Archipel Jugoslawien

VON 1991 BIS HEUTE

„Common Ground. Literatur aus Südosteuropa“ goes digital!

Hier präsentieren wir Ihnen in zahlreichen Gesprächen und anderen Formaten unser diesjähriges Programm, das auch im Rahmen von Leipzig liest extra – einer Veranstaltung der Leipziger Buchmesse, stattfindet.

In zahlreichen digitalen Gesprächen, Diskussionen, Buchpräsentationen, Spiel- und Dokumentarfilmen werden Autor*innen und weitere Akteur*innen zur Sprache kommen.

1991 zerfiel die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien. Dieser Zerfall hat eine ganze Generation von Autor*innen geprägt. Genau 30 Jahre später nimmt der Common Ground den Archipel Jugoslawien – Von 1991 bis heute in den Blick und präsentiert neue Bücher, Hintergründe und Schicksale. Dabei geht es nicht nur um Krieg und Hass, sondern auch um Hoffnung und neue Identitäten, und die bleibende Identifikation mit einem Staat, den es nicht mehr gibt. Um Menschen, die entwurzelt wurden, und solche, die ausharrten. Und um die Frage, wie ein Leben und Miteinander in der Gegenwart trotz allem möglich ist.

#CommonGroundReads #CommonGroundLeipzig #Traduki

FLYER HERUNTERLADEN

BIS ZUM 27. MAI

27.05.2021

28.05.2021

29.05.2021

30.05.2021

Countdown

  • ab 25. Mai
    Balkan Film Week
    Online

    6 südosteuropäische Filme
    Plus Q&A mit der Kuratorin Marija Katalinić

    Die Balkan Film Week ist wesentlicher Teil des Projektes Common Ground: Literatur aus Südosteuropa, das 2020-2022 auf den Leipziger Buchmessen den Westbalkan als Schwerpunktregion vorstellt. Das übergreifende Thema für 2021 lautet Archipel Jugoslawien – Von 1991 bis heute. Und so geht es auch in den Filmen, die bei der 3. Balkan Film Week vorgestellt werden, um den Zerfall Jugoslawiens vor 30 Jahren.

    Balkan Film Week

  • Musik für eure Ohren
    Online

    Archipel Jugoslawien & Balkannacht

    Leider fällt, zusammen mit vielen anderen live Veranstaltungen unsere berühmt-berüchtigte Balkannacht im UT Connewitz auch dieses Jahr wieder aus. Aber wir tanzen trotzdem weiter! Wir haben eine Playlist mit Songs aller Bands, die bis dato bei der Balkannacht aufgetreten sind, zusammengestellt, und sagen der Schwermut so den Kampf an. Außerdem wurden unsere Archipel Jugoslawien Mitwirkenden gebeten, uns Songs zum Jahresthema zukommen zu lassen. Et voilà: Von Jugoton Funk bis Bosnian New Wave findet sich auf unserer Archipel Jugoslawien Playlist fast alles.

  • 25. März
    Schriftsteller Ilija Trojanow über den Balkan
    Online

    Einführung zum Jahresthema

    Einen kritischen Blick auf das Verhältnis zwischen Deutschland und dem Balkan warf der in Bulgarien geborene Schriftsteller Ilija Trojanow in seiner Einführung zum virtuellen Pressegespräch am 25. März.

    Zur Videoaufnahme.

  • Ab März
    Archipel Jugoslawien Essays auf faz.net & hier
    traduki.eu/archipel-jugoslawien faz.net

    Ihre persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen rund um den Zerfall Jugoslawiens, der vor 30 Jahren begann, haben 15 Autorinnen und Autoren aus Südosteuropa in eindringlichen Essays literarisch verarbeitet.

    Sechs dieser bisher unveröffentlichten Texte sind seit Anfang März, inklusive eines Beitrags des FAZ-Redakteurs Tilman Spreckelsen, auf faz.net zu lesen.

    Die Essays:

    Ab dem 30. März werden wöchentlich weitere Essays bis Ende Mai auf dieser Seite eingestellt.

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Donnerstag, 27.05.2021

  • 19:00
    Lana Bastašić: Fang den Hasen
    Online

    Illustriert von Aleksandra Nina Knežević
    Buchpräsentation, 15 Minuten

    Eine Kindheit in Bosnien in den 1990er Jahren, zwei Freundinnen Sara und Lejla, die sich nach zwölf Jahren wieder begegnen, und ein Roadtrip, begleitet von unendlicher Hoffnung.

    Lana Bastašić ist zweifelsohne ein Name, den Sie sich merken sollten, denn bereits jetzt schon gilt sie als Shootingstar der europäischen Literaturszene. Der Roman Fang den Hasen (S. Fischer, 2021) wird in 13 europäischen Sprachen erscheinen, und ist Dank der Übersetzerin Rebekka Zeinzinger nun auch auf Deutsch erhältlich.

    Ein Buch über das Erwachsenwerden, über den Weg vom Kind zur Frau, aber auch über das Träumen und darüber, welchen Preis wir bezahlen müssen, um darauf verzichten zu können.

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  • 19:30
    Leben am Tatort
    Drei SchriftstellerInnen der jungen Generation erzählen
    Online

    Mit: Blerina Rogova Gaxha, Faruk Šehić, Tomislav Marković
    Moderation: Hana Stojić
    Gespräch, 55 Minuten

    Wie lebt man heute am Tatort? Wie ticken die Uhren nach der Apokalypse? Wem galt das leichte Leben in Jugoslawien und wem nicht?

    Anlässlich des dreißigsten Jahrestags des Endes von Jugoslawien hat Traduki bei insgesamt 15 AutorInnen aus den Nachfolgestaaten Essays in Auftrag gegeben. AutorInnen verschiedener Generationen wurden gebeten zurückzublicken und ihre unterschiedlichen Erfahrungen in Worte zu fassen. Im ersten Gespräch zur entstandenen Essaysammlung sprechen drei von ihnen, die zwischen 1970 und 1982 geboren wurden, über die Kriegs- und Nachkriegserfahrungen in jenen drei Ländern, die heute noch vor besonders großen Aufgaben und Herausforderungen stehen: Serbien, Bosnien und Herzegowina und Kosovo.

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Freitag, 28.05.2021

  • 20:00
    Die guten Tage
    Haus des Buches Leipzig & Stream

    Mit: Sandra Gugić, Shpëtim Selmani, Tijan Sila
    Moderation: Arno Frank, Jörg Plath, Anila Wilms
    3 Buchvorstellungen mit Lesungen

    Die einzige Präsenzveranstaltung des Common Ground, die während der Leipziger Buchmesse auch tatsächlich in Leipzig stattfinden wird, gewährt den LeserInnen einen Einblick in das Werk von drei AutorInnen, die jeweils ganz unterschiedliche Beziehungen zu Südosteuropa haben. Sandra Gugić erzählt in Zorn und Stille von der Familie. Und von Billy Bana, die die Gastarbeitererfahrung der Eltern, die Jugoslawien verließen, in ihr eigenes Leben zu integrieren versucht. Shpëtim Selmani schildert im Büchlein der Liebe poetische Eindrücke von Literatur und Nationalismus und vom  Vater werden. Sein Text berührt durch Wut und Sensibilität. Tijan Sila entwirft die Figur eines jungen Punks in der pfälzischen Provinz, der einen unaussprechlichen Namen trägt, und in der Musik und der Liebe seine Zugehörigkeit findet. Witzig und in rasendem Tempo.

    Link zur FB Veranstaltung & Streaming-Link

Samstag, 29.05.2021

  • 14:00
    Jugoslawien ist tot. Der Jugoslawismus auch?
    Online

    Mit: Dragan Markovina, Dubravka Stojanović
    Moderation: Dirk Auer
    Gespräch, 55 Minuten

    Was ist noch übriggeblieben von Jugoslawien in der Erinnerung seiner ehemaligen Bewohner, und wie lauten die offiziellen nationalen Narrative zu diesem ehemaligen Staat? Was ist der Jugoslawismus, und hat er die Kriege der 1990er Jahre überlebt? Gibt es einen postjugoslawischen Raum, und wie sieht dieser aus? Was sind die großen nationalen Lügen und Mythen, die aufrecht erhalten werden, und muss man zu ihnen schweigen? Was sind die größten gesellschaftspolitischen Aufgaben, vor denen die Länder (immer) noch stehen?

    Die HistorikerInnen aus Belgrad und Split wagen einen schmerzvollen Blick in die Vergangenheit, kommentieren aktuelle politische und gesellschaftliche Ereignisse und denken über mögliche Zukunftsperspektiven der Staaten des Westlichen Balkan nach.

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  • 19:00
    Rumena Bužarovska: Mein Mann
    Online

    Illustriert von Samira Kentrić
    Buchpräsentation, 15 Minuten

    Elf Frauen erzählen von ihren Männern – Dichtern, Gynäkologen, Botschaftern und Polizisten. In den Beziehungen, die sie führen, sind sie nicht mehr, als es ihr Beziehungsstatus ist, also Frauen ihrer Männer. Fast jeder Versuch von Emanzipation oder Selbstverwirklichung scheitert.

    Rumena Bužarovska beschreibt in ihrem Erzählband Mein Mann (Suhrkamp, 2021) die Machtverhältnisse in patriarchalen Beziehungen. Und sie tut dies erbarmungslos. Doch schafft sie es immer wieder, uns auch zum Lachen zu bringen. Vielleicht gerade weil sie nichts beschönigt.

    Spätestens seit diesem Buch gehört sie zu den am meisten gelesenen AutorInnen in Südosteuropa.

    Dank der Übersetzung von Benjamin Langer können wir die Texte nun auch in deutscher Sprache lesen.

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  • 19:30
    Der geliebte Diktator: Tito
    Online

    Mit: Marie-Janine Calic, Ivo Goldstein
    Moderation : Doris Akrap
    Gespräch, 55 Minuten

    Die politische Figur Tito war ein Partisan, Kommunist, Befreier, Reformator und Visionär, der den jugoslawischen Raum wie kein anderer geprägt hat. Er war aber auch ein undemokratischer alleiniger Herrscher Jugoslawiens, verantwortlich für das Straflager nach stalinistischem Modell, Goli otok. Die Person Josip Broz war ein Schlosser, und ein Lebemann, der Luxus genoss und mit Hollywood Schauspielern befreundet war.

    Er war ein Held, jubeln seine Fans. Verbrecher! Massenmörder! – schreien die anderen.

    Was sind Titos größte politische und gesellschaftliche Errungenschaften? Was war seine Rolle bei der Gründung der Blockfreien Staaten? Was bedeuteten Verfassungsreformen für den diversen Staat Jugoslawien? Woran ist er gescheitert? Wie war sein Verhältnis zu den beiden Teilen Deutschlands? Können sich EU-Politiker heute etwas von Tito abschauen?

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Sonntag, 30.05.2021

  • 14:00
    Das Jahr 1991 und seine Folgen für Albanien, Jugoslawien und für die Sowjetunion
    Online

    Mit: Sergej Lebedew, Arian Leka, Andrej Nikolaidis
    Moderation: Doris Akrap
    Gespräch, 55 Minuten

    Das Jahr 1991 war für mehrere Länder in Europa von großer Bedeutung. Jugoslawien ist in Gewalt auseinandergefallen. In Albanien wurde das kommunistische Regime von Enver Hoxha gestürzt. Die große Sowjetunion zerfiel, und aus diesem Vielvölkerstaat entstanden insgesamt 15 Nachfolgestaaten.

    Welche Auswirkung haben der Stalinismus und das verordnete Verdrängen des Gulag-Systems auf die heutige Gesellschaft in Russland? Was ist von der Euphorie nach der Ablösung des Kommunismus in Albanien geblieben? Wie funktionieren die postjugoslawischen Gesellschaften zwischen Jugo-Nostalgie und Hypernationalismus?

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  • 19:00
    Tijan Sila: Krach
    Vom Aufwachsen eines Bosniers in Deutschland
    Online

    Mit: Tijan Sila
    Moderation: Hana Stojić
    Gespräch, 39 Minuten

    In seinem dritten Roman Krach (Kiepenheuer & Witsch, 2021) kreiert der 1981 in Sarajevo geborene Tijan Sila die Figur eines Deutsch-Bosniers mit dem unaussprechlichen Namen: Sabahudin Hadžijalijagić. Aber Gott sei Dank gibt es Spitznamen! Gansi lebt in den 1990er Jahren in der pfälzischen Provinz, will sein Abi bestehen, prügelt sich mit Nazis und erfährt die erste große Liebe. Nebenbei will er mit seiner Punkband Pur Jus die Bühnen der Republik rocken.

    Dieser Roman bietet uns die Möglichkeit, die Frage der Identität nicht allein aus der Perspektive des Mangels zu diskutieren, sondern er zeigt einen ganz anderen, eher unerwarteten Weg auf, wie man Zugehörigkeit finden kann.

  • 20:00
    Nostalgie und ihre Fallstricke
    Drei hommes de lettres erinnern sich
    Online

    Mit: Drago Jančar, Slobodan Šnajder, László Végel
    Moderation: Jörg Plath
    Gespräch, 55 Minuten

    Seit genau 30 Jahren gibt es den Vielvölkerstaat Jugoslawien nicht mehr. Ein gebotener Anlass für einen Rückblick. Ist das Jubiläum nur außerhalb Ex-Jugoslawiens interessant, oder auch in seinen ehemaligen Teilrepubliken?  Was bedeutet der Begriff Jugonostalgiker? Reicht es allein, sich mit Jugoslawien zu beschäftigen, um ein Nostalgiker zu sein? Gibt es Ähnlichkeiten zwischen Jugoslawien und der Europäischen Union? Kann man aus dem Scheitern Jugoslawiens lernen?

    Das Ende Jugoslawiens jährt sich 2021 zum dreißigsten Mal. Traduki hat dies zum Anlass genommen, bei insgesamt 15 AutorInnen aus den Nachfolgestaaten Essays in Auftrag gegeben. AutorInnen verschiedener Generationen wurden gebeten zurückzublicken und ihre unterschiedlichen Erfahrungen in Worte zu fassen. Drago Jančar, Slobodan Šnajder und László Végel, große Schriftsteller des früheren Jugoslawien, sind drei davon.

Videos

Donnerstag, 27. Mai 2021

Ankündigung - 10:00 Uhr

19:00 Uhr

19:30 Uhr

Samstag, 29. Mai 2021

Ankündigung - 10:00 Uhr

14:00 Uhr

19:00 Uhr

19:30 Uhr

Sonntag, 30. Mai 2021

Ankündigung - 10:00 Uhr

14:00 Uhr

19:00 Uhr

20:00 Uhr

Mitwirkende

Doris Akrap
Dirk Auer
Xhevdet Bajraj
Lana Bastašić
Aleksandar Bečanović
Rumena Bužarovska
Marie-Janine Calic
Darko Cvijetić
Lidija Dimkovska
Arno Frank
Ivo Goldstein
Sandra Gugić
Drago Jančar
Samira Kentrić
Aleksandra Nina Knežević
Sergej Lebedew
Arian Leka
Tomislav Marković
Dragan Markovina
Andrej Nikolaidis
Jörg Plath
Blerina Rogova Gaxha
Faruk Šehić
Shpëtim Selmani
Tijan Sila
Slobodan Šnajder
Dubravka Stojanović
Hana Stojić
Mile Stojić
László Végel
Goran Vojnović
Anila Wilms
Zoran Žmirić
Team

Archipel Jugoslawien
Von 1991 bis heute

Hana StojićKuratorin des Common Ground Programms

Was tun nach dem Ende der Welt? Wie weiterleben nach  der Apokalypse? Heilt die Zeit alle Wunden? Wohin mit der eigenen (und fremden) Nostalgie? Wo stehen die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens heute? Sind die postjugoslawischen Gesellschaften bereit, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen? Ist mit dem Ende Jugoslawiens auch die Idee des Jugoslawismus verschwunden? Waren die Fundamente dieses Staates nicht gut ausgegossen oder genügte wirklich nur ein falscher Mann an seiner Spitze, um das Haus zum Einsturz zu bringen? (Was) kann Europa aus Jugoslawiens Fehlern lernen?

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Essays

Ihre persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen rund um den Zerfall Jugoslawiens, der vor 30 Jahren begann, haben 15 Autorinnen und Autoren aus Südosteuropa in eindringlichen Essays literarisch verarbeitet. Sechs dieser bisher unveröffentlichten Texte sind seit Anfang März 2021, inklusive eines Beitrags des FAZ-Redakteurs Tilman Spreckelsen, auf faz.net zu lesen:

Die Essays sind Drohnenflug von Darko Cvijetić, Brüderlichkeit und Einigkeit von Rumena Bužarovska, Das steinerne Floß von Drago Jančar, Das leichte Leben von Blerina Rogova Gaxha, Leben am Tatort von Tomislav Marković sowie Von der Namenlosigkeit von Goran Vojnović.

Bis Ende Mai wurden wöchentlich weitere Essays auf der Archipel Jugoslawien-Seite veröffentlicht, gemeinsam mit den schon erwähnten sechs Essays.


Leben am Tatort

von Tomislav Marković

Das steinerne Floß

von Drago Jančar

Brüderlichkeit und Einigkeit

von Rumena Bužarovska

Drohnenflug

von Darko Cvijetić

Von der Namenlosigkeit

von Goran Vojnović

Archipel Jugoslawien

von Zoran Žmirić

Archipel Jugoslawien 1991-2021

von Xhevdet Bajraj

Das verräterische Herz

von Slobodan Šnajder

Spuckt nicht auf unsere Existenzen

von Mile Stojić

Die Waisen Europas

von László Végel

Jugoslawien in meinem Leben, mein Leben in Jugoslawien in zehn Abschnitten

von Lidija Dimkovska

Die apokalyptische Uhr

von Faruk Šehić

Nostalgie: die Melancholie der Rechten

von Andrej Nikolaidis

Das letzte jugoslawische Pop-Lied

von Aleksandar Bečanović

Das leichte Leben

von Blerina Rogova Gaxha

Credits: privat

Mein Vater ist kein besonders geselliger Mensch. Gespräch ist seine Sache nicht. Selten redet er, und wenn, dann nur kurz. An jenem Septembertag 1990 machte er den Mund gar nicht erst auf. Er kam von der Arbeit nach Hause und zog sich schweigend in sein Zimmer zurück.

Es ist für Nahestehende nicht immer leicht zu erkennen, wenn jemand einen Absturz erleidet. Aber bei verschwiegenen Menschen, wie meinem Vater, erst recht. Als Maschinenbauer leitete er zu jener Zeit die Energieabteilung in der Fabrik Metaliku bei Gjakova – eine Stadt im Südwesten von Kosova, nahe der albanischen Grenze. Meine Mutter arbeitete in einer Textilfabrik, ebenfalls in Gjakova. Beide wurden in jenem Herbst entlassen, weil sie, wie tausende andere, sich weigerten, eine Treueerklärung an Serbien zu unterschreiben.

Meine Eltern wurden geboren, als das Experiment Jugoslawien seinen Lauf nahm. Ich wurde geboren, als dieses Experiment vor dem Scheitern stand. Alle drei waren wir Zeitzeugen jenes „bolji život”, wie die Jugoslawen es nannten. Das sozialistische Jugoslawien – ein gemeinsames Projekt mehrerer Balkanvölker – sollte diesen für viele Jahrzehnte ein gutes, ein „leichtes Leben“ bescheren. Eine Ausnahme bildeten darin die kleineren Ethnien wie die Albaner. Trotzdem haben wir drei ein wenig von der jugoslawischen Idylle kosten können. Meine Eltern waren von dem berühmten jugoslawischen Slogan beseelt, von Titos Motto, wonach „der Frieden hundert Jahre dauern wird“. Am anderen Ende stand meine Generation, mit dem ständigen Gefühl, dass „der Krieg jederzeit ausbrechen kann“. Und das tat er wirklich, jederzeit, und jedes Mal in neuem Gewand.

„Bolji život” war nie für die Kosovoalbaner gedacht. Die neunziger Jahre sollten dann gänzlich die Slogans von Brüderlichkeit und gemeinsamem Friedensprojekt hinwegfegen. Es folgte die offene Feindschaft, und die ehemalige brüderliche Gemeinsamkeit verkam zur fernen Erinnerung. Diese begleitet uns seltsamerweise bis heute, als Denkmal der “Brüderlichkeit-Einigkeit” im Herzen der kosovarischen Hauptstadt, wenn auch in anderer Bedeutung – des einen Glorie steht heute für des anderen Schande. Mein neunjähriger Sohn dagegen findet es einfach nur hässlich und bizarr. Noch befremdlicher findet mein Kind den früheren Namen des Sportpalastes: Boro-Ramiz. Ich erzähle ihm die Mär von den zwei Partisanen, Helden Jugoslawiens, der eine Serbe, der andere Albaner. Und von deren Brüderlichkeit, die als Symbol für die Einigkeit beider Völker stand. Er schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.

Die sakral anmutende, dinosaurierhafte kommunistische Architektur verschmilzt mit dem profanen Alltag der Bewohner und Passanten, was die Jüngeren, wie mein Kind, äußerst kurios finden. Diese steinernen Zeugen des Mythos der Brüderlichkeit bleiben erstaunlich wirkmächtig. Vielleicht weil der Tod des Mythos eine Zeit der Gewalt und Katastrophen nach sich zog, mit seinem letzten Atemzug als einem mächtigen, langsamen Sog in den Abgrund.

Ein Sturz in den Abgrund war auch jener Septembertag im Jahr 1990, als die Lebensläufe meiner Eltern wie ein Kartenhaus in sich zusammenfielen. Meine Mutter spricht ab und zu über diesen Tag; wie die lebenslangen Mühen und Hoffnungen auf ein besseres Leben über Nacht vernichtet wurden. Davon sollten sich meine Eltern nie wieder erholen, ihr Leben verlor für immer jede Aussicht auf Struktur und Kontinuität.

Im Frühjahr 1989 war Kosova der Status als autonome Region der Jugoslawischen Föderation, den es seit 1974 besaß, bereits aberkannt worden. Es fiel damit direkt unter die serbische Polizeiherrschaft. Das Leben meiner Eltern samt meiner Kindheit wurde auf den Kopf gestellt. Im Ausnahmezustand war an ein normales Leben nicht mehr zu denken. Das “leichte Leben” gehörte nun endgültig einer vergangenen Epoche an.

Ich war klein und mir der Schwere des Einschnitts zunächst nicht bewusst. Meine Routine änderte sich aber allmählich. Die Eltern waren jetzt viel mehr zuhause. Unsere Bewegung wurde immer mehr eingeschränkt: die Spaziergänge am Wochenende, die Qualität des Essens. Alles begann zu schrumpfen, auch die Zahl der Einwohner. Kosova wurde zur verlassenen Heimat für viele, die die Flucht ins westliche Europa antraten, oder noch weiter, über den Ozean. Doch für meinen Vater kam das nicht in Frage. Er würde dieser Erde immer treu bleiben, niemals würde er sie verlassen. Es lag an seiner tiefen, nach außen hin kaum wahrnehmbaren Heimatbindung, die in der turbulenten Familiengeschichte begründet war. Seinen Großvater hatten die Partisanen getötet, seinen Vater trieben die Kommunisten in den Ruin, indem sie ihn zum Umzug in andere Städte zwangen.

Der Ausnahmezustand und die polizeilichen Maßnahmen setzten uns schwer zu. Im Bemühen, angesichts der bedrohlichen Umbrüche das Familienleben einigermaßen heil zu halten, wandte sich mein Vater in den ausgedehnten Zusammenkünften am Samstagabend seinen Erinnerungen aus der Studienzeit in Zagreb zu. Er erzählte Geschichten aus der Zeit, die er für die schönste in seinem Leben hielt, oder von seinen Reisen durch Europa in den siebziger und achtziger Jahren, als Kosovoalbaner, die sich das leisten konnten, sich frei bewegen durften. Es waren die einzigen Geschichten, die er erzählen mochte, und ich hörte ihm gerne zu. Ich lernte sie dadurch kennen, die Quelle seiner Liebe. Ich träumte dabei von anderen Leben, anderen Orten, anderen Welten. Was gab es dort, hinter den Grenzen unserer bedrohten Realität? Das blieb für mich unbekannt, und ich lernte, in meinem eigenen Häuschen zu leben. Wir reisten nicht mehr, nur einmal im Jahr machten wir Ferien an der montenegrinischen Küste, in Ulcinj, wo wir eine Sommerhütte besaßen.

Jene unbekannte Welt und jene unbekannten Orte malte ich mir schön aus. Ich wagte nie zu fragen: „Wo ist die Grenze?“ Es gab so viele Grenzen, sichtbare und unsichtbare: politische, wirtschaftliche, sprachliche, kulturelle. Die andere Welt blieb unbekannt und ich wurde zur dauerhaften Träumerin.

Auch Träumen war eine „Straftat“, aber davon konnte mich niemand abhalten, und ich erzählte meine Träume mir selbst. Der Traum von Freiheit war ein schönes, seidenes Tuch. Der Traum von der Volkserhebung war ein zerfetztes, geflicktes Tuch. Der gerechte Gott des Traums war nicht gerecht, als er uns solch große Träume schenkte. Denn am Ende blieb alles nur ein Traum. Bis heute erinnere ich mich an diese Träume, so fassbar für mich damals, dort auf den Straßen, wo die Proteste stattfanden. Meinen Traum von Freiheit erträumte ich am Straßenrand, auf dem Hauptplatz, mitten in der Menge von Tausenden, die wie Soldaten ohne Fahnen marschierten. Ich glaubte den großen Männern, die uns Kinder „kleine Helden der Zukunft“ nannten, welche am Straßenrand von gestern die Freiheit von morgen zusammenweben. Auf die Straße zu gehen, bedeutete, sich der Realität der Lebensunterdrückung zu stellen – da traf sich die Ohnmacht einer Zehnjährigen mit dem nationalen Drama. Dieses Erlebnis gehört zu den mächtigsten meiner Kindheit: Gefühlsaufruhr aus Revolte, Stolz und Furcht. Ich flickte meinen Traum mit den Slogans „Freiheit-Demokratie!“, „Kosova-Republik!“, bis er am Ende des Tages wieder zerfetzt wurde und wir enttäuscht nach Hause zurückkehrten. In diesem Durcheinander erträumte ich mir die große Revolution, die Frieden bringen würde, ohne zu ahnen, dass eine Kindheit in einer solch dramatischen, spannungsreichen Zeit das spätere Erlebnis des Friedens erschweren, ja entstellen würde. Ich war ein Kind, das in einem ununterbrochenen Kriegszustand lebte und sich jeden Tag fragte, welcher neue Krieg denn morgen ausbrechen wird.

Wie weit entfernt die großen Träume von unserem Familienleben auch lagen, zuhause war alles gut, solange es fürs Essen reichte. Nach ihrer Entlassung wurde meine Mutter zur Hausfrau, während mein Vater eine kleine Hühnerfarm auf den Ländereien von Großvater betrieb. In ruhigeren Zeiten lief der Handel. Wenn die Spannungen wuchsen, stockte er, und das Essen auf dem Tisch wurde weniger. So hing unser häuslicher Segen direkt von der politischen Lage ab.

Ich weiß noch, es muss 1993-1994 gewesen sein, wie ich einen roten, hochmodischen Mantel in den Schaufenstern des Kaufhauses sah und unbedingt haben wollte. Vergeblich versuchte ich, meinen Vater zum Kauf zu überreden. „Wir haben das Geld nicht“, gab er schroff zurück. Es war ein sehr trauriger Tag. Nicht nur wegen des Mantels, sondern wegen all der Dinge, die ich nicht haben konnte. Ich wünschte mir echte Sachen, Farben, Düfte, Reisen, reale, fassbare Freiheiten und nicht nur deren Abbildungen. Ich wollte gerne ein eigenes Zimmer haben. Ich wollte wirklich reisen können, statt die Welt im Fernsehen zu sehen. Ich träumte von einem echten, eigenen Leben, aber ich lebte in einem kleinen Haus in einer kleinen Stadt und in einer Zeit, in der sich täglich über unseren Köpfen Großes und Erschütterndes zusammenbraute.

Die Geschichte war dabei, ihre nächste Seite aufzublättern; es geschah vor unseren Augen und mit schwindelerregender Geschwindigkeit. Ich gewöhnte mich an das furchtbar Große und Leere, an die Unsichtbarkeit der begehrten Dinge und legte mir Gleichgültigkeit zu. Es klingt erschreckend, dieses Leben mit dem Gefühl, dass morgen alles wieder vorbei sein könnte. Aber wir erwiesen uns als erstaunlich robust und fähig, uns blitzschnell an alles anzupassen. In einer Welt, in der sich alles ständig verschob, lernten wir, unsere kleinen Oasen zu schützen.

Dieses “sich verschiebende Leben” war das Gegenstück zum “normalen Leben”. Das normale Leben setzt Stabilität voraus und das Gefühl, dass es vorangeht. Wenn man im Chaos lebt und die Normalität außer Reichweite liegt, neigt man zu deren Überhöhung. In Zeiten, in denen die Realität ständig auf- und abgebaut wird, wie Theaterkulissen bei jeder neuen Szene, tauchen die großen, metaphysischen Fragen auf – über den Sinn und Unsinn des Lebens, über das Unentschlüsselte in unserem genetischen Code.

Die Forscher haben eine “epigenetische” Erklärung über die Weitergabe von psychisch-physischen Traumata: Diese hinterlassen ihre Spuren in den Genen des Individuums, die dann den Nachkommen vererbt werden. Mein Vater wollte nie über sein Trauma reden, und doch wurde sein Trauma auch meins. Er wollte nie darüber reden, wie die Realität durch das Trauma verformt wird. Er sprach nie über den Tod, außer wenn er sagte, es sei Zeit, den Tod von sich wegzuschieben. So weit wie möglich! Ich dagegen mochte es, über den Tod zu reden, zumal er in meiner Zeit einen ganz anderen Stellenwert angenommen hatte. Er herrschte über unser Leben und gab diesem eine völlig neue Perspektive. Er brachte mir eine große, wenn auch maßlos ironische Lektion bei – nicht über das Nichts danach, sondern über die Fülle im Hier und Jetzt. Mein Flirt mit dem Tod war künstlerisch und philosophisch. Doch zu jener Zeit gab es überall Menschen, die wussten, wie man stirbt. Und auch welche, die zu töten fähig waren.

 

 

Wir schreiben das Jahr 1998. Es ist Frühsommer, draußen brennt die Sonne. Meine Mutter legt ihre “Tagesschicht” ein, sie kocht, putzt und wäscht. Mein Vater ist gerade eben vom Markt zurück, wo er Eier verkauft hat, schweigsam, abwesend, mit der Last der sengenden Hitze auf den Schultern. Er liest die Zeitung. „Es geht los“, sagt er. Mutter senkt den Kopf. Sie geht in die Küche, Kaffee kochen.

Ein paar Tage später kam meine Kindheitsfreundin zu Besuch. „Ich ziehe in den Krieg“, sagte sie, „und wir sehen uns vielleicht zum letzten Mal.“ Sie sah nicht wie eine Kriegerin aus. Sie war schön, blondes Haar, blaue Augen, sehr attraktiv. Ich kannte sie seit immer, sie lebte im Nachbarhaus. Wir hatten oft über die Revolution gesprochen, “Heldinnen” gespielt. Die Revolution gibt sich die Ehre, ihre eigenen Söhne zu fressen. Für die Töchter reicht nicht einmal das. Sie bleiben hinter der Tür, wie ein Besen, mit dem man den Boden kehrt. Dieses schöne und leidenschaftliche sechzehnjährige Mädchen floh eines Nachts ins Hinterland, zur kosovarischen Armee. Einige Jahre später hörten wir, dass sie Selbstmord begangen hatte.

Unsere Wege trennten sich in jenem Sommer. Sie ging, ich blieb. So prägt die Geschichte Parallelen und Unterschiede. Vielleicht gibt sich die Revolution manchmal die Ehre, auch ihre eigenen Töchter zu fressen. Aber wenn überhaupt, dann auf den echten Schlachtfeldern und nicht in den verträumten Ecken wie der meinen. Während draußen eine echte Tragödie die Menschen beschäftigte, blieb ich bei meinen Büchern. Das war mein Weg, inmitten des reißenden Stroms zu überleben.

Die Trennlinie zwischen denen, die von der Revolution träumten, und denen, die die Revolution machten, verlief ein paar Kilometer hinter unserem Haus. Aber was unvorstellbar ist, kann nicht passieren – bis es wirklich passiert. Ich war durch mein eigenes Vorstellungs-Unvermögen geschützt; ich glaubte, dass dieser neue Krieg nicht so aufregend sein kann. Das Grauen versteckte sich vollends hinter dem Unvorstellbaren.

Das Jahr 1999 sollte dann die gnadenlose Klarheit bringen – das ganze Ausmaß der Tragödie und der Absurdität des Seins, der Geschichte, des Schicksals. Es war ein Hinabsteigen in die Hölle, in die absolute Unmenschlichkeit. Es war die Begegnung mit der Faszination des Bösen.

Am Abend des 24. März 1999 verfolgten mein Vater und ich die BBC-Nachrichten über den Beginn der NATO-Bombardements gegen Serbien. Es war sein altes Radiogerät, das er seit seiner Studienzeit besaß. Er trank Raki. „Es ist der Anfang vom Ende“, sagte er, „es heißt, bald ist alles vorbei.“ Dann schwieg er wieder, mit dem Ohr am Gerät. Ich hörte mit, in meinem gelben Schlafanzug. Ich konnte nicht schlafen. Es war die letzte Nacht, in der ich in meinem Schlafanzug, in meinem Haus schlafen würde. Es war eine schöne Nacht, wenn auch eine sternenlose.

Viele schliefen ruhig in jener Nacht, durch das Unvorstellbare geschützt. Viele andere hatte das Unvorstellbare schon eingeholt. Als ich wach wurde, hörte ich die Stimmen mehrerer Frauen aus unserem Wohnzimmer. Die Frauen in meiner Stadt waren immer schon die Ersten gewesen, die die Neuigkeiten erfuhren und verbreiteten. Heute berichteten sie völlig verstört über Gräueltaten, Tötungen, Vergewaltigungen, Vertreibungen, die in der vorigen Nacht durch militärische und paramilitärische serbische Kräfte verübt worden waren. Und die bis Mitte Juni systematisch fortgesetzt werden sollten, in jenem Jahr des Teufels.

Unser Haus füllte sich mit Dutzenden Flüchtlingen. Wir zogen am selben Tag, alle zusammen, in ein anderes Haus. Und dann in ein anderes, und noch ein anderes, wir, sterbensbedrohte Nomaden, die das Sterben so weit wie möglich von sich wegzuschieben versuchen.

In jener ersten Nacht der Bomben wurde unser Leben in zwei Teile aufgespalten: in die Zeit vor dem Grauen und in die Zeit nach dem Grauen. Das Unvorstellbare wurde vorstellbar und würde es auch für immer bleiben. Getrennt werden die beiden Teile von einer Erinnerungslücke, von dem Rätsel, wie wir über Nacht zu nichts und niemand werden konnten.

Der Krieg war zu Ende, doch die schlimmsten Tage sollten noch folgen. Die Gefallenen hatten sich in den Eulengesängen schlafen gelegt, die Überlebenden kehrten in die Heimat zurück. Die Toten kennen keinen Groll, und die Lebenden mussten ihn verlernen. Sie mussten den Frieden erlernen und den Krieg vergessen.

Der schrecklichste Tag des Krieges war für mich der erste Tag der Befreiung. Ich fühlte mich so erschöpft wie noch nie. Meine Mutter brachte das vor Monaten verlassene Haus in Ordnung. Mein Vater ging zu seinem früheren Arbeitsort, in die Fabrik, um sich umzusehen. Der Gigant aus Metall stand völlig leer da, ausgeraubt.

Ich hob meine vergrabenen Bücher und mein erstes Gedichtmanuskript wieder aus. Die Erde hatte sie aufbewahrt, so wie sie die Knochen der Toten aufbewahrt. Das Haus war da, alles war da. Aber unsere Seelen kamen nur mühsam hinterher.

 

Deutsch von Anila Wilms

 

Leben am Tatort

von Tomislav Marković

Credits: Edi Matić

Der blutige Zerfall Jugoslawiens fiel in die Zeit meiner Kindheit und meines Heranwachsens. Während der oberste Kommandant der Horde des Bösen, Slobodan Milošević, danach strebte, mein Land gründlich auseinanderzunehmen, formte ich mich als Person und denkendes Wesen. Nicht nur in meinem, sondern im Namen von uns allen, die wir in den Siebzigern geboren sind, kann ich sagen, dass uns die Erfahrung des Zerfalls Jugoslawiens entscheidend beeinflusst hat, dass sie uns als Menschen geprägt und bestimmt hat, was wir sind und sein werden. Auch wenn die Bezeichnung „Zerfall der SFRJ“ ziemlich weit verbreitet ist, ist sie nicht wirklich die adäquateste, es handelt sich vielmehr um einen grausamen, hinterlistigen Mord aus niederen Beweggründen. Als Tatzeitpunkt gilt für gewöhnlich das Jahr 1991, in dem sich Slowenien und Kroatien von Jugoslawien abspalteten und die kriegerischen Auseinandersetzungen ihren Anfang nahmen.

Ich tendiere eher zur Meinung des Rechtsanwalts Srđa Popović, des wahrscheinlich weisesten Interpreten unseres Grauens, wonach sich der Tod Jugoslawiens genau am 28. September 1990 ereignet hat, dem Tag, an dem die Verfassung Serbiens angenommen wurde, durch die sich Miloševićs Republik vom Bundesstaat praktisch abgespalten hat. Mit diesem Rechtsakt hat sich Serbien zum unabhängigen und souveränen Staat erklärt und fortan die rechtliche Ordnung der SFRJ nicht mehr geachtet. Serbien hat sich faktisch als Erstes von Jugoslawien abgespalten, was im allgemeinen Chaos dieser turbulenten Zeit jedoch unbemerkt geblieben ist, verdeckt von Miloševićs Propaganda über die Wahrung des Bundesstaats, hinter der sich der Plan verbarg, Kriege zu beginnen und ein Großserbien zu schaffen, in dem er der absolute Herrscher sein würde.

Zu diesem Zeitpunkt war ich 14 und besuchte die achte Klasse der Grundschule. Es folgte der komplette Zusammenbruch einer Welt, die ich gerade erst kennenzulernen begann, der Welt des sozialistischen Systems, das fest und beständig wirkte, als würde es für immer andauern. Alles, was sie mir acht Jahre lang in der Schule beigebracht hatten, war plötzlich nicht mehr gültig, alles wurde in Feuer und Blut zerstört, woraus etwas Neues und Anderes geboren wurde – eine Missgestalt, die unvergleichlich schrecklicher war als Dr. Frankensteins Monster. So begann, wie Radomir Konstantinović zu sagen pflegte, das Leben mit dem Monster. Und es dauert bis zum heutigen Tag an, denn das nationalistische Ungeheuer ist immer noch gesund und munter, es hat sich lediglich in seine Höhle zurückgezogen, um sich nach mehreren Kriegsniederlagen die Wunden zu lecken und auf eine günstige Gelegenheit zu neuem Menschenmorden zu warten.

Hass, Chauvinismus, Gewalt, Verbrechen, Konzentrationslager, Genozid, Armut, gesellschaftlicher Zerfall, Kriminalität, nationale Homogenisierung, Rehabilitierung der Tschetniks, Freiwilligenbanden, Kriegshetzerei, Bombardierung, Isolation, Sanktionen, Verschwörungstheorien, Leugnung der Verbrechen, Glorifizierung der Massenmörder — das ist das Ambiente, in dem ich aufgewachsen bin. Doch für Selbstmitleid und das Lamentieren über das schlimme Schicksal, allzu beliebte Disziplinen in dieser Region, ist kein Platz – ich habe es gut erwischt. Ich war im Land des Aggressors, auf dessen Territorium kein Krieg geführt wurde, ich hatte Glück, im Gegensatz zu vielen meiner Altersgenossen aus Kroatien, Bosnien oder dem Kosovo, die gelitten haben, weil sie keine Serben waren, deren Schulfreunde und Schulfreundinnen, Nachbarn, Eltern, Verwandte und Freunde getötet worden sind.

Auf der Suche nach einer rationalen Erklärung

Gegen Ende des Lebens, in seinen späten Jahren, schrieb Srđa Popović in sein Notizbuch: „Zuerst lebt der Mensch, später versteht er dann, was er wirklich durchlebt hat.“ Dieser weise Spruch lässt sich auch auf meinen Fall anwenden, mit einem unbedeutenden Eingriff: Zuerst lebt der Junge, später versucht dann der Mann zu verstehen, was der Junge wirklich durchlebt hat. Die jahrzehntelange Praxis hat gezeigt, dass diese Aufgabe alles andere als leicht ist. Ich habe Tausende Seiten darüber gelesen, was uns widerfahren ist, Hunderte ausgezeichnete Texte und Analysen, Dutzende kluge, fundierte Bücher, in denen nahezu alles erklärt ist, und doch habe ich den Eindruck, dass mir nichts klar geworden ist. Schlimmer noch, ich habe mindestens mehrere Tausend Seiten über den Mord an der SFRJ, den großserbischen Nationalismus, Kriegsverbrechen, das Leugnen, die Rolle der Intellektuellen und der Kirche in der nationalistischen Konterrevolution, die Geschichtsrevision und Dutzende ähnliche Themen geschrieben, aber immer noch quält mich derselbe Eindruck der Unbegreiflichkeit des Grauens, in dem wir seit Jahrzehnten weiter bestehen.

Mit meinem Eindruck bin ich nicht allein, ich teile ihn mit Menschen, die unsere Apokalypse noch viel ernsthafter, ausführlicher und fundierter untersucht haben. Nach Dutzenden Interviews und Texten, den vielen Jahren, in denen er zuerst davor warnte, was passieren würde, und dann den Untergang der serbischen Gesellschaft im Bösen präzise analysierte, sprach Srđa Popović im Sommer 2000 von jahrzehntelangen Freunden, die auf die andere Seite wechselten, Hass verbreiteten und bewusst zu Krieg und Gewalt aufstachelten: „Sie haben mein Verständnis von der Natur des Menschen verändert. Es hat sich gezeigt, dass Menschen zu unvorhersehbaren Metamorphosen fähig sind, dass Freundschaften brüchig sind, dass Menschen unter bestimmten Bedingungen zu Monstern werden können. Ich versuche noch immer zu verstehen, wie das geschieht. Erfolglos. Ich weiß, manche wollten schnell an die Macht, ließen sich von billigem Applaus hinreißen, manche sind korrupt, trotzdem verstehe ich dieses Aussterben jeglichen Verstands, jeglicher Ehre, jeglichen Anstands, jeglichen menschlichen Mitgefühls nicht.“

In ihrem Buch Kovanje antijugoslovenske zavere („Das Schmieden der antijugoslawischen Verschwörung“) schlussfolgert Sonja Biserko nach einer ausführlichen Analyse der intellektuellen Elite und des serbischen nationalen Programms, nach einer Chronologie der Ereignisse von 1966 bis 2006 mit Hunderten von Zitaten, nach fast vierhundert Seiten fundiertester Darlegung der Genese des großserbischen Nationalismus, in der alles bis ins Detail erklärt ist: „Eine rationale Erklärung für alles, was in Serbien geschehen ist, nicht nur während der letzten zwei Jahrzehnte, sondern auch während des gesamten 20. Jahrhunderts, ist nicht möglich. Es gibt keine rationale Antwort auf die unnötigen Opfer der Kriege, die während des 20. Jahrhunderts und der megalomanischen Prätention auf dem Balkan geführt worden sind.“ Wie gut das Böse und dessen morbide Manifestationen auch untersucht werden, selbst wenn rationale Erklärungen für jede politische und ideologische Gewalttat gefunden werden, bleibt immer ein irrationaler Rest übrig, der sich nicht in rationale Kategorien einordnen lässt. Es bleibt immer eine innere Unruhe zurück, die unaufhörlich im Kopf pocht und immerzu dieselbe Frage wiederholt: Wie ist das alles überhaupt möglich?

Genau davon spricht auch die Figur von Faruk Šehićs Erzählung Pregaženi čovjek („Der überfahrene Mensch“): „Wenn mir jemand erklärt, was das für ein Mensch ist, der 1992 eines Morgens aufwacht, das Gewehr aus dem Versteck holt, die serbische Trikolore mit den vier „S“ über der Türschwelle aufhängt, zu seinem Nachbarn geht, diesen aus dem Haus in den Matsch jagt, auf die Knie zwingt, das Bajonett zückt und das Menschenwesen abschlachtet, den Nachbarn, den Trauzeugen, den langjährigen Freund; wenn mir das jemand rational erklärt, in einfache Elemente zerlegt, dann wird es einfacher sein zu leben. Ich glaube, eine solche Antwort gibt es nicht. Die moderne Wissenschaft, die Parapsychologie, die Religion, die Metempsychose – niemand und nichts hat eine Zauberformel für die Lösung dieser Frage, die wir alle mit unter die Erde nehmen werden.“

Die Begegnung mit dem Bösen

Wir alle haben erlebt, was Joseph Brodsky in seiner Rede an die Diplomanden des Williams College als „Begegnung mit dem Bösen“ bezeichnet hat. Ein lakonischer, einfacher Ausdruck für etwas, was wir bis ans Ende unseres Lebens zu begreifen versuchen werden. Bei einer anderen Gelegenheit beschrieb Brodsky das stalinistische System mit dem Syntagma „anthropologische Katastrophe“, das auch auf unseren Fall anwendbar ist. Auch für die offizielle Bezeichnung unserer Gesellschaftsordnung wäre es ein Kandidat. Ich lebe weder in einer Demokratie noch in einer Diktatur noch in einer Stabilokratie — sondern in einer anthropologischen Katastrophe. Von allen Bezeichnungen für diese anomische, amorphe Ordnung scheint mir dieses Syntagma am treffendsten zu sein.

Die Geschichte oder eine andere personifizierte Macht der Unterwelt hat meinem fernen Vorgänger von vor dreißig Jahren, diesem Jungen, der in der Zwischenzeit irgendwo verschwunden ist, eine Begegnung mit dem Bösen beschert. Mehrere Jahrzehnte später versucht der Mann, der „mit diesem Jungen“, wie Zbigniew Herbert über sein frühes Selbst sagt, „nichts gemein hat außer dem Geburtsdatum und der Papillarlinie“, diese juvenile Erfahrung in irgendwelche Begriffe zu übersetzen, zu verstehen, was geschehen ist, denn er hat inzwischen einen Erkenntnis- und Analyseapparat gewonnen, der dem verwirrten Junge nicht zur Verfügung gestanden hat.

Es fällt leicht, das nationalistische Galimathias eines Dobrica Ćosić oder Matija Bećković zu demontieren und deren chauvinistische Floskeln über die „humane Umsiedlung“ oder „das teuerste serbische Wort“ auf den Kopf zu stellen, aber die Erfahrungen des einstigen Jungen zu bewältigen ist schwer. Denn weder Ćosić noch Bećković haben im Dezember 1990 Verräterlisten angefertigt, von denen, die nicht für Miloševićs Sozialistische Partei Serbiens gestimmt hatten, Erschießungslisten, auf denen sich auch die Eltern des Jungen wiederfanden. Das haben seine Nachbarn getan, die örtlichen Mitarbeiter der Geheimpolizei UDB, vielleicht für eine würdige Apanage, vielleicht aber auch freiwillig — der patriotische Elan dieser euphorischen Jahre war groß, wenigstens an Denunzianten hat es uns nie gemangelt.

Der junge Mann, der dem Jungen das Schachspielen beigebracht und ihm die Sizilianische Verteidigung, die Italienische Partie und das Damengambit gezeigt hatte, wurde, als der Krieg begann, zu Vojislav Šešeljs Freiwilligem, zum Bauern in einer Partie, bei der die Mächtigen mit Menschenköpfen spielten. Als er aus dem slawonischen Kriegsgebiet zurückkehrte, angetrunken und mit zerrütteten Nerven, erzählte er dem Jungen, wie es ist, ein Gebiet zu säubern, eine Bombe in ein Haus zu werfen und dann zuzusehen, wie Kinderdärme durch die Luft fliegen. Der Junge hörte erschüttert und ungläubig zu, es ging ihm nicht in den Kopf, wie dieser stille und ruhige junge Mann, mit dem er bis gestern noch Nachmittage am Schachbrett verbracht hatte, sich auf einmal in etwas Monsterhaftes verwandelt hatte. Er hatte das Gefühl, der Schachspieler würde übertreiben und fabulieren. Einige Monate später nahm der Schachspieler sich das Leben. Er erhängte sich an einem Balken auf dem Dachboden seines Geburtshauses.

Diejenigen, die ihn in den Krieg getrieben haben, sind heute noch am Leben, gesund, mächtig und reich. Einer von ihnen war bis vor Kurzem Volksabgeordneter, ein anderer ist der ehemalige und ein dritter der heutige Präsident Serbiens. Der Mann, der das Geburtsdatum und den Fingerabdruck mit dem Jungen teilt, hat zu Hause noch die Bücher im Regal stehen, die ihm der Schachspieler geschenkt hat, die Biografien der Großmeister und Schachchampions Anatoli Karpow und Raúl Capablanca. Bis heute weiß er nicht, ob der Schachspieler die Wahrheit gesagt oder auf morbide Weise mit vorgetäuschten Kriegstaten geprahlt hat. Es ist schwer zu glauben, dass jemand, mit dem du aufgewachsen bist, zum Verbrecher geworden ist.

Der Junge wurde groß, er war schon ein junger Mann, als im Kosovo Krieg geführt wurde. An diesem Krieg beteiligte sich auch ein Verwandter des Jungen, als Unteroffizier der Jugoslawischen Armee. Nach der Rückkehr wollte dieser nichts von seinem ruhmvollen Kampf erzählen. Eines Sommerabends jedoch tat der Alkohol das Seine, und der Soldat schob die Tür zu seiner Seele einen Spalt breit auf. Mit leidenschaftlichem Elan erzählte er davon, dass es nichts auf der Welt gebe, was mit den Freuden der Kriegsführung verglichen werden könne, es gebe nichts Schöneres und Aufregenderes als den Kampf, das Schießen, die Konfrontation mit dem Feind. Ihm tue nur leid, dass wir im modernen Zeitalter lebten, mit Waffen, die zwischen den gegnerischen Armeen Distanz erforderten, er misse und sehne sich nach der Zeit des Mittelalters, nach der Kosovo-Schlacht, bei der man dem Feind Brust an Brust gegenübergestanden habe, mit Messer, Säbel und nackten Händen. Er würde sich am liebsten in eine Zeitmaschine setzen, in die Vergangenheit reisen und mit den Türken raufen, um den Rausch des echten Kampfes zu spüren, den höchsten Genuss und die höchste Freude, die es auf der Welt gebe.

Dem einstigen Jungen kam Dmitri Karamasow in den Sinn, der in ähnliche Abgründe der menschlichen Seele geblickt und gesagt hatte: „Der Mensch ist weit, meine Herren, allzu weit sogar. Ich würde ihn enger machen!“ Weil das aber ein unmögliches Unterfangen ist, bleibt uns nur, das eigene Verständnis von der menschlichen Natur auszuweiten. Viele Jahre später las ich Miloš Crnjanskis Oklevetani rat („Der verleumdete Krieg“), worin noch dieser Satz steht: „Die aber, die im Krieg waren und zwischen den Toten lagen, wissen, dass der Krieg erhaben ist und es keinen höheren Moment im Leben eines Menschen gibt — es hat ihn nie gegeben — als die Teilnahme des Bewussten in der Schlacht“. Dieser Satz klang mir irgendwie vertraut, als seien wir uns schon einmal irgendwo begegnet.

Die Abrechnung

Die Begegnung mit dem radikalen Bösen, das alles vor sich zerstört, bestimmt in den formenden Jahren unausweichlich auch das Verständnis von der Natur des Menschen, ein Verständnis, das seinen Ausgangspunkt im anthropologischen Pessimismus findet. Diese Position hat nichts mit ideologischen Neigungen zu tun, vielmehr hat sie ihren Ursprung in einer sehr konkreten und extremen traumatischen Erfahrung. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sich Menschen über Nacht in Menschenfresser verwandeln, wie anständige Leute, Familienväter, angesehene Bürger, die bis dahin keiner Fliege etwas zuleide getan haben, zu Blutrünstigen werden, die zur Endabrechnung mit den „Ustascha“, den „Balije“ und den „Šiptari“ aufrufen, mit sonderbaren Entitäten, von denen sie nur eine nebelhafte Vorstellung haben, da sie ihnen meist noch nie im Leben begegnet sind. Die fehlende Empirie hat sie nicht daran gehindert, das Ausrotten anderer menschlicher Wesen zu propagieren, denn Miloševićs wütende Propaganda hat diese als Feinde definiert.

Es gibt keinen Irrsinn, an den die Menschen nicht glauben, wenn irgendeine Autorität sie nur oft genug ausspricht. Zum Beispiel reden sie euch seelenruhig ein, Serbien befinde sich nicht im Krieg, und schicken gleichzeitig eure Nachbarn und Verwandten an die Front. Oder in Srebrenica sei kein Völkermord verübt worden, es handle sich hier um Rache an Soldaten, obwohl sie im Fernsehen das Video der „Skorpione“ gesehen haben und wie diese in Potočari Kinder töten und bestialisch verhöhnen. Wir befanden uns, wie Nadeschda Mandelstam sagt, „unter Menschen, die sich bewusst vom Guten losgesagt und sich von ganzem Herzen daran gemacht haben, die monsterhaftesten Triebe in sich und ihren Volksgenossen zu befördern.“ Es zeigte sich, dass diese Triebe nicht viel benötigen, um sich zu regen, es sind dünnhäutige Seelenmächte, die selbst auf den zartesten Reiz einer agitierenden schriftstellerischen Feder empfindlich reagieren.

Ich habe das schlimmste Gesicht des Menschengeschlechts gesehen, von Hass verzerrt, blutig und böse, gemein und niederträchtig. Ich möchte nicht generalisieren, aber ich kann mich den Schlussfolgerungen auch nicht entziehen, die der Lebenserfahrung in einer Gesellschaft entsprungen sind, die sich freiwillig auf den Weg des Zerfalls und der Zerrüttung begeben hat, als hätte die gesamte Gemeinschaft beschlossen, Selbstmord zu begehen und dabei noch jeden, der sich in der Nähe befindet, mit in den Tod zu nehmen. Die Schlussfolgerungen sind niederschmetternd, es ist schwer, mit ihnen zu leben, aber sie müssen aufgeschrieben werden. Menschen sind weder vernünftig noch human, Menschen sind völlig wahnwitzige Wesen, verzerrt, roh, böse und niederträchtig. Es gibt kein Grauen, keine Gemeinheit, keine Qual, keine Misshandlung, nichts, was ein Mensch einem anderen nicht antun würde, und das ohne jeglichen Grund, einfach nur, weil er es kann. Wenn uns das Großwerden und Heranreifen in der anthropologischen Katastrophe irgendetwas gelehrt hat, dann, dass der Mensch radikal verwerflich ist. Genau denselben Schluss hat auch Joseph Brodsky gezogen, der ebenfalls in der soeben erwähnten Gesellschaftsordnung groß geworden ist und darin gelebt hat, bis sie ihn vertrieben haben.

Diese niederschmetternde Schlussfolgerung wirkt auf den ersten Blick, ganz im Geist des anthropologischen Pessimismus, fatalistisch, doch das ist nur Schein. Denn der Mensch ist nicht radikal böse, weil es seinem Wesen entspricht, sondern weil er sich frei dafür entschieden hat, seine monsterhaften Triebe von der Kette loszulassen. Wenn wir die Erkenntnis akzeptieren, dass der Mensch radikal verwerflich ist, also fähig zum furchtbarsten Bösen, dann ließe sich darauf auch etwas aufbauen. Die Akzeptanz dieser Vorstellung könnte zum Beispiel der erste Schritt zur Bewusstwerdung Serbiens sein, zur Auseinandersetzung mit dem Verbrechen, das in unserem Namen begangen worden ist. Zu glauben, dass wir potenzielle Verbrecher sind, ist näher an der Wahrheit, bescheidener und weniger gefährlich als zu glauben, wir wären himmlische Engel.

Im ersten Fall errichten wir die Gesellschaft auf der Vorstellung, dass wir die anderen vor unserer Bosheit bewahren müssen. Genau darauf gründet doch wohl jede Rechtsordnung. Wozu sonst dienen die Gesetze? Der gegenteilige Fall, wenn wir uns für erhabene Wesen halten, für Übermenschen, Angehörige eines himmlischen Volkes — wohin dieser führt, wissen wir. Mitten hinein in Gewalt, Verbrechen, Genozid und Faschismus. Das ist die einzige Lehre, die ich aus dem alles umfassenden Zerfall ziehen kann, der einzige Hoffnungsschimmer in der geballten Finsternis. Vielleicht ist es gut, dass der Junge spurlos verschwunden ist, sodass ich ihm nicht verkünden kann, zu welchen Erkenntnissen ich gekommen bin, wohin mich seine qualvolle Erfahrung geführt hat. So wie ich ihn kenne, würde er auf all dies nur verächtlich abwinken und meine Überlegungen zum falschen Trost eines mittelalten Mannes erklären, der mit der Welt einen Pakt zu schließen versucht. Wenn mich das trügerische Gedächtnis nicht täuscht, war er ein erbitterter Gegner jeglicher Kollaboration mit der mürrischen Struktur des Universums.

 

Deutsch von Margit Jugo

Das steinerne Floß

von Drago Jančar

Credits: Jože Suhadolnik

Wenn das gemeinsame Leben in einer Ehe unerträglich wird, entscheiden sich die Eheleute für eine Scheidung. Und wenn dies nach langen und mühseligen Gesprächen, nach schrecklichen und allseitig erniedrigenden Formalitäten endlich eintrifft, kommt auf beiden Seiten eine gähnende Leere zum Vorschein. Die Leere einer ausgeräumten Wohnung, die Leere einer menschlichen Amputation, der leere Klang der Stille dessen, was fehlt. Und dies obwohl es zahlreiche Konflikte gegeben hat, jawohl, sogar Hassgefühle. Aber wo Hass herrscht, da herrscht auch Liebe, wie man in jedem Kolportageroman nachlesen kann.

So sahen meine Gedanken im Jahr 1991 aus.

Dreißig Jahre später würde ich zu dem Titel, den Traduki für eine Essay-Serie über den jugoslawischen Archipel vorgeschlagen hat, als Sinnbild für den Zerfall dieses ehemaligen Staates eher den Roman von José Saramago Das steinerne Floß heranziehen. Darin erzählt der Autor die Geschichte der Pyrenäenhalbinsel, auf der ein winziger, mit einem Ulmenzweig gezeichneter Strich tektonische Verschiebungen auslöst, woraufhin sich die Halbinsel vom Kontinent abspaltet und zu einer Insel wird, ein steinernes Floß, das ins weite Meer hinausdriftet; die unfähigen Politiker und Reichen schaffen das Geld weg, die verlassenen Hotels an der Küste werden von Obdachlosen bezogen, ein Chaos entsteht.

Das mag uns vertraut vorkommen, etwas Ähnliches ist mit Jugoslawien passiert, und als dieses zu einem Archipel geworden war, brachen auf Grund von ein paar unsichtbaren Linien, die sich zwischen uns eingekerbt hatten, auch Brücken zwischen den Inseln ein, Fähren versanken, sogar Telefondrähte und Unterwasserkabel, die sie einst verbunden hatten, wurden gekappt. Für eine ziemlich lange Dauer.

Nun fahren die Schiffe wieder und in den Kabeln surrt es nur so vor Kommunikation.

Heute kann ich über Jugoslawien in literarischen Metaphern sprechen. Damals, anno 1991, hatte ich persönlichere Überlegungen. Wie hätte es anders sein können, wo ich bis zu diesem Jahr mein ganzes Leben im Staat mit diesem Namen verbracht hatte. Ich dachte an den Augenblick der Trennung zwischen Slowenien und Jugoslawien, ich verglich es sogar mit äußerst persönlichen Erfahrungen, das heißt mit den Geschichten von Freunden und Verwandten, denen solche Dinge widerfahren waren.

Die mühsamen Gespräche laufen bereits, die habgierigen Eheleute sind schon dabei, ihr Vermögen in Sicherheit zu bringen. Der Verstand sagt, so musste es kommen, da dieser Staat von Anfang an nicht gut aufgestellt war. Und dennoch: Wir haben unser ganzes Leben mit ihm, bei ihm, in ihm verbracht. Ich liebe Dalmatien, sentimentale Erinnerungen verbinde ich mit seinen weingetränkten Nächten, den betörenden Düften des Mittelmeers, dem kühlen Stein seiner Plätze und Kirchen, der Antike, der Renaissance, der Stille in den Gärten der katholischen Klöster auf den Inseln. Mit den bosnischen Flüssen, der Reziprozität der Kulturen und Religionen Sarajevos, dem Treiben orientalischen Handelns, dem Klopfen feiner Hämmerchen auf Kupfer in den Werkstätten der engen Gassen. Mit dem biblischen Mazedonien, der ratternden Sprache meiner mazedonischen Freunde, voller emotionaler und kluger Gedankensprünge. Mit der breiten Donau, Novi Sad, wo wir bei Festivals bei Mandolinenmusik die vergänglichen Augenblicke des Theaterruhms feierten und die ebenso vergänglichen Augenblicke (ungerechter) Niederlagen in Wein ertränkten. Mit Belgrad mit seiner unendlichen Vitalität, mit seinen Morgendüften aus den unzähligen kleinen Bäckereien, den serbischen Kollegen mit ihrem schwarzen politischen Humor und ihrer Selbstironie, die heute verschwunden zu sein scheint. Mit Südserbien, Vranje, wo ich gegen meinen Willen als Soldat ein ganzes Jahr meines Lebens verbracht und nebst einer unangenehmen Kaserne auch die paradoxe Mischung aus orientalischer Genusssucht und orthodoxer Mystik erlebte; süßer Kummer, die Morava, slawische Lieder in Begleitung orientalischer Trommeln und Trompeten. Und nicht zuletzt mit dem nahen Zagreb, das in diesem Text keinesfalls auf derselben Seite wie Belgrad würde stehen wollen oder gar – um Gottes willen! – Südserbien. Zagreb, mit seinen Augen nach Wien gerichtet und mit beiden Beinen am Balkan, Zagreb, das schon beinahe Slowenien ist, und dennoch etwas anderes, seine historische Pathetik, die kroatischen Schachbretter, der scharfe katholische Messianismus, das Zentrum einer Landschaft, die die westliche Zivilisation verteidigt: Antemurale Christianitatis. Jawohl, auch Zagreb sollte sich bald in einem anderen Staat wiederfinden, er wird Republik Kroatien heißen. Und nicht ohne einen Anflug von erschrockener Eigenliebe kann ich auch nicht umhin, an meine Bücher zu denken, die in den Regalen und in den Schaufenstern der Buchhandlungen in all diesen Städten lagen, in verschiedenen Sprachen, Schriften und Ausstattungen, auf den Bühnen großer und kleiner Theaterhäuser, wo die Schauspieler meine dramatischen Erdichtungen mit der Intensität von Körper und Geist erfüllten.

Soll all das wirklich verloren sein?

So habe ich gedacht, geschrieben und gesprochen.

Als auf Grund solcher Sätze meinerseits Predrag Matvejević notierte, ich sei ein Jugonostalgiker, und vorsichtig hinzufügte, in „kulturellem Sinne“, hatte er recht. Ich war es und bin es noch immer – aber wirklich der Kultur wegen – im engeren und weitesten Sinne.

Auf Jugoslawien blicke ich manchmal mit Nostalgie zurück, manchmal mit Wut. Mit Nostalgie all seiner kulturellen Vielfalt und der Freunde wegen, mit Wut wegen der Diktatur und der dummen Politiker, die über sie herrschten. Wäre Jugoslawien eine Demokratie gewesen, wäre es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zerfallen. Es war jedoch eine Diktatur mit einem einzigen und unfehlbaren Staatsführer an der Spitze und einem mächtigen Apparat aus Militär, Polizei, Bürokratie, mit Pionierseiden, Ritualen in riesigen Stadien zu Titos Geburtstag. Ich kannte Menschen, die in einem jugoslawischen Gulag auf der Insel Goli otok interniert waren, ich kannte solche, die ihre Väter auf Grund von revolutionärer Gewalt verloren hatten, auch solche kannte ich, die sich aus politischen Gründen, manchmal auch wegen eines einzigen falschen Satzes in einer Gesellschaft, eines Satzes oder Witzes über Tito oder einen anderen kommunistischen Führer, in einem Gefängnis wiederfanden. All das wurde mir jedoch erst in jenen Jahren klar, als ich ein heranreifender Junge war, und wenn einen jungen Menschen der gesunde Menschenverstand trifft, das heißt Wissen und ein Blick auf die Welt, dann geht auch Skepsis und Widerstand einher. Davor hatte ich mich der glücklichen Illusion hingegeben, dass es schön sei, „in unserer Heimat jung zu sein“, wie wir bei den Pionierfeiern gesungen hatten.

Jugoslawien war eine Diktatur, wenn auch viel freier als andere kommunistische Staaten. In den Sechzigerjahren wurden die Grenzen geöffnet, die Menschen sahen, dass sie besser lebten als in Ungarn oder der Tschechoslowakei. Der kulturelle Umlauf und die Schaffenskraft im Land waren viel offener. Anderswo in Osteuropa hätte man sich schwer vorstellen können, dass – wie in Ljubljana oder Belgrad – in den Auslagen der Buchhandlungen Werke von Solschenizyn, Kundera, Bunin, Camus oder Orwell lagen. Kritische Literaturzeitschriften wurden herausgegeben, es wurde viel übersetzt, die Theater waren ein aufregender Ort der Suche nach freien ästhetischen und gesellschaftskritischen Inszenierungen. Die sogenannte „Schwarze Welle“ (Crni talas) des jugoslawischen Films sorgte für einen beachtlichen künstlerischen Höhenflug und leistete beißenden Widerstand gegen die politische Eindeutigkeit.

Offene Grenzen und kulturelle Freiheiten waren aber nicht gleichermaßen mit politischer Freiheit gleichzusetzen. Wir lebten in dem eigenartigen Paradox, dass der Staat mit seinem Einparteiensystem und allen Institutionen dennoch eine Diktatur blieb. Und die Menschen aus der Politik verstanden nicht, dass die Welt und Europa sich veränderten. Auch nicht, dass gerade infolge einer solchen politischen Ordnung und Mentalität die Wirtschaft zusammenbrach. In den Achtzigerjahren dachten wir über eine Umgestaltung Jugoslawiens in einen demokratischen und konföderativen Staat nach. Angesichts der Quadratköpfe von Generälen und Menschen an der Parteispitze Jugoslawiens konnte dies allerdings nicht geschehen. Jugoslawien zerfiel nicht nur wegen der Nationalismen, der kulturellen und wirtschaftlichen Unterschiede; diese Unterschiede wirkten zwar zentrifugal, am Zerfall jedoch trug die Diktatur Schuld. Die Machthaber verstanden nicht, dass die Zeit für Veränderungen gekommen war. Ich denke noch heute, dass der große Staat nicht zu dem heutigen Archipel zerbröckelt wäre, wenn wir eine demokratische Ordnung gehabt hätten. Und wenn dies schon passiert wäre, wäre es nicht auf so fürchterliche Art und Weise passiert.

Der Krieg brach aus, zuerst für kurze Zeit in Slowenien, wohin aus den Kasernen die Panzer der Jugoslawischen Volksarmee angerollt kamen, dann Kroatien, dann die Hölle in Bosnien und Herzegowina. Im Krieg war ich in Sarajevo und sah, was vor sich ging, das war eine schmerzhafte Erfahrung. Darüber schrieb ich den Reiseessay „Kurzer Bericht über eine lange belagerte Stadt: Gerechtigkeit für Sarajevo“ (Kratak izvještaj iz dugo opsjednutog grada). Viele Bekannte und Freunde hatten sich in jenen Jahren entfremdet, viele wurden vom Sog des Krieges, in dem sie sich für die eine oder andere Seite entschieden hatten, mitgerissen.

Ende der Neunzigerjahre diskutierten wir als eine Gruppe von Schriftstellern aus allen neuen Staaten des damals bereits ehemaligen Jugoslawiens drei Tage lang in Frankfurt zur Zeit der Buchmesse. Wir wollten uns diesem unsinnigen Abriss aller kulturellen Bande, des Austausches und dieser völlig abgebrochenen Kommunikation zwischen den Inseln des Archipels entgegenstellen. Schließlich erstellten wir eine Erklärung über die Notwendigkeit einer Erneuerung der kulturellen Zusammenarbeit auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens. Die Erklärung schickten wir mit unseren Unterschriften an alle führenden Tageszeitungen und anderen Medien von Ljubljana bis Skopje. Sie traf auf ein sehr schwaches Echo. Nur wenige veröffentlichten unser Schreiben, es wurde von einigen Seiten angegriffen, die Mehrheit winkte lediglich ab: Was glauben bloß diese Künstler, wer sie sind? Es interessierte niemanden, die Menschen wandten sich dem Leben auf ihren eigenen Inseln zu. Dieses Leben spielte sich bereits während des wilden Wettkampfs um die Aneignung von Geld und Macht auf jeder Insel einzeln ab und damit das gegenseitige politische Gemetzel im Inneren, so in etwa, was die Deutschen Selbstzerfleischung nennen.

Bereits zu Beginn des Zerfalls dieses Staates dachte ich darüber nach, dass es trotz der Aversion, die ich gegenüber seinen Parteiapparaten verspürte, kein einfacher Augenblick wäre, wenn ich mich plötzlich nur unter meinen lieben Slowenen wiederfinden würde, auf dem Weg nach Europa, europäische Phrasen plappernd, unter lauter groben Unternehmern und sanfteren Sängern, zwischen verwandtem Allwissen und einhergehender Scharfzüngigkeit, Missgunst, Schadenfreude. Ein Schriftsteller kennt eben seine Umgebung und deren Schwächen. Aber das war nur ein Teil des Problems; was uns erwartete, war eine noch viel größere Überraschung. Zumindest für uns, die wir dachten, die Demokratie sei ein magisches Mittel gegen alle Arten von gesellschaftlichen Problemen.

Ich weiß nicht, was genau wir uns vorgestellt hatten. Gewiss eine parlamentarische Ordnung, Presse- und Redefreiheit, wirtschaftlichen Aufschwung. Ehe wir uns wirklich bewusst waren, was vor sich ging, traten wir in eine Ära ein, die wir, die sich für die Demokratie stark machten, überhaupt nicht verstanden. Irgendwann schrieb ich: Wir träumten von Demokratie und erwachten im Kapitalismus. Und in was für einem! Nicht in einem gewöhnlichen Kapitalismus. Man nannte es Transformationskapitalismus. Einem recht wilden, der viele Menschen verarmt, vereinsamt, verloren zurückließ. Nicht nur in Slowenien und anderen Ländern Ex-Jugoslawiens, sondern in ganz Osteuropa. Das Gesamtvermögen bzw. das „gesellschaftliche“ Vermögen musste Besitzer bekommen, die „Privatisierung“ nahm ihren Lauf, ein Prozess, für den man in Russland den Begriff „prichvatizacija“ erfand. Nicht nur in Slowenien, in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens, sondern auch anderswo in Osteuropa dachten wir Menschen der Feder und Bücher nicht viel darüber nach, dass der Kapitalismus seinem eigenen Regelwerk zugrunde liegt, dass Kapitaleigentümer die Politik, Medien, ja das gesamte gesellschaftliche, ja sogar kulturelle Leben beeinflussen können. Und dass die Demokratie eine so zerbrechliche Gesellschaftsform ist – es findet sich immer jemand, der sich so viel wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Raum wie möglich aneignen will. Natürlich – damit keine Missverständnisse aufkommen – denke ich noch immer – mit Churchill gesagt: Die Demokratie mag die schlechteste aller Staatsformen sein, aber es gibt keine bessere. Das Leben in der schönen neuen Welt war aber auch nicht gerade leicht zu verstehen.

Plötzlich lebten wir in einer völlig anderen Welt, es tauchten Menschen des Typs Nouveau Riche auf, die mit semikriminellen Privatisierungen reich geworden waren, die sozialen Unterschiede wurden größer, politische Kämpfe wurden auf brutale Weise demagogisch. Das demokratische Leben hatte nicht nur die Freiheit der Meinungsäußerung gebracht, sondern auch die Freiheit, Bösartigkeit, Wut und Neid zu äußern. Ein Teil davon entfällt auf den sogenannten Nationalcharakter, dem Merkmal aller kleinen Nationen, wo sich die Menschen lieber mit sich selbst beschäftigen als mit der großen Welt um sich herum. Dem gesellte sich ein wildes materialistisches Rennen der sogenannten Transformationszeit hinzu, es tauchten grobe und auch eher so raffinierte Tycoons auf, es entstand eine Schicht von verarmten Leuten, die sich kaum selbst durchbringen konnten. Die politische Demagogie aller Farben nützte Hand in Hand mit den Medien das kaum vergangene Kriegsleid und die nicht verheilten Wunden für eine rohe Abrechnung und Festigung der neuen Machthaber auf jeder einzelnen Insel aus.

Die Ankunft des Internets und damit der Diskussionen und Weisheiten in den sogenannten „Foren“ stellte dieses demagogische Chaos und jegliche Intoleranz bis auf den Grund bloß, es wurde zu einem großen Triumph dummer Besserwisser, oft auch brutaler Leute, die bereit sind – nicht nur mit Worten –, so manches anzurichten.

Ich hatte in den Neunzigerjahren und Anfang des neuen Jahrhunderts mit publizistischen Texten viel Energie darauf verwendet, diese Prozesse sowie die neue, intolerante gesellschaftliche Atmosphäre zu kritisieren. Bis ich erkannte, dass die Windmühlen real sind, äußerst stark, und dass sie mich jeden Augenblick auf den Boden knallen lassen würden. Ich trat aus dieser gesellschaftlichen Geschichte aus und widmete mich ausschließlich der Literatur.

Was ist mir geblieben? Und uns allen zusammen?

Aus der Vergangenheit die Erinnerungen an ein gemeinsames Leben, in der Zukunft die europäische Utopie. Für uns, die wir in Jugoslawien gelebt haben, nebst dieser Utopie auch die Angst, dass sich für Europa das Schicksal der jugoslawischen Föderation wiederholen könnte. Nach all den schmerzhaften Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts war dieses Bündnis für alle Nationen Europas das Beste, das uns auf diesem Kontinent – gemartert von all den Kriegen und nationalen sowie ideologischen Konflikten – passieren konnte. Nun, derzeit scheint es, als stünde Europa erneut vor einer Krisenphase. Ich werde oft gefragt, ob ich denke, dass die Grenzen wieder geschlossen würden, ob Europa vor dem Zerfall stehe? Ob der EU widerfahren könne, was mit Jugoslawien passiert sei? Ich denke, dass dieser Vergleich hinkt, dass es in Europa gerade auf Grund der Werte wie Menschenrechte, Recht auf freie Meinungsäußerung, offene Grenzen und allem anderen möglich ist zu reden. In Jugoslawien war das zu einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr möglich. Und trotz dieses unseligen Corona-Virus, der zeitweisen wirtschaftlichen Rezessionen, trotz des radikalislamischen Terrorismus und trotz der sogenannten Migrationskrise werden sich die Menschen in Europa nie wieder die offenen Grenzen, die Freiheiten des Menschen und die Demokratie nehmen lassen.

Wenn ich an das heutige Europa denke, denke ich auch oft an mein Leben in Jugoslawien und an das Leben des jugoslawischen Archipels nach dem Jahr 1991. Diese Zeilen schreibe ich zur Zeit der Quarantäne, die Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt, jeden Tag werden wir von den Fernsehbildschirmen über die Zahl der Neuinfizierten und an dieser unseligen COVID-19-Krankheit Verstorbenen informiert. Wir leben in Ungewissheit, wir blicken mit Angst in die Zukunft, manchmal scheint mir, als seien wir am Ende aller Utopien angelangt, als hätten wir das Zeitalter einer Dystopie angetreten. Vielleicht hat diese mit dem Fall aller Utopien des 20. Jahrhunderts begonnen. An was alles die Menschen geglaubt haben! An die soziale Utopie, an die Größe der eigenen Nation, an den Sieg unseres Glaubens über ihren … auch an die jugoslawische Utopie. Und waren bereit, dafür ihre Leben zu opfern, ihre eigenen, meistens aber andere. Zumindest „Europa“ mit seinem Pragmatismus und den hohen Werten der Menschenrechte ist uns als eine etwas bescheidenere Sache geblieben, eine kleine, teils nicht realisierte Utopie, an die wir glauben können, zumindest ich glaube daran.

Ein Schriftsteller steht hier abseits, er ist schon lange keine moralische Autorität mehr, kein Tolstoi oder Camus weit und breit, vor allem nicht in Zeiten des Internets, in denen jeder alles weiß und jeder auch alles sagen kann.

Also stehe ich im Abseits, beobachte das Leben, schreibe darüber, sei es in historischer oder der heutigen Zeit.

Hier, am Ende einer dreißigjährigen Reise aus Jugoslawien in eine neue, andere Welt, in einem ungewissen Augenblick in Europa und der Welt, zwischen Quarantänen, Ausgangsbeschränkungen, zwischen Menschen mit Masken in ihren Gesichtern, warte ich: nicht mehr auf etwas Neues – weil ich mich davor ein wenig fürchte –, sondern auf eine Rückkehr ins normale Leben. In diesen dreißig Jahren habe ich von meiner slowenischen Insel eigentlich sehr oft die vielen anderen Inseln des jugoslawischen Archipels bereist, hauptsächlich zu Präsentationen meiner Bücher, die auf all diesen Inseln erschienen sind. Ich habe aufgehört, mich mit politischen Stürmen zu beschäftigen, die noch immer zwischen ihnen und auch auf jeder einzelnen von ihnen herrschen.

Unlängst saß ich in Belgrad in einem Café mit einem jüngeren Freund, dem Dichter und Verleger Gojko Božović, der in seinem Verlag meinen letzten Roman herausbrachte. Über Politik sprachen wir nahezu gar nicht. Die Abstände zwischen den Inseln haben sich so vergrößert, dass es mit der Erfahrung von einer schwer ist nachzuvollziehen, was auf einer anderen geschieht. Wir sprachen aber viel von der Vielfalt und der künstlerischen Kraft literarischer Werke, die wir beide gelesen hatten. Gojkos Verlag heißt Arhipelag. Ich habe keinen Zweifel daran, dass er ihn so benannt hat, weil seine Publikationen einen Reichtum an literarischer Kunstfertigkeit, eine interessante Vielfalt an Poetiken, verschiedenste Lebenserfahrungen, eine Weite phantastischer Landschaften bringen. Das ist jener literarische Archipel, auf dem ich nun auch selbst lebe. In einer Zeit, wo man kaum noch – mit einem Mund-Nasen-Schutz im Gesicht – zum nächsten Supermarkt gehen kann, ermöglicht er mir, dass ich weit und hoch reisen kann, manchmal auch in die Vergangenheit, sogar in meine Jugendzeit, als wir noch nebeneinander gelebt hatten, bis wir – wie jene, die sich auf Saramagos steinernem Floß wiederfanden – auf unserer jeweils eigenen Insel fortgetragen wurden.

 

Deutsch von Daniela Kocmut

 

 

Brüderlichkeit und Einigkeit

von Rumena Bužarovska

Credits: Boro Rudić

Zu meinen schönsten Erinnerungen an das Jugoslawien der mittleren 80er-Jahre zählen die langen Sommer. Den ganzen Juli und August über war Skopje, die Hauptstadt Mazedoniens (heute Nordmazedoniens), eine menschenleere, verträumte Landschaft, zu der die Grillen den Soundtrack beisteuerten. Mein Bruder und ich verbrachten die Schulferien in Mavrovo, in einem Haus, das mein Großvater zusammen mit einem befreundeten Partisanen aus dem griechischen Bürgerkrieg gebaut hatte – mein Großvater war griechischer, sein Freund mazedonischer Herkunft. In der Gegend standen lauter Sommerhäuser, bewohnt von Ruheständlern, die ihre Enkelkinder zu Besuch hatten. Während die Großeltern Backgammon spielten, im Garten werkelten, kochten und buken, während sie Rakija und Ouzo nippten und nach den reichhaltigen Mahlzeiten ein Nickerchen machten, trieben sich die Kinder in den staubigen Straßen herum oder im umgebenden Wald und Dickicht; die Jungs spielten Verstecken oder »Partisanen und Deutsche«, die Mädchen dachten sich Prinzessinnengeschichten aus.

Ich erinnere mich, wie ich einmal mit zwei anderen Mädchen spielte und mit einer von ihnen, Viki war ihr Name, in Streit geriet. Sie versuchte mich vor Beti, der anderen, schlechtzumachen. Mit zusammengekniffenen Augen sagte sie zu ihr: »Du spielst mit einem Griechenkind.«

Ich weiß noch genau, wie mich Vikis Worte verblüfften. Rasch, aber nervös nahm ich die Haltung der herablassenden Besserwisserin ein und blaffte, dass wir doch in einem Land lebten, in dem die Regel »Brüderlichkeit und Einigkeit« gelte.

Als ich dann aufgebracht nach Hause kam und meiner Familie von dem Vorfall berichtete, schlug mir lautes Gelächter entgegen. »Brüderlichkeit und Einigkeit!«, wiederholten sie, als wollten sie sich über mich lustig machen. Ich muss dagegen protestiert haben und sichtlich wütend geworden sein, denn mein Großvater lächelte mich mit seinen Goldzähnen an und sagte mir, sie würden zwar lachen, aber nicht über mich, und eigentlich hätte ich ja recht.

Das überzeugte mich nicht. Ich begann über den Slogan nachzugrübeln, den Schule und Medien mir ins Gehirn gestanzt hatten: »Brüderlichkeit und Einigkeit«, bratstvo i edinstvo. Je öfter ich die Phrase wiederholte, desto mehr schien mir, sie müsse eine verborgene Bedeutung haben; eine Bedeutung, die den Erwachsenen klar war, die sie aber, weshalb auch immer, vor mir geheim hielten.

Ebenso verwirrt war ich, als eine Gruppe von Jungen, angeführt von meinem 10-jährigen Nachbarn, den Türgriff eines anderen Hauses in der Nähe mit Kuhmist beschmierte, weil dort Albaner lebten. Und noch verwirrter, als die Jungen dann nicht mehr mit mir reden wollten, weil ich meinen Eltern von dem Mist an der Tür erzählt hatte. Weder wusste ich, was ich falsch gemacht, noch warum die Jungs unseren Nachbarn das angetan hatten. Ich hatte die albanische Familie in dem Hexenhäuschen am Waldrand nie zu Gesicht bekommen. Sie gingen allen aus dem Weg, hüllten sich in Dunkelheit.

Mit diesen Sommern, angefüllt mit einem magischen Gefühl von Rätsel und Spannung, mit schallendem Gelächter und wispernden Gesprächen, war es vorbei, als wir das Land verließen, das zugleich mit meiner Kindheit verschwand. Meine Eltern zogen mit uns nach Arizona, wo sich mein Körper zu verändern begann, und sie sagten mir, die Leute würden mich nicht mehr für ein Kind halten. Mein Körper veränderte sich inmitten dieser Wirrnis, in einem fremden Land, so anders als unseres, mit dem Tod meines Großvaters und mit dem Krieg beim Zusammenbruch Jugoslawiens.

Meine Mutter stand vor dem Fernseher: Krieg, sagte sie zu mir, das ist Krieg.

Auf den Bildern waren Frauen mit Kopftuch zu sehen, schmutzige Kinder und dürre, humpelnde Greise in einer Karawane von Leiterwagen. Die Augen meiner Mutter waren voller Tränen, ihr Mund stand offen. Ich begriff, da ging etwas Furchtbares vor sich, und aus den beklommenen Gesprächen meiner Eltern und ihrer Immigranten-Freunde schloss ich, dass wir möglicherweise nie wieder zurückkehren würden. Das Land, in dem ich geboren wurde, gab es nicht mehr. Der Krieg – etwas, das in Schulbüchern existierte und das mein Großvater zu beenden geholfen hatte – war zurück und geschah in meiner Heimat, im Land von Brüderlichkeit und Einigkeit.

Doch wir kehrten zurück. Und vieles war anders geworden. Keine Tito-Bilder mehr, die uns mitten im Klassenraum anstarrten. Ich vermisste diesen Anblick nicht, auch wenn er mir als Kind Halt gegeben hatte: Jemand, der tapfer und freundlich war, sah mir dabei zu, wie ich gut mitarbeitete. Inzwischen aber wurde ich zur Frau und brauchte nicht noch einen Mann mehr, der mich kritisch beäugte. Ich vermisste nicht die Sirenen, die an den Tag seines Todes erinnerten, und nicht die gruselige Erstarrung, die sie auslösten. Auf einmal fühlte es sich nicht mehr so schrecklich an, dass ich im Jahr nach Titos Tod geboren war. Es war kein so großer Verlust mehr, dass mein Leben sich mit seinem nicht überschnitten hatte, und es war mir peinlich, mich daran zu erinnern, wie ich auf dem Bett meiner Eltern gesessen, ein Tito-Bild in einem Schulbuch fixiert und mich anstrengt hatte zu weinen, bis es mir gelang, eine einzelne Träne hervorzupressen.

Vieles war anders geworden. Wir freuten uns, weniger Unterricht zu haben, weil die Serbokroatisch-Stunden wegfielen. Nur eine Klasse pro Jahrgang – sehr zum Ärger meiner Mitschüler war es unsere – lernte außer Englisch noch eine weitere Fremdsprache, nämlich Russisch.

Einer Sache jedoch fühlten wir uns beraubt. Als Schulanfänger hatten wir alle rote Tücher und blaue Mützen bekommen und unter einer roten Flagge »Titos Pioniere« gesungen. Da kamen wir uns als Teil von etwas Großem vor. In der siebten Klasse dann, am 25. Mai – Titos (nicht wirklichem) Geburtstag und Tag der Jugend –, sollten wir »Titos Jugend« werden und eine Busreise durch ganz Jugoslawien antreten.

Nun aber sollten wir keine Jugend mehr werden, es schien, als sei unser Übergang ins Erwachsenenalter offiziell abgesagt. Besonders bitter waren die Neuigkeiten zur Busreise: Sie führte nun bloß an Orte, die ich schon kannte, in einem Land, das man in jeder Richtung in zwei Stunden durchquert hat. Ich würde nicht die Adria sehen. Nicht die Stalaktiten, Stalagmiten und Grottenolme in der Postojna-Höhle. Nicht den Ort, wo sich Donau und Save vereinen. Es schnürte mir die Kehle zu.

In gewisser Weise vermisste ich jahrelang nichts Jugoslawisches, außer dem geografischen Raum. Mazedonien schien außen vor – zu weit südlich, so wie Slowenien zu weit nördlich lag. Wir waren immer unwichtig, galten mit unserer exotischen Variante einer slawischen Sprache, die nur ansatzweise erforscht ist, als leichtlebige Tanzmusik-Fans, die am liebsten am Ufer eines hübschen Sees Tomaten und Paprika in sich hinein futterten.

Um diesem Klischee entgegenzuwirken, begannen die Mazedonier, ihre »chs« und »dzhs« extra hart auszusprechen, überall mit ihrem Serbisch aufzutrumpfen und dauernd beiläufig Filme oder Songs aus dem Jugoslawien der 80er-Jahre zu erwähnen. Für uns, die wir in den 80ern geboren waren, keine Verwandtschaft außerhalb Mazedoniens hatten, Albaner waren oder Griechen, wie die Hälfte meiner Familie, gab es unentwegt herablassende Blicke, weil wir nicht perfekt Serbisch sprachen und nicht genug jugoslawische Referenzen parat hatten. »Kenne ich nicht« zu sagen, ist hart genug, aber dann jedes Mal zu hören zu bekommen: »Echt? Nicht dein Ernst?!«, ist noch viel härter. Nicht nur waren wir kleiner, nun, da wir nicht mehr zu Jugoslawien gehörten: Wir zählten auch weniger unter unseresgleichen.

Ebendiese Jahrgänge mit jugoslawischem Minderwertigkeitskomplex brachten uns bei, zu glauben, dass unser Land völlig unbedeutend sei, dass wir selbst völlig unbedeutend seien, dass früher alles besser gewesen sei und alles nur noch schlechter würde – bis wir dachten, wir müssen machen, dass wir hier rauskommen und uns dieser Umbewertung unserer Vergangenheit entziehen, von der ein Viertel unserer Bevölkerung ausgeschlossen wurde, diejenigen, deren Türen wir mit Kuhmist beschmierten. Die Nostalgie wuchs und wächst weiter wie ein Pilz im Ohr, überwuchert jegliche Fähigkeit, auf die Zukunft zu hören und Verantwortung zu übernehmen. Sie ist die unbewusste Rache einer Generation, deren süße Strandjugend im Gemetzel endete und in die Isolation führte.

Ich kann die Frustration und das Gefühl der Machtlosigkeit verstehen. Auf einer Strecke von 900 Kilometern mehrere Ländergrenzen passieren zu müssen, ist ebenso lächerlich, wie diese Grenzen zu ziehen zwischen gemeinsamen Sprachen und Kulturen. Klein und eingepfercht zu sein, fühlt sich beklemmend an, klaustrophobisch, es lähmt jede Entwicklung.

Und doch sind es in meiner Generation die Künstlerinnen, Aktivisten und Kulturschaffenden, denen es gelungen ist, diese Grenzen zu überwinden, indem sie zusammenarbeiten in einem gemeinsamen Raum, den wir nun das ehemalige Jugoslawien oder »die Region« nennen. Paradoxerweise existiert für mich diese »Region« oder dieses Jugoslawien heute mehr denn je. Durch dieses neue Zugehörigkeitsgefühl lerne ich ein altes Land kennen, das ich nie wirklich selbst erlebt habe. Und ich fühle eine Identität und eine Zärtlichkeit für diesen gemeinsamen Raum, einen Raum, der nun die Schwesterlichkeit ebenso umfasst wie die Brüderlichkeit und in dem eine echte Einigkeit möglich ist.

Ich gebe zu, ich bin nach wie vor Außenseiterin. Die Kulturen, die nicht Serbisch/Bosnisch/Kroatisch/Montenegrinisch als Sprache haben, haben nie zum Gesamtbild gezählt. Um dazuzugehören, muss man wissen, wie man zu sprechen hat, und mit der Sprache kommen die Anspielungen, die Geschichte und die lokalen Zungenschläge, die uns die ganze Schönheit des Wissens eröffnen. Fürs Erste fühle ich mich als glückliche Halb-Fremde, die froh ist, mitmachen zu können.

 

Deutsch von Michael Ebmeyer

 

 

Drohnenflug

von Darko Cvijetić

Credits: Draženko Jurišić

(poetischer Essay, früher November des Jahres 2020)

EINFÜHRUNG

DIE GESCHICHTE DER ARGONAUTEN

Im Jahre 1982 ging ich in die achte Klasse

und schrieb für den Wettbewerb “Auf Titos Pfaden der Revolution”

eine Geschichte

über drei Brüder – Omar Toma und Ljuba

 

Ich nannte sie nach drei Eisenbergwerken

Omar Omarska

Toma Tomašica

Ljuba Ljubija

 

Mein Gewinnerpreis war ein Sommerurlaub

an der Adriaküste in Medulin

 

Zehn Jahre später

wurden Massengräber gefunden und weitere zwanzig gesucht

in Omarska Tomašica Ljubija

 

Ljuba tötete Omars

Toma versteckte Leichen in Bergwerken

 

Ich schrieb eine Geschichte

über die Argonauten

und Rippen vom Goldenen Vlies im Eisenerz gefunden

zu Stahl eingeschmolzen

 

Daraus wurde ein Schiff gegossen

 

Den Preis erhielt ich

um dieses Schiff zu lenken

 

Zurück auf dem Pfad der Revolution

 

/Mali ekshumatorski eseji/Kleine Essays über die Exhumierung, D. Cvijetić, Zadužbina Petar Kočić, Banja Luka, Beograd, 2015/

 

 

1991

1. BETTDECKEN DER MARKE AMBASADOR, VUKOVAR

Gekrümeltes Brot,

in Handflächen

hinausgetragen aus dem Vogelhunger.

 

Derjenige, der das träumt,

wird mir sagen, ich stand am Wasser. Es könnte das Jahr 1991 gewesen sein.

Ich wusch mir das Gesicht, gebeugt über die Badewanne,

und ein Gedanke durchströmte mich – es wird Krieg geben!

 

  1. Ich lese in der Zeitung über einen Arzt in einer Kinderklinik, der Geräte besorgt, um auf das Deckengewölbe eines Krankenzimmers einen Sternenhimel zu projizieren. Ich will nicht, sagt er, dass unsere Kinder mit einem leeren Blick sterben, ohne irgendwas!

 

 

1992

  1. BLUT WIRFT KEINEN SCHATTEN

Den ganzen Herbst kämpften wir bei Bihać um das Stück Land bei Grabež.

Dort befindet sich jetzt ein Flüchtlingslager für Menschen aus Syrien.

Ja, Siniša kam auch bei Grabež um.

An dieser Stelle sitzt jetzt ein dunkelhäutiger junger Mann auf dem Boden.

Am Smartphone schaut er die Fotos seiner fünfjährigen Tochter an und weint.

 

In Sarajevo tötete ein Scharfschütze mein Kind im Arm, sagt Hasija.

Hätte ich es nicht getragen, hätte die Kugel mein anderes Herz getroffen.

 

 

1993

  1. EIMER AUS ERDE, MIT ERDE GEGOSSEN

Holst du jemandem das Herz heraus und legst es sogleich in warmes Wasser,

aber schnell, schnell, dann wird es noch ein paar Mal schlagen, bis zu sieben Mal, und erst dann wird es die Farbe von Spucke alter Menschen annehmen

und in sich zusammensacken.

Wer staunt über das Stehenbleiben des ersten Herzens?

Wer hat beim ersten Stehenbleiben zugeschaut, mit Augen,

eingeölt durch stummes Gebet?

 

  1. Auf dem vergessenen Bahnsteig bei Keksara

wächst der Waggon, mit Rost bespritzt, in einen anderen Namen hinein.

 

Indessen sagt der heilige Franjo:

 

Tötet dich eine Granate, gibt es keine Schlaflosigkeit,

gibt es kein Wasser unter den Wimpern,

und der Traum weiß nicht, auf welcher Seite er brennt.

 

 

1994

  1. DER AUSTAUSCH DER TOTEN AUF DEM BERG VLAŠIĆ

Oma hütete ihren Haarzopf,

abgeschnitten bei der Konfirmation

vor 75 Jahren.

 

Dejo hat bei der Chemotherapie sein Haar verloren

und er erzählte uns im Büro:

 

Sie brachte mich in ein dunkles Zimmer.

Oma hat da was für dich, sagte sie,

in einer Schachtel ganz unten im Regal ein weißer Haarzopf,

getrennt von ihr ist das Haar ergraut,

Dejo schwor es.

 

Oma, was soll ich mit deinem Haar?

 

Mach dir eine graue Perücke,

dein Sohn soll darin alt werden.

 

 

1995

  1. EINE BUCHSE VOLLER SCHNEE

Der Sommer war entsetzlich. In Prijedor zogen an mir mehr als 100 000 Menschen vorbei, Flüchtlinge vor der kroatischen Militäraktion.

Die Menschen weinen, bitten um Wasser. Ein alter Mann auf einem Traktor. Hinten im Anhänger sitzt seine alte Frau neben einem erdverschmierten Sarg.

Darin der im Vorjahr umgekommene, heute Morgen ausgegrabene Sohn.

 

2.

Großmütterchen, möchtest du Wasser, frage ich.

Nein, nein, ich will nicht, und der Kleine auch nicht, sagt sie.

 

 

1996

1. SCHWIMMEN LERNEN

Es ist schwer, in unseren Sprachen länger als neun Wörter zu denken.

Singen ist noch schwerer, ist die Sprache doch verstümmelt und zerschnitten,

grausam verarmt durch systematische Zermürbung.

Die Jungen Slawen gehen weg.

In mehrere Konfessionen, die multikonfessionellen Slawen gehen weg.

Die Altslawen stammen von den Südslawen. Bald werden die Südslawen Altslawen werden und beginnen, auf Altkirchenslawisch zu sprechen und zu schreiben.

Die wenigen gealterten Slawen, die von den Südslawen übrig bleiben, wird Praslovan von Lačni Franc abspielen, auf dem krankenhausartigen Nachtkasten, entwendet aus dem Hotel Jugoslawien.

Die Südslawen fressen ihre kleinen Sprachen auf, bald werden sie alle aufgefressen haben, und dann werden sie Englisch und Deutsch und Schwedisch und Dänisch sprechen, mit nur 577 Wörtern, mit einem Google-Übersetzer um den Hals, wie Pekić mit den Diktaphonen mit Aufstieg und Fall des Icarus Gulbenkian.

Entslawisieren werden sie sich und sich stattdessen progermanisieren, und ihre Frisuren werden mitteleuropäisch sein.

Derweil die Alten Slawen, die übrig gebliebenen, werden Heldengräber besuchen und immer jüngere und weißere Kirchen aufbauen, und immer schwerere, aber in die Krankenhäuser werden sie weiterhin selbst Süppchen und Gaze mitbringen.

Und so seit Jahrzehnten.

Wir haben uns überslawisiert.

Es wurde Süden für die Slawen. Das kommt schon mal vor, vor dem Sturm, sagt Arsen, wenn die Inseln sich in Grau hüllen.

Und was hat am Dnjepr nicht gepasst?

Oder bei den Feuern unter den Toten?

Jesus hätte von uns nichts erfahren und hätte den Fresken gefehlt, besonders im Winter. Auch Mohammed hätte nichts von uns erfahren. Niemand hat uns wegen der Wüsten im Gedächtnis behalten.

 

Was hatten wir hier zu suchen, warum sind wir gekommen, keiner kann sich erinnern und hat auch keine Sprache, in der er sich erinnern könnte, niemand weiß es mehr und niemanden kümmert es.

 

2.

Dabei warten zu Hause die Frauen noch immer auf uns, und wie immer stellen sie lauwarme Eintöpfe vor die erfolglosen Jäger und spenden ihnen Trost, verschwitzt keuchend.

 

 

1997

  1. PRIMÄR, SEKUNDÄR

Selbst ein Dorffriedhof könnte mit so viel Stille nicht zurechtkommen.

Er würde die Hemden ausziehen, sollen doch die Schatten schmaler werden.

Die Windmühle im Brot.

 

  1. So gute Freunde.

Besuchten sich sogar noch im Grab.

 

 

1998

  1. DIE TERZ AUF DEM DRAHT

„Selbst wenn ich draufkomme, wer ich bin,

bleibt die Frage – wer sind alle anderen“ (Wenders)

 

In meiner Stadt gibt es jeden Sommer ein „kollektives Dschanaza-Totengebet“.

Ich treffe viele Schulfreunde, die die Knochen ihrer Väter und Brüder beerdigen.

Derjenige, der sämtliche Gräber bewacht, so denkt über mich Aida.

 

 

1999

  1. ANDRIĆSTADT

Stark geregnet.

Der angeschwollene Bach hat die alten Grabsteine vom muslimischen Friedhof davongetragen.

Früh am Morgen der Hodscha in Gummistiefeln,

weißköpfig im Nebel, er stapft auf dem Friedhof umher und ruft Namen auf.

Einer hat ihn erhört,

einer, der vor der Überflutung am Fuße des Bergs war,

hat ihn erhört –

als wäre er mitsamt seinem Grab flussaufwärts geschwommen.

 

 

NATO-Flieger über uns. Sie bombardieren die Reste Jugoslawiens.

Als die Obrenovićs von der Schwarzen Hand umgelegt wurden, war keine einzige Glocke zu hören gewesen.

Für Drago und Aleksandar.

Keine einzige.

Auch die Mönchsglocke hatte nicht gescheppert.

Stille nach der abgeschnittenen Brust und dem verbrannten Haar.

Stille nach dem aufgeschlitzten Bauch, wie bei Rotkäppchens Wolf.

Darin ein junger, zweiköpfiger weißer Adler,

unschlüssig, von welcher Leber er zuerst fressen soll,

und auch, mit welchem Schnabel.

 

 

2000

  1. MÖNCHE MACHEN SEILE

Gott ist ein Waise und Jesus hat keinen Großvater

in Klammer sei dazugesagt

einzig Lazarus starb zweimal.

 

  1. Blumen treiben aus dem Knochen

meiner Hand mit der ich nicht schrieb

Wie Ringe für Fässer

Wie Efeu vom Gewehrtragen

 

 

2001

  1. AKKUFABRIK, POTOČARI

Gleich nach dem Schuss betrat er das Badezimmer.

Im Wasser, das lange getröpfelt hatte wie Regenwasser, sah er einen Freund aus der Schule für Bauwesen,

uniformiert und in Stiefeln,

zerschossenen Kopfes. In der Hand eine Magnum, herabhängend.

Chrombeschichtete Trommel, eine Trophäe.

Die Augen waren offen, der Hals pulsierte noch, der Krieg war angezapft.

Vor ein paar Tagen treff ich ihn am Flohmarkt.

Er lacht, grüßt, verkauft Magnums aus Plastik,

für Kinder, Wasserpistolen.

Er hat mich sogar mit Wasser bespritzt und mir zwei Pistolen in die Taschen geschoben.

 

Zu Hause füllte ich eine Pistole mit heißem Wasser.

Ich stieg in die Badewanne mit Stiefeln an den Füßen

und ließ dunkles Blut aus der Wand ein, bis es überging.

 

 

2002

 

DER GESCHNEIDERTE KIRSCHGARTEN

1. Unser Theaterschneider verließ das Projekt „Iwanow“ nach Tschechow, weil der Hauptdarsteller und er sich nicht einigen konnten, in was für einem Hemd der unglückliche tschechowsche Protagonist sich umbringen sollte.

Der Schneider verließ die Probe und nahm das umstrittene Hemd mit.

Die Premiere ging bestens über die Bühne und Iwanow brachte sich bei der Vorstellung in einem ganz gewöhnlichen schwarzen Rollkragenpullover um.

 

2.

Jedoch brachte sich der Freund des Schneiders im genannten Hemd um, ein Jahr später,

als man seinen Kirschgarten abholzte.

 

 

2003

  1. OBEN IM HIMMEL, GLEICH NEBEN DER MUTTER

 

Špugi brachte sich am Donnerstag mit einer Kalaschnikow um. Er ließ Rigoletto laufen, die Wohnung dröhnte.

Er schob einen Adler in den Gewehrlauf, und dieser ließ seinen Kopf bersten.

 

Und sonst, Špugi war ein Vorzugsschüler gewesen

Und sonst, Špugi war Veteran aus zwei Kriegen gewesen

Und sonst, Špugi war Sniper gewesen

Und sonst, Špugi ließ seinen Sohn zuschauen

 

Noch am Dienstag hatte er mir betrunken in der Bar erzählt, wie er im Traum die Mütter von jenen sah, die er erschossen hatte.

 

2.

Und wie er jeder einzelnen wegen der Söhne versprach

im Schlaf zu sterben

 

 

2004

  1. ZAHNFEE

Ohne große Beunruhigung keine Versöhnung, pflegte Camus zu sagen.

Offensichtlich sind wir noch nicht beunruhigt.

Es gibt immer weniger von uns, wir versöhnen uns auf den Fluren deutscher Krankenhäuser.

 

 

  1. In einem Taschentuch bewahrte Zokas Mutter

seine Milchzähne auf –

 

kleine Eckzähne, kleine Backenzähne, kleine Schneidezähne

 

Als eine Granate ihn an der Front in Stücke riss

blieb nichts mehr übrig

 

Also nähte sie das Taschentuch zu.

 

 

2005

1. ÜBERSCHRIFTEN, TEXT

 

  • „Keine Zytostatika für leukämiekranke Kinder.“
  • „Sänger ließ zurückgebliebenen Sohn im Kloster zurück und startete Tournee.“
  • „Schwester getötet, Körper fünfundzwanzig Jahre im Kühlschrank aufbewahrt, unter der Treppe.“
  • „Mutter getötet, anschließend zum Fastenbrechen gegangen.“
  • „Šaban gemeinsam mit Kiš und Andrić in der Allee der Großen.“
  • „Handballer Hände verloren bei Verkehrsunfall.“
  • „Drei Kinder vom Balkon geworfen, im beliebten Ferienort.“
  • „Frau erstickte ihre Mutter im Schlaf, erhängte sich anschließend selbst.“
  • „Religionslehrer vergewaltigte einen Schützling aus einem Heim für Kinder mit Entwicklungsschwierigkeiten.“
  • „Volleyballerinnen spendeten Haare für Perücken für Krebskranke.“
  • „Fünfhundert tote Zugvögel durchgeschmuggelt.“

 

 

  • Damit Ophelia sich ins Grab legt, muss man zuerst den Schädel des Scherzboldes rausschmeißen.
  • Ein Lift, der in Bewegung ist, veranschaulicht Heraklits Aussage – Der Weg nach oben und der Weg nach unten ist ein und derselbe.
  • Mit den Flügeln zu zucken ist das Gleiche wie mit den Schultern zu zucken. Dennoch, ein Engel zuckt nicht.
  • Das Gefühl, welches die Märchen nach ihrem Erzähltwordensein überfällt.
  • Der Maler ist eine Tube mit Blut, das Gesprochene mit den Augen zurückgegeben.
  • In der Lehre lernt der Clown, in jedem Schwamm eine Gelegenheit für eine rote Nase zu sehen.
  • Origen sagt, Jesus bleibt am Kreuz, so lange, bis das Böse von jedem Menschen hinuntersteigt.
  • Es gibt auch einen durchtriebenen Engel, der demjenigen, der sich zu beten anschickt, sein Gebet klaut und es „für später“ aufbewahrt.
  • Wenn alle Bosnien verlassen haben, werden verminte Felder und neue verlassene Gebetshäuser zurückbleiben.
  • In apokryphen Schriften steht geschrieben, Jesus sei ein freches Kind gewesen und einige Kinder seien gestorben, weil er sich das gewünscht hatte, ohne zu wissen, dass er der Sohn ist.
  • Kafka schrieb über Käfige, die sich auf die Suche nach Vögeln machen.

 

2006

  1. HUNDE, HUNDE UND BÜCHER

Wir führten die Vorstellung „Ein Grabmal für Boris Davidovič“ im „Theater Prijedor“ auf. Ich weiß noch, wie ich mit Frau Mirjana Miočinović, der ersten Ehefrau von Danilo Kiš, über die Autorenrechte verhandelte und sie mich fragte:

„Moment mal, Sie meinen in Prijepolje?“

Ich sagte: „Nein, nein … in Prijedor.“

Sie fragte abermals: „In Prnjavor?“

„Nein, nein, nein … In Prijedor.“

„Moment mal, Sie meinen in jenem Prijedor?“

„Ja, in jenem Prijedor.“

„… Also … dort wird mein Danilo …“

Der Gestank der Vergangenheit dieser Stadt breitete sich aus, und es wird viel Zeit, die wir dort verbracht haben, benötigen, um diese Vergangenheit hinter uns zu lassen, um einander in die Augen zu sehen, Boris Davidovič, und zu sagen, so ist es gewesen, es ist schrecklich gewesen, die Knochen der Nachbarn haben gefroren.

 

 

2007

  1. WOLFGANG BORCHERT, „GENERATION OHNE ABSCHIED“

„Wenn ich tot bin,

möchte ich immerhin

so eine Laterne

sein“

 

(Wolfgang Borchert, Motto für den Film WENN ICH TOT BIN UND BLEICH von Živojin Pavlović, 1967 mit Dragana Nikolić in der Rolle von Jimmy Barka)

 

2.

Und was, wenn das Älterwerden bloß ein Evolutionsfehler ist?

Mir scheint, wir sind geboren, um lange genug da zu sein, um unsere Gene an die nächste Generation weiterzugeben. Die Gene für die Generation. Vom evolutionären Standpunkt aus betrachtet ist alles über dreißig oder höchstens vierzig Jahre ein Überschuss.

Alles, was über die realisierte Nachkommenschaft hinausreicht, ist aus evolutionärer Sicht unwichtig.

Ein Großvater zu sein bedeutet also, sich überflüssigerweise davon zu überzeugen versuchen, dass unsere Nachkommen das genetische Material weitergegeben haben.

Würden wir mit der gleichen Geschwindigkeit altern, mit der wir zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr altern, könnten wir Hunderte von Jahren alt werden.

Aber nach dem dreißigsten Lebensjahr beschleunigt sich alles plötzlich und unerklärlich, und die Menschenjahre gehen schnell in Hundejahre über. Und so zeichnet sich für die vorbeiziehenden Karawanen plötzlich ein sehr deutliches Bild ab: Stöhnen und Schwanz einziehen und ein trauriger Blick.

 

 

2008

  1. ENTLASSUNGSSCHREIBEN

 

Hör mal, jemand müsste den Europäern sagen,

dass Paulus aus Tarsus war

Scha’ul – Zeltmacher und produktivster Evangelisator –

in Damaskus wurde er zum heiligen Paulus,

in Syrien.

 

2.

 

Stell dir vor –

Jesus hat nie Schnee gesehen.

 

Vor dreizehn Jahren lernte ich im Schützengraben,

lautlos das Gewehr zu tragen, den Schulterträger so um den Arm zu wickeln,

dass die Metallteile sich nicht berühren und keinen Lärm machen.

 

 

2009

  1. EIN BESCHÄMENDES BILD DER FREIHEIT

Es ist zu viel Zeit vergangen, und bald wird niemand mehr da sein, um eine Schande anzuerkennen und zu akzeptieren. Es scheint, das kollektive Gedächtnis wartet geradezu darauf.

Dass niemand mehr da ist, der etwas zugeben könnte, und dass niemand da ist, dem gegenüber man etwas zugeben könnte.

Das bedeutet ein großes Kapital für Wiederholungen.

Darin steckt das Wesen der Niederlage.

2.

Der Medizintechniker im Rettungswagen in Prijedor heißt Danilo Kiš.

Er geht gerne fischen.

Er bedauert, mir nicht sagen zu können, ob sie jemals auch Boris Davidovič in ihrem Wagen transportiert haben.

 

 

2010

  1. ABTASTEN

Wenn Kunst bedeutet, Trost zu spenden, wenn Kunst eine empathische Umarmung ist – dann bedeutet Kunst auch, das eigene Martyrium zu lieben, das eigene Märtyrerschicksal. Die Zerlegung des Wortwörtlichen in der Intimisierung des Tragischen – das bedeutet in Bosnien, Künstler zu sein – seiner eigenen Nichtgleichgültigkeit von Herzen Glauben schenken.

2.

Für mich selbst bin ich ein Einzelgänger, eine Birke ohne Blätter, ein Kaninchen mit einem Ohr … Für mich selbst bin ich ein Junge, der eben erst zu sprechen gelernt hat … Für mich selbst bin ich eingeholt von einem früheren Lachen aus einer früheren Zeit … Für mich selbst bin ich derjenige, der seinen Staub ans Ende des Waldes trägt … für mich selbst bin ich eine Lampe aus Papier … Für mich selbst bin ich eine Sammlung von Tropfen, frisch nach dem Regen – glänzend auf dem Spinnennetz … Für mich selbst bin ich der Versuch zu singen, unternommen im Gestotter der Welt.

 

 

2011

  1. NOCH ETWAS ÜBER DIE HUNDESÖHNE

Zuerst sagte er zu ihr.

Sie habe tiefe Augen.

 

Später schwor er uns

er habe noch nie

so tiefe Augen

herausgeholt.

 

2.

Mit einem Schlagbolzen näht man nichts

vom Vogel ins Gewehr.

 

Steh auf, Eleazar

Die Zunge schwitzt im Mund.

 

 

2012

  1. NACHKRIEGSZEIT, SCHLAFLOS

 

Oh, Dunkelheit …

Ene mene muh

und raus bist du.

Dunkel.

Und raus bist du.

Tika taka bumm.

 

2.

Das Haus, das losgezogen ist, seine Buchstaben zu nächtigen.

Schere, Stümmel, Bronze, Srebrenica.

 

 

2013

  1. POSTKARTE ANS MEER

Im nächsten Jahr sind es hundert Jahre seit dem Ersten Weltkrieg. Im Jahre 1914 gab es in diesem Land, in Bosnien und Herzegowina also, innerhalb des gleichen Territoriums, sechs Gymnasien!

Innerhalb von hundert Jahren haben drei Kriege stattgefunden – und was für drei Kriege es waren! Von den sechs Gymnasien, über drei Kriege, bis hin zu den Privatfakultäten in jedem dritten Haus und festgenagelten Museum.

Es gibt kein Volk, keine Familie, kein Feld, kein Wald, keine Stadt, kein Dörfchen, das nicht völlig zertrampelt wurde in einem dieser drei Kriege. Aus jedem Städtchen verschwanden Köpfe (Männer, Frauen, Kinder) in einem der drei Massaker.

 

2.

Literatur löst nichts. Der Schreibprozess ist der Kulminationspunkt innerer Katastrophen, der sich ausbreitet zu einer – Null.

Das Gedicht kann der Finsternis unserer Zeit nichts anhaben. Die Sprache hat das Bedürfnis, sich zu bewegen, ihren Körper nach vorne zu bringen. Die Funken sprühen bei dieser Bewegung durch Poesie. Dass unsere Sprache (BKMS) den Rückzug angetreten hat und sich dabei selbst zum Einsturz gebracht und sich verletzt hat – das resultierte in meinem Fall in einer Poesie, die gezwungen ist, diese Vergangenheit auszuleuchten.

Ich habe die Thematik meiner Dichtung nicht gewählt. Vielmehr hat sie mich gewählt. Die Rede ist von einem gut eingelaufenen Müssen.

 

 

2014

  1. NEUE

Ratten bekommen keinen Herzanfall.

Sie leiden auch nicht unter Alzheimer. Die Ratten altern nicht langsam wie wir, sondern gehen plötzlich ein, ihre Muskeln atrophieren plötzlich und schnell.

Die Versuchsratte, der das Blutplasma eines achtjährigen Menschenkindes eingespritzt wurde, war in der Lage, den Ausgang aus dem Labyrinth eine ganze Minute schneller zu finden als eine gewöhnliche Ratte voller Rattenblut.

2.

Minute für Minute.

Wie Nägel aus Kindersärgen, wenn die Engel sie raushämmern.

 

 

2015

  1. FARMEN, LEDER, REBALANCE

Der echte Oskar Schindler, nicht der von Spielberg,

flüchtete gleich nach dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland nach Argentinien

durch einen der Rattenkanäle

 

Viel hat es nicht gebraucht, dass Oskar vom Emailgeschirr

der Schindlerjuden

zu einem neuen Business überging –

eine Farm mit Küken und erwachsenen argentinischen Bibern

 

Die Arbeit ging hervorragend von der Hand

Deutschland entzog ihm die Staatsbürgerschaft

als einem verdienten SS-Mitglied, und die Biber waren zunächst sehr gefragt:

 

So manch ein Frauenhals liebt die weiche Sanftheit

der erwachsenen Biber.

 

Die Küken dagegen verbringen ihr ganzes Minileben in Kammern

derart zusammengepfercht, dass sie ihre Flügelchen nicht auszubreiten vermögen

 

(Mit einem Zepter werden ihre Schnäbelchen abgestumpft,

damit sie sich gegenseitig nicht blenden und töten

in einer solchen Nähe zueinander mit solchen Flügeln)

 

Deutschland gibt ihm die Staatsbürgerschaft zurück

diesmal ist er ein verdienter Industrieller und Retter!

 

Aber wieder dreht sich der Teller aus Email und sein Geschäft geht ein

Und alle seine Biber werden ausgerottet; gar alle

Moshe Bejski bringt Oskar nach Jerusalem

nun ist er ein Held, der 1200 Menschen vor ihrem eigenen Rauch gerettet hat

 

Oskar beginnt zu trinken und fürchterliche Szenen zu machen

(Am Toten Meer hatte er eine Geliebte namens Eva Kisch)

 

Sogar die Geretteten von der Liste meiden ihn

und der betrunkene Oskar winkt jetzt mit Wetttickets

wie einst mit den herausragenden Namen von den Listen der Schlächter

 

2.

 

Und nur manchmal

beim koscheren Hühnchen

verspürte er das emaillierte Jucken

ein schlimmes Jucken am Hals

 

wie vom Biberfell aus Buenes Aires

 

 

2016

  1. DISNEYLAND, TROPFEN

Bei den Feierlichkeiten zur fünfundzwanzigjährigen Schließung

eines nahe gelegenen Lagers

gerieten ehemalige Lagerinsassen in eine Prügelei

rund um die Frage nach ihren Verdiensten beim Gedenken

 

Die Polizisten, die einst auf sie eingeprügelt hatten

brachten sie auseinander

Lasst das, Leute, es ist eine Schande

2.

Branko wurde nach fünfundzwanzig Jahren gefunden:

Knochen im Morast

und zwei Steinchen,

die drauf und dran waren, Augen eines Schneemanns zu werden

 

 

2017

 

  1. KEHLE UM KEHLE, UMARMUNG

Am selben 10. Januar 1914 wurden Matoš und Andrić an der Kehle in Zagreb operiert

Matoš war 40, Ivo 21 Jahre alt

Der Arzt Dragutin Mašek entfernte Anton Gustav Matoš den Kehlkopf

dieser wird noch immer in Formaldehyd aufbewahrt

als würde er irgendwann später wieder zu jauchzen und zu schlucken beginnen

Der Arzt Oskar Aleksandar, Privatchirurg, öffnete Andrićs verschwiegene Kehle

und schabte die Mandeln mit einem Skalpell ab

Zwei Monate später stirbt Anton Gustav

durch quälendes Ersticken der leeren Kehle

während Ivo halblaut mit Mitgliedern von Mlada Bosna darüber spricht

wie man den Erzherzog am Tag Vidovdan um seine Stimme bringen könnte

 

2.

 

Sobald Samt und Samtspielzeuge auftauchten

krochen Samtwürmer

in die Bäuche der Spielzeuge

 

 

2018

  1. ES GAB SCHON EINEN UNFALL

 

Ein nicht wiederholbarer Unfall des Falles in die Zwei.

Meine Dichtung in der gleichen „Arithmetik des Mitgefühls“ bindet sich an den konkreten Einen und besingt sogleich auch seinen Fall, seine Tragik.

Dieser Eine ist der kleinste gemeinsame Nenner, dem das Hinzufügen einer Null sein Unglück nicht vergrößert, denn er steckt bereits in seinem Unglück.

Die Poesie kommt damit zu Rande, indem sie Gnade zu diesem Einen einführt, denn er ist die Projektion der Mehrzahl.

Gnade also, als Arithmetik der Ampathie für den Einen.

Dieser Eine ist zu schwer für eine Träne wie auch für eine Gewehrkugel.

Er sticht heraus aus der Gewehrsalve und trägt die gleiche Menge an Tod, die gleiche Menge an Unglück, und benötigt die gleiche Menge an Liebe.

 

2.

 

So lehrte uns Borges, Jesus habe uns so belehrt.

 

 

2019

  1. DER KLEINE BRUMMKREISEL

Ich habe nichts geschafft, ich habe, scheint mir, nichts wachsen lassen können außer eines gepflegten Zweifels, notiert im Notizblock eines Gärtnerlehrlings.

Sowohl Wüste als auch Garten dauerten nur eine viel zu lange Nacht, dieselbe Nacht, der beckettartige gleiche Vers, getrocknet in der Sonne des vorigen Tages in mir.

Heute weiß ich, der morgige Tag war nicht weggegangen.

 

2.

 

Aber, ich werde im Garten immer kleiner und immer tiefstehender bin ich im Hinblick auf den Horizont.

 

 

2020

  1. EIN WEITSICHTIGES BILD

Drei mit Gliedamputationen machen ein Selfie auf einer Bank im Hof des Heimes für Kämpfer.

Bei Oma im Dorf hingen drei Gedenkanzeigen an der Wand, für die beiden Kinder und den Mann, die in Jasenovac verbrannt wurden.

Im vierten Akt wird geschossen.

Die Mauer bricht ein.

 

2.

Der Sohn des toten Kriegshelden.

Liegt auf der Onkologie.

Man hat ihm die Hoden entfernt.

 

Am iPhone tötet er Digimons.

Die Infusion tropft in unregelmäßigem Rhythmus, weil er ständig die Finger bewegt.

Kahl, ohne Augenbrauen, in seinen Kopfhörern hinkt die Stimme von Tom Waits, er zwinkert der schwarz gekleideten Mutter zu.

Einmal hat ihn sein Vater von der Musikschule abgeholt und zum Kuchenessen eingeladen, denkt er.

 

Auf seinem Display stapeln sich die Leichen der jungen Pokemons.

Die Leichen stapeln sich, sagt er.

 

 

2021

  1. METROPOLITAN OPERA

Ein Libretto mit dem Tragen des an der Ansteckung Verstorbenen durch die Stadt

alles ist wie füher, und Gazimestan ist nach Podgorica gekommen

Die Jugend kniet auf dem Stadtplatz, denn das Auto mit der Leiche fährt vorbei

als würde ein Ajatollah, erfüllt vom Virus, vorübergetragen werden

Und da all das mitten in der Pandemie passiert, trägt keiner eine Maske, als sei

die Maske etwas Westliches, etwas Amerikanisches und etwas Ihriges

 

2.

Ungeachtet des Kabarettcharakters

Zwei Anführer der Armee und ein Oberst ein Verstorbener

Jesus mit dem Vagabunden, ich sage euch, wirklich, in jenen Tagen

 

 

DIE EBENE DES EPILOGS

Vor dem verfallenen Riesengebäude des Kaufhauses aus der Vorkriegszeit PATRIA verkauft jemandes Großvater Kaninchen. Der Preis beträgt 10 und 15 Konvertible Mark pro Häschen.

PATRIA bedeutet auf Latein Heimat, Vaterland, und ebenso heißt auch der höchste Gipfel von Kozara, ganz in der Nähe.

 

In zwei Käfigen. Hasen und Heimat.

Aleksandra Zec ist aus Zagreb.

Sie war zwölf Jahre alt, als sie auf dem Berg Sljemen umgebracht wurde, vor fünfundzwanzig Jahren.

 

Ihr Vater war aus Prijedor. Er wurde zusammen mit der Mutter in derselben Nacht liquidiert.

Vater war Serbe, Mutter Kroatin.

 

*

 

Dubravka Zec ist aus Prijedor.

Sie ist fünfundfünzig Jahre alt, und schon seit fünfundzwanzig ist sie allein.

Und sie hat den Verstand verloren.

Ihr Vater war Sportlehrer im Gymnasium, Handballer.

In Omarska wurde er geschlagen und geschlagen.

 

Ihr Bruder wurde vor ihren Augen getötet.

 

*

 

Ich wusste nicht, dass Zec als Nachname auch bei den Kroaten existiert, sagt mein Freund.

Und, sagt man dann für eine Frau Zečeva oder Zecova?

 

Er fügt hinzu, er habe nicht gewusst, dass die ermordete Zagreber Familie Zec in Prijedor beerdigt wurde, und fragt, ob man Dubravkas Bruder in einer der hiesigen Gruben gefunden habe.

 

*

 

Dubravka irrt schon seit Jahren verloren durch die Stadt.

Ein schmaler, hoher, kurzgeschorener, verwirrter, erschrockener Engel.

Im Mantel.

 

Sie geht ins Theater, ins Kino, zum Konzert, in die Kirche, in die orthodoxe, in die katholische, sie führt Selbstgespräche, flüstert, geht auf den Friedhof, kommt wieder heraus …

 

Sie wohnt ganz allein, ohne Strom, ohne Heizung.

Sie dreht sich um. Keiner da.

Immer allein. Immer allein. Immer.

 

*

 

Es gibt einen Ort in der Nähe von Prijedor – Zecovi.

Halb serbische Hasen, halb bosniakische.

Zwei Käfige der Heimat.

 

Deutsch von Mascha Dabić

 

 

 

Von der Namenlosigkeit

von Goran Vojnović

Credits: Tanja Draskić Savić

Mein Vater liebt unsere Lieder, und ich auch. Volkstümlich würde mein Vater sie nennen, aber das mir scheint nicht die richtige Bezeichnung für sie zu sein. Diese Lieder sind Sevdalinke, traditionelle altstädtische Romanzen, Kaffeehauslieder, mazedonische Volkslieder, jugoslawische Schlager. Sie habe viele Namen und sind doch namenlos. Bosnische Lieder würde man hier, in Slowenien, zu ihnen sagen, obwohl es unter ihnen auch kroatische, serbische, mazedonische und montenegrinische Lieder gibt. Am besten könnte ich sie wohl als Lieder beschreiben, die meine Eltern mit ihren Freunden an Tischen voller Speisen und Getränke sangen. Oder als musikalischen Hintergrund meiner Kindheit. Lieder, die es nicht auf Platten und Kassetten gab und die ich nur in der Interpretation eines beschwipsten Quartetts, Sextetts oder Oktetts an unserem Esstisch kannte.

Es gibt niemanden mehr, der diese Lieder so singt, wie meine Eltern sie gesungen haben. Es gibt niemanden mehr, der so wie Hazim, Vaters bester Freund, ganz plötzlich, aus heiterem Himmel, mit seiner hohen Stimme ‚Eleno, kerko Eleno …‘ vorgibt. Es gibt niemanden mehr, der sich denen zugesellt, die aus heiterem Himmel ein Lied anstimmen.

Ich singe unsere Lieder manchmal meinen Söhnen vor. Manchmal auch mir selber, im Auto, zusammen mit der Ausnahmesängerin Amira Medunjanin, deren Repertoire dem Repertoire meiner Eltern noch am meisten entspricht. Aber sonst ist es heute in Ljubljana fast unmöglich, eine Gesellschaft zu finden, mit der man unsere Lieder singen könnte. Zuletzt sind sie hier nach der Premiere meines Theaterstücks „Jugoslavija, moja dežela“ erklungen. Wir haben sie fast so gesungen, wie es einst meine Eltern getan haben. Aber das ist schon mehr als fünf Jahre her. In Bosnien haben wir sie letztes Jahr gesungen, als wir den 18. Geburtstag des Sohnes meiner Cousine gefeiert haben. In Bosnien können die Menschen diese Lieder besser, und deshalb fängt man dort eher an zu singen, aber auch dort immer seltener und nicht mehr so wie früher. Auch dort gibt es immer weniger Lieder, die unsere Lieder sind.

Und doch lausche ich diesen Liedern heute mehr als je zuvor. Ich höre Mostar Sevdah Reunion, ich höre Damir Imamović und ich höre Amira. Eine Zeit lang habe ich versucht, auch meinen Vater für die neuen Interpreten der alten Lieder zu gewinnen, aber das habe ich aufgegeben. Einmal habe ich ihn sogar zu einem Konzert von Amira mitgenommen, aber während ich geschwelgt habe, hat er ihre Interpretation korrigiert. Weil er weiß, wie man die alten Lieder singt. Er lässt sich auf keine neuen Arrangements ein, auf keine andere Vokalinterpretation, vor allem aber hat er kein Verständnis für Jazz. Mostar Sevdah, Amira, die alle verderben unsere Lieder, weil sie sie nicht so singen, wie es früher Zaim Imamović, Toma Zdravković oder Silvana Armenulić getan haben.

Diese Lieder kannst du nicht verbessern, die kannst du nicht besser spielen oder singen, weil sie genau so bleiben müssen, wie sie waren, glaubt mein Vater. Nur so versetzen sie ihn wieder in die Zeit, bringen ihn zurück in die sechziger oder siebziger Jahre, in seine Jugend, was er sich von diesen Liedern als Einziges wünscht. Die Nostalgie meines Vaters ist eine zeitliche, meine eine räumliche. Ich wünsche mir, dass mich unsere Lieder in den Raum zurückversetzen, dass sie mich zurückbringen zu dem, was mir eigen ist, zu dem, was nach der Zerstückelung meiner Kindheitswelt hinter den Grenzen und Bergen noch geblieben ist. Die Heimat meines Vaters ist in der Zeit verloren gegangen, meine im Raum, deshalb sehnt er sich nach der verlorenen Zeit, ich mich nach dem verlorenen, dem unerreichbaren und entschwundenen Raum.

Diese Unterscheidung habe ich lange nicht begriffen, und deshalb habe ich auch die Missverständnisse nicht begriffen, mit denen ich mich immer wieder konfrontiert sah, wenn ich von meinem Vaterland gesprochen habe. Nach ihm wurde ich immer aufs Neue gefragt, denn ich bin ein Kind von Zugewanderten, ein Kind zweier Sprachen und mehrerer Kulturen. Meine Mutter ist aus dem kroatischen Istrien nach Slowenien gekommen, mein Vater aus Zentralbosnien. Was bist du, wurde ich deshalb gefragt. Wer bist du, wurde ich gefragt.

Und wenn ich das benennen wollte, was das mir Eigene ist, das, was ich bin, bot sich mir wie von selbst der Name Jugoslawien an, aber etwas in diesem Namen klang nicht richtig. Jugoslawien war der Name jenes Staates, in dem ich geboren wurde, jenes Staates, den meine Eltern hatten und den sie noch als den ihnen eigenen ansehen, und es war mehr und zugleich weniger als mein Vaterland. In ihm gab es vieles, was mir fremd war, gleichzeitig umfasste es nicht alles, was mir zu eigen war, und weckte deshalb in den Menschen ganz falsche Vorstellungen von mir. Wenn ich als mein Vaterland Jugoslawien nannte, musste ich deshalb immer betonen, dass ich nicht vom Staat Jugoslawien spreche, von dieser unglücklichen sozialistischen Föderation, die noch heute, dreißig Jahre nach ihrem blutigen Zerfall, erregt und aufregt. Meine Welt waren weder Tito noch die Partei noch der Selbstverwaltungssozialismus, sagte ich immer wieder, wurde aber überhört und als Jugo-Nostalgiker abgetan. Ich, der ich elf Jahre alt war, als dieser Staat zerfiel, und von allem Jugoslawischen eine emotionale Bindung nur an die Basketball- und Fußballnationalmannschaft hatte.

Heute weiß ich, dass diese Missverständnisse unvermeidlich waren. Wenn ein Staat aufhört zu existieren, landet er im Raum der Erinnerungen, in der Literatur. Erst wenn die Erinnerungen verblasst sind und es uns nicht mehr gibt, die wir uns an diesen Staat erinnern, wird er Geschichte. Und erst dann wird man über ihn leichter sprechen können, weil es in der Geschichte mehrere, aber nicht Millionen Jugoslawien geben konnte, es wird nicht so viele Jugoslawien geben, wie es in unseren Erinnerungen gibt. Dereinst, wenn wir nicht mehr sind, wird Jugoslawien nicht alles und noch mehr sein, vom Mangel an Schokolade und Bananen bis hin zur Abireise nach Dubrovnik, von der galoppierenden Inflation bis hin zu Ćopićs Ježeva hišica. Nur in den Erinnerungen, in der Literatur kann Jugoslawien zugleich der Name für die erste Liebe und den Genozid sein, für Lieder und für Dekrete, für Krieg und Frieden und wieder – oder noch immer – Krieg. Deshalb nenne ich mein Vaterland nicht mehr Jugoslawien. Deshalb hat mein Vaterland keinen Namen mehr.

Wenn ich Vaterland sage, denke ich zum Beispiel an den Feigenbaum, der im Hof eines Mehrfamilienhauses in Pula steht, an den Kirschbaum, der zwischen zwei bosnischen Häusern wächst. Ich denke daran, wie ich auf beide Bäume geklettert bin und ihre Früchte gepflückt habe, an die Menschen denke ich, die die Feigen und Kirschen gegessen haben. Wenn ich Vaterland sage, denke ich an eine überfüllte Wohnung in Novi Sad, voll mit Kleidungsstücken, die niemand mehr anziehen wird, weil sie Stücke aus einem vergangenen, in Angst zurückgelassenen Leben sind. Wenn ich Vaterland sage, denke ich an die Jahorina, an Nebel und vereiste Rohre, an das wegbleibende Fernsehbild und an die Skifahrerin, die mit ihm zusammen wegbleibt. Ich denke an den einen Strand in Pula unter dem Leuchtturm und an den anderen, zu dem wir Dreckmeer gesagt haben. Ich denke an die Pizza in Rovinj, an die ich mich nicht erinnere, weil ich mich nur erinnere, wie wir spät abends im Zastava 101 meiner Tante aus Rovinj zurückfahren. Wenn ich Vaterland sage, denke ich an Friedhöfe, an Gräber. Ich denke an einen alt gewordenen Mann, der im Unterhemd eine Patience legt, an den verkrusteten Schmutz auf seinen Karten. Ich denke an eine alt gewordene Frau, die mich fragt, ob ich Tee, Milch oder Milchkaffee möchte. Wenn ich Vaterland sage, denke ich an männliche Bartstoppeln, so scharf, dass man sich an ihnen schneiden kann. Ich denke an den unersättlichen Ziegenbock aus dem Märchen und an die unermüdlich sinnlos Flachs brechende Großmutter aus dem Kinderlied. Ich denke an die Schüssel voller bunter Plastiklöffel, mit denen die Kinder, die längst schon keine Kinder mehr sind, Eis gegessen haben.

Wenn ich von Vaterland spreche, spreche ich also von einem Raum der Erinnerungen, einem Raum der Familienbande und Freundschaften, einem Raum der Erfahrungen, auch des Lesens und Zuhörens, einem Raum, der sich nur im Groben mit dem Raum jenes Staates deckt, dessen Name Jugoslawien war. Ich spreche von einer emotionalen Geographie, von einem Raum, der real und zugleich nicht real ist, der teilweise noch existiert, teilweise aber nicht mehr, einem Raum, der vergeht und zugleich wiederkehrt. Auf der sich ewig verändernden Landkarte meines Vaterlandes erscheinen unaufhörlich neue Menschen, während andere vergehen. Dafür suche ich einen Namen. Ich suche einen Namen für mich.

Aber um für mich und mein Vaterland einen Namen zu finden, muss ich zuerst einen Namen für meine Sprache finden. Wenn ich von meinem Vaterland spreche, spreche ich auch von meiner Sprache, denn ich bin in einer Sprache aufgewachsen. Wortwörtlich. Geboren wurde ich in Slowenien, schon als Baby habe ich Slowenisch gelernt, das ist die Sprache, die ich mit meinen Kindern und meiner Frau spreche, die Sprache, in der ich schreibe. Aber in meiner Kindheit befand sich, was mir am meisten zu eigen war, in einer anderen Sprache, in der Sprache meiner Eltern, in einer Sprache, die keinen Namen hat. In der Sprache war mein Zuhause, in ihr war meine Familie, in der Sprache war die ganze Liebe. Die Liebe in der anderen Sprache habe ich lange nicht gekannt. Ich musste erst ein großer Junge werden, bevor mich zum ersten Mal jemand auf Slowenisch geliebt hat.

Meine erste Sprache ist damals genauso zerfallen wie der Staat Jugoslawien, nur völlig unbemerkt. Serbokroatisch hat man sie einmal genannt, heute nennt man sie Kroatisch, Bosnisch, Serbisch und Montenegrinisch. Alle diese vier Sprachen sind mir verständlich, aber keine ist wirklich meine. Meine Sprache, meine Muttersprache gibt es nicht mehr, sie existiert offiziell nicht. Wenn ich in meiner Sprache schreibe, passe ich sie daher laufend einer der vier offiziellen Sprachen an, ich übersetze und lektoriere mich. Wenn ich spreche, achte ich unbewusst darauf, dass mich mein Gesprächspartner versteht, wähle die Wörter sorgsam und verwende oft auch solche, die mir nicht zu eigen sind. Als würde ich meiner Sprache nicht ganz trauen, als würde ich mir selbst nicht ganz trauen. Meine namenlose Sprache hat eben kein Wörterbuch, keine Rechtschreibung, vor allem aber hat sie keine anderen Sprecher. Viele verstehen sie, sprechen tue aber nur ich sie. In langen Jahren der Einsamkeit in mir hat sie sich verselbstständigt, ist den anderen Sprachen ungleich geworden.

Aber diese Sprache, das bin genau genommen ich. Und dieses Vaterland ohne Namen, auch das bin ich. Namenlos bin ich, und doch bin ich. Niemand kann mich verneinen. So wie auch niemand mein Vaterland verneinen kann. Ich bin kein Apatride. Ich wurde von nirgendwo vertrieben. Nach vierzig Jahren lebe ich noch immer dort, wo ich geboren wurde. Und immer leichter komme ich mit der Namenlosigkeit zurecht, immer weniger möchte ich das benennen, was ich bin, was ich fühle, was ich liebe. Den Schriftsteller in mir habe ich schon fast davon überzeugt, dass bestimmte Dinge ohne Namen existieren können, dass sie wegen der Namenlosigkeit nicht weniger existent sind. Ich glaube sogar, dass ich die Namenlosigkeit bald so sehr liebgewinnen werde, dass ich nicht mehr auf sie verzichten möchte.

Namen sind nämlich hier, in unseren Gegenden – sehen Sie, ich habe schon begonnen –, ganz besonders einengend. Sie sagen so wenig über uns aus, obwohl sie immer zu viel sagen. Unsere Namen sind seit jeher gewohnt, in die Irre zu führen und zu lügen, sie sind gewohnt, uns vor anderen und vor uns selbst zu verstecken, uns zu verfälschen und zu verändern. Deshalb kann in unseren Gegenden nur ein Mensch ohne Namen sich selbst gehören. Und nur ein Mensch, der sich selbst gehört, kann ein Mensch sein.

 

Deutsch von Klaus Detlef Olof

 

Archipel Jugoslawien

von Zoran Žmirić

Credits: Carmela Žmirić

Ich sitze bei einem Kaffee mit Liam, der geschickt eine Zigarette rollt, das Papier mit Speichel befeuchtet, den Rauch ausbläst und dann sagt: „Ich habe ein Kapitel aus deinem Roman gelesen. Hervorragend übersetzt. Schreibst du sonst auch immer Horror?“ Galway und Rijeka sind Kulturhauptstädte 2020, und es lief darauf hinaus, dass ich früher oder später einem aktiveren Mitglied der irischen Kunstszene über den Weg laufen würde. Liam ist fingerstyle Gitarrist, Maler und Dichter, und während meines kurzen Aufenthalts in Galway ist er darüber hinaus mein Gastgeber und Stadtführer. Ich habe keine andere Wahl, ich werde hier mein Bestes geben müssen, obwohl ich sehe, dass hier nichts dabei herauskommen wird. Alters- und interessensmäßig stehen wir uns nahe, dennoch steht für mich fest, wir werden einander nicht verstehen, und das liegt weder an meinen bescheidenen Englischkenntnissen noch an Liams starkem gälischen Akzent. „Das ist kein Horror“, sage ich zu Liam. „Das ist die Realität am Balkan.“ In Liams Blick sehe ich Staunen und Traurigkeit, aber hinter dieser oberen Schicht erahne ich ein Strichcode-Lesegerät, mit welchem er versucht, zumindest Spuren von meinem Sarkasmus einzufangen. Er kann jedoch keinen Sarkasmus finden, also presst er hervor, als würde er nur zu sich selbst sprechen: „For fock sake.“ Liams aufrichtiger, zufällig entwischter Kraftausruck gibt mir zu verstehen, dass das Trauma des Balkans sich ins Unendliche perpetuieren wird und dass wir einen Trost dafür niemals außerhalb dieser geschlossenen Gegend finden werden. Er ist sich nicht einmal dessen bewusst, dass er meine These bestätigt, als er selbst sagt: „Ja, ein Kriegstrauma ist etwas Entsetzliches.“ Wir verstehen einander nicht, wir können einander nicht verstehen, und dennoch nehme ich mir vor, ihm die ganze Sache zu erklären. Nicht etwa um seiner selbst willen, sondern aus rein egoistischen Gründen, denn es bringt mir Erleichterung, es noch einmal auszusprechen.

Ich kann mich genau erinnern, wann das Trauma seinen Anfang genommen hat. Keineswegs zu einem Zeitpunkt, den jemand von außen, jemand wie Liam, automatisch annehmen würde. Die Rede ist nicht von dem Trauma, das einem die Kriegserfahrung selbst verpasst. Die Rede ist von dem Trauma, das einem Menschen, der nach dem Krieg versucht, wieder normal zu leben, von seiner eigenen Umgebung beschert wird. Ich erinnere mich allerdings auch an den Moment, als ich in den Krieg gezogen bin. Wir saßen im Klub Palach, tranken Bier und hörten Rockmusik. Im Fernsehen liefen Nachrichten, protestierende Serben hätten in einem psychiatrischen Krankenhaus in Vrlica das Trinkwasser abgedreht. Wir schauten alle gemeinsam fern, und jemand sagte: „Die spinnen ja, die werden erst dann Ruhe geben, wenn sie alles, was sie vorhatten, umgesetzt haben.“ Was genau sie vorhatten, war mir nicht ganz klar, aber ich wusste, jemand musste sich ihnen widersetzen. Jemand, der sich auch sonst gut darauf verstand, sich bei jeder Gelegenheit zu widersetzen, ob passend oder unpassend. Jemand, der sich darauf verstand, sich in eine Schlägerei einzumischen und die Streithähne auseinanderzubringen, ohne zu wissen, wer die Schlägerei vom Zaun gebrochen hatte und warum, jemand der mit seinen Mitschülern stritt, wenn diese Roma-Kinder oder Albaner in der Klasse hänselten. Jemand wie ich.

Das erste Anzeichen für das Trauma war die Frustration. Wir kamen zum Kampfgebiet, wo der Befehlshaber uns wissen ließ, wir sollten die letzte Patrone für uns selbst aufheben. Ich fand das alles urkomisch, geradezu auf der Ebene eines Filmklischees angesiedelt. Dann ging es aber los, es ging um etwas, das ich schon kannte und das keineswegs harmlos war. Man erklärte uns, wir seien da, um die Staatsgrenzen, die Demokratie, die Existenz, den jahrhundertealten Traum und noch einiges mehr zu verteidigen, wobei ich bei einigen der genannten Dinge nicht gerade bewandert war. Der Staat, der ehemalige wie der soeben formierte, war mir ebenso gleichgültig wie mir auch ein dritter Staat egal wäre, sollte uns schon morgen jemand dazu zwingen, in ihm zu leben. Schließlich stamme ich ja aus Rijeka, einer Stadt, die innerhalb von etwas weniger als hundert Jahren neun Staatszugehörigkeiten gewechselt hatte. Begeisterung zu empfinden ob der Erkenntnis, dass du in einem von diesen durch Politiker und ihre Abmachungen etablierten Staaten lebst, ist ein Konzept, das ich beim besten Willen nicht nachvollziehen kann, so leid es mir auch tut. Für mich sind Grenzen nichts anderes als Kurven im Atlas – heute so, und morgen wer weiß wie.

Die Willkommensansprache des Befehlshabers erinnerte mich an meinen Onkel Ivan, der 1942 als Vierzehnjähriger in den Krieg gezogen war. Die italienischen Soldaten zündeten damals Dörfer an, wahllos der Reihe nach, und als sie schon zu dem Dorf meines Onkels herangerückt waren, schnappte sich mein Onkel eine Mistgabel und attackierte die Italiener, gemeinsam mit Gleichaltrigen und etwas Älteren. Nach der erfolgreichen Aktion teilten die Partisanen ihn und die anderen Männer aus seinem Dorf bald in Gruppen ein und führten Disziplin ein, und erklärten ihnen anschließend, ihr Kampf um das nackte Überleben sei in Wirklichkeit vom Ansinnen motiviert gewesen, das bestehende System zum Einsturz zu bringen, und ihr Ziel sei es doch, eine bessere Welt aufzubauen. Mein Onkel wusste nicht einmal, was Klassenkampf und Weltrevolution bedeuteten, er hatte noch nie von Marx und Lenin gehört, und noch weniger vom Sozialismus. Ihn interessierte es nur, die Faschisten wieder dorthin zurückzuschicken, wo sie hergekommen waren, um anschließend wieder zu seiner eigenen Routine zurückkehren zu können. Ich dachte darüber nach, während der Offizier vor uns selbstbewusst mit Phrasen um sich warf und sich auf eine krankhafte Weise an seiner eigenen Rhetorik berauschte, die allerdings spurlos verschwunden war, als ich ihn ein Jahrzehnt später im Fernsehen sah, wie er vor dem Haager Tribunal lauthals schwieg. Zu dem besagten Zeitpunkt jedoch, als ich vor ihm stand, verknüpfte ich meine Erfahrung mit der Erfahrung meines Onkels Ivan, verband die beiden Punkte auf der Zeitachse, fast im selben Raum, und spürte deutlich, dass da etwas nicht stimmen konnte.

Ich hatte nicht für ein Land gekämpft, das ich nicht liebe, sondern ich liebe das Land nicht, für das ich gekämpft hatte.

Mein Eindruck, dass hier etwas nicht stimmen konnte, verstärkte sich noch zusätzlich, als der Nebel sich lichtete. Nach einem Klinikaufenthalt verließ ich ein Jahr lang meine Wohnung nicht. In dieser Zeit kam immer wieder jemand aus meiner Kampfeinheit vorbei und ließ mich wissen, dass ich mir keine Sorgen machen solle, man werde alles dafür tun, um mir eine bessere Rente zu verschaffen. Ich machte mir aber gar keine Sorgen, denn die Rente wollte ich gar nicht haben. Ich wollte nur meine Routine wieder haben, mein Leben. Aber diese Leute dachten, sie würden mir einen Gefallen tun, und sprachen weiter darüber, wie sie zu meiner bestehenden Invalidität noch etwas hinzufügen könnten, wie sie nachträglich festhalten würden, dass ich in einer Militäraktion verwundet wurde, die nach meiner Entlassung aus der Armee stattgefunden hatte, denn sie würden die richtigen Leute kennen, und einen Freund lasse man nicht im Stich. Ich dachte, man müsse mich offenbar sehr schätzen, war man doch bereit zu lügen, nur um mir das Leben nach meiner Rückkehr aus dem Krieg leichter zu machen. Aber je stärker ich mich widersetzte, desto vehementer insistierten sie, und schließlich ging ihr Insistieren in Aggression über. Da endlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Sie taten das nicht für mich, sondern für sich. Eine neue Gruppe von Anspruchsberechtigten hatte sich formiert, und die Anzahl ihrer Mitglieder war ein wichtiger Faktor. Sie verlangten nach Privilegien und Heldenstatus und nach allem anderen, was eben damit einherging. Sobald ich das begriffen hatte, nahm ich für immer Abschied von diesen Leuten, und in ihren Augen war ich nicht länger der langhaarige junge Typ in punkiger Lederjacke, der ums nackte Überleben gekämpft hatte, sondern ich war jemand geworden, der sein Land hasste. Aber die Wahrheit ist eine andere; ich hatte nicht für ein Land gekämpft, das ich nicht liebe, sondern ich liebe das Land nicht, für das ich gekämpft hatte. Diesen Sprung in meinem Denken habe ich ausschließlich den Abweichlern zu verdanken, die den Krieg als eine Start-up-Plattform für ihr eigenes Vorankommen ausnützen wollten; der Clique, die in erster Linie sich selbst und später auch alle um sich herum davon überzeugen konnte, dass sie auf Grund ihrer Kriegsbeteiligung etwas Besonderes sei; dass man noch zu ihren Lebzeiten Denkmäler für sie errichten und ihnen Privilegien gewähren müsse. Unter ihnen bilden jene Leute eine besondere Kaste, die das Chaos ja geradezu herbeigesehnt hatten, die den Ausbruch von Gewalt genossen und sich am Leid der anderen bereichert hatten. Gerade wegen dieser Leute ist es heutzutage für jeden, der im Krieg gekämpft und dennoch seine Menschlichkeit bewahrt hat, eine Schande, überhaupt zu erwähnen, dass er im Krieg gewesen ist. Diese Leute sind für normale Menschen ein größeres Trauma als der Krieg selbst. Jeder, der das nicht versteht, tut mir aufrichtig leid.

Aber diese Leute sind noch gar nicht das Schlimmste, das es in unserem Balkanhorrorbilderbuch zu finden gibt. Das Schlimmste ist, dass sie sich perfekt in unser heutiges System einfügen. In diesem Staat wird Kompetenz nicht geschätzt, stattdessen werden politischer Aktivismus mit nationalem Vorzeichen bevorzugt, und zwar auf sämtlichen Ebenen. Wäre dies nur in der Spitzenpolitik der Fall, dann wäre das wunderbar, denn es würde bedeuten, dass die Pyramide auf den unteren Ebenen gut funktioniert. Aber das Gegenteil ist der Fall. Sämtliche staatlichen Elemente von vitaler Bedeutung so wie auch jene auf unteren Ebenen werden von völlig unfähigen, aber gefälligen Personen geführt. Bei uns werden Vereine und Sportklubs ernsthafter gemanagt als der Staat selbst. Vereine und Klubs verfolgen klar formulierte Ziele, die das Kollektiv erreichen möchte, während die Politiker den Staat wie einen Bankomaten erleben, von dem sie unbegrenzt viel Geld abheben können, während die kleinen Leute sich anstellen und darauf warten, dass einer von den Politikern versehentlich eine Münze fallen lässt. Für sie, für die arbeitsamen und anständigen Leute, gibt es keinen Gewinn an diesem Bankomaten. Außerdem ist die Arroganz der Politiker unverschämt. Jede Handlung, jede Aussage macht den Eindruck einer Verhöhnung der Menschen, als würde man einen Sterbenden zusätzlich noch verprügeln oder sich über Behinderte lustig machen. Ich reagiere schon lange allergisch darauf, wenn man sich über andere lustig macht. In meinen Augen liegen die Dinge ganz einfach: Ich denke, die Mehrheit hat die Pflicht, die Minderheit zu schützen, ganz gleich ob diese Minderheit sich über die nationale, soziale oder sexuelle Orientierung konstituiert. Bei uns aber geschieht genau das Gegenteil, und das ist ein Trauma, das in Kroatien schon viel länger andauert als der Krieg.

Ich konnte zehn Jahre lang nicht schlafen

All das hört sich Liam in einem Pub in Galway an, nickt eifrig dazu und fragt sich wohl, ob ich ihn womöglich als eine Spielfigur missbrauche, um meine eigene Phantasie anzustacheln und einen künftigen Dialog in einem künftigen Roman auszuprobieren, oder ob in Europa, nicht weit weg von seinem eigenen Land, tatsächlich etwas passiert ist und weiterhin passiert, was sich seinem Verstand nicht erschließt.

„Hast du getötet?“, fragt er mich, beißt sich dann aber sogleich auf die Unterlippe und fügt entschuldigend hinzu, dass man ehemaligen Soldaten eine solche Frage nicht stellt, und ich schaue ihn an und denke an meine Freunde, die sich das Leben genommen haben, obwohl sie im Krieg keinen einzigen Schuss abgegeben haben. Ich erzähle ihm davon. Diejenigen, die sich nicht umgebracht haben, nahmen Medikamente mit Alkohol ein und konnten auf diese Weise zumindest eine Zeitlang in einer temporären Comfort-Zone Zuflucht finden, wo sie jedoch bald darauf verwelkten. Ich habe aus nächster Nähe gesehen, wo das hinführt, und habe beschlossen, aus ihren Fehlern zu lernen. Nach dem Krieg habe ich keinen Tropfen Alkohol getrunken, auf der Suche nach einem Weg, mich wieder zu sortieren. Leicht war es nicht, vor allem nachts. Ich konnte zehn Jahre lang nicht schlafen. Und es ist nicht so, dass ich es nicht wollte. Jeden Abend zog ich mir meinen Pyjama an und legte mich mit der entsprechenden Absicht ins Bett, aber dort erhitzte sich mein Hirn, bis zur Sinnlosigkeit. Ich las langweilige Texte und schaute das Nachtprogramm im Fernsehen an, ich tat alles, um mich zu erschöpfen, aber die Erschöpfung allein reichte nicht aus. Etwa zehn Minuten Schlaf pro zwei Stunden war mein Maximum. Dann fing ich an zu schreiben. Geschichten gewöhnlicher Menschen mit gewöhnlichem Leben, nichts Aufregendes, aber mir genügte es, um zur Ruhe zu kommen. Über den Krieg zu schreiben fiel mir nicht einmal im Traum ein. Mit dem Krieg hatte ich schon Schluss gemacht, darüber hatte ich nichts mehr zu sagen. Aber jedes Mal, wenn ich dachte, ich hätte meinen Frieden gefunden, hob ich den Kopf, schaute mich um und sah eine Schlammgrube. Eine moralische, eine geistige und jegliche andere Schlammgrube. Hinter meinem Rücken spielte sich eine verzerrte Wirklichkeit ab. Der Krieg war weiterhin ein Thema, zumeist als eine Rechtfertigung für kriminelle Machenschaften. Um die Sinnlosigkeit der Rückkehr in die Vergangenheit zu begreifen, muss man nur daran denken, dass das Jahr 1990 gleich weit weg vom heutigen Datum ist wie das Jahr 2050 in der Zukunft, und es stellt sich immer mehr heraus, dass dieses Land nicht kreiert wurde, um eine Zukunft zu haben, sondern damit die Zukunft den Dieben und ihren jeweiligen Familien gehören möge. Meine Frustration wuchs an, so lange, bis sie unerträglich wurde, so lange, bis mir klar wurde, es war nun an der Zeit, dass auch ich meine Version über das Kriegsgeschehen erzählte. Erzählte oder niederschrieb.

Schließlich schrieb ich zwei Romane über den Krieg. Oder besser gesagt, gegen ihn. Ich schenkte ihm auch einen Gedichtband, in dem jedes Gedicht mit dem Symbol des dreifachen Kreuzes beginnt, mit dem Gläubige vor der Lesung des Evangeliums gesegnet werden, wenn sie ihre Gedanken, ihre Worte und ihr Herz ins Gleichgewicht bringen wollen. Allerdings verkündet dieses Evangelium nach der Gewehrkugel keine frohen Botschaften, und kein Satz beginnt mit einem Großbuchstaben, denn im Krieg gibt es nichts, dass es wert wäre, vergrößert und glorifiziert zu werden. Haute erkennt man mich als Autor gerade an dieser Kriegsschrift. Auch wenn mein Name jemandem nicht viel sagt, kommt bei der Erwähnung meiner Romantitel meist die Reaktion: „Aha, kenn ich.“ Der Name des Werks hat den Namen des Autors überholt, und das ist es doch, was jeder Autor anstrebt. Naturgemäß ist das so, du bist ein Diener des Worts, du denkst, das Wort ist besser als du selbst, mit Demut näherst du dich dem Wort, und bevor du es niederschreibst, dankst du ihm. Du küsst ihm die Hand und sagst „Danke, dass du mich erwählt hast“. Und dennoch macht mich mein Erfolg nicht froh. Ich wollte das nie. Ja schon, schreiben wollte ich, das Schreiben wird bei mir wie bei so vielen anderen immer irgendwo tief drinnen geschlummert und darauf gewartet haben, von einem Aktivierungscode zum Leben erweckt zu werden. In meinem Fall geht es zurück zur vierten Schulklasse, als ich auf die Frage hin, was ich werden möchte, wenn ich groß bin, notierte: Schriftsteller. Und es ist auch passiert, ich bin ein Schriftsteller geworden, mit Wiedererkennungswert, allerdings durch die Schuld anderer und nicht durch eigenen Verdienst. Man hat es mir aufgedrängt, über den Krieg zu schreiben, weil man sich hierzulande schon seit dreißig Jahren unaufhörlich damit beschäftigt und somit immer wieder die Knochen all jener umgräbt, die ich in meinem Inneren schon längst begraben habe. Dabei würde ich so gerne über anderes schreiben, über Reisen, über die Suche, darüber, wo es die Seele hinzieht. Aber es geht nicht. Immer wenn ich mich daranmache zu schreiben, tauchen sie auf, wie Raubtiere, die sich zum Wasser begeben, sie kommen mit ihren immergleichen knurrenden Mantras – Krieg, Nachkriegszeit, Krise. Sie halten uns Reden aus ihren goldenen Höfen heraus, proklamieren, wie schwer es sei und wie sehr man doch sparen müsse, denn wir hatten ja den Krieg … Als hätten sie sich bewusst dafür entschieden, mich so zu quälen. Die Militärjunta in Südamerika wandte ähnliche Methoden an. Den Gefangenen wurde monatelang täglich die gleiche politische Rede vorgespielt. Die Gefangenen schlugen schließlich mit dem Kopf gegen die Wand oder bissen sich in die Handgelenke, um die Folter zu stoppen. Ich habe den Eindruck, dass die heutigen Politiker die normal gebliebene Minderheit auf diese Weise einer Folter unterziehen. Sie hören nicht auf, über den Krieg zu sprechen, und ich, nachdem ich ihnen Jahre und Jahre lang zugehört habe, treffe die Entscheidung, anstatt meinen Kopf gegen die Wand zu schlagen, zur Feder zu greifen. Anstatt mir selbst die Adern durchzubeißen, verpasse ich mir einen Schlag in den Solarplexus, gehe in mich, und wenn ich dann soweit bin, dass mir dort vor mir selbst übel wird, komme ich an meiner eigenen Kehle wieder heraus. Aber diesmal, anstatt vom Balkon hinunterzuschauen und mich zu fragen, ob es hoch genug ist, wie ich es schon zwei Mal getan habe, beschließe ich, Papier und Bleistift zu suchen, um anschließend meine Eingeweide aufs Papier zu kippen. Ich schreibe nicht über den Krieg, weil ich es will, sondern weil ich einfach keine andere Wahl habe, und wenn ich schon dabei bin, dann tu ich es ohne Bremse.

Ich verstehe und ich akzeptiere, dass vielen Menschen in ihrem Leben nichts Aufregenderes zugestoßen ist als der Krieg. Vor diesen Menschen ist es mir geradezu peinlich, es zuzugeben, aber auf mich trifft das nun einmal nicht zu. Sie, die immerzu wartet, hat „Ja“ gesagt. Nichts anderes lässt sich damit vergleichen. Niemand konnte jemals so warten wie sie. Sie hat auf meine Rückkehr aus der Jugoslawischen Volksarmee JNA gewartet. Dann hat sie auf meine Rückkehr aus dem Krieg gewartet. Dann hat sie auf meine Rückkehr aus der Klinik gewartet. Sie hat darauf gewartet, dass ich meine Rehabilitation abschließe. Dann darauf, dass ich wieder zu mir kam und wieder der gleiche Mann wurde, bei dessen Anblick ihr, wie sie sagt, bei einer Party die Knie weich geworden wären. Auf das Letztere hat sie zwar gewartet, sie hat es jedoch nicht bekommen. Dieser Mann ist irgendwo hängen geblieben, in der späten Pubertät, irgendwo gegen Ende eines Sommers, der ewig dauern sollte. An seiner Stelle ist ein anderer zurückgekommen, und anstelle des endlosen Sommers, der uns nicht beschieden war, dauert das hier nun ewig an. Aber … möge es andauern. Ich fühle mich trotzdem siegreich. Ganz oben auf meiner Prioritätenliste stehen weiterhin Wahrheit, Friede, Gewaltlosigkeit und Gerechtigkeit. Dass ich mich hier, wo ich lebe, vom kollektiven Primitivismus überwältigt fühle, ist kein guter Grund zum Jammern. Das sage ich allerdings nicht zu Liam, denn manche Gedanken sollte man besser für sich behalten. Ich weiß ohnehin, was er sagen würde, aber ich bin nicht sicher, ob ich ein weiteres Mal aushalten könnte, es zu hören: „For fock sake.“

 

Deutsch von Mascha Dabić

 

Archipel Jugoslawien 1991-2021

von Xhevdet Bajraj

Credits: Edgar García Marquéz

Die ersten Noten des Beerdigungs-Blues für Jugoslawien erklangen ein Jahr nach Titos Ableben. Zehn Jahre lang spielte diese Musik, ehe der Totentanz der jugoslawischen Auflösung begann, der ebenfalls knapp zehn Jahre dauerte.

Jugoslawien stellte ein sozialistisches System mit “menschlichem Antlitz” dar – zu einem solchen wurde es zumindest von den Ideologen der Zeit verklärt. Ob dieses Antlitz schön oder hässlich war, bleibe dahingestellt; doch kennt die Geschichte keinen (ex-)sozialistischen Staat, in dem es sich besser leben ließe. Ich habe nach wie vor Mühe zu begreifen, wie es sich die Südslawen erlauben konnten, diesen Staat zu zerstören. Zumal angesichts der Angebote zur Angliederung an den Westen, die er erhielt. Es war nicht das erste Mal, dass das sozialistische Jugoslawien so deutlich Nein sagte; davor hatte es der Sowjetunion schon eine Abfuhr erteilt.

Die Jugoslawen hätten wissen müssen, dass Geopolitik tötet. Der Machtkampf ist zerstörerisch, noch viel mehr als die spätere Machtausübung. Doch diese Macht brauchen die Hauptakteure in den neu entstandenen Staaten, denn sie beschert ihnen einen Sessel, einen Thron, der sie vor der Verfolgung der Verbrechen schützt, die sie im Krieg begangen haben und auch danach begehen werden.

Ich hörte die Nachrichten aus den Kriegen in Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und versuchte die Hölle zu erahnen, die sich mit sicherem Schritt auf Kosova zubewegte. Die Hölle kam wirklich und überstieg bei Weitem meine Vorstellungskraft. Jemand eröffnete die Jagdsaison gegen ein ganzes Volk und nannte es Krieg.

Es ist erwiesen, dass der Evolutionsweg eines balkanischen Menschen vom Affen direkt zum Politiker führt. In besonderen Fällen zu einem nationalen Anführer. In den meisten Fällen zu einem Historiker oder Akademiker. Also sind alle Balkanvölker sehr stolz auf ihre Geschichte, wie denn auch sonst, lässt sie sich doch nach Belieben schreiben, das Word-Programm haben alle in ihren Computern installiert. So kommt es, dass in ein und demselben Staat verschiedene Versionen der Geschichte gelehrt werden, je nach ethnischer Zugehörigkeit der Schüler. Die Geschichte wird zu einem Sammellager für Lügen. Und dann kommt ein junger Mann aus England namens Noel Malcolm und schreibt für jede dieser Nationen eine Kurzgeschichte, der die einheimischen Historiker nichts entgegenzusetzen haben. Er könnte auch aus der Schweiz sein und sich Oliver Jens Schmitt nennen. Aber auf dem Balkan vermischen sich Ignoranz und Einzelinteressen und beides zusammen führt zur Verringerung des Unterschieds zwischen Mensch und Esel. Die Ignoranz scheint sich mitten im blutigen Balkantheater bester Gesundheit zu erfreuen und wird uns noch eine ganze Weile treu zur Seite stehen.

Der Krieg. Ich habe die Schlachten und die Epen miterlebt, mir hat das Kalaschnikow-Rohr ins Gesicht gesehen und mich hat der Milizen-Stiefel am Leib getroffen. Ich kenne die okkupierte und die befreite Zone, ich wurde festgenommen, vertrieben und meine Identitätskarte los … Ich habe Helden gesehen, die sich in quengelnde Kinder verwandelten, und Kinder in Helden. Kämpfe, Ruinen und Himmel voller Krähen – davon hatte ich zur Genüge. Ich bin es satt, mich von meiner Frau und zwei Kindern zu verabschieden, oft genug „für immer“. Der Krieg verfolgt mich auch hier in Mexiko, seit einundzwanzig Jahren lässt er mich nicht los. Deshalb werde ich kein Wort mehr darüber verlieren.

Der Fluss der Erinnerung drängt die Überlebenden eines Krieges an den Rand des Abgrunds; dieser ist fühlbar, sichtbar, tastbar. Manche laufen darüber und schaffen es sogar auf die andere Uferseite – und doch bleiben sie für immer gebrochen. Der Wurm der Erinnerung nagt an der menschlichen Seele und der Tod wird zum Vertrauten. Die Erinnerung ist das Metier eines Poeten und der Poet hat nicht den Luxus, seinen Blick von dort abzuwenden. Der Poet wurde auch nicht in den Abgrund gestoßen – er befand sich schon darin. Seit Jahrhunderten sitzt er dort, weil die Geschichte in jeder Generation ihre Zyklen wiederholt. Seine Zähne werden taub von den sauren Früchten der Kriegserinnerung, die es in seiner Seele niemals zu süßer Reife bringen. Es bleibt ihm nichts übrig, als in den Weiten der Sehnsucht und der bezwungenen Freiheit zu wandern. Das Leben kann so furchterregend sein, ein Poem endloser Traurigkeit.

Ich kam nach Mexiko mit einem Stipendium des Internationalen Schriftsteller-Parlaments mit Sitz in Paris. Ich trug eine Reisetasche und eine Plastiktüte, meine Frau ihre Reisetasche und die Kinder gar nichts. Das Wetter, das Essen, die Farben der Häuser, die tropischen Pflanzen und vor allem die Ruhe machten mir zu schaffen; ich musste mich daran gewöhnen, dass mich niemand verfolgte, niemand würde meine Tür eintreten und mich töten kommen. Oft schreckte ich nachts auf, schaute nach meiner Frau und den Kindern in ihren Zimmern, beobachtete sie eine ganze Weile und fragte mich, ob sie uns schon getötet hatten und wir uns im Elysium befanden. Allein die mir unverständliche spanische Sprache in Mexiko City deutete darauf hin, dass ich noch lebte, denn es war mir nicht bekannt, dass man im Paradies Spanisch spricht. Bald fand ich meine bevorzugte Zigarettenmarke, meinen Tequila und mein Bier. Zwei Monate lang schrieb ich keine einzige Zeile. Dann ging es los und ich hörte nicht mehr auf, bis El tamaño del dolor (Das Ausmaß des Schmerzes) entstanden war.

Seit zwanzig Jahren tötet Mexiko mich mit seiner Schönheit. Seit zwanzig Jahren sehne ich mich nach Kosova und genauso lange tötet mich die dortige Wirklichkeit. Jedes Mal gehe ich als Kind hin und komme gealtert zurück.

Das südslawische Wort für Leben lautet život. Davon leitet sich životinja ab, das Wort für Tier/Bestie. Aber auch das Wort životariti, das „schlecht leben“ bedeutet. Das letztere wird gesteigert zu životinjariti, und das bedeutet „noch schlechter, wie ein Tier, leben“. So pendelt das Wort život zwischen zwei Enden und verkürzt deren Abstand zueinander. Irgendwo da oben sitzt Gott, oder – frei nach Spinoza und Nikos Kazantzakis – er ist überall um uns herum. Gott in die Augen zu sehen, demütig, und zu begreifen, dass auch Er (oder er) ein Sünder ist, oder verschlafen kann, oder krank sein kann, bedeutet, einen ungeeigneten Tag zum Menschlich-Sein erwischt zu haben. Homo sum, humani nihil a me alienum puto (Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches, glaube ich, ist mir fremd), sagt Terenz, der Demütige. Spinoza würde das so umschreiben: Ich bin ein/e Tier/Bestie, nichts Tierisches/Bestialisches, glaube ich, ist mir fremd. Welch erbarmungslose Kritik gegen die Kapitulation der Menschlichkeit!

Zum Gedächtnis meiner Generation und einiger Generationen vor mir gehört der Name Marigo. Dies ist laut Überlieferung das Mädchen, das die Flagge bestickt hat, welche Ismail Qemali bei der Ausrufung der nationalen Unabhängigkeit in Vlora am 28. November 1912 hissen ließ. Nach dem Kosovakrieg griff die neue politische und „intellektuelle“ Elite auf diesen Namen zurück und nannte ihr Eliteviertel Marigona. Wenn Verbrecher Scherze machen, lachen die Menschen aus Schmerz; besser, sie schicken ihren Schmerzgrimassen ein donnerndes Lachen hinterher, manchmal mit Tränen, sie lachen und weinen wie die Verrückten, wie die Elenden.

Die Menschen verlassen Kosova jeden Tag, so wie auch Serbien, Bosnien-Herzegowina, Nordmazedonien, Montenegro. Mittlerweile gibt es ganze Viertel mit neuen Häusern ohne Menschen darin. Die Landbevölkerung schwindet, die nichtbestellten Ackerfelder lachen, weinen und stöhnen. Befreiungskriege wie Revolutionen fressen ihre eigenen Kinder. Doch manche von diesen sind dem Tod entkommen und kehren nun zurück, um die Früchte des Krieges zu fressen. Es sind meistens die Kinder der Besiegten aus früheren Wendemomenten der Geschichte: Balli, Tschetniks, Ustascha, Kommunisten. Oder die Religion, die gerade einen fulminanten Wiedereinzug in die neuen, offiziell laizistischen Staaten hält, mit politischen Minaretten und Kirchtürmen, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Paradoxerweise scheinen sich die Menschen umso mehr von Gott zu entfernen, je näher die Kirchen und Moscheen an sie heranrücken.

Wie wäre es mal mit einem bürgerlichen Wertesystem, wo Bildung, Gesundheitswesen und Kultur die wichtigste Rolle spielen? Doch die jüngere Geschichte hat uns gezeigt, dass es in der Natur mancher Tiere liegt, menschliche Schlachtfelder aufzusuchen, um sich von den Kadavern zu ernähren. Die Geschichte beweist uns, dass das Ende eines Krieges den Anfang der Korruption markiert. Einige wenige zerstören alte Mythen, nur um auf deren Ruinen neue Mythen zu ihrer eigenen Beweihräucherung zu gründen. Die Menschen, die das Land verlassen, sollen mit Denkmälern für die Gefallenen und Märtyrer getröstet werden, bei deren Bau die Korrupten Gelder unterschlagen haben. Während der Planet mit der Klimakrise konfrontiert wird, spielen sie Helden, schießen mit Waffen in die Decke und stopfen sich voll, solange sie mit am gedeckten Tisch sitzen dürfen. Ohne zu merken, dass sie die schnellste Einbahnstraße in den Untergang genommen haben.

Die einstige serbische Politik hielt in der Hand den Schlüssel zu einer Tür, die nicht existierte. Eine ganze Region mit mehreren Völkern wurde zu ihrer Geisel und alle zusammen versuchten sie dann mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, wobei alle schwer bluten mussten. Der heutige Präsident Serbiens hat wieder eine Tür auf dieselbe Wand gezeichnet und hält sie für real. Das Schlimme ist, dass er wieder zwei bis drei Völker auf diesen Weg mitzunehmen versucht. Selbst wenn er es durch diese Wand schaffen würde, sein Ziel liegt nicht vorne, in einer besseren Zukunft, sondern zurück in der Vergangenheit. Nun, die Zeit ist ein wichtiger Faktor – das Leben selbst besteht aus Zeit –, und wenn sie vergeht, ist sie unwiederbringlich weg. Sollte es irgendwann doch in der Region besser werden, so werden die meisten von uns das nicht mehr erleben. Jemand sagte einmal, „wäre ich blind, befände ich mich in meiner eigenen Dunkelheit; da ich es aber nicht bin, bin ich dazu verdammt, in der Dunkelheit der anderen zu leben“. Wir leben gerade in der Dunkelheit der Mächtigen, die uns weismachen wollen, dass wir uns von der Freiheit ernähren sollen, die auf eine imaginierte Brotscheibe geschmiert wird.

Eine ganze Reihe von Staaten, die infolge des Zerfalls Jugoslawiens entstanden sind, haben sich noch nicht vom tribalen Nationalismus befreit. Dort lebt man noch in einer voraufklärerischen Zeit, in der wichtige bis sehr wichtige Primitive den Ton angeben.

Nikos Kazantzakis sagte einst: „Was für eine eigenartige Maschine der Mensch doch ist! Du füllst ihn mit Brot, Wein, Fisch und Radieschen und es kommen Seufzer, Lachen und Träume heraus.” Manchmal nimmt dieser Mensch eine Kalaschnikow und schießt auf andere, oder er nimmt ein Messer und köpft einen anderen. Dieser Umstand macht aus dem Leben einen erkalteten Kaffee, den der Einzelne ganz alleine trinkt, bestenfalls in digitaler Gesellschaft. Und doch träumt er weiter von Rache. Die Dunkelheit, die schon länger in dieser Ecke der Welt herrscht, macht die Menschen stumm; sie schweigen schändlich für ein bisschen Frieden, für drei- bis vierhundert Euro im Monat. Den einzigen, jedoch fundamentalen Unterschied macht die Frage, wer sie waren, bevor sie der Dunkelheit anheimfielen. 

Nachdem wir uns gehasst haben, nachdem wir weiterhin einander hassen, kamen Leute aus aller Welt zu uns, um uns wie wilde Tiere zu domestizieren, um uns beizubringen, wie wir zusammenleben sollten – uns, die wir so viele Jahrzehnte zusammen oder nebeneinander gelebt haben.

Im Kosovakrieg gab es ca. 1300 Kinder, Frauen, alte Leute, die sich anscheinend „selbstgetötet“ haben. Ihre Gräber findet man nicht – offenbar haben sie sich selbst mehrmals umbegraben bzw. sind auf geheimnisvollen Wegen nach Serbien gelangt und haben sich dort so genial versteckt, dass sie niemand mehr finden kann. Andere waren dann doch nicht so erfolgreich und wurden doch gefunden, in Massengräbern im serbischen Batajnica oder im Perućac-See. Offenbar war das böse Absicht, um dem heutigen serbischen Anführer die Suppe zu versalzen. Dieser arbeitete einst für einen Schurken, der ganzen Völkern damit drohte, sie mit einem verrosteten Löffel abzustechen. Dann arbeitete er als Sprecher von Slobodan Milošević, dann als Ministerpräsident und dann als Staatschef. Immer in Begleitung seines gleichaltrigen Kumpanen, eines ehemaligen Kriegskameraden, der für das musikalische Entertainment der seltenen Staatsbesucher zuständig ist, die sich dorthin verirren – Spitzname Koffer oder Žitorađa. Koffer, weil er einmal mit einem Koffer voll Schmiergelder erwischt wurde. In seinen Fernsehshows, zwischen den Liedern, droht er den Serben, sollten sie der Welt zeigen, wo sich die Gräber der Albaner in Serbien befinden, oder die Kriegsverbrecher verraten. So tötet Herr Koffer die Opfer nach einundzwanzig Jahren noch einmal, um sich deren Tod ganz sicher zu sein.

Dieser war kein Überlebenskrieg, sondern ein Expansionskrieg, in dem einige mit unerhörtem Fleiß das geeignete Klima für die Tötung von Frauen, Kindern und alten Menschen schufen, für Vergewaltigung, Folter, Plünderung von Geld, Gold, Autos, Fernsehern, Kühlschränken und Waschmaschinen. So ist das Leben – ein lebendiges Buch des Todes, das niemals aus der Tagesordnung verschwindet. Die Schockwellen, die es in der menschlichen Psyche verursacht, schaffen es nicht, diese aus der Lethargie der Ignoranz zu wecken. Darauf sind die Menschen trainiert: nicht zu hören, nicht zu sehen, nicht zu fühlen. Und doch entlässt sie das nicht aus der Verantwortung, erst recht nicht jene, die aktiv zu diesen Verhältnissen beigetragen haben. Und die übrigen? Die übrigen sind gezwungen, den nächsten Schritt unter dem Druck der Angst zu planen. Den Schritt, der sie aus dieser Wirklichkeit herausführen soll.

In Kosova, dem einzigen Staat in Europa, dessen Bürger noch ein Einreisevisum für die EU brauchen, träumt die Jugend davon, das Land zu verlassen, weil sie nicht mehr daran glaubt, diese Wirklichkeit ändern zu können. In einundzwanzig Jahren haben unsere Politiker es geschafft, das Bildungs- und Gesundheitswesen, die Kunst und die Kultur zu ruinieren, um darauf neue Denkmäler zu bauen und Straßennamen zu ändern, um Fabriken und öffentliche Grundstücke zu privatisieren, die für 100 bis 375 Euro pro Hektar zu haben waren – natürlich nur für sich selbst. Man kann einen Toten frisieren und schminken und schöner machen, aber nicht lebendiger.

Die Geschichte lehrt uns, dass in den meisten Fällen auf Diktatoren die Verbrecher folgen. In einem Klima der Gewalt können nur Menschen ohne Moral und Skrupel gedeihen. Ernesto Sabato schrieb einmal, dass wir in einer Zeit leben, in der die Zukunft schon zerstört zu sein scheint, in einer kranken Zeit, in der wir uns schämen sollten, wegen der Welt, die wir den nächsten Generationen hinterlassen, in einer Zeit, in der wir unsere Kinder um Verzeihung bitten sollten, sie auf diese Welt gebracht zu haben.

Für das meiste, was im Leben passiert, hat man sich nicht selbst entschieden. Wir erwarten den nächsten Tag, und doch habe ich in Mexiko gelernt, dass der nächste Tag niemals kommt. Das Morgige wird so genannt, weil es niemals da ist. Das Morgige kann nur der Tod sein. In Mexiko habe ich gelernt, das Leben neu zu starten. Es gibt Verluste, die niemals ausgeglichen oder korrigiert werden können.

 

Deutsch von Anila Wilms

 

Das verräterische Herz

von Slobodan Šnajder

Credits: Dirk Skiba

Es gibt eine Stelle in seinen Memoiren, die Josip Broz, schon als junger Untergrundkämpfer der Alte genannt, inzwischen aber wirklich alt, bequem im Sessel sitzend, einmal vortrug. Broz (später Tito genannt) lutschte dabei an einer jener Zigarren, die Fidel Castro ihm regelmäßig zukommen ließ. Zwei Dinge verbanden die beiden Männer: die besten Zigarren der Welt und die Tatsache, dass sie die unbestrittenen Anführer ihrer Revolutionen waren. Man könnte noch ein drittes hinzufügen: Beinahe auf die gleiche Weise wird heute gelöscht, was diese Revolutionen, weil authentisch, doch erreicht hatten. Das Auslöschen der Geschichte, dessen Zeuge ich heute in meiner engeren Heimat bin, enthält etwas Furioses, etwas sehr Gewalttätiges und erinnert an das, was der alte Hegel in seiner Phänomenologie des Geistes als Die Furie des Verschwindens bezeichnet hatte. Mit diesem Ausdruck beschrieb Hegel, was mit der Französischen Revolution geschah: eine Art Selbstvernichtung. Das entsprechende Kapitel bei ihm trägt den Titel: Die absolute Freiheit und der Schrecken. Am Ende bleibt nur noch die Furie (so steht es bei Hegel), die jedes historische Gedächtnis auslöscht.

Hegel selbst wurde als relativ junger Greis von einer furiosen Cholerawelle dahingerafft. Tito hingegen lebte die ihm beschiedene Zeit zu Ende, und handelte es sich nicht um eine authentische Revolution, müssten wir sein Leben als abenteuerlich betrachten. Der Sensenmann hatte es oft auf seinen Kopf abgesehen, ihn aber jedes Mal verfehlt.

Dieser Mann erzählte also von seinem Leben so lässig, als gehöre es ihm nicht, als sehe er sich, gemütlich im Sessel sitzend, einen Western an. Er war natürlich fest davon überzeugt, immer auf der Seite des Guten gehandelt zu haben, und nannte das Gewalttätige in seiner Revolution eine notwendige Etappe auf dem Weg zur Freiheit. In den Wildwestfilmen schießt der gute meist schneller als der böse Cowboy, den er dadurch aus der Welt schafft. Broz hatte Hegel bestimmt nicht gelesen; er hatte schon genug Probleme mit Miroslav Krleža. Aber Hegel und seine Furie beiseite: Josip Broz liebte Wildwestfilme.

Jetzt möchte ich das Augenmerk auf eine Begebenheit aus der Zeit richten, als Josip Broz erst dabei war, Tito zu werden. Ende des Jahres 1920 versuchten Broz, damals fast noch ein Niemand, und seine erste Frau, eine junge Russin, mit merkwürdigen Papieren Lenins Staat zu verlassen, in dem alles noch brachlag. Man kann es kaum glauben, aber mit von der Partie war auch Jaroslav Hašek, zwar beträchtlich älter als Broz, jedoch noch nicht ganz der Jaroslav Hašek. Beide wollten in den Westen. Außer diesem Wunsch gab es noch manches, was die beiden miteinander verband: Galizien, die Verwundung, die Gefangenschaft, die Parteinahme für die Sowjets. Der zehn Jahre ältere Hašek, der sich später zu einem scharfen, aber gutmütigen Satiriker entwickeln sollte, hatte sich in der Roten Armee hervorgetan und es dort zu hohem Rang gebracht. Jetzt schickte die Revolution ihn als ihren Missionar in den Westen. Auch Broz hatte bestimmt eine Mission, etwa die Flamme der Revolution auf den Balkan zu tragen, nur sah man das damals nicht so klar, wie man heute die Reise des olympischen Feuers durch die ganze Welt verfolgt.

Man kann sich schwer vorstellen, dass Tito in dem fernen Jahr 1920 davon träumte, er werde in späteren Jahren an seinen Geburtstagen vor den Augen aller „Völker und Volksgruppen“ des Landes als gleichzeitig deren Vater und Sohn (und auch Heiliger Geist) etwas wie das Olympische Feuer in Form einer Stafette empfangen. Damals hatte er eine Grenze passieren müssen, und zwar nicht irgendeine, sondern die Grenze zwischen zwei Welten. Er musste also einen kühlen Kopf bewahren, was später von vielen, die am Epos Tito mitstrickten, besungen wurde.

Der Mensch ist indes eine merkwürdige Maschine, die hauptsächlich vom Herzen angetrieben wird. Es ist anzunehmen, dass die Herzen der paar verdächtigen Personen beim Passieren dieser Grenze stärker klopften. Denn wer konnte aus dem Land der bolschewistischen Revolution kommen, ohne selbst ein Bolschewik zu sein? Eventuell ein Schmuggler. Aber könne man nicht auch die Revolution wie alles andere einschmuggeln? Das fragte sich rhetorisch der Offizier im Hof der Festung Narva an der estnischen Grenze, also einer Grenzgarnison. Ich versuche, mir den Hof dieses bestimmt nicht allzu lustigen Gebäudes vorzustellen, an dessen Außenwand man dieses sonderbare Grüppchen mühelos hätte stellen können … Der eine murmelte, er sei ein Tscheche, der andere wusste nicht, was er war, wahrscheinlich suchte er nach der glaubwürdigsten Lüge, die dritte gestand, eine Russin zu sein, daher war wohl auch der, den sie in ihrem Bauch wie eine Kängurumutter in ihrer Tasche trug, ein Russe, wenn nicht ein Tscheche oder werweißwas sonst; jedenfalls waren sie alle vier Bolschewiken.

Die Weltgeschichte und auch die europäische Literaturgeschichte hätten einen ganz anderen Lauf genommen, hätte der estnische Offizier mit ihnen kurzen Prozess gemacht. Den hätte ihm auch niemand übelgenommen. Für den Tod des ungeborenen Kinds von Broz hätte man ihn nicht belangt, denn es starb sofort nach seiner Geburt. Aber die Geschichte? Aber die Literatur? Aber die junge Russin, die allerdings nicht zählt? Schwejk befasste sich nicht mit Russinnen, Broz hingegen erinnerte sich an sie … an eben dieser Stelle seiner Memoiren und danach nie mehr. Als er jedoch in seiner Ausführung an diese Stelle gelangte, lachte er lausbübisch, denn das ganze Ereignis war trotz der Gefahr eigentlich skurril komisch gewesen. So sind auch die besten Witze, die man sich erzählt.

Alle leugneten, etwas mit den Bolschewiken zu tun zu haben. In der Tat, ein so kluger Narr, als der sich Hašek wie die Präfiguration seiner literarischen Figur Schwejk präsentierte, konnte kein Bolschewik sein, und Josip Broz schaffte es, überzeugend zu wirken, indem er erklärte, er sei Schlosser von Beruf, indem er also zur Wahrheit griff. Daraufhin ließ der estnische Offizier eine Roma-Gruppe kommen, in der es wie in übrigens jeder anderen neben vielen reproduktiven Wunderkindern auch begabte Künstler gab. Die schon früher festgenommene Gruppe befand sich (in den Augen des Offiziers) in einer ähnlichen Lage wie die Bolschewiken, da Roma sich wenig um Grenzen scheren und nicht so leicht vor ihnen Halt machen.

Der Offizier hatte eine Idee, die in wenigen Worten in Folgendem bestand: Die Musiker sollten – hier aufgepasst! – die Internationale spielen! Roma, die von den Ustascha in Jasenovac, dem kroatischen Auschwitz, „konzentriert“ wurden, hatte man oft gezwungen, die ganze Nacht hindurch zu spielen, obwohl sie wussten, dass sie am nächsten Tag hingerichtet würden. In einer solchen Situation mussten fahrende Musiker ein reichhaltiges Repertoire haben, selbst wenn das manchmal vergeblich war.

Stellen wir uns also unser bolschewistisches Grüppchen mit offensichtlich falschen Papieren (das war dem Offizier schon klar, aber etwas ließ ihm keine Ruhe) nebeneinanderstehend vor; der Offizier geht von einem zum anderen, die Roma spielen tutta la forza die Internationale, die Geige führt, aber auch die Trommler tun sich hervor, denn sie müssen den Rhythmus der kommenden Weltrevolution vermitteln. Über einen Bären ist nichts überliefert worden. Der Offizier legt jedem in der Reihe Stehenden sein Ohr ans – Herz! Ohnehin verängstigt, verraten ihre Herzen eine besondere Erregung, ja sogar Lust!

Ich glaube, dieser Prototyp des Lügendetektors war durchaus zuverlässig. Er lieferte dem Offizier den Beweis, das verräterische Herz entlarvte die kleine Gruppe. Der Offizier gratulierte sich selbst zu seiner Erfindung. Dazu kam, dass im Hof sich schon Publikum versammelt hatte. Die Musik gefiel. Dieses Liedchen war auch gar nicht so schlecht, dachte der Offizier und ließ die Gruppe nach Estland weiterziehen mit den Worten: „Glaubt ja nicht, ihr hättet mich reingelegt!“

Es hätte auch anders kommen können. Die heutige Furie des Verschwindens hätte schon damals, vor genau hundert Jahren, in der Festung an der Grenze zu Estland einsetzen können. Aber in der Weltgeschichte ist es üblich, dass zuerst etwas furios entstehen muss, bevor die Furie des Verschwindens zum Zuge kommt. Und die bringt nie das gnädige Vergessen der Eumeniden, sondern den rachedürstenden, auf eine neue Gelegenheit wartenden Hass. Dies kommt vielleicht am stärksten, am bittersten, am engstirnigsten in der Region vor, die wir den jugoslawischen Archipel nennen: Die Inseln rücken immer weiter voneinander ab, das Meer wird immer mehr, das Festland immer weniger. Während Broz die Schlüsselfigur beim Entstehen des sozialistischen Staates war, setzte sich Jaroslav Hašek mit seinem unsterblichen braven Soldaten Schwejk ein Papierdenkmal. Ich sage ein Denkmal aus Papier, doch aere perennius, dauernder als Erz. Titos Denkmäler waren zwar aus echter Bronze, aber die symbolischen halten anscheinend länger. Das Herz von Broz erwies sich indes als stärker. Was hat dieser Mann nicht alles durchgemacht! Hašek starb an Herzversagen. Sein Herz hat ihn kaum drei Jahre später wieder verraten.

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Hundert Jahre später, im Jahre des Herrn 2020, kam es zu einem fantastischen und auch furiosen Remake des frühen Prototyps des Lügendetektors. Der war dank der Weiterentwicklung der Menschheit natürlich vollkommener. Der estnische Offizier fand seine Reinkarnation in einem höheren Polizeibeamten unserer Zeit, natürlich einem Informatiker. Nachdem sich über Jahrzehnte eine Zwischenform des Lügendetektors behauptet hatte, die ebenfalls die Herzschläge, jedoch eher im mechanischen Sinn, registrierte, gab es einen großen Schritt voran. Ich hatte persönlich die Ehre, Bekanntschaft mit dieser Zwischenform zu machen; die Erfahrung war keineswegs angenehm: Man kann noch so sehr auf das Herz schwören, das verrät einen immer!

Die Menschheit hat sich naturgemäß weiterentwickelt, neue Technologien, von denen der estnische Offizier nicht einmal geträumt hätte, haben die Kontrolle über menschliche Herzen übernommen. Er, der die Herzschläge der verdächtigen Personen sozusagen manuell zählte, hätte darüber gestaunt, wie sehr seine Erfindung verfeinert wurde. Seine Gefangenen überführte er nach Gehör, so wie die Roma-Kapelle nach Gehör musizierte.

Es geht um Folgendes: An der kroatischen Grenze im Osten, also am Rande des künftigen Schengengebiets, wurden in diesem Jahr superempfindliche Anlagen aufgestellt, die die Schläge menschlicher Herzen in geschlossenen LKWs und Kombis registrieren! Die Herzen der Emigranten pochen ohnehin stark, erst recht aber, wenn diese versuchen, zu einer, wenn nicht besseren, dann aber sicher im Moment geordneten Welt zu gelangen und auf diese Weise das nackte Leben zu retten. Die Herzen der Emigranten sind verräterische Herzen, obwohl niemand mehr von der Internationale spricht. Im Unterschied zu dem estnischen Offizier, der die Verdächtigen laufen ließ, zufrieden, dass sie ihn nicht zum Narren gemacht hatten, verzeihen diese installierten Lauscher menschlicher Herzen keinem, dessen Herz stärker schlägt. Es gibt vierhundert solcher Anlagen, deren Aufgabe es ist, die Menschen mit einem Herzen daran zu hindern, ins Land einzureisen. Die Grundvoraussetzung ist einfach: Jeder Immigrant, selbst wenn er nichts anderes bei sich hat, hat ein Herz. Das arme Herz pumpt in jeden Winkel des Körpers fünf Liter Blut in der Minute und bis zu 20 Liter in einer gefährlichen Situation, wenn es um Leben oder Tod geht.

Es gibt aber einen nahezu fundamentalen Unterschied. Der estnische Detektor im Ohr des Grenzoffiziers musste herausfinden, was die abgehörten Herzen im ideologischen Sinne antrieb. Das sollten eigentlich auch die späteren Geräte tun, die wir als Lügendetektoren kennen. (Auch ich, wie bereits gesagt, habe als eine Person mit verdächtigem Herzen Bekanntschaft mit einem solchen Gerät gemacht.)

Allerdings dient diese verbesserte Ausführung der alten Version nicht zur Feststellung, bei wem das Herz in politischem Sinne pocht, sondern, ob im Laderaum eines LKWs ein menschliches Wesen versteckt ist, das es im eigentlichen Sinne des Wortes gar nicht ist, obwohl es ein Herz hat.

Also es lebe der Fortschritt! Liberté, Égalité, Fraternité! Insbesondere das Letztere: die Brüderlichkeit des Menschengeschlechts. Die Internationale des menschlichen Elends. Vielleicht hätten Einheit, Freiheit und Brüderlichkeit weiterleben können, hätten die Furien des Verschwindens es zugelassen.

Der Herzschlag des kleinen Jungen, dessen Foto vor fünf Jahren um die Welt ging, nachdem ihn das Mittelmeer, die Wiege dieser westlichen Kultur, ans Land gespült hatte, wurde von keinem abgehört. Aber warum war diese Wiege so grausam zu ihm? An dieser Stelle will ich seinen Namen festhalten: Alan Kurdi. So hieß dieses Strandgut.

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Obwohl ich den größten Teil meines Lebens in einem weicheren Sozialismus verbracht habe, der auch einige menschliche Züge hatte, bekam ich bei jeder Grenzüberschreitung Herzklopfen. Ich glaube, dass es dafür keinen wirklichen Grund gab, obwohl die Personen, die der Staat als bedrohlich für seine Existenz einstufte, meist damit rechnen mussten, dass man ihnen den Reisepass abnahm. Andererseits gab es innerhalb dieses Archipels wenigstens keine Grenzen und man brauchte auch keinen Reisepass: Schon der Gedanke daran wäre absurd gewesen. Jetzt hingegen prangen zum Beispiel in Kroatien alle paar hundert Kilometer oder weniger neuerrichtete, beleuchtete, repräsentative Grenzübergänge, als wäre jeder von ihnen ein Triumphbogen (Arc de Triomphe). Der Zugang zu ihnen wird oft ohne jeden Sinn durch eine wütende Maßnahme oder Gegenmaßnahme erschwert; zerstrittene Völker benehmen sich eben wie zerstrittene Schulklassen. Wenn man heute mit dem Auto von Zagreb nach Novi Sad fährt, ohne den Weg über den langweiligen Autoput zu nehmen, bleibt man zwar die ganze Zeit auf dem Boden des ehemaligen Pannonischen Meers, man muss jedoch dreimal Kroatien verlassen und dreimal wieder nach Kroatien einreisen. Und das in der heutigen Welt, in der die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich kaum sichtbar ist: leere Container, keine besondere Beleuchtung, ein Schild, auf dessen einer Seite Deutschland und auf der anderen Frankreich steht. Und das nach allem, was diese Länder einander angetan haben!

Sie taten einander dasselbe an, was die Völker des „verfluchten Landes Balkan“, wie mein Teil der Welt in der Sprache der deutschen Journalisten genannt wird, einander angetan haben.

Das Gleiche gilt für die Grenze zwischen Belgien und Frankreich, wo ich mich einige Zeit aufhielt. Die dortigen dunklen Wälder sind von Gräbern übersät, in den Baumstämmen kann man auch heute noch Patronen finden. Auf den lokalen Straßen wird die Grenze aber nicht gekennzeichnet, man kann sie leicht passieren. Ich besuchte nämlich gern belgische Tavernen … In der zivilisierten Welt interessieren sich für die Grenzen nur noch die Mobilfunkoperateure, sie ermahnen einen, wenn man auch nur einen Schritt ins fremde Land tut, weil dort nicht sie, sondern ihre französischen Kollegen kassieren. Nur das ist von Belang.

Corona ist natürlich etwas anderes. Die Grenze beginnt jetzt nach 1,5 Meter.

Aber da der Mobilfunk nicht mehr weit davon entfernt ist, die völlige Kontrolle über uns zu übernehmen, vermute ich, dass sein nächster Schritt sein wird, unsere verräterischen Herzen zu überprüfen. So wird zum Beispiel die politische Polizei, die es heute natürlich nicht gibt, während im Fernsehen die Ansprache des neuen Vaters (oder wenigstens des Onkels) der Nation übertragen wird, sofort feststellen können, ob jemand ein gutes und gehorsames Kind des Volkes ist oder ob sein Herz in einem anderen, willkürlichen und verderblichen Rhythmus schlägt.

Denn der Mensch ist eine Maschine, bei der alles von der Hydraulik abhängt. Unsere Ahnen hatten ein anderes Verhältnis zum Herzen. Wurde denn Chopins Herz, in Kognak getaucht (ein Ausdruck von Liebe), nicht von Paris nach Warschau geschmuggelt, um in der dortigen Heiligkreuzkirche aufbewahrt zu werden? Und das war nur eines der berühmten Herzen der Menschheit. Heute begegnet man dem Herzen auf Pralinenschachteln oder als Emoticon.

Dennoch ist es sehr schwer, das verräterische Herz zu unterdrücken.

Deutsch von Mirjana und Klaus Wittmann

 

Spuckt nicht auf unsere Existenzen

von Mile Stojić

Credits: privat

Drei Jahrzehnte sind seit dem Tod des sozialistischen Jugoslawien vergangen, und darüber ist mehr oder weniger alles gesagt. Der Sozialismus ist untergegangen, und untergegangen ist auch der Staat, der diese Bezeichnung getragen hat, denn, so wird der ausländische Betrachter sagen, nichts auf der Welt ist ewig, auch kein Staat. Der zweite Staat der Südslawen ist allerdings schmählich untergegangen, sein Zerfall war ein blutiger und lange währender, mit Bergen von Leichen, die jetzt die ehemaligen „Brudervölker“ spalten, aber sein geistiges Vermächtnis ist noch vorhanden, nicht nur in den Erinnerungen meiner Generation, sondern auch in jenem Bereich, den wir gewöhnlich als gemeinsamen Kulturraum bezeichnen.

Für uns, die wir in diesem System geboren und aufgewachsen sind, haben sich seine Inhalte ins Feld der Nostalgie geflüchtet. Ein Paradoxon ist es, dass Jugoslawien von jugoslawischen Kommunisten zerstört wurde, von einer Generation, die die Idee der klassenlosen Gesellschaft geboren hat. Diese verschworenen Kämpfer des Marxismus-Leninismus blieben nicht länger Adepten der planetaren Utopie, sondern zerstörten einen komplizierten Organismus mit Hilfe eines einfacheren. Mit einem Hammer lässt sich der Mechanismus einer Uhr leicht zerschlagen, umgekehrt ist es unmöglich.

Die Idee der Utopie hatte dem Partikularismus zu weichen, das Projekt der sozialen Emanzipation dem – Nationalismus. In der Dekadenz des jugoslawischen Monismus wurde der nationale Führer geboren, der zum Volk, vor allem zum serbischen, in der „Sprache des Volkes“ redete. Aber kann man so komplizierte Dinge mit so einfachen Worten ausdrücken? Wir jedenfalls konnten, wie László Végel sagt, unsere Vergangenheit nicht einfach begraben. Denn Jugoslawien war eine große Idee, die von großen Dichtern besungen wurde:

            Setzt alles in Brand, was brennen kann

            Zerstört alles, was sich zerstören lässt, alles, was nicht ewig ist

            Findet in allem und nach allem die Hoffnung

            Revolution!, was bleibt, ist der Mensch

            Was vergeht, ist die Vergangenheit

(Branko Miljković, Jugoslawien)

 

Dieser Staat, in dem wir geboren wurden und der fast achtzig Jahre lang Jugoslawien hieß, ist also vor drei Jahrzehnten definitiv in die „Rumpelkammer der Geschichte“ gewandert. Barbarisch in Stücke gerissen, haben sich auch die Reste seiner Überbleibsel aufgelöst. Die Brüder sind im Kampf um die materielle Hinterlassenschaft des respektablen Toten ausgeblutet, und um die geistige schert sich niemand mehr, denn die wird allgemein als geringfügiger Besitz angesehen, als gescheitertes Projekt. Sein Name wird von niemandem mehr benötigt, er dient jetzt als Spottwort und Menetekel.

Alles, was nicht imstande ist zu leben, ist auch die Erinnerung nicht wert, lehren uns die darwinistischen Gesetze der Geschichte. Und doch werden uns, den in dieser Welt Geborenen, manche Gewohnheiten und Begriffe bis zu unserem Tod im Gedächtnis bleiben, manche längst jeden Inhalts entleerte Worte werden von uns verlangen, dass wir nach ihren vergessenen oder verlorenen Bedeutungen suchen und sie erneut deuten. Eine dieser Phrasen ist in jedem Fall das Kompositum Einheit und Brüderlichkeit, ein Schlüsselwort der ideologischen Sprache im sozialistischen Jugoslawien.

Wie viel Mühe hatte ich, mein Gott, als ich als hoffnungsfroher Student meinen jungen deutschen Freunden die Begriffe übersetzen und verdeutlichen sollte, auf denen unser damals mächtiger und allseits respektierter Staat gegründet war. Am schwersten fiel mir, Begriffe wie „Blockfreiheit“ oder „Einheit und Brüderlichkeit“ ins Deutsche zu übersetzen, vor allem letzteren, der der feste Zement war, von dem der gigantische jugoslawische Monolith zusammengehalten wurde. „Zur Brüderlichkeit braucht es zwei, Einheit ist eine einzige“, lautete die prompte Antwort, aber ich ging nicht in die Knie. „Einheit und Brüderlichkeit“, wiederholte ich und führte stolz die Tatsache an, dass Marschall Tito persönlich dieses große Wort in jeder seiner Reden verwendete und uns dringend ermahnte, „Einheit und Brüderlichkeit wie unseren Augapfel zu hüten“.

Erst später habe ich begriffen, dass diese Begriffe biblischer Herkunft sind und dass sie für uns eine Art kosmopolitischer Ersatz waren. Uns war nicht bewusst, dass sie zugleich Synonyme der Diktatur waren. Darin lag der helle Schein des Sozialismus – dass er jedem die Illusion gab, er könne seinen Platz finden und in seinem Schutz beruhigt und gelassen sein.

Den Namen der Einheit und Brüderlichkeit trugen damals Brücken, Plätze, Eisenbahnzüge, Schulen, Fabriken und Verlagshäuser. Die erste moderne Straße auf dem Balkan, der größte Verkehrsweg, der Zagreb und Belgrad verband, hieß Autoput bratstva i jedinstva, Autobahn der Einheit und Brüderlichkeit. Den Bau dieser Straße reklamierte man lange Zeit als eines der größten Wirtschaftswunder Jugoslawiens, über sie hinterließen die damaligen Dichter erschütternde Zeugnisse in den Schulbüchern. Auch heute dringen diese vollen Akkorde durch den Tunnel der Zeit, durch das gewaltige Brausen und Rauschen an unsere Ohren:

            Zwischen den zwei Bruderstädten

            Belgrad und Zagreb

            Erstreckt sich die weiße Straße …

            Wie der Regenbogen über den Himmel …

            Erstreckt sich die weiße Straße

            Sie erscheint dir von Weitem

            Als schneeweißer Strom

            Zwischen Äckern und Auen …

So beschrieben patriotische Dichter die Entstehung und den Zweck der ersten jugoslawischen Autobahn, indem sie ihr einen metaphysischen, keinen verkehrstechnischen Sinn gaben.

Heute hat diese Straße ihren Namen geändert und heißt nicht mehr Autoput bratstva i jedinstva, wie es im sozialistischen Staat der Fall war, und sie heißt auch nicht nach den Städten, die sie verbindet, wie es überall in der Welt üblich ist; heute trägt sie die Bezeichnung Autocesta Zagreb-Lipovac. Der Name der einstigen jugoslawischen und heute serbischen Hauptstadt wurde aus ihrem Namen gelöscht, an seiner Stelle figuriert die Bezeichnung eines kroatischen Grenzdörfchens in Slawonien.

Es ist verständlich, dass die einstige ideologische Bezeichnung dieser Verkehrsader heute manch einem grotesk vorkäme, manchem vielleicht auch nostalgisch (wie „Seidenstraße“, „Heilsweg“ usw.), aber der jetzige Name wirkt verwirrend und ungenau. Stellen Sie sich vor, die Autobahn Wien-München hieße Wien-Oberberg oder so ähnlich, stellen Sie sich vor, welch Kopfzerbrechen das den Autofahrern und Reisenden tagtäglich bereiten würde. Den Straßen der Welt ist es egal, wie sehr wir die Städte lieben, zu denen sie führen.

Zur Autobahn Zagreb-Belgrad würde unter Einrechnung der aktuellen Resultate der Nationalpolitiken noch am genauesten die anagrammatische Bezeichnung Zagrab-Belgrab passen. Genosse Tito, dein Brief soll stets uns mahnen – Einheit und Brüderlichkeit steht auf unseren Fahnen, hatten die Jugendbrigaden bei den freiwilligen Arbeitseinsätzen gesungen, überzeugt davon, dass die Botschaften der zahlreichen Parteikongresse Wegweiser seien in eine hellere und bessere Zukunft. Aber das ideologisch unterlegte Verdrängen und Negieren der Unterschiede zwischen den jugoslawischen Völkern machte einem Hervorheben und Überbetonen dieser Unterschiede Platz. Die balkanischen Liliputstaaten hatten Gulliver-Ambitionen, was vor allem für den großserbischen Nationalismus gilt.

Alle diejenigen lügen, die da sagen, sie hätten den Kommunismus von innen heraus gestürzt – die damaligen politischen Gefangenen liebte niemand – die Mehrheit glaubte, die Kommunisten hätten einen Šešelj, Đo­go oder Tuđman zu Recht verurteilt und eingesperrt. Der Kommunismus wurde global durch die Initiative Michail Gorbatschows gestürzt und gebar neue unabhängige Staaten, während Jugoslawien von innen gestürzt wurde, heimtückisch und hinterhältig.

Sein definitiver Verbleib ist nach alledem die Rumpelkammer der Geschichte, denn unter den neuen Bedingungen habe das berühmte Syntagma, wie ein zeitgenössischer Chronist ätzend bemerkt, eine neue Bedeutung bekommen: es seien die Brüderschaft des Verbrechens und die Einheit der Finsternis, die die südslawischen Völker nun miteinander verbänden. Die Worte der Pionier- und Soldateneide, der lyrischen Gedichte, sozialistischen Weckrufe und Kampflieder waren der Einheit und Brüderlichkeit gewidmet, dieser Errungenschaft aller Errungenschaften des Volksbefreiungskampfes und der sozialistischen Revolution. Jetzt sind sie nur noch leere Begriffe, tote Schriftzeichen.

Einheit und Brüderlichkeit war vo vremja ono, zu jener Zeit, Ausdruck der Liebe, eine rhetorische Figur, mit der die gegenseitige Beziehung „unserer Völker, Völkerschaften und nationalen Minderheiten“ beschrieben wurden, die Illusion, dass wir alle gleichberechtigt seien, aber auch die Schafsmaske, hinter der sich lange Zeit die Wolfsgesichter versteckten. Heute sind wir allein, nackt und tot. Verwundert, dass die Worte leer sind wie die Augenhöhlen eines Schädels, dass wir ihre Bedeutungen zerstört haben, die einmal mit optimistischen, rosigen Sinngebungen lebendig pulsten. Die Utopie von Einheit und Brüderlichkeit, von Gleichheit und Gerechtigkeit hat sich in kurzer Zeit in Weinen und Zähneknirschen verwandelt.

Jugoslawien war ein Projekt der Modernisierung der zurückgebliebenen Balkangesellschaften, allerdings im autoritären Modus. Gestürzt wurde es durch den serbischen Großstaatsnationalismus, alle Waffen, die Tito zur Verteidigung des sozialistischen Staates gegen äußere Feinde angeschafft hatte, stürzten über seine Bürger herein. Die Neunzigerjahre brachten die Reinkarnation des Faschismus, mit Konzentrationslagern, Massendeportationen und Genozid. Seine Einzelteile, vor allem Bosnien und Herzegowina sowie Serbien, sind heute postgenozide Gesellschaften, ohne klare Orientierung, mit Hunderttausenden verwundeter und ihrer Rechte beraubter Menschen, die ihr Heil zumeist in der Emigration suchen und das Land immer zahlreicher verlassen.

Die Geschichte von Jugoslawien erscheint der jungen Generation heute wie eine Erzählung von Karthago und dem alten Rom. Wir, die wir in diesem Staat unsere schönsten Jahre verlebt haben, wir hätten unseren alten Staat kaputtgemacht. Der junge serbische Schriftsteller Marko Dinić beschreibt in einer Abrechnung mit seinen Eltern meine Generation wie folgt: „Irgendwo war in der Zwischenzeit eine Veränderung eingetreten: Krieg, Kindheit, Bombardierung, Wald, Schule, Flucht, fremdes Land, Großmutters Tod, Autobus, Rückkehr, Ring – der Vater war immer erschöpft und angefressen, wenn er von der Arbeit nach Hause kam, so als hätte die Stadt allmählich auch ihn und seine Existenz eingesaugt. In Wien hatten die Menschen nie so erschöpft ausgesehen. Er war, so wie ich, alleingelassen, seine Generation war wie ein in die Ecke getriebenes Schlachtlamm, Stimmvieh für ein schönes, neues und gerechtes Land …“

Der Dichter Predrag Lucić hat einmal geschrieben, Jugoslawien sei von seinen besten Söhnen erbaut und von seinen schlechtesten zerstört worden. Es lebt nur noch in den Erinnerungen der Alten, die an die ideale Gesellschaft geglaubt, sie erbaut und zerstört haben. Bringt deshalb ein wenig Mitleid für sie auf, spuckt nicht auf diese gescheiterten Existenzen.

 

Deutsch von Klaus Detlef Olof

 

Die Waisen Europas

von László Végel

Credits: Daniel Végel

Du hättest in keine bessere Zeit geboren werden können
als gerade in die heutige, in der wir alles
verloren haben.
Simone Weil

 

1992 verabschiedete ich mich mit meinen Tagebuchaufzeichnungen von Jugoslawien. Es war Winter und Schnee fiel. Ich notierte mir damals, dass der AVNOJ, der Antifaschistische Rat der Nationalen Befreiung Jugoslawiens, fünfzig Jahre zuvor, im November 1942, in Bihać gegründet worden war. Dort wurden die Grundsteine für das sozialistische Jugoslawien gelegt.

Jetzt brach vor meinen Augen nicht nur das Land zusammen, sondern auch die persönliche Vergangenheit mehrerer Generationen. Die militante Einsatzgruppe der Führer und der einflussreichen Intellektuellen erdachte für die Volksmassen inmitten der Ruinen eine neue Vergangenheit. Ich blickte den Panzerkonvois aus dem Fenster meiner Wohnung in Újvidék/Novi Sad nach, sie rollten auf Vukovar zu und wurden von den Patrioten der Gegend und von adretten Bankangestellten mit einem Blumenregen begrüßt. Ich schloss das Fenster, die Bilder der Kraftmeierei vor meinen Augen bedrückten mich, und ich dachte, wenn ein Land mit einer Karawane von Panzern bewacht werden muss, sollte es lieber verschwinden.

Die neue Vergangenheit brach mit Panzern über uns herein.

Mir ist nicht nostalgisch zumute, wiewohl ich überzeugt bin, alles verloren zu haben. Die Bücher sind von den Regalen in meinem Arbeitszimmer verschwunden. Eine weite Leere gähnt um mich herum. Mit fünfzig lud ich zu einem Abschiedsessen ein, wenn mich die Geschichte schon dazu verurteilt hat, das Leben neu zu denken; ist es doch sündhaft geworden, sich redlich zu erinnern. Man verfolgt mein Gezappel mit wachen Augen, damit ich nicht insgeheim die geschändete Geschichte noch mit Hilfe von verdächtigen Metaphern beschwöre.

Ich legte Gedecke auf, wobei ich grübelte, wie viele Gäste wohl kommen würden. Jemand rief meinen Namen. Ich ahnte es schon, sie würden zahlreich kommen und alle würden über mich zu Gericht sitzen. Sie würden meine Irrgänge und meine naiven Illusionen auflisten, meinen Patriotismus auf die Apothekerwaage legen, wie auch meine nationalen Gesinnungen. Sie würden mich vor ein provisorisches kafkaeskes Gericht zitieren. Ich beschloss, noch ein Gedeck aufzulegen, vielleicht käme der Messias.

Die unbekannte Gästeschar strömte in Gruppen heran, gleich kriminellen Banden, sie werden das Urteil verkünden. Meine Spruchrichter fielen stumm in mein Zimmer ein, in Wirklichkeit kennen sie mich gar nicht, was sie nicht im Geringsten stört, ja, sie wollen mich gar nicht kennen. Dicht neben ihnen die Reihe der Zeugen, denen ich ebenfalls unbekannt bin. Meine Richter kamen und gingen, sie maßen mich mit verächtlichen Blicken und entfernten sich wieder, dann kamen neue Einsatztruppen.

Die Strafexpedition hat keinen Sinn. Das Urteil ist wohl schon lange fertig, es wurde mir nicht mitgeteilt, weil sie sich so in der Episode der Schlussabrechnung noch einmal ausleben können, und ich, was kann ich tun, ich räume das Gedeck für den Messias wieder weg. Der Messias ist nicht gekommen.

Das Erinnern bewirkt bei mir nichts, meine Erinnerungen wurden geplündert. Ich versuche, in meinen Romanen alles das zu bewahren, was noch zu bewahren ist. Meine Fürsorge erstreckt sich auch auf die restliche Zukunft, indem ich versuche, noch ein Scheibchen zu retten.

Ich bin gezwungen, eine lange Reise anzutreten, deren Zweck und Dauer mir unbekannt bleiben. Ich versuche meinen Koffer anzuheben, der aber ist so schwer, dass ich ihn nicht einmal von der Stelle bringe. Und doch ist sein Inhalt noch vor dem Antritt der Reise verbraucht. Ich bin mit einem leeren Koffer zum bis heute andauernden Begräbnis Jugoslawiens aufgebrochen.

*

Der Leichnam, Jugoslawien genannt, liegt aufgebahrt vor mir. Das Land entstand im Großen Krieg, als die Franzosen hofften, ein starkes Jugoslawien würde sie vor der deutschen Gefahr schützen. Die Sandburg von Versailles aber ging im Zweiten Weltkrieg unter und das antifaschistische Jugoslawien wurde erschaffen. Nachdem die Berliner Mauer endgültig gefallen war und die beiden deutschen Länder sich vereinigt und die Fackel des gemeinsamen Europa emporgehoben hatten, zerfiel das seinerzeit vielversprechende Experiment Europas in Stücke. Die Fackel flammt allerdings nicht mehr so lichterloh wie damals, weil die Führer der Nationalstaaten ihr die Sauerstoffzufuhr blockieren. Neue, festere, unsichtbare Mauern werden errichtet, jeder schützt seine Souveränität, wie er kann.

Anfangs wurde die Trauerfeier in der verfluchten Gegend mit Gewehrschüssen und Kanonendonner abgehalten. Die Donau spülte Leichen ans Ufer, es war geboten, sich zu verhalten, als wäre überhaupt nichts vorgefallen. Die örtlichen Sender berichteten detailliert über die Erfolge des Novi-Sad-Korps. Auf dem leeren Grundstück meiner Wohnung gegenüber trafen regelmäßig vollbeladene Lastautos ein, von welchen teures Porzellan, Gemälde mit sakralen Themen, Fahrräder, Fernsehgeräte, Waschmaschinen und anderer Hausrat gezerrt wurden. Krieger von der Front in Vukovar verscherbelten hier ihre Diebsbeute. So manche Passanten wandten beim Anblick der Hökerei das Gesicht in Abscheu ab, andere feilschten und kauften die blutbefleckten Waren glücklich auf. Die paramilitärischen Truppen plünderten Vukovar genauso aus wie die eminenten Mitglieder der neuen Klasse das in Trümmern liegende Jugoslawien. Der Ausverkauf der Kriegsbeute begann. Auch die Milizionäre wollten einen bescheidenen Gewinn lukrieren, man kann ja kein Gratis-Patriot sein. Vom Tisch der neuen Oligarchen mussten doch auch für sie einige Krümel abfallen. Die großen Fische lächelten nur. Sie deklamierten im Fernsehen ihre Ansichten von Heimatliebe und Selbstaufopferung, sie feuerten das Volk zum Krieg an, während sie selbst das sozialistische Volksvermögen emsig plünderten.

Der Kleptokapitalismus und die bis ans Kinn bewaffnete Demokratie begrüßten mich im Tarnanzug. Sie wären auch dann gekommen, wenn wir sie nicht gewollt hätten. Ich muss anerkennen, wir waren sehr darauf aus, bloß nannten wir es nicht Kapitalismus. Wir wiederholten nur die Schlagworte Parlamentarische Demokratie, Freier Markt, Mehrparteiensystem. Nachdem die Herren das Volksvermögen untereinander aufgeteilt hatten, schlossen sie Frieden. Sie bebauten die leeren Grundstücke, da stand dann eine prosperierende Bank, daneben wurde ein elegantes Hotel errichtet, die Felduniformen wurden von modischen, europäischen Markenanzügen abgelöst; die gestern noch Tarnuniformen trugen, die elastischen Professoren der Rechtswissenschaften, die tonangebenden Patrioten und cleveren Politiker beteuerten, es sei ja nichts geschehen, es habe Schuld auf beiden Seiten gegeben, jetzt sei nur wichtig, vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken. Die schöne neue Zeit war angebrochen. Ich bemerkte, dass die Parlamentsabgeordneten in letzter Zeit alle Manschettenknöpfe anlegen.

Die Barbaren von gestern gefallen sich heute in Designeranzügen westlichen Zuschnitts.

Vergessen wir die Ruinen der Städte! Vergessen wir Sarajevo, Dubrovnik, Mostar, Vukovar und die Tausenden von unbekannten, verlassenen Geistersiedlungen und Dörfer, deren Brandgeruch vom lauen Frühlingswind herangeweht wird. Vergessen wir, wie lange der Himmel von einer dicken Rauchwolke verdeckt war. Vergessen wir, dass Gott sich hilflos in der Höhe versteckt hielt, ich befürchte, wir haben ihn vertrieben. Vergessen wir, dass Hunderttausende in alle Richtungen der Windrose geflohen sind. Vergessen wir die Straßen und Plätze voller stinkender Leichen, verziert mit den Nationalflaggen und Symbolen. Vergessen wir die kaum hörbaren, erstickten Rufe vergewaltigter Frauen in der Ferne, ihr Wehklagen. Vergessen wir die Massengräber, ausgehoben von treuen Patrioten ihrer Nation in diesem ehemals schönen, an Naturschätzen reichen Land, das Brüderlichkeit und Einheit verkündete, das das größte Experiment Europas nach 1945 darstellte, in dem drei Religionen und zahlreiche Nationen hätten miteinander leben sollen.

Das 21. Jahrhundert ist angebrochen, das Jahrhundert der sündigen Amnesie.

Generationen wachsen auf, die ihre Erinnerung auf Knopfdruck verlieren.

Die Wunde Srebrenica schmerzt am erstarrten Körper Europas.

In der seitdem vergangenen Zeit erscheinen wir immer weniger vor der aufgebahrten Leiche Jugoslawiens, der Erinnerungsraub hat das Seine getan. Vor der Totenbahre salutieren nur einige Freunde und mir unbekannte Menschen in stillem Gedenken, Serben, Kroaten, Slowenen, Bosniaken, Montenegriner, Mazedonier … Sie alle stehen mit gesenktem Kopf da. Es gibt keinen Festredner, wir sind nicht zum Würdigen gekommen, nur zum Trauern. Meine Freunde haben alles verloren, was ihnen einmal gehört hat, sie nehmen resigniert zur Kenntnis, dass sie alle in eine neue Heimat geraten sind, Staatsgrenzen trennen sie voneinander, sie sind Bürger stolzer und souveräner Nationalstaaten geworden, die sie dereinst, eines schönen Tages in das nationale Pantheon aufnehmen werden, denn ein Nationalstaat kann auch gegenüber verlorenen Söhnen gnädig sein.

Ich trauere mit ihnen gemeinsam, als Mitglied einer Minderheit habe ich denselben Verlust erlitten wie die Mehrheit, bloß habe ich als Kompensation keinen Nationalstaat bekommen. Ich wurde ein Waise Jugoslawiens. Meine Freunde werden neue Hymnen bekommen, sie erinnern sich an die alte höchstens mit Nostalgie, singen die neue gezwungen mit, ich aber bleibe ohne Hymne und bei großen Nationalfeiern werde ich nur den Mund tonlos aufreißen, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Das abgestumpfte Europa ahnt nicht einmal, dass Pandoras Büchse geöffnet und ein Virus freigesetzt wurde, das Virus des ethnischen Populismus, das binnen zweier Jahrzehnte den ganzen Kontinent befallen wird. Vorerst sinniert es darüber, dass es einen Cordon sanitaire errichtet, der es beschützt, und es wendet unschuldig den Blick von der Szene ab, in der der Rechtsextremismus fröhliche Urständ feiert.

Meine trauernden Freunde und ich sind am Massenmord unschuldig, und trotzdem sühnen wir vor dem Leichnam, denn die Sühne ist unumgänglich für uns, büßen doch heutzutage nur die Unschuldigen.

Wir sehen einander ratlos an.

Wir wissen nicht, wo wir das heimatlose Jugoslawien bestatten sollen.

Es hat keine Grabstätte.

Ich möchte anregen, in einem beliebigen europäischen Museum einen Platz für die ewige Ruhe Jugoslawiens zu suchen. Doch ich überlege es mir, bedeutete doch Jugoslawien für mich ein Leben lang Europa, war es doch meine Europa ersetzende Ersatzheimat.

Ich habe sie verloren. Meine heimatlos gebliebenen Freunde haben als Wiedergutmachung eine bis an die Ohren waffenstarrende Miniheimat bekommen, ich aber habe eine europäische Ersatzheimat verloren und mir wurde ein bewaffneter Nationalstaat als Erbteil zugesprochen.

*

Ich hatte die Strecke Skopje-Ljubljana öfter im Glauben zurückgelegt, im vielfarbigen Europa zu reisen. Die Unterschiede zogen mich an, niemals hätte ich gedacht, sie könnten dermaßen explosiv sein. Es musste nur jemand die Lunte anzünden.

Inzwischen zaudert die Europäische Union. Sie kann nicht viel ausrichten, ist sie doch nur eine Union von Nationen. Jeder Nationalstaat verfügt über ein Vetorecht, Europa erinnert an einen lahmen Riesen. Zwischen der europäischen Utopie und der Brüsseler Wirklichkeit gähnt eine Schlucht. Mein einziger Trost ist, dass ich zwei Reservebänke habe: Serbien und Ungarn. Von Zeit zu Zeit wechsle ich sie, mal sitze ich hier, mal da. Ich gaukle mir vor, mit meinen beiden Kulturen reicher zu sein, indessen höre ich die vorwurfsvolle Frage, mit welchem Recht ich zwei Reservebänke beanspruche, ich soll mich entscheiden und mich mit einer zufriedengeben, ich soll hierher oder dorthin gehören.

Verwaist stehe ich vor der Leiche herum, die wir nicht beerdigen, vor der wir nur träge Wache schieben und stumm trauern.

Selbst nach drei Jahrzenten gibt es niemanden, der sie würdig bestattet hätte, sie liegt, gemeinsam mit unsrer Vergangenheit, aufgebahrt im Niemandsland.

*

Ich stammle, im Kampf mit meinem Gewissen: Wir hatten einst einen Sozialismus, den nicht die Bajonette der Sowjets gebracht hatten, er war ein Produkt unsrer eigenen antifaschistischen Bewegung. Es gibt niemanden, auf den wir die Verfehlungen des Sozialismus und mit ihm zusammen unsere eigenen abwälzen könnten. Wir können nicht sagen, die Russen hätten ihn uns aufgezwungen. Über die Verfehlungen aber sollten wir sprechen, doch ermangelt es mir an Seelenstärke, habe ich doch damals, als er sich auf dem Höhepunkt seiner Kraft befand, mit ihm argumentiert; nach seinem Hinscheiden werde ich ihn nicht mit Füßen treten. Ich nehme seine Sünden stoisch auf mich und murmle ängstlich seine Verdienste vor mich hin.

Als Gymnasiast ließ ich mit meinen Klassenkameraden die jugoslawische Fahne flattern, als die Limousine Marschall Titos voller Würde die Hauptstraße Újvidéks/Novi Sads entlangrollte. Wir winkten ihm zu und er winkte zurück. Seine Frau Jovanka grüßte uns mit ihrem allseits bekannten Jugo-Lächeln. Wir hatten eine Utopie, die heutzutage als sündhaft gilt. Wir hatten eine Welt, die wir für wirklich hielten.

Sozialismus, brummle ich dahin, derweil ich den antikommunistischen Tiraden ehemaliger Kommunisten lausche. Die neue Generation, Kinder des Kapitalismus, sie verstehen nicht, was hier bewiesen werden soll. Wenn nur jemand eine Lanze für den Sozialismus bräche, dann verstünde die heutige Jugend vielleicht die seinerzeitigen leidenschaftlichen Diskussionen, deren Tonaufnahmen und Abschriften in staubigen Aktenbündeln versenkt wurden. Ich nahm zur Kenntnis, dass man darüber am besten schweigt. Dies erkannte ich, als ich vor Kurzem, unterwegs in die Buchhandlung in der Njegoš-Straße, zwei Schülerinnen erblickte, die vor einem alten Haus stehen blieben. Die eine zeigte auf eine Figur, die im Schaufenster stand. „Siehst du, das ist der Tito. Großvater hatte sein Foto auf der Anrichte stehen. Einmal fragte ich ihn, wer der Typ sei. Vielleicht ein entfernter Verwandter? Darauf sagte er nur, Liebes, du bist noch ein Kind, du würdest es eh nicht verstehen, wer Tito war.“ Das andere Mädchen sah nachdenklich drein und fragte: „Und hat er nicht gesagt, wann er dir verraten will, wer dieser Tito ist?“ „Nein, er ist vor zwei Jahren gestorben“, antwortete ihre Freundin. Im Weitergehen blickte ich noch zurück, die ratlosen Kinder des Kapitalismus standen noch immer vor der Auslage. Ich glaube, so stehen auch die verwaisten Generationen vor dem Tor der Geschichte herum.

Bei mir regte sich Schuldbewusstsein. Wir schulden uns die Vergangenheit des 20. Jahrhunderts. Was bedeutet Faschismus? Was bedeutet Kommunismus? Heutzutage setzen viele ein Gleichheitszeichen zwischen die beiden Begriffe, und das belastet die Väter und Großväter schwer. Ich bin noch die Kalkulation schuldig. Wäre der Sozialismus nicht über mich hereingebrochen, wäre ich wahrscheinlich in meinem Dorf geblieben, Arbeiter geworden wie mein Vater oder Bauer wie mein Großvater. Als erste Generation, die vom Land in die Stadt kam, stellte ich mir vor, ich würde eine neue Welt erschaffen, ich protestierte und diskutierte, ereiferte mich und träumte von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz, sodann von einem Kapitalismus mit menschlichem Antlitz, schwärmte für die Samtene Revolution, schließlich taumelte ich im Zeitalter der digitalen Revolution in die feudale Tradition.

Der Sozialismus hat mich zur Schule geschickt, für mich gesorgt, mich erhoben – und oft erniedrigt. Jahrzehntelang grübelte ich, wie ich ihm denn gerecht gegenübertreten sollte, denn so, wie ich meine eigene Vergangenheit nicht korrekt beurteilen kann, kann ich mit meiner Gegenwart auch nichts anfangen.

Im Interesse der größeren Freiheit wurde ein Verhalten, das an die Grenze des Verrats streift, ein politischer Zwang. Ich weine der Vergangenheit nicht hinterher, habe keinen Grund dafür, lebe ich doch auch jetzt in denselben bescheidenen Verhältnissen wie seinerzeit. Ich war kein Kommissar des Einparteiensystems, aber auch des Mehrparteiensystems nicht. Nie hatte ich irgendeine Funktion inne, war weder Chefredakteur noch Direktor. Als Autor kann ich freier sprechen als damals, zugleich aber gehört es zur Wahrheit dazu, dass seinerzeit das Wort mehr Risiken barg und mehr Gewicht besaß. Immer öfter nehme ich die Bibel zur Hand, um auch damit dagegen aufzubegehren, dass die Politik zur neuen Religion geworden ist. Die Parteienführer sind die neuen Kirchenoberhäupter, die Priester und Popen ministrieren lediglich neben ihnen.

*

Ich weine der Vergangenheit nicht nach, doch betrauere ich sie, wie es sich gehört. Nach dem Friedensabkommen von Dayton machte ich mich in elender Stimmung auf in die Nachfolgestaaten meiner ehemaligen Heimat. Ich wurde von Schuldbewusstsein geplagt, wiewohl ich kein Wort gegen den einen oder anderen neu entstandenen Staat sagte. Angsterfüllt ging ich von Serbien aus in die ehemaligen Länder Jugoslawiens, wurden doch diese auch auf den Leichen Unschuldiger errichtet. Die Verbrechen wurden in meinem Namen begangen. Wenn ich zu den Wahlen gegangen bin: deshalb. Wenn ich nicht zu den Wahlen gegangen bin: deshalb. Wie ich es auch drehe und wende, ich habe zur Verfestigung und zum Sichern der Macht der neuen Ordnung beigetragen, auch wenn ich mir darüber im Klaren war, dass die roten Teppiche, die in die Parlamente führten, von Blutstropfen gefärbt waren. Ich lebte in einer Zeit der Sühne ohne Schuld.

Mit der Zeit blieben die Beteuerungen der Rechtsstaatlichkeit aus. Sie wird heutzutage ohnehin nur noch von den verwaisten und mitleidig belächelten Menschenrechtsorganisationen angemahnt, die zu ihrem Unglück immer wieder verdächtigt werden, fremde Interessen zu bedienen. An einer Wand erblickte ich zwei Riesenplakate, auf dem einen prangte das Portrait Ratko Mladić‘, des Angeklagten in Den Haag, auf dem anderen die Reklame einer multinationalen Firma. Man könnte sagen, ein Marketing-Handschlag, der in diesem Fall nichts anderes bedeutete als das Eintreffen der Zukunft. Das Kapital hat die Utopie der Europäischen Union besiegt.

*

Die Jahre, ja, die Jahrzehnte ziehen ins Land. Serbien trottet auf die Europäische Union zu, den Berichten aus der EU zufolge aber recht behäbig. Die neunziger Jahre liegen hinter uns, doch bedrücken sie uns noch immer. Schwer zu sagen, was geschehen ist. Wurde Milošević gestürzt oder ging eine Ära zu Ende? Ich hoffe, sie möge beendet sein, andererseits wage ich nicht zu behaupten, dass eine neue Ära angebrochen ist. Stattdessen lebe ich bis heute in einer Übergangszeit. Ein Minister der gegenwärtigen Regierung erweist dem Grab des damaligen Diktators seine Reverenz, nennt ihn einen Helden der Nation, und die Mehrheit des Landes nickt bei den Wahlen alles stumm ab. Wir sind zum Ausgangspunkt zurückgekehrt, nur sprühte damals ein Fünkchen Hoffnung, jetzt aber heilen wir die von der Hoffnung geschlagenen Wunden mit der Medizin des Überlebens. Alles hat aufgehört. Und es ist nicht möglich, eine unvollendete Geschichte dem Vergessen anheimzugeben.

Sie sind dieselben, dortselbst, und doch nicht genauso. Damals war die Welt schwarz-weiß, heute ist alles klebrig und grau in grau.

Serbien war in den Neunzigern ein Kontrapunkt Europas, ein Paria, ein Ausgestoßener. Heute hat es sich den ostmitteleuropäischen ethnopopulistischen Trends angeglichen. Der grobe und ungezügelte Nationalismus der neunziger Jahre wechselte zum Diskurs des demokratischen Nationalismus. Die Idee des Nationalstaates gewann an Kraft, sie schloss sogar mit dem Großteil der politischen Eliten der nationalen Minderheiten Frieden. Serbien wird von keinem wirtschaftlichen Embargo bedroht, die ausländischen Investoren bezeugen Interesse, das internationale Kapital, gestützt mit dem Geld der serbischen Steuerzahler, ist an der Konsolidierung der gegenwärtigen Regierung interessiert. Die neue Generation entsagt dem öffentlichen Leben und zieht sich trotzig in den Cyberraum zurück. Die zornigen und misslaunigen Jungen um die zwanzig revoltieren von Zeit zu Zeit gegen die konformistischen Väter. Die biederen Demonstrationen sind folgenlos geblieben. Linke Intellektuelle wiederholen immer wieder, die Arbeiterklasse sei verschwunden, wir lebten nicht im Zeitalter der Revolutionen. Die Extremisten blinzeln verführerisch nach dem rechten Spielfeld. Auf Hausmauern werden Hakenkreuze gepinselt, aus dem Dunstkreis der schulterzuckenden herrschenden Elite wird auf die Meinungsfreiheit verwiesen. Ein Großteil der Intellektuellen hat mit der Macht einen Sonderfrieden geschlossen, oder er verhält sich subversiv, oder aber er kehrt dem öffentlichen Leben einfach den Rücken, wie die Zwanzigjährigen. Was bleibt, ist der Schreibtisch, keine Funktion, kein Posten, kein Amt.

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Die größte Veränderung ist auf den Friedhöfen zu beobachten, sie sind viel gepflegter als vor fünfzig oder zwanzig Jahren. Ich lese bekannte Namen von den Grabsteinen. Eine Frau kommt mir entgegen, sie schiebt ein dreirädriges Fahrrad voller Blumensträuße und Gießkannen. Außen hängen am Dreirad Rechen, Spaten und Hauen. Ich fange mit ihr ein Gespräch an, es stellt sich heraus, sie ist eine professionelle Grabpflegerin. Es gehe nämlich darum, erklärt sie mir, dass Leute massenhaft ins Ausland gegangen seien und nicht mehr, so wie einst, als Besucher in die Heimat zurückkehrten. Für zehn Euro pro Monat legt sie, wie bestellt, einen Blumenstrauß auf das Grab, wischt die Marmorplatte ab und bringt eventuell die Umgebung des Grabes in Ordnung. In den Begräbnisstätten eröffnet sich für uns das typische ostmitteleuropäische Panorama nach den samtenen Revolutionen.

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In meinem Roman Balkáni szépség, avagy Slemil fattyúja (Deutsch etwa: Die Schönheit vom Balkan oder Der Bastard Schlemihls) befrage ich das 20. Jahrhundert. Die Geschichte beginnt 1918, ein Handwerker versteift sich darauf, seine Werkstatt und seine Heimat selbst um den Preis seines Lebens zu erhalten. Es geschieht nichts weiter, als dass er beide verliert. Wo einst die Werkstatt stand, wird ein Wellnesshotel errichtet und ein Gedenkpark angelegt. Anfangs dachte ich, dieser Roman behandle den Menschen in der Minderheit. Mit der Zeit aber sah ich ein, dass es auch eine andere, eine geheimnisvolle europäische Minderheit gibt, die mich an meine Romanfigur Schlemihl erinnert. Sein Problem besteht nicht darin, dass ihm der Schatten genommen wird, sondern dass er mehrere Schatten besitzt und nicht weiß, welcher der echte sei. Wenn er das wüsste, wäre er kein Europäer mehr. In diese Lage ist Europas geheimnisvolle Minderheit geraten, der europäische Bürger, der seine europäische Identität ernst nimmt und sie behütet. Alle, die sich ungebrochen als Europäer sehen, sind zu Waisen Europas geworden. Unter ihnen suche ich nach Zuflucht.

*

War das 20. Jahrhundert so kurz und wurde es 1989 tatsächlich beendet, wie Historiker es behaupten? Eines ist sicher, die Wunden sind nicht verheilt, also blieb das Jahrhundert verstümmelt. Die Zeit raste ohne uns davon, sie ließ die Menschheit am Wegrand zurück. Der Fortschritt vergaß uns, was weder human noch inhuman ist, er brauchte uns einfach nicht mehr, also beging er Fahrerflucht. Wir hingegen bezeichneten ihn aus Rache als Mohnsaft der Aufklärung.

Von welchem Fortschritt sprechen wir? Die neue Utopie ist konservativ, rückwärtsgewandt. Wir, die Waisen Europas, trotten alleingelassen durch das Buschwerk am Straßenrand, dem Fortschritt hinterher, den nicht mehr wir lenken, er zwingt uns vielmehr nach seinem eigenen Gesetz in eine uns unbekannte Richtung.

 

Deutsch von György Buda

Foto: vegeldaniel.com

Jugoslawien in meinem Leben, mein Leben in Jugoslawien in zehn Abschnitten

von Lidija Dimkovska

Credits: Tihomir Pinter

1) Meine jugoslawische Kindheit

Ich verbrachte meine Kindheit in einem kleinen Dorf in Mazedonien, Šlegovo hieß es, bei meinen Großeltern. Meine Eltern blieben der Arbeit wegen in Skopje, meiner Geburtsstadt, und sie besuchten mich an jedem Feiertag. Daher liebte ich die nationalen Feiertage Jugoslawiens, den Tag der Armee, den Tag des Staates, den 1. Mai, denn sie brachten meine Eltern zu mir. Später brachten die gleichen Feiertage mich zu meinen Großeltern.

Meine Großeltern waren einfache, fleißige Leute vom Land – Analphabeten, aber weise, großherzig und offen. Meine Oma verehrte und fürchtete Milka Planinc, die jugoslawische Premierministerin der 1980er-Jahre, erste und einzige Frau in diesem Amt. Sie kam oft in den Radionachrichten zu Wort. Ihre Stimme war tief und laut, und meine Oma drehte den Ton leiser, wenn Milka Planinc über die wirtschaftliche Blüte und die Einigkeit Jugoslawiens sprach.

 

2) Die »Reise durch Jugoslawien«

Die Reise durch Jugoslawien wurde an fast jeder jugoslawischen Schule angeboten und war ein sieben- bis zehntägiger Bustrip zu den wichtigsten historischen und touristischen Sehenswürdigkeiten des Landes. »Vom Fluss Vardar zum Berg Triglav«, wie es in einem bekannten Lied hieß. Das Motto der Reisen lautete: »Lerne dein Land kennen, um es noch mehr zu lieben.«

Und so gelangte ich als 13-jährige Schülerin ins wunderschöne Dubrovnik, wo ich den ersten Lippenstift meines Lebens kaufte, zu den herrlichen Plitvicer Seen, zu Titos Geburtshaus in Kumrovec, in das ehemalige Konzentrationslager Jasenovac, zum Denkmal für die ermordeten Schulkinder in Kragujevac – das Gedicht »Blutige Geschichte« der serbischen Lyrikerin Desanka Maksimović, das von diesem Massaker handelt, hatten wir in der Schule auswendig gelernt –, ins prachtvolle Belgrad mit seinen langen Alleen, in die quirligen Cafés von Sarajevo, aber nicht bis nach Slowenien. Uns fehlte die Zeit, um die Höhle von Postojna und den Berg Triglav zu sehen. War es die Enttäuschung darüber, die sechste Republik Jugoslawiens nicht bereist zu haben, die mich unbewusst antrieb, mich Jahre später in Slowenien niederzulassen?

 

3) Brüderlichkeit und Einigkeit der Völker und Nationen Jugoslawiens

Ein einschneidendes Erlebnis hatte ich Ende der 80er-Jahre in einem Dorf in Montenegro, bei Verwandten, die ich nie zuvor gesehen hatte (im jugoslawischen Denken war das kein Problem: Verwandte waren Verwandte, egal, ob nah oder fern). Mich befremdete, dass die Männer dort mit Pistolen unter dem Kopfkissen schliefen, aber für meinen Cousin war das selbstverständlich. »Echt, dein Vater hat keine Waffe?«, fragte er mich verblüfft.

Eines Morgens, ich stand gerade vor dem Haus, sah ich ein Auto vor einem der Nachbargebäude halten. Ein Mann und ein Mädchen in meinem Alter stiegen aus. Er gab ihr einen Kuss und fuhr gleich wieder ab, während sie mit ihrem Koffer die Stufen zur Haustür hochging, klopfte und eintrat, ohne dass ihr jemand geöffnet hätte. Meine Oma bekreuzigte sich dreifach und sagte zu mir: »Wehe, du treibst dich mit der herum, die taugt nicht als Freundin für dich.« Ich wunderte mich und fragte immer wieder, warum ich das Mädchen nicht kennenlernen sollte.

»Hast du ihren Vater gesehen? Er darf nicht mal ins Haus. Er ist ein Šiptar, deshalb! Ihre Mutter ging zum Studieren nach Priština, da traf sie ihn und wurde schwanger. Nun reden ihre Eltern schon seit Jahren nicht mehr mit ihr. Sie haben sie enterbt, und ihn wollen sie gar nicht erst sehen.«

Das alles kam mir unverständlich vor, in der Schule hatten wir doch gelernt und fast jeden Tag wiederholt, dass Brüderlichkeit und Einigkeit unter den Völkern und Nationen Jugoslawiens herrschten.

 

4) Der Krieg in meinem Leben

Jahre später war ich schockiert zu erfahren, dass einige der Verwandten, die wir in jenem Sommer besucht hatten, nach Bosnien gegangen waren, um dort auf serbischer Seite gegen die bosnische Zivilbevölkerung zu kämpfen. Das hatten wir nicht gewusst, und nach dem Krieg schickte meine Mutter mich mit dem Bus nach Montenegro, um den Verwandten Mehl, Öl und Zucker zu bringen. Es war das erste Mal, dass ich keine jugoslawische, sondern eine mazedonische Grenze überquerte. Und es waren keine normalen Grenzwachen, die im Bus die Papiere kontrollierten, sondern Soldaten mit Maschinenpistolen.

Mein Onkel erwartete mich am Busbahnhof. Mit festem Händedruck sagte er zu mir, ohne Umschweife und auf Serbisch: »Mazedonien ist also separatistisch? Ihr wollt nicht mit uns sein, mit den Serben? Ihr wollt sein wie die Slowenen und Kroaten? Dann wird Mazedonien zusammenbrechen, komplett zusammenbrechen!«

Während der ganzen Autofahrt bis zu seinem Haus wiederholte er, wir seien Separatisten, und niemand auf der ganzen Welt komme Slobodan Milošević gleich. Als wir angekommen waren, führte mein Onkel mich auf den Dachboden, um mir die Vorräte zu zeigen. Säckeweise Mehl und Zucker, Kisten voller Öl und Essig, Nudeln, Konserven und was nicht alles. »Wir sind versorgt, wir brauchen keine Almosen von Mazedoniern«, sagte er: »Aber die Zeit wird kommen, da werdet ihr sie von uns brauchen.« In aller Ausführlichkeit erzählte er mir dann, was für große Krieger die Serben in Bosnien gewesen sein und dass es jedem wahren Serben (dabei war er selbst halb Montenegriner, halb Mazedonier) zur Ehre gereiche, in Kroatien und Bosnien gekämpft zu haben. Ich blieb stumm und fummelte in meinen Hosentaschen herum.

Am Abend lud eine seiner verheirateten Töchter zum Essen. Auf einer Tafel, die sich durchs ganze Zimmer erstreckte, waren Lammbraten und Töpfe voll Reis und Kartoffeln aufgetischt. Der Mann meiner Cousine legte eine Kassette ein, und der traditionelle Serbische Tanz erklang. Alle sprangen auf, fielen einander in die Arme, und sie zogen mich mit sich. Mit festen Stimmen sangen sie, Männer wie Frauen, und wirbelten im Kreis, wirbelten mich mit, und mitten im wilden Tanz dröhnten die Worte: »Srbo, Srbo – Slobo, Slobo!« Ich hielt es nicht mehr aus und schrie: »Ich will nach Hause, ich will nach Hause!« Endlich brachten sie mich hinaus und setzten mich in ein Auto. Am Morgen nahm ich den ersten Bus nach Skopje, winkte meinem Onkel am Bahnhof nur flüchtig zum Abschied. Ich habe diese Verwandten nie wiedergesehen.

 

  1. Eine seltsame postjugoslawische Zusammenkunft

Eine seltsame Zusammenkunft ergab sich im Jahr 1995, kurz nach dem Massaker von Srebrenica, als ich in Straßburg auf andere junge Jugoslawinnen und Jugoslawen traf. Alle wie ich in den 70ern geboren, alle zerbrechlich und verwirrt: Wir fühlten uns schuldig an einem Krieg, den wir nicht gewollt hatten. Die Bosnierinnen waren so wütend und traurig, dass ich mich fast schämte, aus Mazedonien zu sein, das damals als »Oase des Friedens« galt. Eine von ihnen sagte zu mir: »Stell dir vor, du studierst, aber dein Studentenausweis verbrennt in der Nationalbibliothek von Sarajevo, zusammen mit all unseren Dokumenten und all unseren Büchern – deine persönliche und deine nationale Identität ist verloren. Du bist niemand, bist nichts, und um dich herum sterben die Leute.«

Sie hatte recht. Wir versuchten einander zu verstehen und sangen sogar zusammen den Song My Balkan von der Rockband Azra, den wir alle sehr mochten. Die Dozenten an der Universität Straßburg, die uns aufgenommen hatte, riefen: »Aber ihr liebt euch doch!« Sie wollten mit uns ins Gespräch kommen, um zu verstehen, was geschah und warum. Wir konnten ihnen nicht weiterhelfen. Was in Jugoslawien passierte, nahm uns zu sehr mit, und wir begriffen es ja selbst nicht. Gewiss liebten wir einander, aber tief im Innern blieb das Gefühl, an dem Krieg schuld zu sein, auch wenn niemand von uns an irgendetwas schuld war.

 

  1. Die jugoslawische Literaturszene und ihre Netzwerke

Wenn junge Autorinnen aus Ex-Jugoslawien ältere Kollegen reden hören, könnten sie denken, die jugoslawische Literaturszene sei das reinste Märchen gewesen. Das stimmt nicht ganz, doch immerhin galt damals jede Nationalliteratur als Teil der jugoslawischen Literatur. An den Unis gab es Fakultäten für jugoslawische Literatur, die heute Fakultäten für die südslawischen Literaturen heißen. Das wichtigste Lyrikfestival des Landes waren die 1961 gegründeten »Abende der Poesie« in Struga, in meiner Heimat Mazedonien. Der Goldene Kranz der Dichtkunst wurde dort Lyrikern wie Mahmoud Darwish, W. H. Auden, Joseph Brodsky, Allen Ginsberg, Pablo Neruda, Desanka Maksimović, Hans Magnus Enzensberger, Nichita Stănescu, Ted Hughes, Adonis (Ali Ahmad Said Esber) oder Tomas Tranströmer verliehen. Überhaupt organisierten Autorinnen und Autoren in Jugoslawien viele Festivals, zu denen sie immer auch die Kollegen aus den anderen Republiken einluden.

Seit Ende der 80er, als ganz junge Lyrikerin, war ich dreimal bei einem Festival in Kikinda in der serbischen Provinz Vojvodina zu Gast, wo junge Dichter aus ganz Jugoslawien zusammenkamen. Ich übernachtete immer bei demselben Mädchen, wir wurden Freundinnen. Beim letzten Mal, im Mai 1991, einen Monat bevor alles begann, sagte ihr Vater, der bei der jugoslawischen Armee war, am Esstisch, er habe aus seiner Einheit den Befehl erhalten, sich zum Abmarsch nach Kroatien bereit zu machen, dort werde etwas organisiert. Ihre Mutter begann zu weinen. Er sagte, er müsse das tun, es sei seine Pflicht. Mich verwirrte das sehr. Noch Jahre danach habe ich immer wieder versucht, bei ihnen in in Kikinda anzurufen, um zu fragen, ob sie wohlauf seien, doch die Leitung blieb für immer tot.

 

7) Postjugoslawisches Schreiben

Unmittelbar nach den Kriegen war die postjugoslawische Literatur erfüllt von all dem, was geschehen war. Bei meinem ersten Besuch in Sarajevo in dieser Zeit kaufte ich die neueste Anthologie bosnischer Kurzgeschichten: Fast jede einzelne handelte vom Krieg. Auf der postjugoslawischen Literatur lastet die kollektive Erinnerung, doch zugleich vermag sie in den Spiegel der Geschichte zu blicken.

Natürlich haben wir nicht alle unmittelbar über den Krieg geschrieben, die Werke meiner Generation sind vielseitig. Manche behandeln historische Ereignisse, viele konzentrieren sich auf die Erfahrung, ortlos geworden zu sein, oder stellen Fragen zu Nation, Nationalismus, Freiheit, Identität. Andere greifen nach universell politischen Themen oder versuchen uns als Opfer des Systems zu schildern.

Viele von uns setzen Humor ein, um gegen das Trauma anzukämpfen. Und viele Schriftsteller sind aus Ex-Jugoslawien ausgewandert. Manchmal treffen wir uns bei Veranstaltungen, bei denen wir unsere (neuen) Länder vertreten. Diese Treffen sind sehr emotional, und wir lachen viel. Wenn all das Grauen, das in und mit Ex-Jugoslawien geschehen ist, irgendein Gutes mit sich brachte, dann, dass die politischen Krisen Interesse an der Literatur der Region weckten. Bitte Ironie: Weil das Furchtbare ihr Schreiben prägte, wurden vor allem Autorinnen, die vor den 70er-Jahren geboren waren, in zahlreiche Sprachen übersetzt und auf Festivals rund um die Welt eingeladen. Dieses Interesse ist längst wieder abgeflaut. Es gibt neue Kriege, neue Exilierte, neue Autorenschicksale. Der Buchmarkt lebt bekanntlich im Hier und Jetzt.

»Es war ja nicht unser Krieg«, sagte mir eine Dozentin am Institut für Mazedonische Literatur, als ich dort nach Büchern über das Zerbrechen Jugoslawiens und die Kriege in den Republiken suchte. Dabei war der erste Soldat, der in den Kriegen der 90er-Jahre getötet wurde, Sašo Gešovski aus Mazedonien – erschossen in Split vor laufenden Fernsehkameras. Wir waren alle schockiert. Der Krieg war allzu nah in Mazedonien, wir spürten ihn am eigenen Leib. Dennoch wirkt es wohl seltsam, wenn ein Buch, das der mazedonischen Literatur zugerechnet wird, sich mit diesem Thema beschäftigt, wo doch Mazedonien selbst kein Schauplatz der jugoslawischen Kriege war und sogar als »Oase des Friedens« galt.

Heute arbeiten wir postjugoslawischen Schriftsteller in vielfältiger Weise zusammen. Wir übersetzen einander, lesen einander, laden einander auf Festivals ein. Das erklärte Ziel von Sarajevske sveske, der großen Literaturzeitschrift im exjugoslawischen Raum, ist erreicht: Wir sind (wieder) Freunde. Wir haben viel gemeinsam, wir leben alle in derselben Welt.

 

8) Die Geografie meines Lebens

Ich verließ Mazedonien 1994, als die Kriege in Jugoslawien noch andauerten. In Bukarest promovierte ich in rumänischer Literatur und unterrichtete dort an der Universität mazedonische Literatur und Sprache. Ich begann in beiden Sprachen zu träumen, Mazedonisch und Rumänisch. Ich lernte meinen Mann kennen, der aus Slowenien ist, und anfangs sprachen wir Serbokroatisch miteinander, fanden aber bald, dass wir eine andere, eine neutrale Sprache bräuchten. Srebrenica geschah in unserem ersten Sommer als Liebespaar, und wir wichen auf die rumänische Sprache aus, um dem Jugoslawien in unserem Leben zu entfliehen, dem Land, das wir so sehr liebten und dass uns so sehr verletzt hatte. Sieben Jahre lang sprachen wir rumänisch miteinander, doch als wir nach Slowenien zogen, wechselten wir ins Slowenische. Da war Jugoslawien schon Vergangenheit, doch die Folgen seines Auseinanderbrechens spüren wir auf die eine oder andere Art bis heute.

 

9) Das letzte Jugoslawische

Auch wenn es Jugoslawien nicht mehr gibt, war mein Heimatland immer noch ein jugoslawisches Land, eine politische Farce im großen Stil. Als sie sich mit dem Zusammenbruch unabhängig machten, behielten alle jugoslawischen Republiken ihre alten Namen: Republik Slowenien, Republik Kroatien usw. Nur Mazedonien wurde, wegen der Probleme Griechenlands mit dem Namen Mazedonien, bei den Vereinten Nationen als »Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien« geführt. Alle waren nun also etwas anderes als jugoslawisch, nur wir blieben »ehemals jugoslawisch«.

Als Kind hatte ich ein Mantra (oder Gebet?), das ich immer aufsagte, wenn ich ein Problem hatte, mich einsam fühlte oder vor einer Herausforderung stand: »Madzari (unser Stadtteil) ist in Skopje, Skopje ist in Mazedonien, Mazedonien ist in Jugoslawien, Jugoslawien ist in Europa, Europa ist in der Welt.« Hatte ich das ein paar Mal wiederholt, fühlte ich mich besser.

Ich weiß noch, einer meiner ersten Gedanken nach der Teilung Jugoslawiens 1991 war, dass es nun nicht mehr heißen könnte, »Mazedonien ist in Jugoslawien, Jugoslawien ist in Europa« – sondern direkt »Mazedonien ist in Europa«. Jahre später fragte mich meine Tochter, ob Mazedonien in Europa sei. Ja, sagte ich, doch sie zeigte mir eine Liste aus der Schule mit den Staaten der Europäischen Union, und darauf fehlte Mazedonien.

Heute heißt das Land Nordmazedonien und ist immer noch nicht in der EU. Doch fast 30 Jahre nach dem Ende Jugoslawiens existierte in Europa eine »Ehemalige Jugoslawische Republik«.

 

10) Ersatz-Leben

Für meinen Roman Rezerven život (auf Englisch als A Spare Life erschienen) erhielt ich 2013 den Literaturpreis der Europäischen Union und den Stale-Popov-Preis in Mazedonien. Die Geschichte eines siamesischen Zwillingspaars, das getrennt werden muss und die symbolisch-mazedonischen Namen Srebra und Zlata trägt, wurde als eine Metapher für die Trennung der jugoslawischen Republiken gedeutet. Als Vertreterinnen meiner Generation sind die beiden Zeuginnen der Aufspaltung Jugoslawiens: Zlata, die Erzählerin, spricht auch von ihren und Srebras Mitstudierenden und von den jungen Männern, die aus der jugoslawischen Armee desertierten: »Einmal sagte einer von ihnen, ›Scheiß auf alles, wie konnte ich zur falschen Zeit an den falschen Ort geraten?‹ Und das traf auf sie alle zu – eine verlorene Generation, die sich zur falschen Zeit am falschen Ort befand.«

Als ich mit der englischen Übersetzung meines Romans auf Lesereise durch die USA war, besuchte ich in zwei Wochen zehn Städte, von New York bis Los Angeles. In den Buchhandlungen sprach ich über mein Schreiben und mein Leben und beantwortete auch viele Fragen zu Jugoslawien. An einem der Flughäfen sah ich eine Maschine nach Dayton angekündigt. Ich staunte, wie konkret auf einmal die Stadt war, in der die jugoslawischen Kriege endeten und die Zukunft begann, ohne je von der Vergangenheit abgetrennt zu sein.

 

(Teile dieses Aufsatzes sind Paraphrasen aus meinem Roman »A Spare Life«, ins Englische übersetzt von Christina E. Kramer, die auch den Aufsatz im Ganzen bearbeitet hat.)

 

Deutsch von Michael Ebmeyer

 

Die apokalyptische Uhr

von Faruk Šehić

Credits: Dženat Dreković, NOMAD

Die Zeit meines persönlichen Kataklysmus beginnt am 21. April 1992. An diesem Tag griffen bewaffnete serbische Extremisten, unterstützt durch die ehemalige Jugoslawische Volksarmee, meine Stadt an. Es waren unsere ‘Nachbarn’, Mitbürger, die sich in einer konzertierten Aktion aus der Stadt zurückgezogen hatten, um uns von den umliegenden Bergen her anzugreifen.

Der Angriff auf mein Land hatte schon vor diesem Datum stattgefunden, denn bis zum 21. April waren bereits viele Städte an der Ostgrenze zu Serbien, das damals noch Jugoslawien hieß, zerstört. In dem Moment, in dem Slowenien, Kroatien sowie Bosnien und Herzegowina Jugoslawien verlassen hatten, hörte dieser Staat in unser aller Bewusstsein nominell auf zu existieren. Doch dieser Staat stellte sich gegen uns alle, die wir ihn liebten und auf jede erdenkliche Weise zu seinem Erfolg beigetragen hatten.

Jeder Bürger von Bosnien und Herzegowina trägt diese zwei Uhren, diese zwei Zeitrechnungen tief in seinem Bewusstsein, in Leib und Seele sowie im Herzen.

Die erste Uhr fängt dort an zu schlagen, wo alles offiziell begonnen hat, die zweite ist eine wesentlich wichtigere, persönlichere Uhr, sie misst die Zeit ab dem Moment der Vertreibung aus dem eigenen Haus. Sie misst die Zeit, seit der man zum Flüchtling wurde, oder sie zählt die Stunden seit dem Moment der eigenen Verwundung, dem Kriegstod einer nahestehenden Person. Manche Uhren sind zum Abzählen bis zur Todesstunde bestimmt. In meiner Stadt ticken fünfhundert Soldatenuhren so lange, wie wir, die Überlebenden, existieren. Solange wir uns an unsere toten Freunde, Verwandten und Mitkämpfer erinnern.

Was die persönliche Uhr alles misst, kann man unmöglich zu Papier bringen. Ich versuche das schon die letzten 20 Jahre, seit ich als Schriftsteller öffentlich auftrete, doch ich weiß, dass ich mich kaum vom Ausgangspunkt entfernt habe. Schon die Tragödie eines einzelnen Menschen ist unbeschreiblich, hier aber reden wir von der Tragödie Hunderttausender Menschen aus diesem Land.

Diese persönliche Uhr ist die apokalyptische Uhr. Jeder Mensch hat eine. Der Krieg ist die Apokalypse, nur war damals niemand da, um uns das zu sagen. So wie auch nach dem Krieg niemand da war, um uns zu sagen, dass wir im postapokalyptischen Zeitalter leben. Lediglich den Fachbegriff ‘Post-Konflikt-Gesellschaft’ haben uns wohlmeinende Menschen aus dem Ausland verliehen, der erklären sollte, in was für einer Gesellschaft wir da jetzt leben.

Die kühle Terminologie der Wissenschaftssprache wird der apokalyptischen Uhr in keiner Weise gerecht. Sie erkennt sie nicht an, denn der Terminus ‘Post-Konflikt-Gesellschaft’ kennt nur die sogenannten Kriegsparteien. Nicht in jedem Krieg gibt es Kriegsparteien, es gibt die angegriffene Partei und die angreifende. Deshalb ist dieser Begriff völlig falsch, genau wie der Begriff Bürgerkrieg falsch und schändlich ist, mit dem der ‘wohlmeinende’ Fremde unseren Krieg, unsere Apokalypse beschreiben möchte.

Die Apokalypse besteht nicht aus den physisch zerstörten Städten, Dörfern, Brücken, Geburtskliniken oder Friedhöfen. Für mich ist die Apokalypse jener Moment, in dem alle Werte der bürgerlichen Gesellschaft einstürzen. Wenn alles, was schrecklich, unnormal und fürchterlich ist, völlig normal, gesellschaftlich akzeptabel und sogar wünschenswert wird.

Diese Apokalypse geschieht vor der eigentlichen physischen Zerstörung. Sie geschieht leise und unsichtbar. Der aufmerksame Zeitungsleser kann ihre Vorzeichen erkennen. Allzu oft ist dies eine Entmenschlichung bestimmter sozialer Gruppen, Individuen oder ganzer Völker.

So erschien beispielsweise in der Zeitung Kozarski Vijesnik aus Prijedor vor dem Beginn des Krieges 1992 eine Reihe von Texten, in denen Einwohner bosnischer, kroatischer und weiterer Nationalitäten entmenschlicht wurden. In dem konkreten Fall berichteten der Kozarski Vijesnik und Radio Prijedor von einem angehenden Facharzt der Gynäkologie aus Prijedor, Dr. Željko Sikora, der “bei Serbinnen, die mit männlichen Föten schwanger waren, Abbrüche hervorrief und serbische Neugeborene kastrierte”. Obwohl ethnischer Tscheche, war dieser im Bewusstsein der Bösewichte Kroate, denn alle Kroaten wurden damals von serbischen Nationalisten mit Ustaschas gleichgesetzt.

In der Belgrader Tageszeitung Ekspres politika wurde er “Monster-Doktor” genannt. Im Bericht der damaligen Bundesrepublik Jugoslawien an die Expertenkommission der UN unter »Indizien über Täter im unmenschlichen Umgang mit Zivilisten in Prijedor 1989-1992« wird Dr. Željko Sikora (gemeinsam mit zwei Ärzten bosniakischer Nationalität) erwähnt. Als ihr Hauptvergehen wird angeführt: “Systematische Drosselung der Geburtenrate unter der serbischen Bevölkerung im Bereich der Gemeinde Prijedor mittels Kastration von Neugeborenen serbischer Nationalität. (…) Durch Anwendung verschiedener Medikamente und Experimente machten sie Kinder im Krankenhaus von Prijedor zeugungsunfähig, stellten absichtlich Fehldiagnosen und gaben Erwachsenen serbischer Nationalität die falschen Medikamente.”

Als Folge solcher Anschuldigungen durch die Medien wurde Dr. Željko Sikora im Konzentrationslager Keraterm genauso wie Tausende seiner Mitbürger ‘falscher’ ethnischer Zugehörigkeit (in anderen Lagern) ermordet. Sein Leichnam wurde neben einem Müllcontainer auf dem Gelände des Lagers gefunden. Bevor man ihn tötete, war er täglich verprügelt worden.

Der Kozarski Vjesnik erscheint bis heute regelmäßig. Wenn man Željko Sikora als Suchbegriff ins Zeitungsarchiv eingibt, bekommt man überhaupt keine Information. Željko Sikora war der letzte männliche Nachkomme der Familie Sikora. Für seine »Verbrechen« wurde nie auch nur ein einziger Beweis gefunden, ebenso wenig wurde er je vor Gericht gestellt. Auch ist sein Name bis heute nicht von der Verleumdung reingewaschen.

Die Entmenschlichung und Dämonisierung von Gruppen, Einzelpersonen und ganzen Völkern währte schon lange vor dem unmittelbaren Kriegsbeginn auf dem Territorium des auseinanderfallenden damaligen Jugoslawiens. Das Ziel dieser Vorgehensweise war es, die gewöhnlichen Menschen auf Morde, Massaker und schließlich auch auf den Völkermord selbst als etwas vollkommen Gewöhnliches vorzubereiten.

Am 21. April 1992 wurde ich erstmals zum Flüchtling, und ich werde wohl nie mehr so ganz aufhören, ein Flüchtling zu sein, denn das ist nicht nur ein Status in der Kartei des Roten Kreuzes, sondern das Gefühl der fehlenden Zugehörigkeit in einem drin, zu nichts und niemandem. Ich liebe das Land, in dem ich lebe, aber nicht als Staat, nur als Land: als Summe von Landschaften und Naturschönheiten.

Wenn du Flüchtling wirst, ist das kein physischer Schmerz, es ist ein völlig schmerzfreier Vorgang, aber es gibt andere, unsichtbare Teile von dir, die noch jahrelang an fürchterlichen Phantomschmerzen leiden werden. In der Medizin verwendet man diesen Begriff, wenn ein Bein wehtut, das man nicht mehr hat, das einem abgeschnitten wurde. Uns hat man von unserem Vorkriegsleben abgeschnitten, und diese Phantomschmerzen sind etwas, das wir mit ins Grab nehmen werden.

Man wird mit der eigenen Biographie konfrontiert und muss sie annehmen wie alle Narben, die man an Leib und Seele trägt. Auf diese Weise kommt man immer vorwärts, denn das Einzige, was im Krieg nicht von einer Artilleriegranate zerstört werden kann, ist das Leben selbst. Der Wunsch nach Leben ist größer und stärker als alles.

Also griff ich zur Waffe und wurde Soldat.

Oft werde ich bei Lesungen im Ausland gefragt, ob ich Freiwilliger war. Für mich ist das immer ein Problem, denn wie soll ich den Leuten erklären, dass ich aus meiner Wohnung, meiner Straße und meinem Viertel vertrieben wurde, nur weil ich eine andere Augenfarbe hatte. Natürlich griff ich im selben Moment zur Waffe, eigentlich hatte ich nur eine Pistole, denn im April 1992 waren wir nicht gerade üppig bewaffnet.

Die ‘Außenwelt’ in Form der Vereinten Nationen verhängte ein Waffenembargo gegen unser Land. So waren wir dem bis auf die Zähne bewaffneten Feind auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Der Grund, weshalb man uns im Stich ließ, liegt darin, dass die feindliche Propaganda uns sehr erfolgreich als Fremdkörpergewebe im Leib Europas darstellte. Wir wurden als ‘blutrünstige Moslems’ bezeichnet, ‘die grüne Gefahr’, ‘Mudschahedin’, obwohl viele von uns Atheisten waren, säkulare Bürger, Jugoslawen, Bosnier, Linke, Kosmopoliten, Waver, Punker usw. All diese Identitäten wurden getötet und unter die Erde verfrachtet. Während das geschah, sprachen einzelne hochrangige europäische Politiker von der ‘schmerzlichen und qualvollen Restauration des christlichen Europa’. Wir waren Versuchskaninchen bei der Entwicklung der heutigen globalen Islamophobie.

Ich war mitnichten ein Freiwilliger, denn es war für mich keine Frage des freien Willens, zum Gewehr zu greifen, vielmehr war ich gezwungen, für mein biologisches Überleben zu kämpfen. Wir waren im April 1992 bereits von allen Seiten umzingelt, weshalb es nicht möglich war, dem Krieg zu entfliehen und aus sicherer Entfernung den Klugscheißer-Pazifisten zu geben, der sich zynisch über die Kriegsparteien äußert.

Über meine Erfahrungen im Krieg und als Soldat habe ich zahlreiche Gedichte, Kurzgeschichten, einen Roman und viele journalistische Texte geschrieben, weshalb es überflüssig wäre, alles zu wiederholen. Ich war Angehöriger der Armee von Bosnien und Herzegowina, nicht irgendeiner ‘muslimischen’ Armee, wie uns unser Feind und die ausländischen Beobachter von 1992-95 nannten. Einmal wurde ich schwer am linken Fuß verwundet. Ich ging ein halbes Jahr an Krücken. Danach kehrte ich zu meiner Einheit zurück und tat den gleichen Dienst wie vor der Verwundung. Ich wurde Zugführer (die Säule einer jeden Armee) und führte gegen Kriegsende 130 Mann in offensiven Aktionen an. Wie die meisten Menschen in Bosnien und Herzegowina hatte auch ich PTBS, dessen Auswirkungen erst spürbar werden, wenn der Krieg zu Ende ist.

Für meine militärischen Fähigkeiten wurde ich während des Krieges und danach mehrfach ausgezeichnet.

Als der Krieg vorbei war, versuchte ich das zu sein, was ich vor dessen Anfang war, ein Student der Veterinärmedizin im dritten Studienjahr. Doch schnell ließ ich das wieder sein und schrieb mich für Literatur ein. Ich begann täglich auf einer Olympia Monica von 1967 zu schreiben. Ich wollte Schriftsteller werden und wurde es.

Im Manuskript meines Romans Zimtbriefe gibt es folgende Passage, die am besten abbildet, in was für einer Welt wir da lebten, nachdem der Krieg nur formal zu Ende war:

„Das war keine ruin bar, jedenfalls war es das noch nicht geworden. Und wir nannten es Zauberwürfel, nicht weil es würfelförmig oder gar zauberhaft war, sondern weil das gut klang.

Wir kamen jeden Tag dorthin, zur täglichen und nächtlichen Therapie. Die ganze Stadt war eigentlich eine riesige Freiluft-ruin-bar, während der Zauberwürfel aufgeräumt, sauber und ziemlich neu war. Ich weiß nicht, woher der Hauptmann die für die Inneneinrichtung notwendigen Dinge besorgt hatte, aber sie waren da und glänzten wie die längst verlorenen Sonnen irgendeines Friedens.

(…)

Die Kellner hatten wohl Nerven wie Drahtseile, denn unser erster Krieg war gerade erst zu Ende. Wir konnten damals nicht wissen, dass dies erst unser erster Krieg war. Wer hätte wissen können, was passieren würde, wenn wir alles, was wieder aufzubauen war, in Gänze wieder aufgebaut hätten? Erst flickten wir die Häuser, bauten sie neu. Die Innenausbauten in uns selbst gingen nur langsam vonstatten. Unsichtbare Brandschäden waren schwerer zu beseitigen. Ersatzteile für den Innenaufbau standen uns nicht zur Verfügung, denn der Rest der Welt hatte uns vorübergehend aus den modernen Abläufen der Zivilisation ausgeschlossen. Und auf Krieg folgt Korruption und die Fortsetzung des Krieges mit friedlichen Mitteln; der Nationalismus wuchert wie Unkraut und ist nur schwer aufzuhalten. Manche Dinge geschehen hinter den Kulissen. Unsere Kulisse sind Ruinen voller kalter Asche, etwas ist außerhalb unseres Willens und wächst, obwohl wir es nicht beachten, da wir mit unseren eigenen Wunden beschäftigt sind.

Wunden sind wichtig, und es ist notwendig, die eigenen Wunden und die der Stadt zu versorgen. Dass wir uns nicht mit dem Hass beschäftigt haben, heißt nicht, dass er nicht in der Stille seines Amtes gewaltet hat. Die Schrecken des Krieges haben uns vom Hass geheilt. Nur, wer im Krieg alles Mögliche erlebt hat, weiß, dass der Hass den Menschen eingetrichtert wird, um die stets gleichen Kriegsziele leichter zu verwirklichen – Kampf ums Territorium und den Reichtum, den dieses mit sich bringt.

In vielen Menschen existiert der Hass bereits und muss nicht mehr angestachelt werden. Das Böse hat Vor- und Nachnamen, Augenfarbe, Finger, Brusthaare, Muttermale und Leberflecke, Narben vom Bolzplatz. Das Böse ist familientauglich, mag Kinder, das Böse ist sozial, verkehrt in Vorkriegscafés, hat ein breites Lächeln und noch alle Zähne im Kopf. Es ist das kleinbürgerliche, graue Böse. Es gibt auch ein anderes, besoffenes Böses, das Lumpenproletariat mit Zahnlücken. Es ist schwierig, das mit dem Bösen einfach zu klassifizieren, es entzieht sich jeder Beschreibung und Klassifizierung.

Das Böse ist nie banal.

Wir tranken im Zauberwürfel, das wünschten wir uns sehnlichst, uns fiel nichts anderes ein, was wir hätten tun sollen oder können. Da spazierten keine Psychologen oder Psychiater mit Zauberkapseln herum, um uns zu heilen. Auf den Straßen war niemand, bis auf uns und die streunenden Hunde, die die Heimkehr der menschlichen Wärme spürten und deshalb kamen, um sich aufzuwärmen. Medizin brauchten wir nicht, dachten wir, wie hätten wir das auch denken sollen, wenn wir uns selbst nicht für krank hielten. Wir waren nicht krank, es waren eben solche Zeiten.

Keiner von uns wusste, was die Abkürzung PTBS überhaupt bedeutete. Wir überließen uns einfach nur dem Lauf der Friedenszeit. Den unendlichen Diskussionen im Zauberwürfel. Vielleicht heilte uns das auch, denn ich erinnere mich an einen Moment, in dem das Xanax nicht wirkte. In dem es mir nicht half, als ich die Hitze aus dem Bauch in Brust und Kopf hochsteigen spürte, eine heftige Energie, wegen der ich befürchtete, in Flammen zu geraten und den Raum zu erhellen wie eine Leuchtrakete, allein, versteckt irgendwo auf der Brandstätte des Handwerkszentrums, erleuchtet von Mondschein, im Schatten des gesprengten Gotteshauses, dessen Turm in Richtung Erde und Unterwelt zeigte.

Je mehr das normale Leben in seine gewohnten Bahnen zurückkehrt, umso mehr Raum nimmt die Angst vor dem Tod ein. Uns selbst überlassen, lösten wir das mit Alkohol und leichten Betäubungsmitteln, wenn die Tabletten schon nicht wirkten. Wir dachten, der übermäßige Lebensgenuss würde uns eher in die zivile Normalität zurückbringen.

Wenn man einen Krieg überlebt hat, sollte man am besten sofort aus dem betreffenden Teil der Welt wegziehen und niemals zurückkehren. Warum hatte uns das niemand sagen können? Selbst wenn es uns jemand gesagt hätte, hätten wir ihm nicht geglaubt. Wir hätten weiter unser Ding gemacht.

Wo endet und wo beginnt unser erster Krieg? – ist eine Frage, die wir uns oft stellten, bis wir die Lust daran verloren, uns das zu fragen.

Was mich gerettet hat, war die Liebe, ein starker Glaube an das Leben als sinnvolle Ordnung der Dinge in Zeit und Raum, als Zeit und Raum noch linear waren. Denn mit den ersten Granaten verloren Zeit und Raum und alle anderen Dimensionen ihre unschuldige Geradlinigkeit unwiederbringlich. Wir versuchten die Schäden am linearen Verlauf von Zeit und Raum und allen anderen Dimensionen zu reparieren, aber es gelang uns nicht. In der nichtlinearen Welt wollten wir lineare Individuen sein. Es lief nicht. Selbst wenn wir gewusst hätten, dass es einmal in der Zukunft modern sein würde, vintage Gegenstände zu schätzen, vintage Poetik, Retro-Style, hätten wir uns nicht für irgendwelche Vorreiter gehalten, denn unser Leben war kein modischer Stil. Der Gegenwart hinterhertrauern kann man erst, wenn man alles verloren hat, wenn die eigene Zeit und der Raum unumkehrbar annulliert sind. Wir waren keine Hipster, obwohl wir alte und ungewöhnliche Dinge mochten.

Zwar kamen Leute aus dem Ausland und boten Kurse für das Weiterleben nach der Apokalypse an, doch ich nahm das nicht ernst, kaum jemand konnte das ernst nehmen. Wie hätten sie auch wissen können, wie wir leben sollen, wenn sie selbst noch nie einen Krieg überlebt hatten?“

Dieser Textausschnitt zeigt, wie die apokalyptische Uhr schlägt, nachdem die Apokalypse auch offiziell zu Ende ist. Sie setzt ihre Arbeit fort. Eine Apokalypse überleben heißt nicht nur physisch den Krieg und die allgegenwärtige Zerstörung zu überleben. Viele glauben nur, sie hätten überlebt, doch der Krieg hat sie in ihrem Wesen entwertet und die Fortsetzung des Lebens in Friedenszeiten für sie unmöglich gemacht. Sie sind Kriegszombies, denn sie kommen aus dem Krieg nie wieder heraus. Er regiert ihren Verstand, ihre Nerven.

Meine apokalyptische Uhr schlägt nun schon das 29. Jahr seit meinem persönlichen Kriegsbeginn. Ich habe gelernt, mit dem Ticken dieser Uhr zu leben. Diese Uhr ist ein Teil von mir und sie stört mich kein wenig, denn ich kann darüber schreiben. Ich habe mich mit ihrem Ticken synchronisiert.

Den wenigsten Menschen ist dieses Glück beschieden, aber sie kommen irgendwie klar und überleben die Schrecken des Friedens, denn wir wissen, dass das Leben größer und stärker ist als alles Böse, als die Vernichtung und jede Art von Apokalypse.

Ach so, und falls sich jemand fragt, ob ich Menschen getötet habe: Ja, ich habe feindliche Soldaten im Nahkampf auf dem Schlachtfeld getötet. Da gibt es keine Reue. Krieg ist leider die älteste Beschäftigung des Menschen. Wer überlebt, kann erzählen, kann schreiben. Es ist ein großes Privileg derer, die keine Erfahrung von Krieg oder Flucht und keinerlei traumatische Grenzerfahrung haben, den Überlebenden zuzuhören, damit es nie wieder Krieg gibt, für niemanden. Dies ist ein utopischer Wunsch, der vielleicht eines Tages in Erfüllung gehen mag. Ich glaube ganz fest an eine solche Utopie.

 

Deutsch von Elvira Veselinović

 

Nostalgie: die Melancholie der Rechten

von Andrej Nikolaidis

Credits: Tanja Draškić Savić

Was kann euch einer über Nostalgie erzählen, der sein Leben lang über sie liest und schreibt?

Vielleicht kann er sich vor allem selbst die Frage zu erklären versuchen: Woher diese ganze Nostalgie? Wo entspringt ihr breiter Lauf, der sich wie eine füllige, uralte Schlange nicht zum Meer hinbewegt, sondern zur blauen Leere der Melancholie?

Der Fluss ist da, aber die Quelle gibt es nicht mehr. Die Nostalgie entspringt keinem Ort, der durch die Frage nach dem „Wo“ zu bestimmen ist. Zu fragen ist vielmehr nach dem „Wann“. Wenn wir die Quelle der Nostalgie orten möchten, sollte der Finger statt auf den Globus auf den Kalender zeigen.

Also: Wann? In Sarajevo, in Jugoslawien. Genau das: Sarajevo, Jugoslawien als Zeitbestimmung, das bedeutet für unseren Nostalgiker – sollte eine Übersetzung in die standardisierte Zeitmessung notwendig sein – im späten April 1992.

 

I

Der Raum/die Zeit der Nostalgiequelle kann noch präziser bestimmt werden: die Milentije-Popović-Straße, der Sarajevoer Vorort Dobrinja, der Augenblick vor der Abfahrt, als er beim Einsteigen ins Auto, an dessen Lenkrad sein ungeduldiger Vater sitzt, der Gruppe winkt, die wie jeden Tag, an jenem Tag ohne ihn, am Rand des nahegelegenen Platzes Basketball spielt.

Oder hat alles ein paar Augenblicke früher begonnen, während er beim Aufbruch aus der Wohnung zum letzten Mal die Bibliothek des Vaters betrachtete? Als seine Familie die Wohnung abschloss, die seine Mutter als Angestellte bei Energoinvest ein paar Jahre zuvor von dem dahinschwindenden Staat bekommen hatte, hinterließ sie nichts Wertvolles – außer der Bibliothek des Vaters. Sie nahm, um klar zu sein, auch nichts Wertvolles mit, von den eigenen Leben abgesehen, deren in Friedenszeiten niedriger Wert im Krieg noch zusätzlich gesunken war.

Jahrzehntelang hatte der Vater Bücher gesammelt. Manche davon – wie die antike zerfledderte Bibel, in der Vaters Vater täglich gelesen und versucht hatte, den griechischen Text buchstabierend die Angst vor dem Tod zu verjagen – hatte er aus Ulcinj mitgebracht, von wo aus er nach Sarajevo gekommen war, um Literatur zu studieren, dort hatte er dann geheiratet, ein Kind bekommen und war geblieben, womit alle Ideale einer kleinbürgerlichen Existenz erfüllt waren. Manche hatte er von seinem Onkel geerbt. Manche – meist als Buchblock, ohne Einband – brachte er aus dem Zeitungsverlag Oslobođenje mit, wo er als Korrektor arbeitete: zum Beispiel Krležas „Zastave“. Die übrigen kaufte er, sammelte er, bekam er geschenkt … wie Bücher nun mal zu denen gelangen, die sie haben möchten. Es war eine gute Bibliothek. Ein Bekannter von ihm, selbst Dichter, versuchte monatelang, nachdem Soldaten die Wohnung verwüstet hatten, die Bücher aufzuspüren. Schließlich erfuhr er, dass ein Priester sie den Soldaten abgenommen hatte. Er versuchte, sie zu retten, begrub sie jedoch: Die Bücher endeten im Kirchenkeller in Kasindo, der im Herbst 1992 voll Wasser gelaufen ist.

 

II

Was noch kann euch einer über Nostalgie erzählen, der sein Leben lang über sie liest und schreibt?

Vielleicht, dass der erste Roman, den er geschrieben hat, grauenhaft war – wie bestenfalls die beiden nachfolgenden. Er hat ihn nicht veröffentlicht – die danach aber schon: ein bedeutender Unterschied. Es handelte sich um eine unglaubwürdige und prätentiöse Geschichte, geschrieben unter dem Einfluss von Pavić und Márquez, hier und da war auch der Einfluss von Boris Vian zu erahnen, dessen Bücher er zu jener Zeit verschlang. Er war siebzehn. Das soll nicht als erleichternder Umstand begriffen werden. Es soll Teenagern nicht verboten werden, zu schreiben, aber es sollte ihnen verboten werden, zu veröffentlichen. Wenn euch Sorgen plagen, weil euer Kind seinen hausgemachten Porno ins Internet gestellt hat, tröstet euch – es könnte schlimmer sein, es hätte auch einen Roman oder eine Gedichtsammlung veröffentlichen können.

Seinen unveröffentlichten Roman bewahrt der Vater zwischen Katasterauszügen, Besitzurkunden und den Taufscheinen der Vorfahren auf. Da es sich um schwer kompromittierendes Material handelt, hat er mehrmals erfolglos versucht, es zu entwenden. Er weiß nicht, ob sich die Geschichte als Tragödie oder als Farce wiederholt, er weiß nicht, ob sie sich überhaupt wiederholt, aber noch ein Priester, noch ein Keller und noch eine Überschwemmung kämen ihm gelegen.

Nun ja … Viele Jahre später erst, als er seine eigene Bibliothek besaß, in die er alle Titel aus der Dobrinja-Kollektion des Vaters eingereiht hatte, die ihm in Erinnerung geblieben waren, begriff er, dass seine Welt verschwunden war, und mit ihr sein früheres Leben, mit allen Möglichkeiten, allen Freuden und Katastrophen, die es in sich getragen hatte. Er begriff, dass das Verschwinden jeder Sache, und sei sie noch so klein, nicht weniger ist als das Ende einer Welt, und dass der Verlust nicht geringer ist aufgrund der Tatsache, dass die verschwundene Welt augenblicklich von einer anderen aus dem unerschöpflichen Vorrat an Welten ersetzt wird. Er begriff, dass das ganze Leben eine Reihe intimer Mikro-Enden von allem ist; dass, was wir geliebt haben, verschwindet und die Nostalgie zu unserer Religion wird.

Die sich täglich bestätigt, denn die Welt, wie wir sie gekannt haben, verliert sich vor unseren Augen, mit immer höherer Geschwindigkeit. Es verschwinden sowohl die Schicksale als auch die Landschaften, an die wir uns erinnern – die Macchie, die bis ins Meer hinunter wächst; die Flüsse aus gelben Ginsterblüten, die sich in alle Nuancen des Blaus ergießen, vom klaren, flachen Wasser bis hin zum tiefblauen offenen Meer. Es verschwinden die Gerüche und Geräusche, mit denen wir gelebt haben. Solange sie existierten, waren sie alltäglich. Wir sind durch sie hindurchgegangen, als wären sie nicht da. Jetzt, da es sie tatsächlich nicht mehr gibt, empfinden wir ihre Abwesenheit als unwiederbringlichen Verlust. Genauso ist es mit uns nahestehenden Menschen und dem Duft des Kiefernwalds – feuchte Erde, Harz, Jod – am frühen Morgen: Sie mussten verschwinden, damit wir begreifen, wie sehr wir sie brauchen. Daher hat unser Nostalgiker Folgendes verstanden: Er wird sich in Zukunft verzweifelt bemühen, sich an möglichst viel von allem zu erinnern, denn die verschwundene Welt wird nur in der Erinnerung fortdauern, die so brüchig und unverlässlich ist – weil die Erinnerung verblasst, weil es so vieles gibt, was wir verlieren, und so wenig, was wir in Erinnerung behalten können. Daher zeugt nur die unermessliche Trauer, von manchen Melancholie genannt, solange wir noch in der Lage sind, sie zu spüren, davon, dass dort, wo sich letztlich eine gähnende Leere auftut, einmal etwas gewesen ist.

Unser sich erinnernder Protagonist wird verstehen, dass der wahre Verlust nicht in dem besteht, was wir verloren haben, sondern in der Unmöglichkeit, darum zu trauern. Weshalb er, entgegen der Ansicht kluger Köpfe, meint, dass nicht die Nostalgie und Melancholie uns daran hindern, zu kämpfen, sondern dass es genau umgekehrt ist: dass in Wahrheit die Nostalgie und Melancholie der Kampf sind. In Wahrheit ist die Nostalgie das, womit wir gegen die Atemporalität des Augenblicks kämpfen, und die Melancholie das, womit wir uns gegen den falschen Enthusiasmus des falschen Fortschritts der marschierenden Augenblicke verteidigen.

 Die Nostalgie gewinnt immer, wie die Gravitation. Ist die Nostalgie, nebenbei bemerkt, nicht eine Art Gravitation der Erinnerung? Die Gravitation bringt Trost, denn sie bestätigt, dass doch eine gewisse Ordnung besteht: Alles wird fallen. Die Erinnerung wiederum ist die Ordnung selbst: Sie ist die Welt, die wir sortieren, die wir ordnen konnten, eine Welt, die sich unserem Bemühen, sie zu verstehen, nicht mehr widersetzt. In der Erinnerung ist endlich alles in Ordnung. In der Erinnerung konservieren wir eine Welt, die es nicht mehr gibt – und auch nicht gab. Die Nostalgie ist keine Erinnerung an die Welt, wie sie war, sondern daran, wie sie hätte sein können. Sie ist eine in die Vergangenheit versetzte Utopie, eine Phantasie in Form von Erinnerung, sie stellt das Vergangene über alles, was erst sein wird. Die Nostalgie ist der Triumph der Melancholie der Rechten.

Die Nostalgie liebt die Tradition, so wie es sich für die Rechten gebührt. Die Auswanderer, Flüchtlinge und die übrige Menagerie, die in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus Jugoslawien nach Europa übergeschwappt sind, pflegen zahlreiche nostalgische Rituale. Eine Gruppe jugoslawischer Auswanderer – es wird erzählt, es sei in Holland gewesen – hatte beschlossen, zum Ersten Mai, dem internationalen Tag der Arbeit, dem Grundstein jeglichen Bauwerks der Erinnerung an das einstige Land, ein Lamm zu drehen. Sie fanden eine geeignete Wiese, auf der sie, während das Lamm gebraten würde, Fußball spielen konnten. Die Wiese lag an einem Fluss, in dem sie Bier kaltstellen konnten. Sogar ein gutes Stück Holz für den Spieß fanden sie. Sie fanden alles, nur kein Lamm. Aus irgendeinem Grund war es nicht möglich, ein Lamm zu kaufen. 

Unsere Holländer fanden eine Lösung. Nachdem ihnen, in der wer weiß wievielten Metzgerei, gesagt worden war, dass kein ganzes Lamm zum Verkauf stehe, fragten sie: Gut, aber ein Lamm in Stücken haben Sie? Dann kauften sie alle Lamm-Fragmente, die sie in der Metzgerei finden konnten. Den Kopf und das linke Hinterbein kauften sie in einem anderen Geschäft. Dann begingen sie ihren Ersten Mai, auf ihrer Wiese am Fluss, wo sie mit einem Draht alle Stücke zu einem entstellten Körper zusammenbanden und das Lamm aufspießten. Das so stabilisierte Frankenstein-Lamm, diese flüchtlingshafte Lesart von Mary Shelleys Werk, war die Verkörperung ihrer Nostalgien selbst …

Ein Nostalgiker wird vor der Bizarrheit der Hollandgeschichte nicht erschaudern. Für ihn ist sie lediglich eine Illustration: dafür, wie weit die Menschen gehen, um das, was als Normalität in ihrem Gedächtnis verankert ist, zu re-kreieren. Die wahre Bizarrheit findet er nicht im Vergangenen, sondern im Heutigen. Denn die Gegenwart, so glaubt er, werde von der Ökonomie des Irrsinns gesteuert. Es gibt im Jetzt keine Scheußlichkeit, keine Niedertracht, nicht einmal eine Verrücktheit, die ihn überraschen würde. Als wäre den Menschen der Irrsinn zur Heimat geworden. So ergreift Menschen der Wirklichkeit, Menschen ihrer Zeit, die Angst, sobald sie einen Schritt in die Rationalität wagen, weshalb sie schnell nach Hause zurückkehren, in ihre Sanatoriumsländer, deren Fahnen da hängen wie zum Trocknen aufgehängte Zwangsjacken.

 

Deutsch von Margit Jugo

Das letzte jugoslawische Pop-Lied

von Aleksandar Bečanović

Credits: Privat

Im Jahr 1992 kam das Album von Jura Stublić und seiner Band „Film“ heraus, Futter für die Tauben. Unter A2 war eine Nummer mit dem folgenden Titel zu finden: Eh, mein Belgrader Freund. Es war der letzte jugoslawische Pop-Song.

In der Periode meines Aufwachsens in den achtziger Jahren in Montenegro und in Jugoslawien spielte die Suche nach der eigenen Identität eine große Rolle. Ich weiß nicht, wie die Dinge jetzt liegen, für die heutige Jugend, die im Netz nationaler Stereotypen gefangen ist, aber im Post-Tito-Jugoslawien, wo zumindest in der ersten Hälfte der achtziger Jahre die naive Meinung vorherrschte, die Probleme einer ethnischen Identifikation seien zumindest provisorisch gelöst, ließ sich die Frage nach der persönlichen Positionierung gegenüber der eigenen unmittelbaren Umgebung, und auf einer abstrakteren Ebene gegenüber der Welt, primär in der kulturellen Perspektive verorten. Es war einfach so, dass die beste Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ in der Definition des eigenen, persönlichen Geschmacks zu finden war. Selbstverständlich war ich mir nicht aller Reperkussionen bewusst, aber ich ahnte, dass meine frühen Faszinationen weitaus mehr über mich aussagen als ermüdende Fakten aus offiziellen Dokumenten. What thou lov’st well is thy true heritage: Auf diese Zeile von Ezra Pound aus Canto LXXXI stieß ich erst später, nämlich dann, als sich mein Glaube an die Macht der Literatur regte, als ich begriff, dass in der Literatur der präziseste Mechanismus für die Beschreibung der Existenz steckt.

Aber noch bevor die Bücher zum Hauptorientierungspunkt in meiner Weltanschauung avancierten und meinen Beruf als Schriftsteller besiegelten, gab es da noch etwas anderes. Zwar bin ich immer schon ein Sportfan gewesen, und dennoch ging meine Sportleidenschaft niemals in eine eindeutige Identifikation als Fan über, sodass ich schon früh verstand, dass im Hinblick auf die Identität die individuelle Komponente wesentlich wichtiger war als die kollektive. Außerdem war meine sehr früh erwachte Faszination für Horrorfilme, für die heftige Ikonographie der Angst und der Befriedigung allzu exklusiv, um mir in einer Zeit, in der Kult und genrebezogenes fandom noch unbekannt waren, eine weitreichende Legitimation zu bieten. Mit anderen Worten, mein Horror-Fanatismus war eine Art innerer Besessenheit, die ich nur mit einigen wenigen Freunden besprechen konnte und die sich nicht als Gegenstand für hitzige Debatten und unvermeidliche Dilemmata eignete, die jedoch notwendig sind, wenn man für den eigenen Platz in einer größeren Gemeinschaft kämpft, das heißt, in einer Gesellschaft, in der man gezwungen ist, Polemiken vom Zaun zu brechen, um sich Anerkennung zu verschaffen.

In den achtziger Jahren fand ich meine wichtigste Identitätschiffre in der Popmusik. Unter anderem auch in der heimischen Popmusik. Die Qualität der jugoslawischen Rockmusik, insbesondere in der kreativsten Periode zwischen 1979 und 1984, bot die Gelegenheit, die großen Dichotomien oder Vergleiche, die wir von der Musik aus dem Ausland kannten, nun mit der nötigen Einprägsamkeit im heimischen Kontext zu betrachten. Plötzlich war es aufregend, interessant und geradezu gefährlich, auf der immer vielfältigeren jugoslawischen Rock-Szene, die aufgesplittert genug war, um gänzlich disparate Geschmäcker zufriedenzustellen, einen bestimmten Standpunkt einzunehmen. Plötzlich war es von entscheidender Bedeutung, sich für die Musik auszusprechen, die man mochte, sowie zu deklarieren, welche Musik man aus tiefster Seele nicht ausstehen konnte. Sag mir, was du hörst, und ich sage dir, wer du bist: Musik als Merkmal für die Zugehörigkeit, aber auch für die eigene Distanzierung, denn beim Postulieren der Identität sind beide Elemente notwendig. Und noch etwas: Die akzeptierte oder selektierte Identität galt es zu elaborieren und in Debatten mit Leuten, die auf dem entgegengesetzten ästhetischen Pol stehen, hermeneutisch zu unterstützen.

In meinem Fall zog die Identifikation mit der Musik auch ein starkes Gefühl nach sich, zu einer Minderheit zu gehören, außerhalb des Mainstreams zu stehen. Was zugleich auch eine ängstliche Position par excellence ist sowie ein eindrückliches Merkmal dafür, dass man aus der Reihe tanzt: im Übrigen ist das grundlegende Charakteristikum einer jeden „echten“ Identität eine wesentliche Ambivalenz.

Natürlich sind das alles nachträgliche Rationalisierungs- und Interpretationsversuche. Als ich ins Teenager-Alter kam – und Jugoslawien ins letzte Jahrzehnt seiner Existenz – da waren meine Präferenzen nicht etwa Folge diskursiver Standpunkte sondern Folge eines einfachen, instinktiven Verhaltens: Beim ersten Anhören gefällt einem etwas Bestimmtes (was gleichermaßen ein starkes oder ein trügerisches Gefühl sein kann), und alles andere gefällt einem nicht so sehr. Dann wird einem irgendwann klar, dass der eigene Geschmack mit dem Mehrheitsgeschmack nicht übereinstimmt. Das, was für einen selbst offensichtlich und selbstverständlich ist, stellt sich für die anderen nicht so dar. Man begreift, es gibt eine Grenze, und die Welt ist anders strukturiert, seit man eine „falsche“ Schallplatte gekauft und auf dem eigenen Grammofon abgespielt hat. Es stellt sich heraus, die Ästhetik ist keineswegs eine harmlose Angelegenheit.

In meiner Wahl ließ ich mich weder von Erwachsenen und ihren Suggestionen, noch von Gleichaltrigen und ihren Überredungskünsten beeinflussen. Ich konnte sogar die Illusion aufrechterhalten, ich hätte meinen Geschmack spontan entwickelt, und auch auf eine authentische Weise – obwohl ich damals die Bedeutung des Wortes „authentisch“ nicht kannte. Die sogenannte Volksmusik irritierte mich von Anfang an bis aufs Blut, und auch der Rock-Mainstream konnte mich nicht überzeugen, in einem Spektrum der Musikbands von „Bijelo Dugme“ („Weißer Knopf“) bis „Riblja čorba“ („Fischsuppe“). Der Sound, der mich anzog, kam meist von den Bands, die nicht so oft in Radio oder im Fernsehen gespielt wurden. Manche Alben dieser Bands konnte ich in einem Einkaufszentrum in unmittelbarer Nähe kaufen, andere konnte ich mir von Bekannten leihen, während es durchaus auch Schallplatten gab, die für immer außer meiner Reichweite blieben, sodass mein Begehren nach unerreichbarer Musik mein Bewusstsein als Sammler erwecken konnte. Die Identität erlangt ihr Profil sowohl durch das, was wir bekommen, als auch durch das, was uns fehlt, was sich uns entzieht, was wir von vornherein verloren haben.

Nach anfänglicher Suche kristallisierten sich die Dinge heraus. Von links nach rechts auf der jugoslawischen Landkarte bildete sich eine solche Abfolge der Musikbands heraus: Pankrti – Videosex – Lačni Franz – Paraf – Prljavo kazalište – Azra – Film – Haustor – Luna (leider ist ihre erste und einzige Schallplatte, „Nestvarne stvari“ („Unwirkliche Dinge“), das beste Album der jugoslawischen Musik, noch immer nicht in meinem Besitz!) – Šarlo Akrobata – Električni orgazam – Idoli. Die Achse Ljubljana – Rijeka – Zagreb – Novi Sad – Belgrad funktionierte auf dem Gebiet der Pop-Musik am besten in der ersten Hälfte der achtziger Jahre, wodurch der progressivste und westlichste Teil der (populären) jugoslawischen Kultur geschaffen wurde, diesbezüglich konsistenter als Literatur und Film in jener Zeit. Verfeinerte, aber feste Melodien, interessante Harmonien, häufig einprägsame Bass-Linien, die eine unwiderstehliche Tanzatmosphäre hinzufügten, angereichert mit intelligenten und ironischen Texten, die existenzialistische und politische Themen analysierten, kreierten ein faszinierendes Landschaftsbild der Musik, welches bis heute nichts von seiner Frische und Innovation eingebüßt hat. Den perfekten Überbau für diese Basis bildete die Entdeckung der Band Laibach, wodurch ein teilweise ausgereifter Geschmack durch das Gefühl der Epiphanie bereichert wurde. (So wie Laibach mit der Veröffentlichung des epochalen Albums Opus Dei auf eine machtvolle Weise bestätigte, dass die Band über die Grenzen der jugoslawischen Musik überschritten hatte.)

Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet wirkt das Gesamtwerk dieser Bands noch beeindruckender, wie der autorisierte Soundtrack eines Augenblicks, als Jugoslawien deutlich zu verstehen gab, dass es in der Lage war, seine eigene Version des Zeitgeistes anzubieten, dass es von sich aus über das Potenzial verfügte, auf die Herausforderungen der neuen Zeit zu reagieren, und zwar – und das macht die Sache noch weitreichender – gerade dann, als die ersten Anzeichen für den einsetzenden Zerstörungsprozess und das bittere Ende auftauchten.

Als Mitte der achtziger Jahre Goran Bregović es schaffte, mit dem berüchtigten Lied Lipe cvatu (Die Linden blühen) eine noch üblere Version seines früheren sogenannten „Hirtenrocks“ fulminant vorzulegen und auf diese Weise einen Großteil der Kanäle für kulturelle Emanzipation blockierte, wurden die positiven Tendenzen plötzlich marginalisiert. Sowohl in der Musik, als auch in der Gesellschaft wandten sich die Dinge zum Schlechteren. Gute Alben wurden eher zur Ausnahme als zur Regel, einzelne Arbeiten der oben erwähnten Bands waren weiterhin attraktiv, aber die Kreativität wurde im Zaum gehalten. Als Joy Division und The Smiths in mein Leben kamen, hatte sich für mich persönlich der Akzent definitiv verschoben. Aber niemals so stark verschoben, als dass ich aufgehört hätte, aufmerksam mitzuverfolgen, was meine Lieblingsbands noch zu sagen hatten, und so gelangte ich, bereits mit einer gewissen Nostalgie, zu der Schlussfolgerung, dass vom jugoslawischen Punk und der Revolution der Neuen Welle zumindest für eine kurze Zeit ein unwiderstehlicher kathartischer Effekt ausging, der einen Hinweis darauf lieferte, dass Jugoslawien das Potenzial hatte, eine der besseren Welten zu sein. Wenn man über den Verfall von etwas lesen möchte, dann sollte man dies ausgehend von den besten Fragmenten des bestehenden Textes tun und nicht etwa ausgehend von den offensichtlichsten Tatsachen. Und so kommen wir nun endlich, nach einer allzu lange geratenen Exkursion, zu dem Lied Eh, mein Belgrader Freund.

Und zu Jura Stublić, dem die Rolle zufiel, ein pointiertes good-bye to all that zu liefern. Auch in seinen glänzendsten Momenten war seine Musikband Film nicht so charismatisch wie Idoli, so experimentell wie Šarlo Akrobata, so sophisticated wie Haustor. Als Textschreiber war Stublić nicht so politisch interessant wie Johnny Štulić, auch nicht so vielseitig wie Zoran Predin, und auch nicht so esoterisch wie Slobodan Tišma. Die wichtigste Qualität von Film, was in der Phase der Neuen Welle stärker zu Tage trat, ist die volle Hingabe dieser Musikband an die melodische Pop-Struktur, bei der keine Abstriche gemacht wurden, ganz gleich wie wichtig „die Botschaft“ war, die ausgesendet werden sollte. Wenn zwischendurch etwas Melancholie hervorblitzte, dann wurde die Tanzgrundlage der Arbeit von Film dadurch lediglich veredelt.

Stublić war weder ein Kommentator, noch ein Prophet, noch das Sprachrohr einer Generation, die dem jugoslawischen Rock eine noch nie da gewesene Relevanz bieten konnte. Es gab da auch schlagfertigere und vergeistigtere und engagiertere Songschreiber. Und doch, als das Land im Begriff war zu zerfallen, als ein Wertesystem unter dem wachsenden Nationalismus zerbröselte, war sogar im Rahmen der Rockmusik, die im Prinzip universell eingestellt ist, ausgerechnet Stublić derjenige, dem es gelang, in einem dreiminütigen Lied die Ausmaße einer irreversiblen Trennung einzufangen. Wenn Sie, so wie ich, glauben, dass der tragische Eros sich in kleinen, melodramatischen Stücken stärker einschreiben kann als in epischen Narrativen, dann ist es nicht überraschend, zu der Schlussfolgerung zu gelangen, dass die Ausmaße der heranrollenden Katastrophe sich womöglich am besten in einem ganz „gewöhnlichen“ A2-Lied darstellen lassen. Mit anderen Worten, ich wollte über das, was in dem schon nicht mehr existierenden Land, in dem ich aufgewachsen war, passiert ist, aus erster Hand etwas erfahren, aus jener Sphäre, die mir am meisten bedeutete, während ich versuchte, meine eigene Persönlichkeit auszubilden.

Die bewaffneten Konflikte in Jugoslawien hatten schon begonnen, und niemand zweifelte mehr daran, dass es zu einem Blutvergießen kommen würde. Eine Evidenz, die sich nicht ignorieren ließ, und die es galt symbolisch zu überarbeiten und dringend künstlerisch zu beschreiben, Zeugnisse, verfasst in einem Vokabular, welches nur wenige Jahre zuvor für eine entschlossene, modernistische Wende gesorgt hatte und nun in einer ganz anderen Atmosphäre – der Atmosphäre der Retardierung und Tribalisierung – zu räsonieren hatte.

Bezeichnend ist, dass Stublić die notwendige Transkription in Eh, mein Belgrader Freund mit Hilfe des Liedes Am blauen Meeresstrand (Na morskom plavom žalu) bewerkstelligen konnte, wobei dieses Lied auf Grund des spezifischen Kontexts, in welchem es auftauchte, sich für das Publikum eher wie ein traditionelles Lied als wie eine Autorennummer ausnahm. Das heißt, Stublić bearbeitete – in sämtlichen Bedeutungen dieses Wortes – etwas, das zum populären Imaginarium zählte: eine Melodie, die aus (unserem) kollektiven Unbewusstsein zu stammen schien. Im Hinblick auf den Text entschied sich Stublić für einen äußerst direkten, also naiven Zugang in einem rhetorischen Rahmen, der das letzte Symptom einer unvermeidlichen Trennung und bedauerlicherweise auch der Gewalt darstellt. Ein äußerst einfacher Text, der über Trennung und Verlust auf eine Art und Weise spricht, die an den minimalistischen „Essenzialismus“ der alten Volkslieder erinnert.

Als Inszenierung des Abschieds, aber auch des Verzeihens, als Thematisierung des Zerfalls einer Gemeinschaft hat das Lied Eh, mein Belgrader Freund die jugoslawische Form und den jugoslawischen Inhalt beibehalten: eine letzte, nostalgische Äußerung in einer Sprache, die alle – zumindest noch eine kurze Periode hindurch – verstehen können sollten. Das erste Mal Eh, mein Belgrader Freund zu hören, war so wie eine rührende Nachricht zu empfangen, die Mahnung zugleich ist. Resignation und Lamento, ein Requiem, ausgedrückt in populistischer Lyrik, ein Bericht, der mitten aus dem Herzen des Problems kommt. Aus all diesen Gründen war Eh, mein Belgrader Freund das letzte jugoslawische Pop-Lied. Es bezeichnete die definitive Markierung, ein post scriptum, das aus einer ästhetischen Schlussfolgerung kam: nach diesem Lied, oder, genauer gesagt, erst nach diesem Lied konnte die Teilung erfolgen – in ein Ex-Jugoslawisches und ein Post-Jugoslawisches.

Deutsch von Mascha Dabić

 

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Doris Akrap

Doris Akrap, hat u.a. Südosteuropäische Geschichte studiert, ist Redakteurin der taz, Autorin für diverse Publikationen, Podcasterin und Moderatorin verschiedener Diskussionsformate von Politik bis Literatur.

 

Jetmir Idrizi

Dirk Auer

Dirk Auer, geboren 1970 in Frankfurt a.M., hat Soziologie und Politikwissenschaften studiert und 2003 an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg promoviert. Seit 2006 arbeitet er als freier Südosteuropa-Korrespondent vorwiegend für den Hörfunk. Er hat sieben Jahre in Sofia gelebt, danach drei Jahre in Belgrad. Autor von Radiofeatures zu Themen wie Migration, Minderheiten und Vergangenheitsaufarbeitung auf dem Balkan. Heute lebt er in Berlin.

 

Edgar García Marquéz

Xhevdet Bajraj

Xhevdet Bajraj, geboren 1960 in Kosovo, ist Lyriker, Dramatiker, Übersetzer und Professor. Zu seinen unzähligen Veröffentlichungen zählen u.a. mehr als 25 Gedichtbände. Im Mai 1999 wurde Bajraj gemeinsam mit seiner Familie aus Kosovo deportiert. In den Jahren nach seiner Ankunft in Mexiko ist er zum Professor für kreatives Schreiben und Literatur an der Nationalen Autonomen Universität von Mexico und zum Mitglied des Sistema Nacional de Creadores de Arte ernannt worden.

 

Radmila Vankoska

Lana Bastašić

Lana Bastašić, 1986 in Zagreb als Kind serbischer Eltern geboren, wuchs nach dem Zerfall Jugoslawiens in Bosnien auf und lebte zuletzt viele Jahre in Barcelona. Sie hat bisher zwei Erzählbände und einen Lyrikband veröffentlicht, für die sie mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet wurde. Mit ihrem Debütroman Fang den Hasen (Uhvati zeca) erhielt sie 2020 den Literaturpreis der Europäischen Union.

 

privat

Aleksandar Bečanović

Aleksandar Bečanović, geboren 1971 in Nikšić, ist ein montenegrinischer Lyriker, Übersetzer und Literatur- und Filmkritiker. Derzeit arbeitet er für die Kulturzeitschriften „Plima“ und „Ars“. Außerdem übersetzt er aus dem Englischen, hauptsächlich Filmtheorie. 2002 erhielt er den renommierten Risto-Ratković-Preis für den besten Gedichtband des Jahres. 2017 wurde er für seinen Roman Arcueil (2015) mit dem Literaturpreis der EU für das Land Montenegro ausgezeichnet. Er lebt in Bar.

 

Boro Rudić

Rumena Bužarovska

Marie-Janine Calic, geboren 1962 in Berlin, ist seit 2004 Professorin für Ost- und Südosteuropäische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Unter anderem war sie als politische Beraterin des Sonderkoordinators des Stabilitätspakts für Südosteuropa in Brüssel und des  UN-Sondergesandten für das ehemalige Jugoslawien in Zagreb tätig. Sie ist häufige Gesprächspartnerin in den Medien zu diversen Themen aus Geschichte und Politik der Balkanländer.

 

privat

Marie-Janine Calic

Marie-Janine Calic, geboren 1962 in Berlin, ist seit 2004 Professorin für Ost- und Südosteuropäische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Unter anderem war sie als politische Beraterin des Sonderkoordinators des Stabilitätspakts für Südosteuropa in Brüssel und des  UN-Sondergesandten für das ehemalige Jugoslawien in Zagreb tätig. Sie ist häufige Gesprächspartnerin in den Medien zu diversen Themen aus Geschichte und Politik der Balkanländer.

 

Draženko Jurišić

Darko Cvijetić

Darko Cvijetić wurde am 11. Januar 1968 im Dorf Ljubija Rudnik in Bosnien und Herzegowina geboren. Er schreibt Gedichte und Kurzgeschichten, ist Regisseur und Dramatiker am Theater in Prijedor. Seit 2013 gibt er den Literaturblog „Hypomnemata“ heraus. Er ist Mitglied des PEN-Zentrums in Bosnien und Herzegowina, des Schriftstellerverbandes Bosnien und Herzegowina und des Kroatischen Schriftstellerverbandes. Auf Deutsch erschien zuletzt sein Roman „Schindlers Lift“ (Adocs Verlag, 2020).

 

Tihomir Pinter

Lidija Dimkovska

Lidija Dimkovska, geboren 1971 in Skopje, studierte Komparatistik an der Universität Skopje und promovierte an der Universität Bukarest. Sie lebt und arbeitet gegenwärtig als Lyrikerin, Prosaschriftstellerin, Essayistin und literarische Übersetzerin in Ljubljana. Ihr Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, u.a. 2009 mit dem Hubert-Burda-Preis für junge osteuropäische Lyrik. Mit dem Gedichtband „Anständiges Mädchen“ stand sie überdies 2013 auf der Shortlist für den Brücke-Berlin-Preis. Auf Deutsch erschien zuletzt ihr Gedichtband „Schwarz auf weiß“ (Parasitenpresse, 2019).

 

Bernd Hartung

Arno Frank

Arno Frank, geboren 1971 in Kaiserslautern, lebt vom Schreiben von Literatur („So, und jetzt kommst Du“), politischen Essays („Meute mit Meinung“) und journalistischen Texten (SPIEGEL, Zeit, taz, Deutschlandfunk) zu kulturellen oder gesellschaftlichen Themen.

 

Zoran Kulušić Neral

Ivo Goldstein

Ivo Goldstein, geboren 1958, ist ein kroatischer Historiker, Diplomat und Professor. Goldstein lehrt an der Universität Zagreb. Seine Forschungsschwerpunkte sind Byzanz, Kroatien im Mittelalter und die Geschichte der Juden in Kroatien. Er war Botschafter in Frankreich und bei der UNESCO (2013–2017). Zu seinen Veröffentlichungen zählen mehr als 30 Bücher, einige davon entstanden in Zusammenarbeit mit seinem Vater Slavko Goldstein.

 

Dirk Skiba

Sandra Gugić

Sandra Gugić, geboren 1976 in Wien, ist eine österreichische Autorin serbischer Herkunft. Sie studierte an der Universität für Angewandte Kunst in Wien und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Ihr erster Roman Astronauten erschien 2015 und erhielt den Reinhard-Priessnitz-Preis. 2019 erschien ihr Lyrikdebüt Protokolle der Gegenwart.

 

Jože Suhadolnik

Drago Jančar

Drago Jančar, geboren 1948 in Maribor, gilt als der bedeutendste zeitgenössische Autor seines Landes. Seine Romane und Essays wurden in viele Sprachen übersetzt und seine Stücke vielerorts inszeniert. Jančar hat für sein Werk zahlreiche Preise erhalten, u.a. den Jean-Améry-Preis für Essayistik (2007) und den Prix Européen de Littérature (2012). Zuletzt wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur (2020) ausgezeichnet.

 

Alain François

Samira Kentrić

Samira Kentrić (1976) ist eine Künstlerin, die die soziale Realität um sich in Bilder verwandelt. Ihre Vorliebe ist es, surreale Situationen zu kreieren, um so die realste Realität hervorzuheben. Sie arbeitet in unterschiedlichen Techniken und wählt die, die am angemessensten ist. Ihr Augenmerk liegt auf der Schnittstelle zwischen öffentlicher und politischer Meinungsäußerung und dem intimen, privaten Alltagsleben der Menschen. Bis dato hat sie drei Graphic Novels veröffentlicht: Balkanalije (Autobiografie, 2015), Pismo Adni (über die Flüchtlingskrise, 2016) und Adna (2020).

 

privat

Aleksandra Nina Knežević

Aleksandra Nina Knežević, geboren in Sarajevo in 1973, studierte an der Kunstakademie in Cetinje. Für ihre Arbeiten, die in unzähligen Design und Kunstmagazinen veröffentlicht werden, wurde sie vielfach international ausgezeichnet. 2010 wurde sie zu einer der 200 besten Illustratoren weltweit ernannt (Luerzer’s Archive: 200 Best Illustrators Worldwide 09-10). Von 2006-2010 war sie Präsidentin des bosnischen Verbands für Angewandte Künstler und Designer (ULUPUBiH). Neben ihrer Arbeit studiert sie derzeit an der Kunstakademie in Sarajevo.

 

Tanja Draškić Savić

Sergej Lebedew

Sergej Lebedew, geboren 1981, arbeitete nach dem Studium der Geologie als Journalist. Gegenstand seiner Romane sind die russische Vergangenheit, insbesondere die Stalin-Zeit mit ihren Folgen für das moderne Russland. Seine Werke sind in viele Sprachen übersetzt.

 

Roland Tasho

Arian Leka

Arian Leka, geboren 1966 in Durrës, Albanien, schreibt Gedichte, Erzählungen, Romane und Kinderliteratur. Als Übersetzer hat er u.a. die italienischen Nobelpreisträger Eugenio Montale und Salvatore Quasimodo ins Albanische übersetzt. 2004 gründete er das Internationale Poesie- und Literaturfestival POETEKA und ist seitdem Chefredakteur der gleichnamigen Literaturzeitschrift. Seine Veröffentlichungen liegen u.a. in italienischer, englischer und französischer Übersetzung vor.

 

Edi Matić

Tomislav Marković

Tomislav Marković, geboren 1976, lebt und arbeitet in Belgrad. Er schreibt u.a. Lyrik, Prosa und Essays. Zu seinen Veröffentlichungen zählen Vreme smrti i razonode (2009) und der Gedichtband Čovek zeva posle rata (2014). Übersetzungen seiner Texte sind u.a. auf Albanisch, Slowenisch, English und Ungarisch erschienen. Seit 2016 ist Tomislav Marković Autor des Verlags Partizanska knjiga.

 

privat

Dragan Markovina

Dragan Markovina, geboren 1981 in Mostar, ist Historiker, Publizist und Schriftsteller. Bis 2014 lehrte er an der Universität Split. Heute ist er regelmäßiger Kolumnist des Portals telegram.hr, Sarajevos Oslobođenje und Belgrads Peščanik. Außerdem produziert und moderiert er die Fernsehsendung U kontru sa Draganom Markovinom. Für sein Buch Između crvenog i crnog: Split i Mostar u kulturi sjećanjaerhielt er den Mirko-Kovač-Preis.

Tanja Draškić Savić

Andrej Nikolaidis

Andrej Nikolaidis, geboren 1974, wuchs als Kind einer montenegrinisch-griechischen Familie in Sarajevo auf. Er lebt und arbeitet in Montenegro als freier Schriftsteller und Publizist. Nikolaidis ist für seine schonungslosen Anti-Krieg-Reportagen bekannt und gilt als einer der einflussreichsten Intellektuellen der Region. Für den Roman Der Sohn (Sin) erhielt er 2011 den Literaturpreis der Europäischen Union.

 

gezett.de

Jörg Plath

Jörg Plath, geboren 1960, ist Literaturredakteur von „Deutschlandfunk Kultur“ und schreibt für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ sowie die „Neue Zürcher Zeitung“. Er war Lektor, Ghostwriter, Redakteur und Juror (Deutscher Buchpreis, Internationaler Literaturpreises). Gegenwärtig gehört er der Jury des Weltempfängers an.

 

privat

Blerina Rogova Gaxha

Blerina Rogova Gaxha, geboren 1982 in Gjakova, Kosovo, ist Dichterin, Essayistin und Journalistin. Sie hat bis dato drei Gedichtsammlungen veröffentlicht. Zu ihren Auszeichnungen zählen u.a. der internationale Vilenica-Literaturpreis. Ihre Gedichte und Essays erscheinen in renommierten internationalen Anthologien und Zeitschriften und sind in zahlreiche Sprachen übersetzt.

 

Dženat Dreković, NOMAD

Faruk Šehić

Faruk Šehić, geboren 1970 in Bihać, studierte nach dem Bosnienkrieg Literatur. Er lebt als freier Schriftsteller in Sarajevo. Zu seinen Veröffentlichungen zählen der Roman Knjiga o Uni (2011), für welchen er 2013 den Literaturpreis der Europäischen Union erhielt, und der Erzählband Pod pritiskom (2004). Letzterer erschien 2019 auch in englischer Übersetzung. Viele seiner Bücher erreichen Kultstatus und erleben mehrere Neuauflagen.

 

Blerta Hoçia

Shpëtim Selmani

Shpëtim Selmani, geboren 1986 in Prishtina, studierte Schauspiel an der Kunstfakultät der Universität Pristhina. Seit 2010 engagiert er sich als Programmkoordinator der Nichtregierungsorganisation Lëvizja FOL. Zu seinen Veröffentlichungen als Autor zählen Shënimet e një Grindaveci (2015) und die Gedichtbände Brenda Guacës (2006) und Poezi (2011). 2020 erhielt er für Libërthi i dashurisë den Literaturpreis der Europäischen Union.

 

Miriam Stanke

Tijan Sila

Tijan Sila, geboren 1981 im damals noch jugoslawischen Sarajevo, flüchtete mit seiner Familie während des Krieges aus der belagerten Stadt und kam 1994 als Emigrant nach Deutschland. Nach dem Studium der Germanistik und Anglistik in Heidelberg lebt Sila heute mit seiner Frau in Kaiserslautern und arbeitet dort als beamteter Deutschlehrer an einer Berufsschule. 2021 wurde er mit dem Arno-Reinfrank-Literaturpreis ausgezeichnet.

 

Dirk Skiba

Slobodan Šnajder

Slobodan Šnajder, geboren 1948 in Zagreb, studierte Philosophie und Anglistik an der Universität Zagreb. Er war langjähriger Chefredakteur der Theaterzeitschrift PROLOG und schrieb Kolumnen für die Tageszeitung Novi list. International bekannt wurde er durch sein Stück Der kroatische Faust (Theater heute, Nr. 6, 1987). Für seinen Roman Die Reparatur der Welt (Doba mjedi) wurde er schon mehrfach ausgezeichnet.

 

NIN

Dubravka Stojanović

Dubravka Stojanović, geboren 1963, ist eine serbische Historikerin und Professorin an der Universität Belgrad. Sie forscht u.a. zu den Themen: Demokratie und Modernisierungsprozesse in Serbien und der Balkanregion, Geschichtsnarrative in Schulbüchern und Geschichte der Frauen in Serbien. Sie ist Vizepräsidentin des Ausschusses für Geschichtserziehung und Beraterin der Vereinten Nationen. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

 

Dženat Dreković

Hana Stojić

Hana Stojić, geboren 1982 in Sarajevo, Bosnien und Herzegowina, studierte an der Fakultät für Translationswissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als Übersetzerin und Kulturmittlerin. Für ihre erste Übersetzungsarbeit ins Bosnische, Elfriede Jelineks Die Liebhaberinnen, wurde sie mit einer Übersetzungsprämie des österreichischen Bundeskanzleramts ausgezeichnet. Seit 2008 arbeitet sie für das Projekt Traduki, das sie seit 2014 leitet.

 

privat

Mile Stojić

Mile Stojić, geboren 1955 in Dragičina (Bosnien und Herzegowina), studierte Jugoslawische Literaturen in Sarajevo. Er war Mitherausgeber der Literaturmagazine „Lica“ und „Odjeci“ und Herausgeber der ersten postsozialistischen kroatischen Zeitschrift „Tjednik“. Nach seiner Flucht aus Sarajevo 1992 arbeitete er zehn Jahre lang als Lehrbeauftragter am Institut für Slawistik der Universität Wien. Heute lebt er als Dichter, Essayist, Kulturredakteur und Herausgeber in Sarajevo. Mile Stojić hat über 20 Bücher veröffentlicht.

 

Daniel Végel

László Végel

László Végel, geboren 1941 in Srbobran/Sentomaš, ist mit Danilo Kiš, Aleksandar Tišma oder Ottó Tolnai einer der großen Autoren der Vojvodina. Seinen ersten Roman veröffentlichte Végel 1967: Bekenntnisse eines Zuhälters (Egy makró emlékiratai) war, so Péter Esterházy, „ein Meilenstein für die moderne ungarische Literatur“. Seitdem erschienen mehrere Romane und mit Preisen bedachte Essaybände sowie Theaterstücke. Végel lebt als Angehöriger der ungarischen Minderheit in Novi Sad.

Foto: vegeldaniel.com

 

Tanja Draškić Savić

Goran Vojnović

Goran Vojnović, geboren 1980 in Ljubljana, promovierte an der Theater- und Filmhochschule Ljubljana und gilt als einer der talentiertesten Autoren seiner Generation. Regisseur mehrerer erfolgreicher Filme. Seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt.

 

Bastian Wartenberg

Anila Wilms

Anila Wilms, 1971 in Tirana geboren, lebt seit 1994 in Berlin. Sie studierte an der Universität Tirana und an der Freien Universität Berlin. 2012 erschien ihr erster Roman in deutscher Sprache Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens; hierfür erhielt sie den Adelbert-Chamisso-Förderpreis 2013. Seit September 2016 ist sie Gastkolumnistin bei der Deutschen Welle Online.

 

Carmela Žmirić

Zoran Žmirić

Zoran Žmirić wurde 1969 in Rijeka geboren. Er veröffentlichte bisher neun Bücher und wurde mehrmals ausgezeichnet. Er ist Mitglied des Kroatischen Schriftstellerverbandes. Seine Bücher wurden ins Englische, Italienische, Polnische, Slowenische und Ukrainische übersetzt.

 

Credits: Lea Zupančič

Team

 

Kuratorin
Hana Stojić

Entwicklung Digitales Konzept
Anna Götte, Hana Stojić

 

Team

Projektleitung
Angelika Salvisberg

Koordination
Barbara Anderlič, Anna Götte

Webdesign
Barbara Anderlič, Matthew Morete

Illustrationen
Lea Zupančič

Grafik
Beate Zollbrecht

 

Gespräche im LCB

Konzept
Ivan Marković

Regie und Kamera
Ivan Marković

Produktion
Hana Stojić

Schnitt
Berislav Župarić

Ton
Katharina Hauke, Philipp Fröhlich

Musik
Enya Hutter

Cello
Lucas Götte

Technik
Berislav Zuparić

Produktionsassistenz
Ljubica Šljukić Tucakov

 

Balkan Film Week

Kuratorin
Marija Katalinić

Koordination
Barbara Anderlič

Grafik
Janett Andrejewski

 

Essaysammlung Archipel Jugoslawien

Herausgeberinnen
Marija Karaklajić und Hana Stojić

 

PR Archipel Jugoslawien

Projekt 2508
Mirjam Flender
Kirsten Lehnert
Svenja Pütz

Archipel Jugoslawien
Von 1991 bis heute

Hana StojićKuratorin des Common Ground Programms

Credits: Dženat Dreković

Was tun nach dem Ende der Welt? Wie weiterleben nach  der Apokalypse? Heilt die Zeit alle Wunden? Wohin mit der eigenen (und fremden) Nostalgie? Wo stehen die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens heute? Sind die postjugoslawischen Gesellschaften bereit, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen? Ist mit dem Ende Jugoslawiens auch die Idee des Jugoslawismus verschwunden? Waren die Fundamente dieses Staates nicht gut ausgegossen oder genügte wirklich nur ein falscher Mann an seiner Spitze, um das Haus zum Einsturz zu bringen? (Was) kann Europa aus Jugoslawiens Fehlern lernen?

Jugoslawien gibt es nicht mehr. Seit 30 Jahren. Der Vielvölkerstaat war baufällig und die Chance wurde versäumt, ihn demokratisch zu reformieren. Verbrechen, Flucht, Vertreibung, Konzentrationslager und Genozid waren die Folgen.

Trotz allem sind die Länder, die einst brüderlich vereint waren und in Gewalt auseinander gingen, ein kulturell zusammengehöriger Raum. Diesem gemeinsamen Raum widmet das Traduki-Netzwerk sein Programm „Archipel Jugoslawien“ – 360 Monate nach dem Ende Jugoslawiens. Denn viele der einst verfeindeten exjugoslawischen Länder arbeiten heute bei Traduki zusammen, begegnen sich auf Augenhöhe und haben sich auf das Wagnis eines „Common Ground“ eingelassen. Selbstverständlich ist das nicht.

Common Ground goes digital: Aufgrund der Pandemie muss unser Common Ground im world wide web seinen Platz finden, statt auf der Leipziger Buchmesse. Wir lassen uns davon nicht unterkriegen und gemeinsam mit unserem Partner, der Leipziger Buchmesse, und zahlreichen AutorInnen und GesprächspartnerInnen aus Südosteuropa nehmen wir uns den digitalen Raum für ein vielseitiges, anspruchsvolles und auch kontroverses Programm. Auch wenn wir zuvor schon digitale Formate realisiert haben, tauchen wir mit dem Common Ground 2021 nun noch tiefer ein in die Welt der Hashtags und Follower.

Das Programm Archipel Jugoslawien ist vielschichtig. Da sind zunächst jene 15 Essays südosteuropäischer SchriftstellerInnen verschiedener Generationen und Lebenswelten, die in sehr persönlicher Weise zurückblicken auf  die letzten 10950 Tage. Manche von ihnen erlebten den Zerfall Jugoslawiens als Kinder, manche als  Soldaten, andere als Geflüchtete, wieder andere als Emigranten. Wir freuen uns, dass die FAZ sechs Essays bereits veröffentlichte, alle Texte können Sie in den nächsten Wochen hier auf unserer Webseite lesen.

Neben den Essays stehen 10 digitale Veranstaltungen im Zentrum unseres Auftritts. Darunter Gespräche zu aktuellen Themen, die Südosteuropa und damit Europa betreffen: Erinnerung,  Bestandsaufnahme, aber auch ein Blick nach vorn, ein Weiterdenken dieses geografischen und kulturellen Raumes im europäischen Kontext.

Weiter präsentieren wir südosteuropäische Neuerscheinungen in deutscher Sprache, darunter Bücher gerade auch der jüngsten AutorInnengeneration.  Doch längst nicht alles ist übersetzt, was für das deutschsprachige Publikum interessant wäre, darum stellen wir auch Bücher vor, die ihren Weg auf  den deutschsprachigen Buchmarkt  unbedingt noch finden sollten.

Das Jahr 1991 brachte nicht nur im Südosten Europas große Umwälzungen:  Vor 262800 Stunden ging auch die Sowjetunion zu Ende und das kommunistische Regime Enver Hoxhas in Albanien wurde abgelöst. Auch diese Ereignisse haben in unserem Programm einen Platz gefunden.

Die Balkan Film Week ist inzwischen fester Bestandteil unseres Auftritts in Leipzig, und so wollen wir auch in diesem Jahr für das Leipziger (und das online-) Publikum mit einer sorgfältigen Filmauswahl wieder eine weitere Tür in Richtung Südosten öffnen.

Begeben Sie sich mit uns in den Archipel Jugoslawien, und blicken Sie mit uns zurück auf die vergangenen 1.576.800 Minuten aber auch voraus und in eine Zukunft, die manches was in den letzten 946.080.000 Sekunden unmöglich schien, hoffentlich wieder möglich macht.

 

 

Common Ground 2020-2022

Informationen und Material zum vergangenen Traduki-Programm auf der Leipiziger Buchmesse 2020 gibt es hier:

Herkunft und Zugehörigkeit 2020