Drei Jahrzehnte sind seit dem Tod des sozialistischen Jugoslawien vergangen, und darüber ist mehr oder weniger alles gesagt. Der Sozialismus ist untergegangen, und untergegangen ist auch der Staat, der diese Bezeichnung getragen hat, denn, so wird der ausländische Betrachter sagen, nichts auf der Welt ist ewig, auch kein Staat. Der zweite Staat der Südslawen ist allerdings schmählich untergegangen, sein Zerfall war ein blutiger und lange währender, mit Bergen von Leichen, die jetzt die ehemaligen „Brudervölker“ spalten, aber sein geistiges Vermächtnis ist noch vorhanden, nicht nur in den Erinnerungen meiner Generation, sondern auch in jenem Bereich, den wir gewöhnlich als gemeinsamen Kulturraum bezeichnen.
Für uns, die wir in diesem System geboren und aufgewachsen sind, haben sich seine Inhalte ins Feld der Nostalgie geflüchtet. Ein Paradoxon ist es, dass Jugoslawien von jugoslawischen Kommunisten zerstört wurde, von einer Generation, die die Idee der klassenlosen Gesellschaft geboren hat. Diese verschworenen Kämpfer des Marxismus-Leninismus blieben nicht länger Adepten der planetaren Utopie, sondern zerstörten einen komplizierten Organismus mit Hilfe eines einfacheren. Mit einem Hammer lässt sich der Mechanismus einer Uhr leicht zerschlagen, umgekehrt ist es unmöglich.
Die Idee der Utopie hatte dem Partikularismus zu weichen, das Projekt der sozialen Emanzipation dem – Nationalismus. In der Dekadenz des jugoslawischen Monismus wurde der nationale Führer geboren, der zum Volk, vor allem zum serbischen, in der „Sprache des Volkes“ redete. Aber kann man so komplizierte Dinge mit so einfachen Worten ausdrücken? Wir jedenfalls konnten, wie László Végel sagt, unsere Vergangenheit nicht einfach begraben. Denn Jugoslawien war eine große Idee, die von großen Dichtern besungen wurde:
Setzt alles in Brand, was brennen kann
Zerstört alles, was sich zerstören lässt, alles, was nicht ewig ist
Findet in allem und nach allem die Hoffnung
Revolution!, was bleibt, ist der Mensch
Was vergeht, ist die Vergangenheit
(Branko Miljković, Jugoslawien)
Dieser Staat, in dem wir geboren wurden und der fast achtzig Jahre lang Jugoslawien hieß, ist also vor drei Jahrzehnten definitiv in die „Rumpelkammer der Geschichte“ gewandert. Barbarisch in Stücke gerissen, haben sich auch die Reste seiner Überbleibsel aufgelöst. Die Brüder sind im Kampf um die materielle Hinterlassenschaft des respektablen Toten ausgeblutet, und um die geistige schert sich niemand mehr, denn die wird allgemein als geringfügiger Besitz angesehen, als gescheitertes Projekt. Sein Name wird von niemandem mehr benötigt, er dient jetzt als Spottwort und Menetekel.
Alles, was nicht imstande ist zu leben, ist auch die Erinnerung nicht wert, lehren uns die darwinistischen Gesetze der Geschichte. Und doch werden uns, den in dieser Welt Geborenen, manche Gewohnheiten und Begriffe bis zu unserem Tod im Gedächtnis bleiben, manche längst jeden Inhalts entleerte Worte werden von uns verlangen, dass wir nach ihren vergessenen oder verlorenen Bedeutungen suchen und sie erneut deuten. Eine dieser Phrasen ist in jedem Fall das Kompositum Einheit und Brüderlichkeit, ein Schlüsselwort der ideologischen Sprache im sozialistischen Jugoslawien.
Wie viel Mühe hatte ich, mein Gott, als ich als hoffnungsfroher Student meinen jungen deutschen Freunden die Begriffe übersetzen und verdeutlichen sollte, auf denen unser damals mächtiger und allseits respektierter Staat gegründet war. Am schwersten fiel mir, Begriffe wie „Blockfreiheit“ oder „Einheit und Brüderlichkeit“ ins Deutsche zu übersetzen, vor allem letzteren, der der feste Zement war, von dem der gigantische jugoslawische Monolith zusammengehalten wurde. „Zur Brüderlichkeit braucht es zwei, Einheit ist eine einzige“, lautete die prompte Antwort, aber ich ging nicht in die Knie. „Einheit und Brüderlichkeit“, wiederholte ich und führte stolz die Tatsache an, dass Marschall Tito persönlich dieses große Wort in jeder seiner Reden verwendete und uns dringend ermahnte, „Einheit und Brüderlichkeit wie unseren Augapfel zu hüten“.
Erst später habe ich begriffen, dass diese Begriffe biblischer Herkunft sind und dass sie für uns eine Art kosmopolitischer Ersatz waren. Uns war nicht bewusst, dass sie zugleich Synonyme der Diktatur waren. Darin lag der helle Schein des Sozialismus – dass er jedem die Illusion gab, er könne seinen Platz finden und in seinem Schutz beruhigt und gelassen sein.
Den Namen der Einheit und Brüderlichkeit trugen damals Brücken, Plätze, Eisenbahnzüge, Schulen, Fabriken und Verlagshäuser. Die erste moderne Straße auf dem Balkan, der größte Verkehrsweg, der Zagreb und Belgrad verband, hieß Autoput bratstva i jedinstva, Autobahn der Einheit und Brüderlichkeit. Den Bau dieser Straße reklamierte man lange Zeit als eines der größten Wirtschaftswunder Jugoslawiens, über sie hinterließen die damaligen Dichter erschütternde Zeugnisse in den Schulbüchern. Auch heute dringen diese vollen Akkorde durch den Tunnel der Zeit, durch das gewaltige Brausen und Rauschen an unsere Ohren:
Zwischen den zwei Bruderstädten
Belgrad und Zagreb
Erstreckt sich die weiße Straße …
Wie der Regenbogen über den Himmel …
Erstreckt sich die weiße Straße
Sie erscheint dir von Weitem
Als schneeweißer Strom
Zwischen Äckern und Auen …
So beschrieben patriotische Dichter die Entstehung und den Zweck der ersten jugoslawischen Autobahn, indem sie ihr einen metaphysischen, keinen verkehrstechnischen Sinn gaben.
Heute hat diese Straße ihren Namen geändert und heißt nicht mehr Autoput bratstva i jedinstva, wie es im sozialistischen Staat der Fall war, und sie heißt auch nicht nach den Städten, die sie verbindet, wie es überall in der Welt üblich ist; heute trägt sie die Bezeichnung Autocesta Zagreb-Lipovac. Der Name der einstigen jugoslawischen und heute serbischen Hauptstadt wurde aus ihrem Namen gelöscht, an seiner Stelle figuriert die Bezeichnung eines kroatischen Grenzdörfchens in Slawonien.
Es ist verständlich, dass die einstige ideologische Bezeichnung dieser Verkehrsader heute manch einem grotesk vorkäme, manchem vielleicht auch nostalgisch (wie „Seidenstraße“, „Heilsweg“ usw.), aber der jetzige Name wirkt verwirrend und ungenau. Stellen Sie sich vor, die Autobahn Wien-München hieße Wien-Oberberg oder so ähnlich, stellen Sie sich vor, welch Kopfzerbrechen das den Autofahrern und Reisenden tagtäglich bereiten würde. Den Straßen der Welt ist es egal, wie sehr wir die Städte lieben, zu denen sie führen.
Zur Autobahn Zagreb-Belgrad würde unter Einrechnung der aktuellen Resultate der Nationalpolitiken noch am genauesten die anagrammatische Bezeichnung Zagrab-Belgrab passen. Genosse Tito, dein Brief soll stets uns mahnen – Einheit und Brüderlichkeit steht auf unseren Fahnen, hatten die Jugendbrigaden bei den freiwilligen Arbeitseinsätzen gesungen, überzeugt davon, dass die Botschaften der zahlreichen Parteikongresse Wegweiser seien in eine hellere und bessere Zukunft. Aber das ideologisch unterlegte Verdrängen und Negieren der Unterschiede zwischen den jugoslawischen Völkern machte einem Hervorheben und Überbetonen dieser Unterschiede Platz. Die balkanischen Liliputstaaten hatten Gulliver-Ambitionen, was vor allem für den großserbischen Nationalismus gilt.
Alle diejenigen lügen, die da sagen, sie hätten den Kommunismus von innen heraus gestürzt – die damaligen politischen Gefangenen liebte niemand – die Mehrheit glaubte, die Kommunisten hätten einen Šešelj, Đogo oder Tuđman zu Recht verurteilt und eingesperrt. Der Kommunismus wurde global durch die Initiative Michail Gorbatschows gestürzt und gebar neue unabhängige Staaten, während Jugoslawien von innen gestürzt wurde, heimtückisch und hinterhältig.
Sein definitiver Verbleib ist nach alledem die Rumpelkammer der Geschichte, denn unter den neuen Bedingungen habe das berühmte Syntagma, wie ein zeitgenössischer Chronist ätzend bemerkt, eine neue Bedeutung bekommen: es seien die Brüderschaft des Verbrechens und die Einheit der Finsternis, die die südslawischen Völker nun miteinander verbänden. Die Worte der Pionier- und Soldateneide, der lyrischen Gedichte, sozialistischen Weckrufe und Kampflieder waren der Einheit und Brüderlichkeit gewidmet, dieser Errungenschaft aller Errungenschaften des Volksbefreiungskampfes und der sozialistischen Revolution. Jetzt sind sie nur noch leere Begriffe, tote Schriftzeichen.
Einheit und Brüderlichkeit war vo vremja ono, zu jener Zeit, Ausdruck der Liebe, eine rhetorische Figur, mit der die gegenseitige Beziehung „unserer Völker, Völkerschaften und nationalen Minderheiten“ beschrieben wurden, die Illusion, dass wir alle gleichberechtigt seien, aber auch die Schafsmaske, hinter der sich lange Zeit die Wolfsgesichter versteckten. Heute sind wir allein, nackt und tot. Verwundert, dass die Worte leer sind wie die Augenhöhlen eines Schädels, dass wir ihre Bedeutungen zerstört haben, die einmal mit optimistischen, rosigen Sinngebungen lebendig pulsten. Die Utopie von Einheit und Brüderlichkeit, von Gleichheit und Gerechtigkeit hat sich in kurzer Zeit in Weinen und Zähneknirschen verwandelt.
Jugoslawien war ein Projekt der Modernisierung der zurückgebliebenen Balkangesellschaften, allerdings im autoritären Modus. Gestürzt wurde es durch den serbischen Großstaatsnationalismus, alle Waffen, die Tito zur Verteidigung des sozialistischen Staates gegen äußere Feinde angeschafft hatte, stürzten über seine Bürger herein. Die Neunzigerjahre brachten die Reinkarnation des Faschismus, mit Konzentrationslagern, Massendeportationen und Genozid. Seine Einzelteile, vor allem Bosnien und Herzegowina sowie Serbien, sind heute postgenozide Gesellschaften, ohne klare Orientierung, mit Hunderttausenden verwundeter und ihrer Rechte beraubter Menschen, die ihr Heil zumeist in der Emigration suchen und das Land immer zahlreicher verlassen.
Die Geschichte von Jugoslawien erscheint der jungen Generation heute wie eine Erzählung von Karthago und dem alten Rom. Wir, die wir in diesem Staat unsere schönsten Jahre verlebt haben, wir hätten unseren alten Staat kaputtgemacht. Der junge serbische Schriftsteller Marko Dinić beschreibt in einer Abrechnung mit seinen Eltern meine Generation wie folgt: „Irgendwo war in der Zwischenzeit eine Veränderung eingetreten: Krieg, Kindheit, Bombardierung, Wald, Schule, Flucht, fremdes Land, Großmutters Tod, Autobus, Rückkehr, Ring – der Vater war immer erschöpft und angefressen, wenn er von der Arbeit nach Hause kam, so als hätte die Stadt allmählich auch ihn und seine Existenz eingesaugt. In Wien hatten die Menschen nie so erschöpft ausgesehen. Er war, so wie ich, alleingelassen, seine Generation war wie ein in die Ecke getriebenes Schlachtlamm, Stimmvieh für ein schönes, neues und gerechtes Land …“
Der Dichter Predrag Lucić hat einmal geschrieben, Jugoslawien sei von seinen besten Söhnen erbaut und von seinen schlechtesten zerstört worden. Es lebt nur noch in den Erinnerungen der Alten, die an die ideale Gesellschaft geglaubt, sie erbaut und zerstört haben. Bringt deshalb ein wenig Mitleid für sie auf, spuckt nicht auf diese gescheiterten Existenzen.