Die ersten Noten des Beerdigungs-Blues für Jugoslawien erklangen ein Jahr nach Titos Ableben. Zehn Jahre lang spielte diese Musik, ehe der Totentanz der jugoslawischen Auflösung begann, der ebenfalls knapp zehn Jahre dauerte.

Jugoslawien stellte ein sozialistisches System mit “menschlichem Antlitz” dar – zu einem solchen wurde es zumindest von den Ideologen der Zeit verklärt. Ob dieses Antlitz schön oder hässlich war, bleibe dahingestellt; doch kennt die Geschichte keinen (ex-)sozialistischen Staat, in dem es sich besser leben ließe. Ich habe nach wie vor Mühe zu begreifen, wie es sich die Südslawen erlauben konnten, diesen Staat zu zerstören. Zumal angesichts der Angebote zur Angliederung an den Westen, die er erhielt. Es war nicht das erste Mal, dass das sozialistische Jugoslawien so deutlich Nein sagte; davor hatte es der Sowjetunion schon eine Abfuhr erteilt.

Die Jugoslawen hätten wissen müssen, dass Geopolitik tötet. Der Machtkampf ist zerstörerisch, noch viel mehr als die spätere Machtausübung. Doch diese Macht brauchen die Hauptakteure in den neu entstandenen Staaten, denn sie beschert ihnen einen Sessel, einen Thron, der sie vor der Verfolgung der Verbrechen schützt, die sie im Krieg begangen haben und auch danach begehen werden.

Ich hörte die Nachrichten aus den Kriegen in Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und versuchte die Hölle zu erahnen, die sich mit sicherem Schritt auf Kosova zubewegte. Die Hölle kam wirklich und überstieg bei Weitem meine Vorstellungskraft. Jemand eröffnete die Jagdsaison gegen ein ganzes Volk und nannte es Krieg.

Es ist erwiesen, dass der Evolutionsweg eines balkanischen Menschen vom Affen direkt zum Politiker führt. In besonderen Fällen zu einem nationalen Anführer. In den meisten Fällen zu einem Historiker oder Akademiker. Also sind alle Balkanvölker sehr stolz auf ihre Geschichte, wie denn auch sonst, lässt sie sich doch nach Belieben schreiben, das Word-Programm haben alle in ihren Computern installiert. So kommt es, dass in ein und demselben Staat verschiedene Versionen der Geschichte gelehrt werden, je nach ethnischer Zugehörigkeit der Schüler. Die Geschichte wird zu einem Sammellager für Lügen. Und dann kommt ein junger Mann aus England namens Noel Malcolm und schreibt für jede dieser Nationen eine Kurzgeschichte, der die einheimischen Historiker nichts entgegenzusetzen haben. Er könnte auch aus der Schweiz sein und sich Oliver Jens Schmitt nennen. Aber auf dem Balkan vermischen sich Ignoranz und Einzelinteressen und beides zusammen führt zur Verringerung des Unterschieds zwischen Mensch und Esel. Die Ignoranz scheint sich mitten im blutigen Balkantheater bester Gesundheit zu erfreuen und wird uns noch eine ganze Weile treu zur Seite stehen.

Der Krieg. Ich habe die Schlachten und die Epen miterlebt, mir hat das Kalaschnikow-Rohr ins Gesicht gesehen und mich hat der Milizen-Stiefel am Leib getroffen. Ich kenne die okkupierte und die befreite Zone, ich wurde festgenommen, vertrieben und meine Identitätskarte los … Ich habe Helden gesehen, die sich in quengelnde Kinder verwandelten, und Kinder in Helden. Kämpfe, Ruinen und Himmel voller Krähen – davon hatte ich zur Genüge. Ich bin es satt, mich von meiner Frau und zwei Kindern zu verabschieden, oft genug „für immer“. Der Krieg verfolgt mich auch hier in Mexiko, seit einundzwanzig Jahren lässt er mich nicht los. Deshalb werde ich kein Wort mehr darüber verlieren.

Der Fluss der Erinnerung drängt die Überlebenden eines Krieges an den Rand des Abgrunds; dieser ist fühlbar, sichtbar, tastbar. Manche laufen darüber und schaffen es sogar auf die andere Uferseite – und doch bleiben sie für immer gebrochen. Der Wurm der Erinnerung nagt an der menschlichen Seele und der Tod wird zum Vertrauten. Die Erinnerung ist das Metier eines Poeten und der Poet hat nicht den Luxus, seinen Blick von dort abzuwenden. Der Poet wurde auch nicht in den Abgrund gestoßen – er befand sich schon darin. Seit Jahrhunderten sitzt er dort, weil die Geschichte in jeder Generation ihre Zyklen wiederholt. Seine Zähne werden taub von den sauren Früchten der Kriegserinnerung, die es in seiner Seele niemals zu süßer Reife bringen. Es bleibt ihm nichts übrig, als in den Weiten der Sehnsucht und der bezwungenen Freiheit zu wandern. Das Leben kann so furchterregend sein, ein Poem endloser Traurigkeit.

Ich kam nach Mexiko mit einem Stipendium des Internationalen Schriftsteller-Parlaments mit Sitz in Paris. Ich trug eine Reisetasche und eine Plastiktüte, meine Frau ihre Reisetasche und die Kinder gar nichts. Das Wetter, das Essen, die Farben der Häuser, die tropischen Pflanzen und vor allem die Ruhe machten mir zu schaffen; ich musste mich daran gewöhnen, dass mich niemand verfolgte, niemand würde meine Tür eintreten und mich töten kommen. Oft schreckte ich nachts auf, schaute nach meiner Frau und den Kindern in ihren Zimmern, beobachtete sie eine ganze Weile und fragte mich, ob sie uns schon getötet hatten und wir uns im Elysium befanden. Allein die mir unverständliche spanische Sprache in Mexiko City deutete darauf hin, dass ich noch lebte, denn es war mir nicht bekannt, dass man im Paradies Spanisch spricht. Bald fand ich meine bevorzugte Zigarettenmarke, meinen Tequila und mein Bier. Zwei Monate lang schrieb ich keine einzige Zeile. Dann ging es los und ich hörte nicht mehr auf, bis El tamaño del dolor (Das Ausmaß des Schmerzes) entstanden war.

Seit zwanzig Jahren tötet Mexiko mich mit seiner Schönheit. Seit zwanzig Jahren sehne ich mich nach Kosova und genauso lange tötet mich die dortige Wirklichkeit. Jedes Mal gehe ich als Kind hin und komme gealtert zurück.

Das südslawische Wort für Leben lautet život. Davon leitet sich životinja ab, das Wort für Tier/Bestie. Aber auch das Wort životariti, das „schlecht leben“ bedeutet. Das letztere wird gesteigert zu životinjariti, und das bedeutet „noch schlechter, wie ein Tier, leben“. So pendelt das Wort život zwischen zwei Enden und verkürzt deren Abstand zueinander. Irgendwo da oben sitzt Gott, oder – frei nach Spinoza und Nikos Kazantzakis – er ist überall um uns herum. Gott in die Augen zu sehen, demütig, und zu begreifen, dass auch Er (oder er) ein Sünder ist, oder verschlafen kann, oder krank sein kann, bedeutet, einen ungeeigneten Tag zum Menschlich-Sein erwischt zu haben. Homo sum, humani nihil a me alienum puto (Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches, glaube ich, ist mir fremd), sagt Terenz, der Demütige. Spinoza würde das so umschreiben: Ich bin ein/e Tier/Bestie, nichts Tierisches/Bestialisches, glaube ich, ist mir fremd. Welch erbarmungslose Kritik gegen die Kapitulation der Menschlichkeit!

Zum Gedächtnis meiner Generation und einiger Generationen vor mir gehört der Name Marigo. Dies ist laut Überlieferung das Mädchen, das die Flagge bestickt hat, welche Ismail Qemali bei der Ausrufung der nationalen Unabhängigkeit in Vlora am 28. November 1912 hissen ließ. Nach dem Kosovakrieg griff die neue politische und „intellektuelle“ Elite auf diesen Namen zurück und nannte ihr Eliteviertel Marigona. Wenn Verbrecher Scherze machen, lachen die Menschen aus Schmerz; besser, sie schicken ihren Schmerzgrimassen ein donnerndes Lachen hinterher, manchmal mit Tränen, sie lachen und weinen wie die Verrückten, wie die Elenden.

Die Menschen verlassen Kosova jeden Tag, so wie auch Serbien, Bosnien-Herzegowina, Nordmazedonien, Montenegro. Mittlerweile gibt es ganze Viertel mit neuen Häusern ohne Menschen darin. Die Landbevölkerung schwindet, die nichtbestellten Ackerfelder lachen, weinen und stöhnen. Befreiungskriege wie Revolutionen fressen ihre eigenen Kinder. Doch manche von diesen sind dem Tod entkommen und kehren nun zurück, um die Früchte des Krieges zu fressen. Es sind meistens die Kinder der Besiegten aus früheren Wendemomenten der Geschichte: Balli, Tschetniks, Ustascha, Kommunisten. Oder die Religion, die gerade einen fulminanten Wiedereinzug in die neuen, offiziell laizistischen Staaten hält, mit politischen Minaretten und Kirchtürmen, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Paradoxerweise scheinen sich die Menschen umso mehr von Gott zu entfernen, je näher die Kirchen und Moscheen an sie heranrücken.

Wie wäre es mal mit einem bürgerlichen Wertesystem, wo Bildung, Gesundheitswesen und Kultur die wichtigste Rolle spielen? Doch die jüngere Geschichte hat uns gezeigt, dass es in der Natur mancher Tiere liegt, menschliche Schlachtfelder aufzusuchen, um sich von den Kadavern zu ernähren. Die Geschichte beweist uns, dass das Ende eines Krieges den Anfang der Korruption markiert. Einige wenige zerstören alte Mythen, nur um auf deren Ruinen neue Mythen zu ihrer eigenen Beweihräucherung zu gründen. Die Menschen, die das Land verlassen, sollen mit Denkmälern für die Gefallenen und Märtyrer getröstet werden, bei deren Bau die Korrupten Gelder unterschlagen haben. Während der Planet mit der Klimakrise konfrontiert wird, spielen sie Helden, schießen mit Waffen in die Decke und stopfen sich voll, solange sie mit am gedeckten Tisch sitzen dürfen. Ohne zu merken, dass sie die schnellste Einbahnstraße in den Untergang genommen haben.

Die einstige serbische Politik hielt in der Hand den Schlüssel zu einer Tür, die nicht existierte. Eine ganze Region mit mehreren Völkern wurde zu ihrer Geisel und alle zusammen versuchten sie dann mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, wobei alle schwer bluten mussten. Der heutige Präsident Serbiens hat wieder eine Tür auf dieselbe Wand gezeichnet und hält sie für real. Das Schlimme ist, dass er wieder zwei bis drei Völker auf diesen Weg mitzunehmen versucht. Selbst wenn er es durch diese Wand schaffen würde, sein Ziel liegt nicht vorne, in einer besseren Zukunft, sondern zurück in der Vergangenheit. Nun, die Zeit ist ein wichtiger Faktor – das Leben selbst besteht aus Zeit –, und wenn sie vergeht, ist sie unwiederbringlich weg. Sollte es irgendwann doch in der Region besser werden, so werden die meisten von uns das nicht mehr erleben. Jemand sagte einmal, „wäre ich blind, befände ich mich in meiner eigenen Dunkelheit; da ich es aber nicht bin, bin ich dazu verdammt, in der Dunkelheit der anderen zu leben“. Wir leben gerade in der Dunkelheit der Mächtigen, die uns weismachen wollen, dass wir uns von der Freiheit ernähren sollen, die auf eine imaginierte Brotscheibe geschmiert wird.

Eine ganze Reihe von Staaten, die infolge des Zerfalls Jugoslawiens entstanden sind, haben sich noch nicht vom tribalen Nationalismus befreit. Dort lebt man noch in einer voraufklärerischen Zeit, in der wichtige bis sehr wichtige Primitive den Ton angeben.

Nikos Kazantzakis sagte einst: „Was für eine eigenartige Maschine der Mensch doch ist! Du füllst ihn mit Brot, Wein, Fisch und Radieschen und es kommen Seufzer, Lachen und Träume heraus.” Manchmal nimmt dieser Mensch eine Kalaschnikow und schießt auf andere, oder er nimmt ein Messer und köpft einen anderen. Dieser Umstand macht aus dem Leben einen erkalteten Kaffee, den der Einzelne ganz alleine trinkt, bestenfalls in digitaler Gesellschaft. Und doch träumt er weiter von Rache. Die Dunkelheit, die schon länger in dieser Ecke der Welt herrscht, macht die Menschen stumm; sie schweigen schändlich für ein bisschen Frieden, für drei- bis vierhundert Euro im Monat. Den einzigen, jedoch fundamentalen Unterschied macht die Frage, wer sie waren, bevor sie der Dunkelheit anheimfielen. 

Nachdem wir uns gehasst haben, nachdem wir weiterhin einander hassen, kamen Leute aus aller Welt zu uns, um uns wie wilde Tiere zu domestizieren, um uns beizubringen, wie wir zusammenleben sollten – uns, die wir so viele Jahrzehnte zusammen oder nebeneinander gelebt haben.

Im Kosovakrieg gab es ca. 1300 Kinder, Frauen, alte Leute, die sich anscheinend „selbstgetötet“ haben. Ihre Gräber findet man nicht – offenbar haben sie sich selbst mehrmals umbegraben bzw. sind auf geheimnisvollen Wegen nach Serbien gelangt und haben sich dort so genial versteckt, dass sie niemand mehr finden kann. Andere waren dann doch nicht so erfolgreich und wurden doch gefunden, in Massengräbern im serbischen Batajnica oder im Perućac-See. Offenbar war das böse Absicht, um dem heutigen serbischen Anführer die Suppe zu versalzen. Dieser arbeitete einst für einen Schurken, der ganzen Völkern damit drohte, sie mit einem verrosteten Löffel abzustechen. Dann arbeitete er als Sprecher von Slobodan Milošević, dann als Ministerpräsident und dann als Staatschef. Immer in Begleitung seines gleichaltrigen Kumpanen, eines ehemaligen Kriegskameraden, der für das musikalische Entertainment der seltenen Staatsbesucher zuständig ist, die sich dorthin verirren – Spitzname Koffer oder Žitorađa. Koffer, weil er einmal mit einem Koffer voll Schmiergelder erwischt wurde. In seinen Fernsehshows, zwischen den Liedern, droht er den Serben, sollten sie der Welt zeigen, wo sich die Gräber der Albaner in Serbien befinden, oder die Kriegsverbrecher verraten. So tötet Herr Koffer die Opfer nach einundzwanzig Jahren noch einmal, um sich deren Tod ganz sicher zu sein.

Dieser war kein Überlebenskrieg, sondern ein Expansionskrieg, in dem einige mit unerhörtem Fleiß das geeignete Klima für die Tötung von Frauen, Kindern und alten Menschen schufen, für Vergewaltigung, Folter, Plünderung von Geld, Gold, Autos, Fernsehern, Kühlschränken und Waschmaschinen. So ist das Leben – ein lebendiges Buch des Todes, das niemals aus der Tagesordnung verschwindet. Die Schockwellen, die es in der menschlichen Psyche verursacht, schaffen es nicht, diese aus der Lethargie der Ignoranz zu wecken. Darauf sind die Menschen trainiert: nicht zu hören, nicht zu sehen, nicht zu fühlen. Und doch entlässt sie das nicht aus der Verantwortung, erst recht nicht jene, die aktiv zu diesen Verhältnissen beigetragen haben. Und die übrigen? Die übrigen sind gezwungen, den nächsten Schritt unter dem Druck der Angst zu planen. Den Schritt, der sie aus dieser Wirklichkeit herausführen soll.

In Kosova, dem einzigen Staat in Europa, dessen Bürger noch ein Einreisevisum für die EU brauchen, träumt die Jugend davon, das Land zu verlassen, weil sie nicht mehr daran glaubt, diese Wirklichkeit ändern zu können. In einundzwanzig Jahren haben unsere Politiker es geschafft, das Bildungs- und Gesundheitswesen, die Kunst und die Kultur zu ruinieren, um darauf neue Denkmäler zu bauen und Straßennamen zu ändern, um Fabriken und öffentliche Grundstücke zu privatisieren, die für 100 bis 375 Euro pro Hektar zu haben waren – natürlich nur für sich selbst. Man kann einen Toten frisieren und schminken und schöner machen, aber nicht lebendiger.

Die Geschichte lehrt uns, dass in den meisten Fällen auf Diktatoren die Verbrecher folgen. In einem Klima der Gewalt können nur Menschen ohne Moral und Skrupel gedeihen. Ernesto Sabato schrieb einmal, dass wir in einer Zeit leben, in der die Zukunft schon zerstört zu sein scheint, in einer kranken Zeit, in der wir uns schämen sollten, wegen der Welt, die wir den nächsten Generationen hinterlassen, in einer Zeit, in der wir unsere Kinder um Verzeihung bitten sollten, sie auf diese Welt gebracht zu haben.

Für das meiste, was im Leben passiert, hat man sich nicht selbst entschieden. Wir erwarten den nächsten Tag, und doch habe ich in Mexiko gelernt, dass der nächste Tag niemals kommt. Das Morgige wird so genannt, weil es niemals da ist. Das Morgige kann nur der Tod sein. In Mexiko habe ich gelernt, das Leben neu zu starten. Es gibt Verluste, die niemals ausgeglichen oder korrigiert werden können.