Es gibt eine Stelle in seinen Memoiren, die Josip Broz, schon als junger Untergrundkämpfer der Alte genannt, inzwischen aber wirklich alt, bequem im Sessel sitzend, einmal vortrug. Broz (später Tito genannt) lutschte dabei an einer jener Zigarren, die Fidel Castro ihm regelmäßig zukommen ließ. Zwei Dinge verbanden die beiden Männer: die besten Zigarren der Welt und die Tatsache, dass sie die unbestrittenen Anführer ihrer Revolutionen waren. Man könnte noch ein drittes hinzufügen: Beinahe auf die gleiche Weise wird heute gelöscht, was diese Revolutionen, weil authentisch, doch erreicht hatten. Das Auslöschen der Geschichte, dessen Zeuge ich heute in meiner engeren Heimat bin, enthält etwas Furioses, etwas sehr Gewalttätiges und erinnert an das, was der alte Hegel in seiner Phänomenologie des Geistes als Die Furie des Verschwindens bezeichnet hatte. Mit diesem Ausdruck beschrieb Hegel, was mit der Französischen Revolution geschah: eine Art Selbstvernichtung. Das entsprechende Kapitel bei ihm trägt den Titel: Die absolute Freiheit und der Schrecken. Am Ende bleibt nur noch die Furie (so steht es bei Hegel), die jedes historische Gedächtnis auslöscht.

Hegel selbst wurde als relativ junger Greis von einer furiosen Cholerawelle dahingerafft. Tito hingegen lebte die ihm beschiedene Zeit zu Ende, und handelte es sich nicht um eine authentische Revolution, müssten wir sein Leben als abenteuerlich betrachten. Der Sensenmann hatte es oft auf seinen Kopf abgesehen, ihn aber jedes Mal verfehlt.

Dieser Mann erzählte also von seinem Leben so lässig, als gehöre es ihm nicht, als sehe er sich, gemütlich im Sessel sitzend, einen Western an. Er war natürlich fest davon überzeugt, immer auf der Seite des Guten gehandelt zu haben, und nannte das Gewalttätige in seiner Revolution eine notwendige Etappe auf dem Weg zur Freiheit. In den Wildwestfilmen schießt der gute meist schneller als der böse Cowboy, den er dadurch aus der Welt schafft. Broz hatte Hegel bestimmt nicht gelesen; er hatte schon genug Probleme mit Miroslav Krleža. Aber Hegel und seine Furie beiseite: Josip Broz liebte Wildwestfilme.

Jetzt möchte ich das Augenmerk auf eine Begebenheit aus der Zeit richten, als Josip Broz erst dabei war, Tito zu werden. Ende des Jahres 1920 versuchten Broz, damals fast noch ein Niemand, und seine erste Frau, eine junge Russin, mit merkwürdigen Papieren Lenins Staat zu verlassen, in dem alles noch brachlag. Man kann es kaum glauben, aber mit von der Partie war auch Jaroslav Hašek, zwar beträchtlich älter als Broz, jedoch noch nicht ganz der Jaroslav Hašek. Beide wollten in den Westen. Außer diesem Wunsch gab es noch manches, was die beiden miteinander verband: Galizien, die Verwundung, die Gefangenschaft, die Parteinahme für die Sowjets. Der zehn Jahre ältere Hašek, der sich später zu einem scharfen, aber gutmütigen Satiriker entwickeln sollte, hatte sich in der Roten Armee hervorgetan und es dort zu hohem Rang gebracht. Jetzt schickte die Revolution ihn als ihren Missionar in den Westen. Auch Broz hatte bestimmt eine Mission, etwa die Flamme der Revolution auf den Balkan zu tragen, nur sah man das damals nicht so klar, wie man heute die Reise des olympischen Feuers durch die ganze Welt verfolgt.

Man kann sich schwer vorstellen, dass Tito in dem fernen Jahr 1920 davon träumte, er werde in späteren Jahren an seinen Geburtstagen vor den Augen aller „Völker und Volksgruppen“ des Landes als gleichzeitig deren Vater und Sohn (und auch Heiliger Geist) etwas wie das Olympische Feuer in Form einer Stafette empfangen. Damals hatte er eine Grenze passieren müssen, und zwar nicht irgendeine, sondern die Grenze zwischen zwei Welten. Er musste also einen kühlen Kopf bewahren, was später von vielen, die am Epos Tito mitstrickten, besungen wurde.

Der Mensch ist indes eine merkwürdige Maschine, die hauptsächlich vom Herzen angetrieben wird. Es ist anzunehmen, dass die Herzen der paar verdächtigen Personen beim Passieren dieser Grenze stärker klopften. Denn wer konnte aus dem Land der bolschewistischen Revolution kommen, ohne selbst ein Bolschewik zu sein? Eventuell ein Schmuggler. Aber könne man nicht auch die Revolution wie alles andere einschmuggeln? Das fragte sich rhetorisch der Offizier im Hof der Festung Narva an der estnischen Grenze, also einer Grenzgarnison. Ich versuche, mir den Hof dieses bestimmt nicht allzu lustigen Gebäudes vorzustellen, an dessen Außenwand man dieses sonderbare Grüppchen mühelos hätte stellen können … Der eine murmelte, er sei ein Tscheche, der andere wusste nicht, was er war, wahrscheinlich suchte er nach der glaubwürdigsten Lüge, die dritte gestand, eine Russin zu sein, daher war wohl auch der, den sie in ihrem Bauch wie eine Kängurumutter in ihrer Tasche trug, ein Russe, wenn nicht ein Tscheche oder werweißwas sonst; jedenfalls waren sie alle vier Bolschewiken.

Die Weltgeschichte und auch die europäische Literaturgeschichte hätten einen ganz anderen Lauf genommen, hätte der estnische Offizier mit ihnen kurzen Prozess gemacht. Den hätte ihm auch niemand übelgenommen. Für den Tod des ungeborenen Kinds von Broz hätte man ihn nicht belangt, denn es starb sofort nach seiner Geburt. Aber die Geschichte? Aber die Literatur? Aber die junge Russin, die allerdings nicht zählt? Schwejk befasste sich nicht mit Russinnen, Broz hingegen erinnerte sich an sie … an eben dieser Stelle seiner Memoiren und danach nie mehr. Als er jedoch in seiner Ausführung an diese Stelle gelangte, lachte er lausbübisch, denn das ganze Ereignis war trotz der Gefahr eigentlich skurril komisch gewesen. So sind auch die besten Witze, die man sich erzählt.

Alle leugneten, etwas mit den Bolschewiken zu tun zu haben. In der Tat, ein so kluger Narr, als der sich Hašek wie die Präfiguration seiner literarischen Figur Schwejk präsentierte, konnte kein Bolschewik sein, und Josip Broz schaffte es, überzeugend zu wirken, indem er erklärte, er sei Schlosser von Beruf, indem er also zur Wahrheit griff. Daraufhin ließ der estnische Offizier eine Roma-Gruppe kommen, in der es wie in übrigens jeder anderen neben vielen reproduktiven Wunderkindern auch begabte Künstler gab. Die schon früher festgenommene Gruppe befand sich (in den Augen des Offiziers) in einer ähnlichen Lage wie die Bolschewiken, da Roma sich wenig um Grenzen scheren und nicht so leicht vor ihnen Halt machen.

Der Offizier hatte eine Idee, die in wenigen Worten in Folgendem bestand: Die Musiker sollten – hier aufgepasst! – die Internationale spielen! Roma, die von den Ustascha in Jasenovac, dem kroatischen Auschwitz, „konzentriert“ wurden, hatte man oft gezwungen, die ganze Nacht hindurch zu spielen, obwohl sie wussten, dass sie am nächsten Tag hingerichtet würden. In einer solchen Situation mussten fahrende Musiker ein reichhaltiges Repertoire haben, selbst wenn das manchmal vergeblich war.

Stellen wir uns also unser bolschewistisches Grüppchen mit offensichtlich falschen Papieren (das war dem Offizier schon klar, aber etwas ließ ihm keine Ruhe) nebeneinanderstehend vor; der Offizier geht von einem zum anderen, die Roma spielen tutta la forza die Internationale, die Geige führt, aber auch die Trommler tun sich hervor, denn sie müssen den Rhythmus der kommenden Weltrevolution vermitteln. Über einen Bären ist nichts überliefert worden. Der Offizier legt jedem in der Reihe Stehenden sein Ohr ans – Herz! Ohnehin verängstigt, verraten ihre Herzen eine besondere Erregung, ja sogar Lust!

Ich glaube, dieser Prototyp des Lügendetektors war durchaus zuverlässig. Er lieferte dem Offizier den Beweis, das verräterische Herz entlarvte die kleine Gruppe. Der Offizier gratulierte sich selbst zu seiner Erfindung. Dazu kam, dass im Hof sich schon Publikum versammelt hatte. Die Musik gefiel. Dieses Liedchen war auch gar nicht so schlecht, dachte der Offizier und ließ die Gruppe nach Estland weiterziehen mit den Worten: „Glaubt ja nicht, ihr hättet mich reingelegt!“

Es hätte auch anders kommen können. Die heutige Furie des Verschwindens hätte schon damals, vor genau hundert Jahren, in der Festung an der Grenze zu Estland einsetzen können. Aber in der Weltgeschichte ist es üblich, dass zuerst etwas furios entstehen muss, bevor die Furie des Verschwindens zum Zuge kommt. Und die bringt nie das gnädige Vergessen der Eumeniden, sondern den rachedürstenden, auf eine neue Gelegenheit wartenden Hass. Dies kommt vielleicht am stärksten, am bittersten, am engstirnigsten in der Region vor, die wir den jugoslawischen Archipel nennen: Die Inseln rücken immer weiter voneinander ab, das Meer wird immer mehr, das Festland immer weniger. Während Broz die Schlüsselfigur beim Entstehen des sozialistischen Staates war, setzte sich Jaroslav Hašek mit seinem unsterblichen braven Soldaten Schwejk ein Papierdenkmal. Ich sage ein Denkmal aus Papier, doch aere perennius, dauernder als Erz. Titos Denkmäler waren zwar aus echter Bronze, aber die symbolischen halten anscheinend länger. Das Herz von Broz erwies sich indes als stärker. Was hat dieser Mann nicht alles durchgemacht! Hašek starb an Herzversagen. Sein Herz hat ihn kaum drei Jahre später wieder verraten.

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Hundert Jahre später, im Jahre des Herrn 2020, kam es zu einem fantastischen und auch furiosen Remake des frühen Prototyps des Lügendetektors. Der war dank der Weiterentwicklung der Menschheit natürlich vollkommener. Der estnische Offizier fand seine Reinkarnation in einem höheren Polizeibeamten unserer Zeit, natürlich einem Informatiker. Nachdem sich über Jahrzehnte eine Zwischenform des Lügendetektors behauptet hatte, die ebenfalls die Herzschläge, jedoch eher im mechanischen Sinn, registrierte, gab es einen großen Schritt voran. Ich hatte persönlich die Ehre, Bekanntschaft mit dieser Zwischenform zu machen; die Erfahrung war keineswegs angenehm: Man kann noch so sehr auf das Herz schwören, das verrät einen immer!

Die Menschheit hat sich naturgemäß weiterentwickelt, neue Technologien, von denen der estnische Offizier nicht einmal geträumt hätte, haben die Kontrolle über menschliche Herzen übernommen. Er, der die Herzschläge der verdächtigen Personen sozusagen manuell zählte, hätte darüber gestaunt, wie sehr seine Erfindung verfeinert wurde. Seine Gefangenen überführte er nach Gehör, so wie die Roma-Kapelle nach Gehör musizierte.

Es geht um Folgendes: An der kroatischen Grenze im Osten, also am Rande des künftigen Schengengebiets, wurden in diesem Jahr superempfindliche Anlagen aufgestellt, die die Schläge menschlicher Herzen in geschlossenen LKWs und Kombis registrieren! Die Herzen der Emigranten pochen ohnehin stark, erst recht aber, wenn diese versuchen, zu einer, wenn nicht besseren, dann aber sicher im Moment geordneten Welt zu gelangen und auf diese Weise das nackte Leben zu retten. Die Herzen der Emigranten sind verräterische Herzen, obwohl niemand mehr von der Internationale spricht. Im Unterschied zu dem estnischen Offizier, der die Verdächtigen laufen ließ, zufrieden, dass sie ihn nicht zum Narren gemacht hatten, verzeihen diese installierten Lauscher menschlicher Herzen keinem, dessen Herz stärker schlägt. Es gibt vierhundert solcher Anlagen, deren Aufgabe es ist, die Menschen mit einem Herzen daran zu hindern, ins Land einzureisen. Die Grundvoraussetzung ist einfach: Jeder Immigrant, selbst wenn er nichts anderes bei sich hat, hat ein Herz. Das arme Herz pumpt in jeden Winkel des Körpers fünf Liter Blut in der Minute und bis zu 20 Liter in einer gefährlichen Situation, wenn es um Leben oder Tod geht.

Es gibt aber einen nahezu fundamentalen Unterschied. Der estnische Detektor im Ohr des Grenzoffiziers musste herausfinden, was die abgehörten Herzen im ideologischen Sinne antrieb. Das sollten eigentlich auch die späteren Geräte tun, die wir als Lügendetektoren kennen. (Auch ich, wie bereits gesagt, habe als eine Person mit verdächtigem Herzen Bekanntschaft mit einem solchen Gerät gemacht.)

Allerdings dient diese verbesserte Ausführung der alten Version nicht zur Feststellung, bei wem das Herz in politischem Sinne pocht, sondern, ob im Laderaum eines LKWs ein menschliches Wesen versteckt ist, das es im eigentlichen Sinne des Wortes gar nicht ist, obwohl es ein Herz hat.

Also es lebe der Fortschritt! Liberté, Égalité, Fraternité! Insbesondere das Letztere: die Brüderlichkeit des Menschengeschlechts. Die Internationale des menschlichen Elends. Vielleicht hätten Einheit, Freiheit und Brüderlichkeit weiterleben können, hätten die Furien des Verschwindens es zugelassen.

Der Herzschlag des kleinen Jungen, dessen Foto vor fünf Jahren um die Welt ging, nachdem ihn das Mittelmeer, die Wiege dieser westlichen Kultur, ans Land gespült hatte, wurde von keinem abgehört. Aber warum war diese Wiege so grausam zu ihm? An dieser Stelle will ich seinen Namen festhalten: Alan Kurdi. So hieß dieses Strandgut.

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Obwohl ich den größten Teil meines Lebens in einem weicheren Sozialismus verbracht habe, der auch einige menschliche Züge hatte, bekam ich bei jeder Grenzüberschreitung Herzklopfen. Ich glaube, dass es dafür keinen wirklichen Grund gab, obwohl die Personen, die der Staat als bedrohlich für seine Existenz einstufte, meist damit rechnen mussten, dass man ihnen den Reisepass abnahm. Andererseits gab es innerhalb dieses Archipels wenigstens keine Grenzen und man brauchte auch keinen Reisepass: Schon der Gedanke daran wäre absurd gewesen. Jetzt hingegen prangen zum Beispiel in Kroatien alle paar hundert Kilometer oder weniger neuerrichtete, beleuchtete, repräsentative Grenzübergänge, als wäre jeder von ihnen ein Triumphbogen (Arc de Triomphe). Der Zugang zu ihnen wird oft ohne jeden Sinn durch eine wütende Maßnahme oder Gegenmaßnahme erschwert; zerstrittene Völker benehmen sich eben wie zerstrittene Schulklassen. Wenn man heute mit dem Auto von Zagreb nach Novi Sad fährt, ohne den Weg über den langweiligen Autoput zu nehmen, bleibt man zwar die ganze Zeit auf dem Boden des ehemaligen Pannonischen Meers, man muss jedoch dreimal Kroatien verlassen und dreimal wieder nach Kroatien einreisen. Und das in der heutigen Welt, in der die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich kaum sichtbar ist: leere Container, keine besondere Beleuchtung, ein Schild, auf dessen einer Seite Deutschland und auf der anderen Frankreich steht. Und das nach allem, was diese Länder einander angetan haben!

Sie taten einander dasselbe an, was die Völker des „verfluchten Landes Balkan“, wie mein Teil der Welt in der Sprache der deutschen Journalisten genannt wird, einander angetan haben.

Das Gleiche gilt für die Grenze zwischen Belgien und Frankreich, wo ich mich einige Zeit aufhielt. Die dortigen dunklen Wälder sind von Gräbern übersät, in den Baumstämmen kann man auch heute noch Patronen finden. Auf den lokalen Straßen wird die Grenze aber nicht gekennzeichnet, man kann sie leicht passieren. Ich besuchte nämlich gern belgische Tavernen … In der zivilisierten Welt interessieren sich für die Grenzen nur noch die Mobilfunkoperateure, sie ermahnen einen, wenn man auch nur einen Schritt ins fremde Land tut, weil dort nicht sie, sondern ihre französischen Kollegen kassieren. Nur das ist von Belang.

Corona ist natürlich etwas anderes. Die Grenze beginnt jetzt nach 1,5 Meter.

Aber da der Mobilfunk nicht mehr weit davon entfernt ist, die völlige Kontrolle über uns zu übernehmen, vermute ich, dass sein nächster Schritt sein wird, unsere verräterischen Herzen zu überprüfen. So wird zum Beispiel die politische Polizei, die es heute natürlich nicht gibt, während im Fernsehen die Ansprache des neuen Vaters (oder wenigstens des Onkels) der Nation übertragen wird, sofort feststellen können, ob jemand ein gutes und gehorsames Kind des Volkes ist oder ob sein Herz in einem anderen, willkürlichen und verderblichen Rhythmus schlägt.

Denn der Mensch ist eine Maschine, bei der alles von der Hydraulik abhängt. Unsere Ahnen hatten ein anderes Verhältnis zum Herzen. Wurde denn Chopins Herz, in Kognak getaucht (ein Ausdruck von Liebe), nicht von Paris nach Warschau geschmuggelt, um in der dortigen Heiligkreuzkirche aufbewahrt zu werden? Und das war nur eines der berühmten Herzen der Menschheit. Heute begegnet man dem Herzen auf Pralinenschachteln oder als Emoticon.

Dennoch ist es sehr schwer, das verräterische Herz zu unterdrücken.