Investoren bezeugen Interesse, das internationale Kapital, gestützt mit dem Geld der serbischen Steuerzahler, ist an der Konsolidierung der gegenwärtigen Regierung interessiert. Die neue Generation entsagt dem öffentlichen Leben und zieht sich trotzig in den Cyberraum zurück. Die zornigen und misslaunigen Jungen um die zwanzig revoltieren von Zeit zu Zeit gegen die konformistischen Väter. Die biederen Demonstrationen sind folgenlos geblieben. Linke Intellektuelle wiederholen immer wieder, die Arbeiterklasse sei verschwunden, wir lebten nicht im Zeitalter der Revolutionen. Die Extremisten blinzeln verführerisch nach dem rechten Spielfeld. Auf Hausmauern werden Hakenkreuze gepinselt, aus dem Dunstkreis der schulterzuckenden herrschenden Elite wird auf die Meinungsfreiheit verwiesen. Ein Großteil der Intellektuellen hat mit der Macht einen Sonderfrieden geschlossen, oder er verhält sich subversiv, oder aber er kehrt dem öffentlichen Leben einfach den Rücken, wie die Zwanzigjährigen. Was bleibt, ist der Schreibtisch, keine Funktion, kein Posten, kein Amt.
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Die größte Veränderung ist auf den Friedhöfen zu beobachten, sie sind viel gepflegter als vor fünfzig oder zwanzig Jahren. Ich lese bekannte Namen von den Grabsteinen. Eine Frau kommt mir entgegen, sie schiebt ein dreirädriges Fahrrad voller Blumensträuße und Gießkannen. Außen hängen am Dreirad Rechen, Spaten und Hauen. Ich fange mit ihr ein Gespräch an, es stellt sich heraus, sie ist eine professionelle Grabpflegerin. Es gehe nämlich darum, erklärt sie mir, dass Leute massenhaft ins Ausland gegangen seien und nicht mehr, so wie einst, als Besucher in die Heimat zurückkehrten. Für zehn Euro pro Monat legt sie, wie bestellt, einen Blumenstrauß auf das Grab, wischt die Marmorplatte ab und bringt eventuell die Umgebung des Grabes in Ordnung. In den Begräbnisstätten eröffnet sich für uns das typische ostmitteleuropäische Panorama nach den samtenen Revolutionen.
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In meinem Roman Balkáni szépség, avagy Slemil fattyúja (Deutsch etwa: Die Schönheit vom Balkan oder Der Bastard Schlemihls) befrage ich das 20. Jahrhundert. Die Geschichte beginnt 1918, ein Handwerker versteift sich darauf, seine Werkstatt und seine Heimat selbst um den Preis seines Lebens zu erhalten. Es geschieht nichts weiter, als dass er beide verliert. Wo einst die Werkstatt stand, wird ein Wellnesshotel errichtet und ein Gedenkpark angelegt. Anfangs dachte ich, dieser Roman behandle den Menschen in der Minderheit. Mit der Zeit aber sah ich ein, dass es auch eine andere, eine geheimnisvolle europäische Minderheit gibt, die mich an meine Romanfigur Schlemihl erinnert. Sein Problem besteht nicht darin, dass ihm der Schatten genommen wird, sondern dass er mehrere Schatten besitzt und nicht weiß, welcher der echte sei. Wenn er das wüsste, wäre er kein Europäer mehr. In diese Lage ist Europas geheimnisvolle Minderheit geraten, der europäische Bürger, der seine europäische Identität ernst nimmt und sie behütet. Alle, die sich ungebrochen als Europäer sehen, sind zu Waisen Europas geworden. Unter ihnen suche ich nach Zuflucht.
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War das 20. Jahrhundert so kurz und wurde es 1989 tatsächlich beendet, wie Historiker es behaupten? Eines ist sicher, die Wunden sind nicht verheilt, also blieb das Jahrhundert verstümmelt. Die Zeit raste ohne uns davon, sie ließ die Menschheit am Wegrand zurück. Der Fortschritt vergaß uns, was weder human noch inhuman ist, er brauchte uns einfach nicht mehr, also beging er Fahrerflucht. Wir hingegen bezeichneten ihn aus Rache als Mohnsaft der Aufklärung.
Von welchem Fortschritt sprechen wir? Die neue Utopie ist konservativ, rückwärtsgewandt. Wir, die Waisen Europas, trotten alleingelassen durch das Buschwerk am Straßenrand, dem Fortschritt hinterher, den nicht mehr wir lenken, er zwingt uns vielmehr nach seinem eigenen Gesetz in eine uns unbekannte Richtung.