Unter diesem programmatischen Titel präsentiert sich in den Jahren 2020 bis 2022 auf der Leipziger Buchmesse die Literatur aus Südosteuropa – unter dem gemeinsamen Dach von Traduki. Aus ganz Südosteuropa reisen Autor*innen und Übersetzer*innen nach Leipzig, um an einem großen gemeinsamen Bücherstand, dem „Common Ground“, ihre Texte zu präsentieren. So unterschiedlich die Länder, ihre Sprachen, ihre Religionen und Geschichten auch sein mögen – im Projekt „Common Ground“ stellen alle Partner das Verbindende in den Vordergrund. Mit einem dichten Veranstaltungsprogramm aus Lesungen, gesellschaftspolitischen Diskussionen, Filmen und Musik stellt Südosteuropa seine spannende Literatur- und Kulturszene dem deutschsprachigen Publikum vor. Auch die Fachwelt, deutschsprachige Verlage, Literaturveranstalter*innen, Journalist*innen, Übersetzer*innen und Buchhändler*innen werden vieles zu entdecken haben. Es ist das erste so große und ambitionierte Projekt von Traduki seit seiner Gründung 2008.

Common Ground 2020 Programm

Herkunft und Zugehörigkeit - Eine Einladung

Im Jahr 1980, bereits im französischen Exil lebend, schrieb Danilo Kiš seinen Essay „Homo poeticus, trotz allem“. Dieser politisch erfahrene Mensch wehrte sich gegen die ihm in der westlichen Welt angebotene Rolle des ausschließlich politischen Menschen und hielt fest: „Und vor allem dürfen wir nicht jenem abgedroschenen Mythos aufsitzen, wonach wir Jugos und übrigen Ungarn der Literatur zu entsagen, wonach einzig mit unseren politisch-exotisch-kommunardischen Themen zu unterhalten haben, wonach wir bedingt nur ein homo politicus sein dürfen, immer und überall, und wonach Poesie und Form, Spiel und Spielerei, metaphysische Obsession (wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?) und Liebesschwärmereien nicht unsere Sache sind, wonach auch Sonnenuntergänge uns nichts angehen, weil sie den literatur- und poesiebeflissenen Touristen vorbehalten sind, die eo ipso das Recht haben, die Sonnenuntergänge voll Bewunderung und ruhigen Gewissens anzuschauen.“

Nach wie vor erfahren wir das meiste über die südosteuropäischen Länder aus Massenmedien, und dort findet sich selten etwas Schönes und Zartes. Mag es auch die Natur der Berichterstattung und des Journalismus sein, es trägt dennoch nicht nur dazu bei, dass Kulturen einander kennenlernen. Negative und angstschürende Schlagzeilen sind und waren immer gefragt, das Stille und Alltägliche findet dort keinen Platz.

Stattdessen in der Literatur.

Heute, in Zeiten des Friedens sowohl für die südosteuropäischen als auch für die deutschsprachigen Länder, ist ein guter Zeitpunkt, sich auf Augenhöhe zu begegnen (with a little help from some friends). Die Ungleichzeitigkeit der Gesellschaften ist und bleibt eine europäische Konstante, doch haben wir uns entschlossen, diesen Augenblick des Friedens zu nutzen und zu schauen – was haben wir gemeinsam? Was ist unser Common Ground?

Der Common Ground zwischen den südosteuropäischen Ländern untereinander und auch der zwischen dem Südosten und dem deutschsprachigen Teil Europas.

Das Leben eines Menschen bewegt sich ähnlich wie ein Metronom zwischen der eigenen Herkunft und dem Versuch, eine Zugehörigkeit zu finden, und findet darin einen Rhythmus.

Wir werden in einer Stadt geboren, leben später in einer anderen. Wir ziehen um und versuchen in neuen Ländern und neuen Sprachen Fuß zu fassen. Wir versuchen unsere Herkunft zu verstehen und anzunehmen. Wir versuchen erwachsen zu werden und eine eigene Zugehörigkeit zu finden. Wir werden krank, leiden an Herzrhythmusstörungen, Depressionen und Ängsten. Wir tragen Masken. Wir lieben. Und wir betrügen. Wir glauben. Wir erfahren Enttäuschung und Verrat. Wir bekommen Kinder. Wir erleben wie politische Systeme zusammenbrechen, und wie Werte über Nacht wertlos werden. Wir sind Täter und Opfer. Wir geben uns unseren Fantasien hin, als Rettung vor dem grauen Alltag. Oder weil wir hoffen, dass die Bilder der Fantasie die Bilder des Schreckens übertrumpfen können. Wir können Revolutionen beginnen. Wir erleben Schmerz, erfahren Brüche und versuchen wieder ganz zu werden. Wir sind füreinander da. Wir schreiben (engagierte) Literatur mit dem stillen Wunsch, unseren Beitrag zu leisten, dass den Menschen, die uns auf der Erde folgen werden, leidvolle Erfahrungen in Zukunft erspart bleiben. Oder, dass zumindest ein anderer unseren Schmerz und unsere Trauer bezeugt und wir das Gefühl haben, es war nicht vergeblich. Und wir finden in der Literatur ein Paradies, aus dem wir meinen, vertrieben worden zu sein. Die Literatur kann einer der Wege sein, uns, zumindest für die Dauer des Schreibens und des Lesens, wieder heil werden zu lassen.

Wenn man von den schwierigen Namen mit den diakritischen Zeichen absieht, wird Ihnen alles, was Sie hören, bekannt vorkommen. Manchmal ist nicht einmal ein zweiter Blick notwendig.

Im Programm, das sich in den nächsten vier Messetagen vor Ihnen und uns entfalten wird, liegt eine Einladung, genauer hinzuschauen. Wir würden uns freuen, wenn Sie unsere Einladung annehmen.

Hana Stojić, Programmkuratorin

  • Donnerstag, 12. März 2020
    • 12:00-13:00 Uhr

      Common Ground – Traduki Forum, Halle 4, D507

      Feierliche Standeröffnung: Common Ground 2020-2022

      Willkommen auf dem Common Ground!
    • 13:30-14:30 Uhr

      Common Ground – Traduki Forum, Halle 4, D507

      Wie übersetzt man Traurigkeit?

      Der Autor Georgi Gospodinov und seine Übersetzer

      Für das deutschsprachige Publikum ist der Name Georgi Gospodinov schon lange kein Geheimtipp mehr. Dieser Meister der Melancholie, der auch die Register des Ironisch-Witzigen zu bedienen weiß und zugleich an Zärtlichkeit und Wärme nicht spart, begeistert das deutschsprachige Feuilleton seit Jahren. Wir kennen ihn als Verfasser des Gedichtbands Ein morgendliches Verbrechen, des erzählerischen Bravourstücks Natürlicher Roman und nicht zuletzt wegen seines international preisgekrönten Romans Physik der Schwermut. Nun liegt auch Lapidarium (eta Verlag 2017, Ü: Valeria Jäger, Henrike Schmidt, Alexander Sitzmann) vor, das erste Buch, das Gospodinov schrieb. In seiner Muttersprache Bulgarisch. Inzwischen ist sein Werk in über zwanzig Sprachen übersetzt. In allen Himmelsrichtungen des Kontinents erklingen seine Worte und berühren die Seele seiner LeserInnen. Auch an diesem frühen Nachmittag in Leipzig. Warum тъга auf Deutsch zu Schwermut wird und wie ich sind auf Kroatisch klingt, erfahren wir in einem Gespräch mit ihm und zweien seiner ÜbersetzerInnen.

      Mitwirkende: Georgi Gospodinov, Ksenija Banović, Borut Omerzel

      Moderation: Antje Contius

      Veranstalter: Traduki

    • 14:00-15:00 Uhr

      Forum OstSüdOst, Halle 4, E501

      China, Russland, Türkei

      Südosteuropa im Fokus externer Akteure

      Moskaus Einfluss auf die Politik und die öffentliche Meinung in Serbien, Montenegro, Bosnien und Herzegowina und Nordmazedonien und eine zunehmende Dominanz in der dortigen Energiewirtschaft wird von Beobachtern mit Besorgnis aufgenommen. Das chinesische Projekt einer „neuen Seidenstraße“, die sog. „Belt and Road Initiative“, ist das weltweit größte Infrastrukturprojekt und besonders aktiv in den Staaten Mittel- und Südosteuropas. Der Hafen von Piräus, Autobahnen, Brücken- und Eisenbahnprojekte sind sichtbare Zeichen eines wachsenden Einflusses Pekings in der Region. Die Türkei ist außer in der Wirtschaft auch präsent mit Entwicklungshilfe und Kultureinrichtungen mit islamischer Ausprägung. Wie weit reicht der Einfluss dieser Mächte? Sind sie eine Konkurrenz oder gar ein Ersatz für eine zunehmend unsichere Perspektive auf einen EU-Beitritt in den Staaten des westlichen Balkans? Über diese Fragen diskutieren einschlägige Experten mit AutorInnen aus der Region.

      Mitwirkende:  Jens Bastian, Florian Bieber, Dubravka Stojanović

      Moderation: Hansjörg Brey

      Veranstalter: Traduki, Südosteuropa Gesellschaft, ABDOS e.V.

    • 15:00-16:00 Uhr

      Common Ground – Traduki Forum, Halle 4, D507

      Von der unerwarteten Entdeckung des eigenen Patriotismus

      Sprache als neue Heimat

      Interkulturelle oder „Migrantenliteratur“ in deutscher Sprache ist längst kein Novum mehr. Manche AutorInnen, deren Namen auf den ersten Blick fremdländisch anmuten, produzieren Texte und Bücher, die mit zum Besten gehören, was in deutscher Sprache erscheint. Doch wie sieht es in anderen Teilen Europas aus? Haben auch sie einen Tijan Sila, einen Saša Stanišić oder eine Marica Bodrožić? Darien Levani und Elvira Mujčić schreiben auf Italienisch und haben einen Sprachwechsel vollzogen. Ihre albanische und bosnische Erfahrung erklingt nun in einer Fremdsprache.

      Was bedeutet es für Schriftsteller, in einer Sprache zu schreiben, die nicht ihre Muttersprache ist? Wie wird man von KollegInnen und KritikerInnen wahrgenommen? Kann man in der neu erworbenen Sprache auch eine neue Heimat finden?

      Mitwirkende: Darien Levani, Elvira Mujčić

      Moderation: Tijan Sila

      Veranstalter: Traduki, Ministerium für Kultur der Republik Albanien

    • 15:00-16:00 Uhr

      Café Europa

      Über Ebenen, Häfen und Revolutionen

      Die Europäischen Kulturhauptstädte Novi Sad, Rijeka, Timișoara

      Der Titel „Kulturhauptstadt Europas“ wird seit 1985 jährlich von der Europäischen Union vergeben und soll dazu beitragen, die Vielfalt und die Gemeinsamkeiten des kulturellen Erbes in Europa hervorzuheben.

      Parallel zur erstmaligen EU-Ratspräsidentschaft Kroatiens wird die größte kroatische Hafenstadt Rijeka Europäische Kulturhauptstadt 2020 sein. Unter dem Motto Hafen der Andersartigkeit will die Stadt ihren Mut, ihren Ehrgeiz, ihre Ungewöhnlichkeit und Progressivität präsentieren, in über 600 Veranstaltungen, die über das Jahr verteilt stattfinden werden. Die Vojvodina, eine Region in der Pannonischen Tiefebene, genießt den Ruf eines multikulturellen Milieus, in dem 26 Minderheiten leben. Deren Kapitale, die zukünftige Europäische Kulturhauptstadt Novi Sad, liegt an der Donau, und ihre Brücken sollen gemäß dem Motto Für neue Brücken ab 2021 Symbol für Regenbogen, Hoffnung, Freiheit und Liebe sein. Die Stadt Timișoara liegt im Banat, einer Region, die sich Rumänien mit den Nachbarstaaten Serbien und Ungarn teilt. Als drittgrößte Stadt Rumäniens wird sich Timișoara unter dem Motto Erhelle deine Stadt präsentieren. Denn der einstige Ausgangspunkt der rumänischen Revolution wird ebenfalls ab 2021 leuchten. Wie, das werden wir in diesem Gespräch erfahren.

      Mitwirkende: Vladimir Gvozden, Simona Neumann, Lela Vujanić

      Moderation: Annemarie Türk

      Veranstalter: Traduki, Novi Sad 2021, Timișoara 2021

    • 20:00-23:00 Uhr

      Kaiserbad, Karl-Heine-Straße 93, 04229 Leipzig

      Zugezogen. Feminin.

      Von Brüchen, Umbrüchen, Umzügen und Sich-Wiederfinden

      Brüche in der Kontinuität, egal ob in der eigenen Geschichte oder in der Weltgeschichte, werden zu jenen Punkten, für die wir immer empfindsam bleiben, solange wir nicht verhärten und den Weg des Zynismus einschlagen.

      Über Brüche erzählen fünf Autorinnen an diesem Buchmesseabend in Leipzig. Aber auch über Umbrüche, Umzüge und Sich-Wiederfinden. Über Wildgänse in der Vojvodina, zum Beispiel, über eine moldawische Kindheit und die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt. Darüber, was es bedeutet, aus einer speziellen bosnischen Stadt zu kommen und auf Italienisch zu schreiben, und was es heißt, wenn die Zähne der eigenen Tochter in drei verschiedenen Ländern wackeln, fallen und nachwachsen. Und über eine Schriftstellerin, die sich literarisch in der Rolle als Fußpflegerin in Berlin-Marzahn, der größten sozialistischen Plattenbausiedlung, wiederfindet. Ein Abend, der starke poetische Bilder und viel Wärme und Humor verspricht. Und es vielleicht schafft, die eigenen Brüche verheilen zu lassen, zumindest für die Dauer dieses Abends.

      Mitwirkende: Julijana Adamović, Lidija Dimkovska, Elvira Mujčić, Katja Oskamp, Tatiana Țîbuleac

      Moderation: Tino Schlench, Hana Stojić

      Musik: Barimatango

      Veranstalter: Traduki, Ministerium für Kultur der Republik Kroatien, Ministerium für Kultur der Republik Nordmazedonien, Rumänisches Ministerium für Kultur

  • Freitag, 13. März 2020
    • 11:00-12:00 Uhr

      Common Ground – Traduki Forum, Halle 4, D507

      So wachse das Gras über uns

      In meiner Heimat ist alles gleich, nur ich bin nicht mehr da

      Mit dem Zitat „Es gibt nur Kindheit und Tod. Und nichts dazwischen …“ eröffnet Georgi Gospodinov seinen Roman Physik der Schwermut und illustriert damit, wie wichtig die Kindheit ist: als Motiv, zu dem ein Autor immer wieder zurückkehrt und aus dem er schöpft. So auch der rumänische Psychiater und Schriftsteller Augustin Cupșa, der in seinem letzten Roman So wachse das Gras über uns eine rumänische Kindheit in der Stadt Craiova beschreibt. Und Schicksale von Jungs, die Finken fangen und sie auf dem Schwarzmarkt nach Italien verkaufen. Der Frühling macht sich auf den Weg ist das Debüt von Bojan Krivokapić. Er erzählt von der Kindheit des schwulen Jungen Gregor, der gerne strickt, der Krankheit kennenlernt und dessen Familie genauso zerfällt wie sein Land. Beide Romane erfuhren in ihren jeweiligen Ursprungsländern Rumänien und Serbien viel Beachtung und fanden eine große Leserschaft.

      Mitwirkende: Augustin Cupșa, Bojan Krivokapić

      Moderation: Ismar Hačam

      Veranstalter: Traduki, Rumänisches Ministerium für Kultur, Ministerium für Kultur und Information der Republik Serbien

    • 12:30-13:30 Uhr

      Common Ground – Traduki Forum, Halle 4, D507

      Homo poeticus, trotz allem

      Das literarische Vorbild Danilo Kiš

      Zum 30. Todestag des großen Schriftstellers Danilo Kiš erscheint sein bislang letzter unübersetzter Roman Psalm 44 in deutscher Sprache (Hanser Verlag 2019, Ü: Katharina Wolf-Grießhaber). Die Veröffentlichung dieses Textes aus dem Jahr 1962 mag spät erscheinen, zeugt aber auch von der anhaltenden Bedeutung des Werks von Danilo Kiš. Sein gesamtes Schaffen, das von einem lyrischen Grundton durchwoben ist und eine unverwechselbare Poetik aufweist, ist von weltliterarischem Rang. Literatur war für ihn ein künstliches Paradies im Sinne Baudelaires, in dem ein Schriftsteller zumindest für begrenzte Zeit verweilen kann. Sowohl seine Romane aus dem berühmten Familienzirkus als auch seine Polemiken und Essays, nicht zuletzt Ratschläge an einen jungen Schriftsteller, haben ihn überdauert.

      Sein Einfluss auf nachfolgende Schriftstellergenerationen ist ungebrochen. Zweien der jüngeren AutorInnen, für die Danilo Kiš literarisches Vorbild war, gilt dieses Podium.

      Mitwirkende: Marica Bodrožić, Marko Dinić, Mark Thompson

      Moderation: Katja Gasser

      Veranstalter: Traduki

    • 14:00-15:00 Uhr

      Common Ground – Traduki Forum, Halle 4, D507

      Virgjineshë, Burrneshë, eingeschworene Jungfrau

      Transgender in Zeiten der Blutrache

      Das auf dem Balkan existierende Phänomen der eingeschworenen Jungfrauen sorgt im Westen seit geraumer Zeit für Neugierde. Es handelt sich um Frauen, die, in patriarchalen Gesellschaften lebend, dauerhaft die Rolle eines Mannes einnehmen und ihre geschlechtliche und soziale Identität wechseln. Michael Roes‘ Herida Duro erzählt die Geschichte einer Virgjinesha, einer Schwurjungfrau, ihren Lebensweg im Albanien Enver Hoxhas und im italienischen Exil. Jeton Nezirajs Drama Sworn Virgin beleuchtet das Interesse der westlichen Gesellschaften an „exotischen“ Phänomenen, die Menschen verantwortungslos verschleißen und die Welt nur als einen Ort der Verdienstmöglichkeit betrachten. Unter dem Pseudonym Rene Karabash schreibt die bulgarische Regisseurin und Schauspielerin Irena Ivanova ihre Romane. Burrnesha erzählt die Geschichte von Bekia, eines Menschen jenseits der Geschlechter und der Worte „Sohn“ und „Tochter“, und von ihrer Liebe jenseits der Worte „Mann“ und „Frau“.

      Mitwirkende: Rene Karabash, Jeton Neziraj, Michael Roes

      Moderation: Miryam Schellbach

      Veranstalter: Traduki, Ministerium für Kultur der Republik Bulgarien, Nationalbibliothek Kosovo

    • 15:00 – 16:00 Uhr

      Café Europa, Halle 4, E401

      Ja, wo bleiben sie denn?

      Der EU-Beitrittsprozess nach dem französischen Veto

      Die Annäherung zwischen der Europäischen Union und dem westlichen Balkan verläuft nicht nur geradlinig. Die einst sozialistischen Länder haben in der Vergangenheit große Anstrengungen unternommen, um die Gesetzgebung und die Gegebenheiten in ihren Ländern langfristig zu verändern und den Normen der Europäischen Union anzupassen. Als vorbildliche Schüler galten Albanien und Nordmazedonien. Diese beiden Länder standen kurz vor der Aufnahme von Beitrittsverhandlungen. Unerwartet kam das französische Veto, das im Oktober letzten Jahres die Aussicht auf einen nächsten Schritt Richtung Union versperrte. Auf diese Aussicht aber bauten die demokratischen und proeuropäischen Kräfte in den Ländern. Nun haben sie vielleicht ihr stärkstes politisches Argument gegenüber ihren Wählern verloren. Welche Folgen hat dieses Veto für die Länder des Westbalkans? Wie soll es weitergehen? Ist der Traum vom gemeinsamen Europa für alle Beteiligten ausgeträumt?

      Mitwirkende: Michael Roth, Robert Alagjozovski, Dubravka Stojanović

      Moderation: Danijel Majić

      Veranstalter: Traduki, Auswärtiges Amt

    • 15:30-16:30 Uhr

      Common Ground – Traduki Forum, Halle 4, D507

      Wenn die Liebe ruht. Zwei Jahre Nacht.

      Zwei große Romane über die Liebe und den Krieg

      Damir Ovčinas Zwei Jahre Nacht (Rowohlt Berlin 2019, Ü: Mascha Dabić) ist ein literarisch verarbeiteter Bericht aus der im Bosnienkrieg belagerten Stadt Sarajevo und dem einst berüchtigten Viertel Grbavica. Anhand der Geschichte eines Einzelnen veranschaulicht er die Schrecken, die den anderen – denen mit der falschen Zugehörigkeit – damals widerfuhren. Angel Igovs Die Sanftmütigen (eta Verlag 2019, Ü: Andreas Tretner) führt zurück in die bulgarische Geschichte und beschreibt, wie in den Schauprozessen nach Moskauer Vorbild von 1944/45, in der die bürgerliche Elite des Landes ausgemerzt wurde, ein junger Mann vom Mitläufer zum Kader des Regimes wurde.

      Beide Bücher gewähren uns literarisch hochwertige Einblicke in die Geschichte Bosniens und Bulgariens und beleuchten zwischenmenschliche Beziehungen in menschenunwürdigen Zeiten.

      Mitwirkende: Angel Igov, Damir Ovčina

      Moderation: Jörg Plath

      Veranstalter: Traduki

    • 19:30-23:00 Uhr

      Haus des Buches – Literaturhaus Leipzig, Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig

      Die guten Tage

      Ein Casino-Abend im Literaturhaus Leipzig

      Dieser Abend bedarf keines hohen Einsatzes beim Leipziger Publikum, doch der Gewinn wird groß sein.

      Als Meisterwerk wurde Drago Jančars Roman Wenn die Liebe ruht (Zsolnay Verlag 2019, Ü: Daniela Kocmut) gefeiert, der am Beispiel einer Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg zeigt, dass Liebe eben nicht alles überwindet. Das Buch stand wochenlang auf den Bestenlisten im In- und Ausland. Im Brand der Welten (Zsolnay Verlag 2019) ist die erste Biografie des Literaturnobelpreisträgers Ivo Andrić in deutscher Sprache. Kenntnisreich und stilistisch brillant erzählt Michael Martens vom Leben des großen europäischen Schriftstellers. Anna Ospelt, Schriftstellerin und Übersetzerin aus Vaduz, debütiert in diesem Bücherfrühling mit Wurzelstudien (Limmat Verlag 2020). Anhand eines Baumes im Garten ihrer Großeltern macht sie sich auf die Suche nach der eigenen Identität. Ana Schnabl aus Slowenien gelingt mit Grün wie ich dich liebe grün (Folio Verlag 2020, Ü: Klaus Detlef Olof) ein raffinierter Erstling, der unsere Sehnsüchte, Begehrlichkeiten, Freuden und Ängste spiegelt.

      Mitwirkende: Drago Jančar, Michael Martens, Anna Ospelt, Ana Schnabl

      Moderationen: Andreas Breitenstein, Katja Gasser, Ismar Hačam, Isabelle Lehn

      Musik und Lyrik: Vlado Kreslin und Miljana Cunta, Gregor Podlogar, Lucija Stupica

      Veranstalter: Traduki, Literaturhaus Leipzig, Kulturstiftung Liechtenstein, JAK – Slowenische Buchagentur

  • Samstag, 14. März 2020
    • 11:00-12:00 Uhr

      Common Ground – Traduki Forum, Halle 4, D507

      Esteban, wie ich dich liebe, Esteban

      Über Krankheit und Schmerz

      Über die Kunst des Atmens, oder besser gesagt, darüber wie man wieder zu Atmen lernt, schreibt Lejla Kalamujić in Nennt mich Esteban (eta Verlag 2020, Ü: Marie-Luise Alpermann). Die Protagonistin ihrer Erzählungen ist gebeutelt durch den frühen Verlust der Mutter, durch Krieg und Krankheit, jedoch schöpft sie immer wieder Kraft. Aus dem Nichts. Grün, wie ich dich liebe grün (Folio Verlag 2020, Ü: Klaus Detlef Olof) ist Anna Schnabls Erstling, und verarbeitet literarisch das Thema der psychischen Krankheiten. Sie schreibt über die verstörende Unruhe einer Frau in der Warteschlange einer Apotheke, oder die junge Mutter, die um die Aufmerksamkeit ihres Mannes ringt, doch keine Liebe für ihr Neugeborenes empfindet.

      Beide Schriftstellerinnen wagen es in die Abgründe des Daseins zu blicken, sich der Sehnsucht nach Zugehörigkeit auszusetzen, und in einer angestrengt glücklichen Welt drehen sie ihren Kopf vor dem Schmerz nicht weg.

      Mitwirkende: Lejla Kalamujić, Ana Schnabl

      Moderation: Anna Götte

      Veranstalter: Traduki, JAK – Slowenische Buchagentur

    • 12:00-13:00 Uhr

      Café Europa, Halle 4, E401

      Postsozialismus

      Der Fall der Berliner Mauer ermöglichte sowohl eine reale als auch imaginäre Rückkehr nach Europa.

      Der Fall der Berliner Mauer ermöglichte sowohl eine reale als auch imaginäre Rückkehr nach Europa.

      Die Wendezeit 1989–1991 ermöglichte „postsozialistischen“ Ländern sowohl eine reale als auch imaginäre Rückkehr nach Europa. Doch stagnierende Systeme in Verbindung mit Nationalismus, Autokratie und Populismus zeigen, dass die Hinterlassenschaften der alten Regime immer noch präsent sind. Wie beschreibt man die Konditionen, in denen sich Länder hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang befinden, ohne sie zu stigmatisieren oder den üblichen Codierungen zu verfallen? Wie definiert man den Übergang, die Transformation, die für viele Länder im Osten Europas zu einem Dauerzustand geworden ist? Florian Kührer-Wielach spricht mit der renommierten serbischen Historikerin und Philosophin Dubravka Stojanović und dem Geographen Martin Müller über das Framing Osteuropas und über Ambivalenzen in Definitionen und Interpretationen des historischen Erbes.

      Mitwirkende: Martin Müller, Dubravka Stojanović

      Moderation: Florian Kührer-Wielach

      Eine Veranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit Traduki und der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder).

    • 12:30-13:30 Uhr

      Common Ground – Traduki Forum, Halle 4, D507

      Im Brand der Welten

      Ivo Andrić, ein europäisches Leben

      Er wurde als bosnischer Kroate geboren, arbeitete viele Jahre seines Lebens im jugoslawischen diplomatischen Dienst, war zu Hitlers Zeiten sogar eine Zeit lang in Berlin, und starb als serbischer Schriftsteller in Belgrad. Doch diese biografischen Fakten allein machen ihn nicht zu der außergewöhnlichen Persönlichkeit, die er war. Mit seinem sprachgewaltigen literarischen Opus erlangte er Weltruhm und ist bislang der einzige Schriftsteller aus Südosteuropa, der mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Leben und Werk von Ivo Andrić sind sowohl in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens als auch international eine Quelle der Inspiration. Wir kennen den Diplomaten, den loyalen und regimetreuen emsigen Beamten. Aber wissen oder ahnen wir, wer der Mensch Ivo Andrić war, im Brand der Welten? Wer war der Mann, der der Welt die Geschichten über den Streik der Teppichweberinnen, des Wesirs Elefanten, der Brücke über die Drina oder Omer Pascha Latas hinterließ? Und, können wir ihn endlich jenseits seiner nationalen Dimensionen wahrnehmen, als den europäischen Literaten, der er ganz und gar war?

      Mitwirkende: Miranda Jakiša, Michael Martens, Vladimir Pištalo

      Moderation: Andreas Breitenstein

      Veranstalter: Traduki, Ministerium für Kultur und Information der Republik Serbien

    • 14:00-15:00 Uhr

      Common Ground – Traduki Forum, Halle 4, D507

      Ein lyrischer Nachmittag

      Drei Stimmen aus Südosteuropa

      Dass Nordmazedonien vor Kurzem noch Mazedonien hieß, wissen wir vielleicht gerade noch. Doch was beschäftigt ein Individuum jenseits des gesellschaftlichen und politischen Alltags? Welche metaphysischen Gedanken kreisen um die Köpfe des Poeten Jovica Ivanovski und seiner LeserInnen? Zwischen dem Traum vom eigenen Land mit der harten realpolitischen Wirklichkeit konfrontiert, vom Krieg zerfurcht, ist das Kosovo. Aber was besingen seine Kinder? Welche Bilder tragen sie in ihren Köpfen und bringen sie zu Papier? Sind es lediglich die traumatischen Erfahrungen oder ist da vielleicht Platz für mehr? Montenegro wird in den westeuropäischen Ländern als wilde Schönheit beworben, als Land mit mächtigen Flüssen und gefährlichen Schluchten. Doch wissen wir auch um seine mediterrane Seite? Wissen wir, wie Verse über die Liebe und die Sterblichkeit einer Montenegrinerin klingen? Wie sich Verse aus Sand anhören?

      Mitwirkende: Jovica Ivanovski, Blerina Rogova Gaxha, Dragana Tripković

      Moderation: Sibylla Vričić Hausmann

      Veranstalter: Traduki, Kulturministerium von Montenegro, Ministerium für Kultur der Republik Normazedonien, Nationalbibliothek Kosovo

    • 15:30-16:30 Uhr

      Common Ground – Traduki Forum, Halle 4, D507

      Von Glasgärten und Wildgänsen und den entscheidenden drei Kilometern

      Geschichten über Herkunft und Zugehörigkeit

      Drei Romane mit einem Ausgangspunkt: der Kindheit. Einem Ankerplatz der eigenen Herkunft. So erzählt uns Julijana Adamović in Wildgänse von der pannonischen Tiefebene und den Gegebenheiten in einer zwar multikulturellen Umgebung, in der aber Fremdenfeindlichkeit alltäglich ist. Von einer unglücklichen Familie, in der der Vater trinkt und die Mutter und die Oma sich nicht ausstehen können. Und vom Triumph der Fantasie eines Kindes. Tatiana Țîbuleac widmet sich in ihrem jüngsten Roman der Geschichte eines Mädchens aus dem moldawischen Chișinău, das aus einem Waisenheim adoptiert wird. In Der Glasgarten erfahren wir, wie es ist, zwischen zwei Sprachen – dem Rumänischen und dem Russischen – aufzuwachsen, wie politische Ereignisse ein Leben beeinflussen und wie eine Suche nach der eigenen Zugehörigkeit aussehen kann. Nur Drei Kilometer trennen die drei Jugendlichen von der Grenze und der Freiheit. In ihrem Debüt erzählt Nadine Schneider von schweren Entscheidungen in Zeiten der Liebe und davon, was es braucht, um zu bleiben – oder was es bedeutet, sein Land zu verlassen, für sich und die, die man zurücklässt.

      Mitwirkende: Julijana Adamović, Nadine Schneider, Tatiana Țîbuleac

      Moderation: Annemarie Türk

      Veranstalter: Traduki, Ministerium für Kultur der Republik Kroatien, Rumänisches Ministerium für Kultur

    • 20:00-23:00 Uhr

      UT Connewitz, Wolfgang-Heinze-Straße 12ª, 04277 Leipzig Süd

      Die Balkannacht

      Common Ground – Literatur aus Südosteuropa

      Mit: Elena Alexieva, Mircea Cărtărescu, Damir Karakaš, Tom Kuka, Vladimir Pištalo, Renata Salecl, Ognjen Spahić

      Moderation: Aylin Rieger, Hana Stojić

      Film: Die blinde Vayscha

      Musik: Lajkó Félix Trió

       

      Es ist wieder so weit! Der Balkan ist zu Gast in Leipzig.

      Mit Literatur, Musik und Film vom Feinsten.

      Damir Karakaš wird aus dem Leben eines kroatischen Bauernjungen erzählen, das geprägt ist vom Kühehüten, von Aberglauben und Hexerei, von verdrehten Seelen und Tierärzten, die Menschen behandeln. Elena Alexieva wagt es in ihrem Roman Heiliger Wolf, mit furchtlosem Blick in die tiefen metaphysischen Schichten der menschlichen Existenz zu schauen, und vermittelt die Geschichte einer bulgarischen Göttin. Der Serbe Vladimir Pištalo lässt uns an einer imaginierten Brieffreundschaft mit dem Nobelpreisträger Ivo Andrić teilhaben. Wir werden erfahren, warum sich der albanische Schriftsteller Enkel Demi entschied, seine erfolgreichen Romane unter dem Pseudonym Tom Kuka zu veröffentlichen. Wie lange man braucht, um einen Familienroman zu schreiben, berichtet Ognjen Spahić, warum es eine Zumutung ist, sich andauernd entscheiden zu müssen, erklärt uns Renata Salecl, und der große Mircea Cărtărescu wird von einem nicht gelebten Leben als Rumänischlehrer erzählen.

      Außerdem zeigen wir den animierten Kurzfilm Die blinde Vayscha, der nach einer literarischen Vorlage von Georgi Gospodinov entstand, und im Jahr 2017 für einen Oscar nominiert war

      Für lodernde Stimmung wird der “Teufelsgeiger” aus der Vojvodina, Félix Lajkó, mit seinem Trio sorgen.

      Diesen Abend sollten Sie sich nicht entgehen lassen!

      Veranstalter: Traduki, Ministerium für Kultur der Republik Albanien, Ministerium für Kultur der Republik Bulgarien, Ministerium für Kultur der Republik Kroatien, Kulturministerium von Montenegro, Ministerium für Kultur und Information der Republik Serbien, JAK – Slowenische Buchagentur

  • Sonntag, 15. März 2020
    • 12:30-13:30 Uhr

      Common Ground – Traduki Forum, Halle 4, D507

      Partisanenpost

      Ein Comic aus Südosteuropa

      In dieser Sammlung von 30 Comic-Reportagen führt uns Aleksandar Zograf ins ehemalige Königreich Jugoslawien während der deutschen Besatzung 1941–44. Zograf recherchierte über Menschen im Widerstand und schuf Zeichnungen anhand von Briefen, Fotos, Tagebüchern, Notizbüchern, Zeitschriften- und Zeitungsartikeln. Die einzelnen Episoden dokumentieren unter anderem die letzten Tage von Hilda Dajč, deren Briefe bewegende Einblicke in die Lebensbedingungen im KZ Sajmište (Semlin) geben, den ungarischen Dichter Miklós Radnóti und sein letztes Notizbuch über den Alltag im Lager Bor oder den Comiczeichner Veljko Kockar, der 1944 unschuldig als Verräter hingerichtet wurde. Partisanenpost zeigt die Erfolge, aber auch die Fehler und Niederlagen des antifaschistischen Widerstands. So liefert der Band eine eindringliche Sammlung von Begebenheiten und Schicksalen, eine Dokumentation des Schreckens, dem die Bevölkerung Jugoslawiens im Zweiten Weltkrieg ausgesetzt war. Ergänzt wird Partisanenpost durch einen Essay von Aleksandar Zograf über seinen Großvater Petar Pavkov, der während des Krieges aktives Mitglied der kommunistischen Widerstandsbewegung war.

      Mitwirkende: Ivan Petrović, Aleksandar Zograf

      Moderation: Axel Halling

      Veranstalter: Traduki, Ministerium für Kultur in Informationen der Republik Serbien

    • 14:00-15:30 Uhr

      Common Ground – Traduki Forum, Halle 4, D507

      Das letzte Abenteuer von Kaktus Bata

      Ein Film zum Verhältnis von Künstler und Krieg

      Der bekannte Cartoonist Aleksandar Zograf entdeckt ein ungewöhnliches Comicbuch aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Held des Comics ist Kaktus Bata – ein kleiner Kaktus, der in seinem Topf gefangen ist. Fasziniert untersucht Zograf das Leben des Schöpfers von Kaktus Bata – des wenig bekannten Künstlers Veljko Kockar. Bald entdeckt er, dass Kockar kurz nach der Befreiung Belgrads im Jahr 1944 verhaftet wurde. Er wurde als Gestapo-Agent angeklagt und hingerichtet. Zografs Untersuchung enthüllt eine weitaus komplexere Geschichte: Kockars Identität und künstlerische Werke wurden gestohlen, er hat möglicherweise eine Affäre mit der Freundin eines Guerillasoldaten und er hat antikommunistische Propaganda für die Nazis gemacht. Während er die Geschichte erforscht und die Beweisfetzen 70 Jahre nach dem Ereignis zusammenfügt, sieht sich Zograf mit seinen eigenen persönlichen und künstlerischen Problemen konfrontiert: Warum haben diese kleinen Zeichnungen eine solche Kraft, Trost zu spenden, aber auch zu Gewalt zu führen?

      Veranstalter: Traduki

Balkan Film Week

Die Balkan Film Week im Vorfeld der diesjährigen Leipziger Buchmesse versteht sich als Auftakt des Projektes Common Ground: Literatur aus Südosteuropa, das 2020-2022 auf den Leipziger Buchmessen den Westbalkan als Schwerpunktregion vorstellen wird. Konzipiert von Traduki und in Zusammenarbeit mit der Leipziger Buchmesse, will Common Ground über drei Jahre die Präsenz südosteuropäischer Autorinnen und Autoren und ihrer faszinierenden und vielfältigen Literatur im deutschsprachigen Raum befördern. Das diesjährige übergreifende Thema lautet Herkunft und Zugehörigkeit. Und so geht es auch in den acht Filmen, die auf der 2. Balkan Film Week vorgestellt werden, um das ewige Sein oder Nichtsein, um die und um uns. Ein anregender Vorgeschmack auf die Buchmesse 2020.

Common Ground: Herkunft und Zugehörigkeit

Das Gefühl und das Wissen um die eigene Zugehörigkeit gehören zu den verblüffendsten Erfahrungen im Leben. Zwar scheint Zugehörigkeit eine persönliche Angelegenheit zu sein, doch das Verb gehören verlangt a priori nach einem dazu. Zu wissen, dass man dazugehört, beispielsweise zu einer Gruppe, deren Werte und Merkmale, deren gemeinsame Erlebnisse man teilt, erzeugt ein Gefühl der Akzeptanz; als Subjekt von bestimmbarer Herkunft wird man anerkannt. In dieser Formel übernimmt die Herkunft die Rolle einer „Quelle“, sie ist Schauplatz der eigenen Zugehörigkeit – zu Familie, Nationalität, Land, Gesellschaft und Kultur. Zugehörigkeit kann das starke Gefühl vermitteln, am rechten Platz und dabei anerkannt zu sein, gleichzeitig können dadurch aber auch die immerwährenden Fragen nach der eigenen Identität aufkommen und, im besten Falle, produktive Debatten losgetreten werden. Nicht ohne Grund war, historisch gesehen, die Idee der Zugehörigkeit eigentlich immer mit Begriffen wie Traditionalität, Strenge und Rigidität verwoben.

In diesem gedanklichen Gewebe sind „Wurzeln“ eine oft wiederholte Metapher: Bilder von fruchtbarem Boden werden heraufbeschworen, verleiten zum Nachdenken über lineare Lebensgeschichten, über Beständigkeit und: Zugehörigkeit. Dieses Bild aber konkurriert mit der Anschauung, Identität sei ein fluides, geschmeidiges Wesen, das sich durch die Einflüsse von „außen“ immer wieder neu erfindet. Letztendlich wird Zugehörigkeit ein Leben lang im Zusammenleben mit verschiedensten Personen, zu diversen Zeitpunkten, an unterschiedlichen Orten, mit dem sich wandelnden Ich immer wieder aufs Neue verhandelt.

Das Programm der zweiten Leipziger Balkan Film Week zeigt Filme, die dem diesjährigen Thema Common Ground: Herkunft und Zugehörigkeit folgen und vor dem Hintergrund des vielschichtigen geografischen Raumes der Balkanregion komplexe Geschichten um und über Identität zeigen. Während der vier Filmtage ist das Publikum dazu eingeladen, in zahlreiche Welten einzutauchen, die das Thema Zugehörigkeit aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten, auf eine Art und Weise, die nicht nur an den Südosten Europas gebunden ist, sondern zu vielen Orten und Plätzen unserer Welt Bezug hat. Die unterschiedlichen Facetten von Zugehörigkeit spannen einen weiten Bogen: von der Zugehörigkeit zur Familie, zum Heimatland oder der neuen Heimat (als Migrant, Flüchtling oder Asylsuchender), zur Religion oder zur Neudeutung derselben, zur eigenen Sexualität bzw. zum eigenen Gender, und nicht zuletzt zu einer bestimmten und bestimmenden Kultur. Die acht Filme, die dieses Jahr präsentiert werden, untersuchen und diskutieren die subtilen Kämpfe und Kompromisse, die dem Phänomen der Zugehörigkeit innewohnen. Denn Zugehörigkeit schließt von Natur aus einige ein und folglich andere aus. In der heutigen globalisierten Welt, in der immer strengere innere Grenzen gezogen werden – eigentlich eine contradictio in adiecto, ist die Dialektik der Gleichzeitigkeit von  Inklusion und Exklusion ein unumgängliches Thema.

Marija Katalinić, Balkan Film Week Kuratorin

  • Montag, 2. März 2020
    • 19 Uhr

      Ein Licht zwischen den Wolken (Streha mes reve)

      Robert Budina, 2018, Länge 83 Min., Spielfilm

      Albanien

      OmU

      In der rauen, aber schönen Hochgebirgs-Idylle eines albanischen Bergdorfes lebt es sich multikulturell: Der Hirte Besnik ist dank der katholischen Mutter, dem kommunistischen Vater und den muslimischen und orthodoxen Schwiegerfamilien an Kompromisse gewöhnt. Doch das friedliche Miteinander wird herausgefordert. Beim Gebet in der Moschee entdeckt Besnik etwas Unglaubliches: verborgen hinter Wandverputz offenbart sich eine christliche Heiligendarstellung. Im Zentrum der Auseinandersetzung um die Entdeckung steht nun der Hirte, der nicht einsehen mag, warum ein Gotteshaus nicht viele Wohnungen haben kann.

    • 21 Uhr

      Borders, Raindrops (Granice kiše)

      Nikola Mijović / Vlastimir Sudar, 2018, Länge 94 Min., Spielfilm

      Bosnien und Herzegowina / Montenegro / Serbien / Großbritannien / Schweden

      OmeU

      Im Anschluss an den Film gibt es eine Q&A mit dem Co-Autor/Co-Regisseur Vlastimir Sudar

       

      Ein Sommer in einem Bergdorf an der Grenze zwischen Kroatien, Bosnien und Herzegowina. Die junge Philosophiestudentin Jagoda aus Montenegro besucht ihre Familie und bricht die vermeintliche Monotonie des Dorflebens auf. Der Jugoslawienkrieg hat hier und in der Familie viele Wunden hinterlassen. Doch dieser Sommer steht im Zeichen der Versöhnung. Während die Älteren sich mit den neu geordneten Staatsgrenzen abfinden, sind die Jüngeren bereit, diese zu brechen. So kommt der kroatische Grenzsoldat Nikola der Familie von Jagoda immer näher.

  • Dienstag, 3. März 2020
    • 19 Uhr

      Double bill

      Ikea for YU

      Marija Ratković Vidaković / Dinka Radonić, 2018, Länge 52 Min., Dokumentarfilm

      Kroatien / Schweden

      OmeU

      Geprägt durch Eltern und Großeltern, die die realsozialistischen Ideen und Werte der Tito-Ära auf dem Balkan noch in sich tragen, muss sich die dreiunddreißigjährige Marija mit einem paradoxen Identitätserbe auseinandersetzen, das mit ihrer privaten Welt und ihrem Leben kaum etwas zu tun hat. Marija weiß, dass sie dieses Erbe nicht an ihren Sohn weitergeben möchte. Der Film ist ein über Jahre entstandenes Zeugnis einer Reise in die eigene Familiengeschichte, tief hinein in die intimsten Geflechte, in denen sich eine lange, wendungsreiche Geschichte festgebissen hat. Und eine Reise weit hinaus aus Kroatien, bis nach Schweden.

       

       

       

      When I Was a Boy I Was a Girl (Ja, kada sam bila kinac, bila sam klinka)

      Ivana Todorović, 2013, Länge 30 Min., Dokumentarfilm

      Serbien

      OmeU

      Goca ist ein Transvestit. Sie lebt in Belgrad, der Hauptstadt eines Landes, das die Organisation oder Teilnahme an einer Gay Parade verbietet. Goca zieht eine Tochter auf, die eigentlich ihre Nichte ist. Ihr 18-jähriger Boyfriend klaut ihr Geld, das sie als Sexarbeiterin in einem gefährlichen Umfeld verdient. Goca liebt ihn trotzdem und hat sich ein offenes, helles Wesen erhalten. An ihrem 39. Geburtstag beschließt Goca, ihr Coming-out vor Publikum auf einer Theaterbühne zu zelebrieren. Sie erzählt die Geschichte ihres Lebens: „Als ich ein Junge war, war ich ein Mädchen“.

       

    • 21 Uhr

      Gott existiert, ihr Name ist Petrunya (Gospod postoi, imeto i’ e Petrunija)

      Teona Strugar Mitevska, 2019, Länge 100 Min., Spielfilm

      Nordmazedonien / Belgien / Slowenien / Kroatien / Frankreich

      OmU

      Petrunya ist 32 und arbeitslos. Sie hat Geschichte studiert. Doch Historikerinnen werden in Nordmazedonien nicht gebraucht. Während ihres Vorstellungsgespräches bei einem Textilfabrikanten mokiert sich der Arbeitgeber über ihr geblümtes Kleid. Den Job hat sie nicht bekommen. Am Dreikönigstag springt sie, einem alten Brauch folgend, mit Männern ins Wasser und sucht nach dem Heiligen Kreuz. Sie findet es als Erste und verteidigt es gegen die Horde. Der Film hatte seine Premiere auf der Berlinale 2019.

  • Mittwoch, 4. März 2020
    • 19 Uhr

      Sieranevada

      Cristi Puiu, 2016, Länge 173 Min., Spielfilm

      Rumänien / Frankreich / Bosnien und Herzegowina /Kroatien / Nordmazedonien

      OmeU

      Nach einem grotesken Wortgeplänkel auf der Autofahrt treffen Sandra und ihr Mann Lary auf der Trauerfeier der Familie ein – Larys Vater ist tot. In der engen Wohnung in Bukarest wird in den folgenden Stunden gestritten, geweint, diskutiert, geraucht – und alle müssen mit dem Leichenschmaus auf den Priester warten, der seinen Segen geben soll. Es entfaltet sich ein schillerndes Sittenbild Rumäniens zwischen Tradition, kommunistischer Vergangenheit und der Moderne. Ein Gesellschaftsdrama von dem u.a. in Cannes preisgekrönten Regisseur Cristi Puiu.

  • Donnerstag, 5. März 2020
    • 19 Uhr

      Playing Men

      Matjaž Ivanišin, 2017, Länge 60 Min., Dokumentarfilm

      Slowenien / Kroatien  

      OmeU

      Regisseur Matjaž Ivanišin begibt sich auf eine Reise in den mediterranen Raum, auf der Suche nach Männern und ihren traditionellen Spielen bzw. Rollen, die durch die Spiele untermauert werden. Auf einer Wiese in der Türkei ringen von Kopf bis Fuß eingeölte Männer, anderswo übt man sich in Zählspielen, die von schrillen Schreien begleitet werden, und in Italien werden Käselaibe präzis durch enge Gassen gerollt. Alles das nur, um die eigene Männlichkeit zu unterstreichen. Doch plötzlich richtet der Regisseur die Kamera auf sich selbst und muss neu definieren, wonach er nun wirklich sucht.

    • 21 Uhr

      Western

      Valeska Grisebach, 2017, Länge 121 Min., Spielfilm

      Deutschland / Bulgarien / Bulgarien

      DF

      Eine Gruppe deutscher Bauarbeiter macht sich auf den Weg auf eine Auslandsbaustelle in der bulgarischen Provinz. Das fremde Land und die raue, wenig erschlossene Landschaft wecken die Abenteuerlust bei den Männern. Gleichzeitig sind sie mit ihren eigenen Vorurteilen und ihrem Misstrauen konfrontiert. Das nahe gelegene Dorf wird für zwei der Männer zur Bühne eines Konkurrenzkampfs um die Anerkennung und die Gunst der Dorfbewohner.

Presse

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