Balkan Film Week

ab 25. Mai 2021 – exklusiv online
#ArchipelJugoslawien #CommonGroundLeipzig

Einleitung zur BFW 2021

Marija Katalinić

Credits: privat

Subjektivität ist eine sticky[1] – also heikle – Angelegenheit. Unsere Subjektivität erscheint uns eindeutig und naturgegeben, aber sie ist das Resultat einer komplexen Mischung aus Familie, Staat und persönlichen Erfahrungen. Die Subjektivität ist mit der Idee der Identität verbunden, und repräsentiert, wer wir in unseren eigenen Augen sind, wie wir uns zeigen und wie andere uns wahrnehmen. Der Körper wird oftmals als der Ort gesehen, der die Trennlinie zwischen dem Individuum und der Außenwelt bildet und definiert; er ist eine physische Grenze zwischen privater und öffentlicher Sphäre. Judith Butler definiert die Grenze “as a function of the relation, a brokering of difference, a negotiation in which I am bound to you in my separateness.[2]” Demnach erfassen wir mittels der Differenzierungen aber auch Beziehungsgefüge. Oberflächliche Grenzen dienen dazu, zu beschützen, eine Gruppe einzuteilen, Gruppen voneinander abzusetzen und einander gegenüberzustellen; Grenzen können hart sein oder weich. Grenzen manifestieren sich in Form von Häusern (In Between), Tellern (Quit Staring at My Plate), Brücken (For Those Who Can Tell No Tales), Schaltern (Erased) und Landschaften (Homelands).

Common Ground: Archipel Jugoslawien reflektiert und erzählt die Geschichte einer Grenze, einer gemeinsamen Vergangenheit, einer komplexen Gegenwart und einer noch auszuhandelnden Zukunft. Das Bild eines Archipels steht für die Vereinzelung vieler, aber auch für Vielfalt, durchdrungen von Machtgefühlen, Geschichte und vergangenen Zeiten, aber auch von Entschlossenheit und Rigidität. Dreißig Jahre sind vergangen seit die Föderation Jugoslawien durch kriegerische Auseinandersetzungen zerfiel. Das hat nicht nur neue Grenzen hervorgebracht, sondern vor allem zu einschneidenden neuen Erfahrungen geführt; neue persönliche und soziale Gräben haben sich aufgetan, es sind aber auch neue Verknüpfungen entstanden. In der diesjährigen Balkan Film Week beleuchten wir die Brüche, die Unterschiede und Ähnlichkeiten, im ewigen Kampf der Subjektivität mit der Ideologie. Mit den diesjährigen Filmen soll nicht die Gewalt gezeigt werden, die alles verwüstete. Stattdessen werden auf diesem Archipel der Nationen Familienbeziehungen, Nationalitäten, Träume und Kafkaeske Situationen nebeneinandergestellt. Die Bilder und Geschichten dieser Filme versuchen, das Publikum einzubinden und gemeinsame transnationale Empfindungen und Erfahrungen zu erkunden: Ungewissheit, Verlust, Freiheit und Zugehörigkeit. Common Ground ist also der Versuch, Unterschiede zu verstehen, oder genauer gesagt, Grenzen neu zu sehen. Nämlich nicht nur als Orte der Abgrenzung, sondern auch als Raum, in dem man die Entfernung zueinander neu aushandelt, einander Unterstützung bietet und den anderen – the other – als sich selbst akzeptieren kann.

[1] Ahmed, Sara “The Cultural Politics of Emotion”, Edinburgh University Press, Edinburgh, 2004; pp. 11.

[2] Butler, Judith „Frames of War. When Is Life Grievable? “, Verso, London, New York; 2009; pp.44.



Die Balkan Film Week ist wesentlicher Teil des Projektes Common Ground: Literatur aus Südosteuropa, das 2020-2022 auf den Leipziger Buchmessen den Westbalkan als Schwerpunktregion vorstellt. Das übergreifende Thema für 2021 lautet Archipel Jugoslawien – Von 1991 bis heute. Und so geht es auch in den Filmen, die bei der 3. Balkan Film Week vorgestellt werden, um den Zerfall Jugoslawiens vor 30 Jahren.

Die Balkan Film Week findet dieses Jahr ausschließlich online statt. Die Links zu den Filmen werden kurz vor Beginn der Veranstaltung (Details im Programm rechts) auf dieser Seite gepostet. Unser diesjähriges Programm findet auch im Rahmen von Leipzig liest extra – einer Veranstaltung der Leipziger Buchmesse, statt.

Unsere Programmkuratorin Marija Katalinić hat auch dieses Mal ein tolles Programm zusammengestellt und einen wunderbaren Einleitungstext geschrieben. Hier zu lesen:

 

Einleitung zur BFW 2021

Donnerstag 27. Mai

19:00

Online
Quit Staring at My Plate
(Ne gledaj mi u pijat)

Hana Jušić, 2016
105', Spielfilm, Kroatien, Dänemark
OmeU

In Marijanas Leben dreht sich alles um die Familie. In ihrem winzigen Apartment leben Eltern und Kinder mehr auf- als nebeneinander. Kein Wunder also, dass sie einander schlichtweg zur Weißglut bringen. Vor allem die vierundzwanzigjährige Marijana wütet. Als der autoritäre Paterfamilias einen Schlaganfall erleidet, wird sie noch dazu in eine völlig neue Rolle gedrängt. Denn um das havarierte Boot über Wasser zu halten, nimmt sie zwei Jobs an. Völlig am Ende, findet Marijana Trost in zwielichtigem Sex mit Unbekannten – endlich frei! Jedoch: Was tun mit dieser neugewonnenen Freiheit?

21:00

Online
Sofia's Last Ambulance
(Последната линейка на София)

Ilian Metev, 2012
75´, Dokumentarfilm, Kroatien, Bulgarien, Deutschland
OmdU

Die Dokumentation Sofia’s Last Ambulance von Regisseur Ilian Metev begleitet einen Arzt, eine Krankenschwester und den Fahrer eines Krankenwagens in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Obwohl sie selbst kaum genug zum Leben verdienen, fahren Krassi, Mila und Plamen mit Leidenschaft und Selbstlosigkeit bei Nacht durch die Stadt.

Mittwoch 26. Mai

19:00 Uhr (bis 21:00 abrufbar)

Online
Erased
(Izbrisana)

Miha Mazzini, 2018
86', Spielfilm, Slowenien, Kroatien, Serbien
OmeU

Ana bringt ein Baby zur Welt. Aber wegen eines Softwarefehlers sind ihre Daten plötzlich nicht mehr im Computer. Es folgt eine kafkaeske Auseinandersetzung mit der slowenischen Bürokratie – denn ohne Daten im Computer ist sie nicht mehr krankenversichert. Und schließlich existiert sie offiziell gar nicht mehr. Nach wahren Begebenheiten.

21:00 Uhr (bis 24:00 abrufbar)

Online
For Those Who Can Tell No Tales
(Za one koji ne mogu da govore)

Jasmila Žbanić, 2012
72', Spielfilm, Bosnien und Herzegowina, Qatar, Deutschland
OmeU

Alles beginnt mit einem ganz normalen Urlaub. Die Touristin Kym reist nach Bosnien und genießt ihr kleines Abenteuer in vollen Zügen. Einem Hinweis ihres Reiseführers folgend, fährt sie schließlich nach Višegrad, wo sie im Hotel Vilina Vlas eine unruhige Nacht verbringt. Zurück in Australien geht Kym ihrer Schlaflosigkeit auf den Grund, beginnt über Višegrad zu recherchieren und macht eine schockierende Entdeckung: Während des Krieges befand sich in eben diesem Hotel ein Gefangenenlager.

Dienstag 25. Mai

19:00

Online
Auftakt der Balkan Film Week

Mit Marija Katalinić und Barbara Anderlič

Balkan Film Week Kuratorin Marija Katalinić und Projektleiterin Barbara Anderlič eröffnen gemeinsam die 3. Balkan Film Week.

Zum Auftakt-Video.

19:30 Uhr (bis 23:30 abrufbar)

Online
In Between
(Në Mes)

Samir Karahoda, 2019
13', Kurzfilm, Kosovo
OmeU

Im ländlichen Kosovo bauen Väter ihren Söhnen identische Häuser. Diese Söhne leben überall, nur nicht im Kosovo. Die Häuser verkörpern Liebe, Sehnsucht und die Hoffnung der Daheimgebliebenen, dass die in der Fremde Arbeitenden eines Tages wieder hier sesshaft werden. Aber eigentlich kommen diese nur noch zu Familienfeiern und Begräbnissen zurück. Der Heimat und Kultur ihrer Kindheit und Jugend fühlen sie sich zwar verbunden, aber auch entfremdet. Wollen sie überhaupt zurückkehren? Und so sind die Häuser, Symbole familiärer Gleichheit und Einheit, eben auch Luftschlösser.

21:00 Uhr (bis 23:00 abrufbar)

Online
Homelands
(Domovine)

Jelena Maksimović, 2020
63', Dokumentarfilm, Serbien
OmeU

„Domovine“ bedeutet: Ort, an dem wir uns zu Hause fühlen. Eine junge Frau fährt durch eine blaue Schneelandschaft. Kriegsspuren, Archivbilder, Widerstandslieder verschmelzen mit den Erinnerungen an die Großmutter, die als kommunistische Partisanin im griechischen Bürgerkrieg aus ihrem Dorf nach Jugoslawien floh. Ihre Enkelin wandelt zwischen verlassenen Häusern, Frühlingswiesen und Sommerfeldern, getrieben von ihrer Sehnsucht ihre Wurzeln zu ergründen.

Trailer

In Between
(Në Mes)

Samir Karahoda, 2019
13', Kurzfilm, Kosovo
OmeU

Homelands
(Domovine)

Jelena Maksimović, 2020
63', Dokumentarfilm, Serbien
OmeU

Erased
(Izbrisana)

Miha Mazzini, 2018
86', Spielfilm, Slowenien >br> OmeU

For Those Who Can Tell No Tales
(Za one koji ne mogu da govore)

Jasmila Žbanić, 2012
72', Spielfilm, Bosnien und Herzegowina, Qatar, Deutschland
OmeU

Quit Staring at My Plate
(Ne gledaj mi u pijat)

Hana Jušić, 2016
105', Spielfilm, Kroatien, Dänemark
OmeU

Sofia's Last Ambulance
(Последната линейка на София)

Ilian Metev, 2012
75´, Dokumentarfilm, Kroatien, Bulgarien, Deutschland
OmdU


Common Ground 2020-2022

Details zu vorangegangenen Balkan Film Events gibt es hier:

Balkan Film Night 2020 - LNDI Balkan Film Week 2020