Dass die diesjährige Leipziger Buchmesse abgesagt werden musste, bedauern die Partner des Netzwerks TRADUKI sehr. Mehr Info hier.

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Unter diesem programmatischen Titel präsentiert sich in den Jahren 2020 bis 2022 auf der Leipziger Buchmesse die Literatur aus Südosteuropa – unter dem gemeinsamen Dach von Traduki. Aus ganz Südosteuropa reisen Autor*innen und Übersetzer*innen nach Leipzig, um an einem großen gemeinsamen Bücherstand, dem „Common Ground“, ihre Texte zu präsentieren. So unterschiedlich die Länder, ihre Sprachen, ihre Religionen und Geschichten auch sein mögen – im Projekt „Common Ground“ stellen alle Partner das Verbindende in den Vordergrund. Mit einem dichten Veranstaltungsprogramm aus Lesungen, gesellschaftspolitischen Diskussionen, Filmen und Musik stellt Südosteuropa seine spannende Literatur- und Kulturszene dem deutschsprachigen Publikum vor. Auch die Fachwelt, deutschsprachige Verlage, Literaturveranstalter*innen, Journalist*innen, Übersetzer*innen und Buchhändler*innen werden vieles zu entdecken haben. Es ist das erste so große und ambitionierte Projekt von Traduki seit seiner Gründung 2008.

Common Ground 2020 Programm

Herkunft und Zugehörigkeit - Eine Einladung

Im Jahr 1980, bereits im französischen Exil lebend, schrieb Danilo Kiš seinen Essay „Homo poeticus, trotz allem“. Dieser politisch erfahrene Mensch wehrte sich gegen die ihm in der westlichen Welt zugeeignete Rolle des ausschließlich politischen Menschen und hielt fest: „Und vor allem dürfen wir nicht jenem abgedroschenen Mythos aufsitzen, wonach wir Jugos und übrigen Ungarn der Literatur zu entsagen, wonach wir einzig mit unseren politisch-exotisch-kommunardischen Themen zu unterhalten haben, wonach wir bedingt nur ein homo politicus sein dürfen, immer und überall, und wonach Poesie und Form, Spiel und Spielerei, metaphysische Obsession (Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?) und Liebesschwärmereien nicht unsere Sache sind, wonach auch Sonnenuntergänge uns nichts angehen, weil sie den literatur- und poesiebeflissenen Touristen vorbehalten sind, die eo ipso das Recht haben, die Sonnenuntergänge voll Bewunderung und ruhigen Gewissens anzuschauen.“

Nach wie vor erfahren wir das meiste über die südosteuropäischen Länder aus den Massenmedien, und dort findet sich selten etwas Schönes und Zartes. Negative und angstschürende Schlagzeilen sind und waren immer gefragt, für das Stille und Alltägliche bleibt selten Platz. Mag das auch die Natur von Berichterstattung und Journalismus sein, sie trägt nicht dazu bei, dass Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Lebenswelten ohne Vorbehalte aufeinander zugehen und einander wirklich kennenlernen.

Zum Glück gibt es die Literatur!

Heute, in Zeiten des Friedens – sowohl für die südosteuropäischen als auch für die deutschsprachigen Länder – spricht alles für ein gutes Momentum, einander auf Augenhöhe zu begegnen (with a little help of some friends). Die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen in den Gesellschaften ist und bleibt dabei eine europäische Konstante. Und doch oder besser gerade deshalb haben wir uns entschlossen, diese Zeit des Friedens zu nutzen und genauer hinzusehen: Was haben wir gemeinsam? Was ist unser Common Ground? Der Common Ground, den die Länder im Südosten Europas miteinander teilen, und auch der, der dem Südosten und dem deutschsprachigen Teil Europas gemein ist.

Das Leben eines Menschen bewegt sich zwischen seiner Herkunft und dem Versuch, im Laufe der Jahre eine Zugehörigkeit zu finden, ähnlich wie ein Metronom und kann darin einen Rhythmus finden.

Wir werden in einer Stadt geboren, leben später in einer anderen. Wir ziehen um und versuchen, in neuen Ländern und neuen Sprachen Fuß zu fassen. Wir versuchen, unsere Herkunft zu verstehen und anzunehmen. Wir versuchen erwachsen zu werden und eine selbstbestimmte Zugehörigkeit zu finden. Wir werden krank, leiden an Herzrhythmusstörungen, Depressionen und Ängsten. Wir tragen Masken. Wir lieben. Und wir betrügen. Wir glauben. Wir erfahren Enttäuschung und Verrat. Wir bekommen Kinder. Wir erleben, wie politische Systeme zusammenbrechen und wie Werte über Nacht wertlos werden. Wir sind Täter und Opfer. Wir geben uns unseren Fantasien hin, als Rettung vor dem grauen Alltag. Oder weil wir hoffen, dass die Bilder der Fantasie die Bilder des Schreckens übertrumpfen können. Wir können Revolutionen beginnen. Wir erleben Schmerz, erfahren Brüche und versuchen wieder eins zu werden. Wir sind füreinander da. Wir schreiben (engagierte) Literatur mit dem stillen Wunsch, unseren Beitrag zu leisten, dass den Menschen, die uns auf der Erde folgen werden, leidvolle Erfahrungen in Zukunft erspart bleiben. Oder, dass zumindest ein anderer unseren Schmerz und unsere Trauer bezeugt und wir das Gefühl haben, es war nicht vergeblich. Und wir finden in der Literatur das Paradies, aus dem wir meinen, vertrieben worden zu sein.

Die Literatur kann einer der Wege sein, uns, zumindest für die Dauer des Schreibens und des Lesens, wieder heil werden zu lassen.

Wenn man von den ungewohnten, manchmal schwierig anmutenden Namen mit den diakritischen Zeichen absieht, wird Ihnen alles, was Sie hören, bekannt vorkommen. Manchmal ist nicht einmal ein zweiter Blick notwendig.

Im Programm, das sich in den nächsten vier Messetagen vor Ihnen und uns entfalten wird, liegt die Einladung, genauer hinzuschauen. Wir freuen uns, wenn Sie unsere Einladung annehmen.

Hana Stojić, S. Fischer Stiftung, Kuratorin des Common Ground Programms 2020

Balkan Film Week

Die Balkan Film Week im Vorfeld der diesjährigen Leipziger Buchmesse versteht sich als Auftakt des Projektes Common Ground: Literatur aus Südosteuropa, das 2020-2022 auf den Leipziger Buchmessen den Westbalkan als Schwerpunktregion vorstellen wird. Konzipiert von Traduki und in Zusammenarbeit mit der Leipziger Buchmesse, will Common Ground über drei Jahre die Präsenz südosteuropäischer Autorinnen und Autoren und ihrer faszinierenden und vielfältigen Literatur im deutschsprachigen Raum befördern. Das diesjährige übergreifende Thema lautet Herkunft und Zugehörigkeit. Und so geht es auch in den acht Filmen, die auf der 2. Balkan Film Week vorgestellt werden, um das ewige Sein oder Nichtsein, um die und um uns. Ein anregender Vorgeschmack auf die Buchmesse 2020.

Common Ground: Herkunft und Zugehörigkeit

Das Gefühl und das Wissen um die eigene Zugehörigkeit gehören zu den verblüffendsten Erfahrungen im Leben. Zwar scheint Zugehörigkeit eine persönliche Angelegenheit zu sein, doch das Verb gehören verlangt a priori nach einem dazu. Zu wissen, dass man dazugehört, beispielsweise zu einer Gruppe, deren Werte und Merkmale, deren gemeinsame Erlebnisse man teilt, erzeugt ein Gefühl der Akzeptanz; als Subjekt von bestimmbarer Herkunft wird man anerkannt. In dieser Formel übernimmt die Herkunft die Rolle einer „Quelle“, sie ist Schauplatz der eigenen Zugehörigkeit – zu Familie, Nationalität, Land, Gesellschaft und Kultur. Zugehörigkeit kann das starke Gefühl vermitteln, am rechten Platz und dabei anerkannt zu sein, gleichzeitig können dadurch aber auch die immerwährenden Fragen nach der eigenen Identität aufkommen und, im besten Falle, produktive Debatten losgetreten werden. Nicht ohne Grund war, historisch gesehen, die Idee der Zugehörigkeit eigentlich immer mit Begriffen wie Traditionalität, Strenge und Rigidität verwoben.

In diesem gedanklichen Gewebe sind „Wurzeln“ eine oft wiederholte Metapher: Bilder von fruchtbarem Boden werden heraufbeschworen, verleiten zum Nachdenken über lineare Lebensgeschichten, über Beständigkeit und: Zugehörigkeit. Dieses Bild aber konkurriert mit der Anschauung, Identität sei ein fluides, geschmeidiges Wesen, das sich durch die Einflüsse von „außen“ immer wieder neu erfindet. Letztendlich wird Zugehörigkeit ein Leben lang im Zusammenleben mit verschiedensten Personen, zu diversen Zeitpunkten, an unterschiedlichen Orten, mit dem sich wandelnden Ich immer wieder aufs Neue verhandelt.

Das Programm der zweiten Leipziger Balkan Film Week zeigt Filme, die dem diesjährigen Thema Common Ground: Herkunft und Zugehörigkeit folgen und vor dem Hintergrund des vielschichtigen geografischen Raumes der Balkanregion komplexe Geschichten um und über Identität zeigen. Während der vier Filmtage ist das Publikum dazu eingeladen, in zahlreiche Welten einzutauchen, die das Thema Zugehörigkeit aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten, auf eine Art und Weise, die nicht nur an den Südosten Europas gebunden ist, sondern zu vielen Orten und Plätzen unserer Welt Bezug hat. Die unterschiedlichen Facetten von Zugehörigkeit spannen einen weiten Bogen: von der Zugehörigkeit zur Familie, zum Heimatland oder der neuen Heimat (als Migrant, Flüchtling oder Asylsuchender), zur Religion oder zur Neudeutung derselben, zur eigenen Sexualität bzw. zum eigenen Gender, und nicht zuletzt zu einer bestimmten und bestimmenden Kultur. Die acht Filme, die dieses Jahr präsentiert werden, untersuchen und diskutieren die subtilen Kämpfe und Kompromisse, die dem Phänomen der Zugehörigkeit innewohnen. Denn Zugehörigkeit schließt von Natur aus einige ein und folglich andere aus. In der heutigen globalisierten Welt, in der immer strengere innere Grenzen gezogen werden – eigentlich eine contradictio in adiecto, ist die Dialektik der Gleichzeitigkeit von  Inklusion und Exklusion ein unumgängliches Thema.

Marija Katalinić, Balkan Film Week Kuratorin

  • Montag, 2. März 2020
    • 19 Uhr

      Ein Licht zwischen den Wolken (Streha mes reve)

      Robert Budina, 2018, Länge 83 Min., Spielfilm

      Albanien

      OmU

      In der rauen, aber schönen Hochgebirgs-Idylle eines albanischen Bergdorfes lebt es sich multikulturell: Der Hirte Besnik ist dank der katholischen Mutter, dem kommunistischen Vater und den muslimischen und orthodoxen Schwiegerfamilien an Kompromisse gewöhnt. Doch das friedliche Miteinander wird herausgefordert. Beim Gebet in der Moschee entdeckt Besnik etwas Unglaubliches: verborgen hinter Wandverputz offenbart sich eine christliche Heiligendarstellung. Im Zentrum der Auseinandersetzung um die Entdeckung steht nun der Hirte, der nicht einsehen mag, warum ein Gotteshaus nicht viele Wohnungen haben kann.

    • 21 Uhr

      Borders, Raindrops (Granice kiše)

      Nikola Mijović / Vlastimir Sudar, 2018, Länge 94 Min., Spielfilm

      Bosnien und Herzegowina / Montenegro / Serbien / Großbritannien / Schweden

      OmeU

      Im Anschluss an den Film gibt es eine Q&A mit dem Co-Autor/Co-Regisseur Vlastimir Sudar

       

      Ein Sommer in einem Bergdorf an der Grenze zwischen Kroatien, Bosnien und Herzegowina. Die junge Philosophiestudentin Jagoda aus Montenegro besucht ihre Familie und bricht die vermeintliche Monotonie des Dorflebens auf. Der Jugoslawienkrieg hat hier und in der Familie viele Wunden hinterlassen. Doch dieser Sommer steht im Zeichen der Versöhnung. Während die Älteren sich mit den neu geordneten Staatsgrenzen abfinden, sind die Jüngeren bereit, diese zu brechen. So kommt der kroatische Grenzsoldat Nikola der Familie von Jagoda immer näher.

  • Dienstag, 3. März 2020
    • 19 Uhr

      Double bill

      Ikea for YU

      Marija Ratković Vidaković / Dinka Radonić, 2018, Länge 52 Min., Dokumentarfilm

      Kroatien / Schweden

      OmeU

      Geprägt durch Eltern und Großeltern, die die realsozialistischen Ideen und Werte der Tito-Ära auf dem Balkan noch in sich tragen, muss sich die dreiunddreißigjährige Marija mit einem paradoxen Identitätserbe auseinandersetzen, das mit ihrer privaten Welt und ihrem Leben kaum etwas zu tun hat. Marija weiß, dass sie dieses Erbe nicht an ihren Sohn weitergeben möchte. Der Film ist ein über Jahre entstandenes Zeugnis einer Reise in die eigene Familiengeschichte, tief hinein in die intimsten Geflechte, in denen sich eine lange, wendungsreiche Geschichte festgebissen hat. Und eine Reise weit hinaus aus Kroatien, bis nach Schweden.

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      When I Was a Boy I Was a Girl (Ja, kada sam bila kinac, bila sam klinka)

      Ivana Todorović, 2013, Länge 30 Min., Dokumentarfilm

      Serbien

      OmeU

      Goca ist ein Transvestit. Sie lebt in Belgrad, der Hauptstadt eines Landes, das die Organisation oder Teilnahme an einer Gay Parade verbietet. Goca zieht eine Tochter auf, die eigentlich ihre Nichte ist. Ihr 18-jähriger Boyfriend klaut ihr Geld, das sie als Sexarbeiterin in einem gefährlichen Umfeld verdient. Goca liebt ihn trotzdem und hat sich ein offenes, helles Wesen erhalten. An ihrem 39. Geburtstag beschließt Goca, ihr Coming-out vor Publikum auf einer Theaterbühne zu zelebrieren. Sie erzählt die Geschichte ihres Lebens: „Als ich ein Junge war, war ich ein Mädchen“.

       

    • 21 Uhr

      Gott existiert, ihr Name ist Petrunya (Gospod postoi, imeto i’ e Petrunija)

      Teona Strugar Mitevska, 2019, Länge 100 Min., Spielfilm

      Nordmazedonien / Belgien / Slowenien / Kroatien / Frankreich

      OmU

      Petrunya ist 32 und arbeitslos. Sie hat Geschichte studiert. Doch Historikerinnen werden in Nordmazedonien nicht gebraucht. Während ihres Vorstellungsgespräches bei einem Textilfabrikanten mokiert sich der Arbeitgeber über ihr geblümtes Kleid. Den Job hat sie nicht bekommen. Am Dreikönigstag springt sie, einem alten Brauch folgend, mit Männern ins Wasser und sucht nach dem Heiligen Kreuz. Sie findet es als Erste und verteidigt es gegen die Horde. Der Film hatte seine Premiere auf der Berlinale 2019.

  • Mittwoch, 4. März 2020
    • 19 Uhr

      Sieranevada

      Cristi Puiu, 2016, Länge 173 Min., Spielfilm

      Rumänien / Frankreich / Bosnien und Herzegowina /Kroatien / Nordmazedonien

      OmeU

      Nach einem grotesken Wortgeplänkel auf der Autofahrt treffen Sandra und ihr Mann Lary auf der Trauerfeier der Familie ein – Larys Vater ist tot. In der engen Wohnung in Bukarest wird in den folgenden Stunden gestritten, geweint, diskutiert, geraucht – und alle müssen mit dem Leichenschmaus auf den Priester warten, der seinen Segen geben soll. Es entfaltet sich ein schillerndes Sittenbild Rumäniens zwischen Tradition, kommunistischer Vergangenheit und der Moderne. Ein Gesellschaftsdrama von dem u.a. in Cannes preisgekrönten Regisseur Cristi Puiu.

  • Donnerstag, 5. März 2020
    • 19 Uhr

      Playing Men

      Matjaž Ivanišin, 2017, Länge 60 Min., Dokumentarfilm

      Slowenien / Kroatien  

      OmeU

      Regisseur Matjaž Ivanišin begibt sich auf eine Reise in den mediterranen Raum, auf der Suche nach Männern und ihren traditionellen Spielen bzw. Rollen, die durch die Spiele untermauert werden. Auf einer Wiese in der Türkei ringen von Kopf bis Fuß eingeölte Männer, anderswo übt man sich in Zählspielen, die von schrillen Schreien begleitet werden, und in Italien werden Käselaibe präzis durch enge Gassen gerollt. Alles das nur, um die eigene Männlichkeit zu unterstreichen. Doch plötzlich richtet der Regisseur die Kamera auf sich selbst und muss neu definieren, wonach er nun wirklich sucht.

    • 21 Uhr

      Western

      Valeska Grisebach, 2017, Länge 121 Min., Spielfilm

      Deutschland / Bulgarien / Bulgarien

      DF

      Eine Gruppe deutscher Bauarbeiter macht sich auf den Weg auf eine Auslandsbaustelle in der bulgarischen Provinz. Das fremde Land und die raue, wenig erschlossene Landschaft wecken die Abenteuerlust bei den Männern. Gleichzeitig sind sie mit ihren eigenen Vorurteilen und ihrem Misstrauen konfrontiert. Das nahe gelegene Dorf wird für zwei der Männer zur Bühne eines Konkurrenzkampfs um die Anerkennung und die Gunst der Dorfbewohner.

Presse

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