(poetischer Essay, früher November des Jahres 2020)
EINFÜHRUNG
DIE GESCHICHTE DER ARGONAUTEN
Im Jahre 1982 ging ich in die achte Klasse
und schrieb für den Wettbewerb “Auf Titos Pfaden der Revolution”
eine Geschichte
über drei Brüder – Omar Toma und Ljuba
Ich nannte sie nach drei Eisenbergwerken
Omar Omarska
Toma Tomašica
Ljuba Ljubija
Mein Gewinnerpreis war ein Sommerurlaub
an der Adriaküste in Medulin
Zehn Jahre später
wurden Massengräber gefunden und weitere zwanzig gesucht
in Omarska Tomašica Ljubija
Ljuba tötete Omars
Toma versteckte Leichen in Bergwerken
Ich schrieb eine Geschichte
über die Argonauten
und Rippen vom Goldenen Vlies im Eisenerz gefunden
zu Stahl eingeschmolzen
Daraus wurde ein Schiff gegossen
Den Preis erhielt ich
um dieses Schiff zu lenken
Zurück auf dem Pfad der Revolution
/Mali ekshumatorski eseji/Kleine Essays über die Exhumierung, D. Cvijetić, Zadužbina Petar Kočić, Banja Luka, Beograd, 2015/
1991
1. BETTDECKEN DER MARKE AMBASADOR, VUKOVAR
Gekrümeltes Brot,
in Handflächen
hinausgetragen aus dem Vogelhunger.
Derjenige, der das träumt,
wird mir sagen, ich stand am Wasser. Es könnte das Jahr 1991 gewesen sein.
Ich wusch mir das Gesicht, gebeugt über die Badewanne,
und ein Gedanke durchströmte mich – es wird Krieg geben!
- Ich lese in der Zeitung über einen Arzt in einer Kinderklinik, der Geräte besorgt, um auf das Deckengewölbe eines Krankenzimmers einen Sternenhimel zu projizieren. Ich will nicht, sagt er, dass unsere Kinder mit einem leeren Blick sterben, ohne irgendwas!
1992
- BLUT WIRFT KEINEN SCHATTEN
Den ganzen Herbst kämpften wir bei Bihać um das Stück Land bei Grabež.
Dort befindet sich jetzt ein Flüchtlingslager für Menschen aus Syrien.
Ja, Siniša kam auch bei Grabež um.
An dieser Stelle sitzt jetzt ein dunkelhäutiger junger Mann auf dem Boden.
Am Smartphone schaut er die Fotos seiner fünfjährigen Tochter an und weint.
In Sarajevo tötete ein Scharfschütze mein Kind im Arm, sagt Hasija.
Hätte ich es nicht getragen, hätte die Kugel mein anderes Herz getroffen.
1993
- EIMER AUS ERDE, MIT ERDE GEGOSSEN
Holst du jemandem das Herz heraus und legst es sogleich in warmes Wasser,
aber schnell, schnell, dann wird es noch ein paar Mal schlagen, bis zu sieben Mal, und erst dann wird es die Farbe von Spucke alter Menschen annehmen
und in sich zusammensacken.
Wer staunt über das Stehenbleiben des ersten Herzens?
Wer hat beim ersten Stehenbleiben zugeschaut, mit Augen,
eingeölt durch stummes Gebet?
- Auf dem vergessenen Bahnsteig bei Keksara
wächst der Waggon, mit Rost bespritzt, in einen anderen Namen hinein.
Indessen sagt der heilige Franjo:
Tötet dich eine Granate, gibt es keine Schlaflosigkeit,
gibt es kein Wasser unter den Wimpern,
und der Traum weiß nicht, auf welcher Seite er brennt.
1994
- DER AUSTAUSCH DER TOTEN AUF DEM BERG VLAŠIĆ
Oma hütete ihren Haarzopf,
abgeschnitten bei der Konfirmation
vor 75 Jahren.
Dejo hat bei der Chemotherapie sein Haar verloren
und er erzählte uns im Büro:
Sie brachte mich in ein dunkles Zimmer.
Oma hat da was für dich, sagte sie,
in einer Schachtel ganz unten im Regal ein weißer Haarzopf,
getrennt von ihr ist das Haar ergraut,
Dejo schwor es.
Oma, was soll ich mit deinem Haar?
Mach dir eine graue Perücke,
dein Sohn soll darin alt werden.
1995
- EINE BUCHSE VOLLER SCHNEE
Der Sommer war entsetzlich. In Prijedor zogen an mir mehr als 100 000 Menschen vorbei, Flüchtlinge vor der kroatischen Militäraktion.
Die Menschen weinen, bitten um Wasser. Ein alter Mann auf einem Traktor. Hinten im Anhänger sitzt seine alte Frau neben einem erdverschmierten Sarg.
Darin der im Vorjahr umgekommene, heute Morgen ausgegrabene Sohn.
2.
Großmütterchen, möchtest du Wasser, frage ich.
Nein, nein, ich will nicht, und der Kleine auch nicht, sagt sie.
1996
1. SCHWIMMEN LERNEN
Es ist schwer, in unseren Sprachen länger als neun Wörter zu denken.
Singen ist noch schwerer, ist die Sprache doch verstümmelt und zerschnitten,
grausam verarmt durch systematische Zermürbung.
Die Jungen Slawen gehen weg.
In mehrere Konfessionen, die multikonfessionellen Slawen gehen weg.
Die Altslawen stammen von den Südslawen. Bald werden die Südslawen Altslawen werden und beginnen, auf Altkirchenslawisch zu sprechen und zu schreiben.
Die wenigen gealterten Slawen, die von den Südslawen übrig bleiben, wird Praslovan von Lačni Franc abspielen, auf dem krankenhausartigen Nachtkasten, entwendet aus dem Hotel Jugoslawien.
Die Südslawen fressen ihre kleinen Sprachen auf, bald werden sie alle aufgefressen haben, und dann werden sie Englisch und Deutsch und Schwedisch und Dänisch sprechen, mit nur 577 Wörtern, mit einem Google-Übersetzer um den Hals, wie Pekić mit den Diktaphonen mit Aufstieg und Fall des Icarus Gulbenkian.
Entslawisieren werden sie sich und sich stattdessen progermanisieren, und ihre Frisuren werden mitteleuropäisch sein.
Derweil die Alten Slawen, die übrig gebliebenen, werden Heldengräber besuchen und immer jüngere und weißere Kirchen aufbauen, und immer schwerere, aber in die Krankenhäuser werden sie weiterhin selbst Süppchen und Gaze mitbringen.
Und so seit Jahrzehnten.
Wir haben uns überslawisiert.
Es wurde Süden für die Slawen. Das kommt schon mal vor, vor dem Sturm, sagt Arsen, wenn die Inseln sich in Grau hüllen.
Und was hat am Dnjepr nicht gepasst?
Oder bei den Feuern unter den Toten?
Jesus hätte von uns nichts erfahren und hätte den Fresken gefehlt, besonders im Winter. Auch Mohammed hätte nichts von uns erfahren. Niemand hat uns wegen der Wüsten im Gedächtnis behalten.
Was hatten wir hier zu suchen, warum sind wir gekommen, keiner kann sich erinnern und hat auch keine Sprache, in der er sich erinnern könnte, niemand weiß es mehr und niemanden kümmert es.
2.
Dabei warten zu Hause die Frauen noch immer auf uns, und wie immer stellen sie lauwarme Eintöpfe vor die erfolglosen Jäger und spenden ihnen Trost, verschwitzt keuchend.
1997
- PRIMÄR, SEKUNDÄR
Selbst ein Dorffriedhof könnte mit so viel Stille nicht zurechtkommen.
Er würde die Hemden ausziehen, sollen doch die Schatten schmaler werden.
Die Windmühle im Brot.
- So gute Freunde.
Besuchten sich sogar noch im Grab.
1998
- DIE TERZ AUF DEM DRAHT
„Selbst wenn ich draufkomme, wer ich bin,
bleibt die Frage – wer sind alle anderen“ (Wenders)
In meiner Stadt gibt es jeden Sommer ein „kollektives Dschanaza-Totengebet“.
Ich treffe viele Schulfreunde, die die Knochen ihrer Väter und Brüder beerdigen.
Derjenige, der sämtliche Gräber bewacht, so denkt über mich Aida.
1999
- ANDRIĆSTADT
Stark geregnet.
Der angeschwollene Bach hat die alten Grabsteine vom muslimischen Friedhof davongetragen.
Früh am Morgen der Hodscha in Gummistiefeln,
weißköpfig im Nebel, er stapft auf dem Friedhof umher und ruft Namen auf.
Einer hat ihn erhört,
einer, der vor der Überflutung am Fuße des Bergs war,
hat ihn erhört –
als wäre er mitsamt seinem Grab flussaufwärts geschwommen.
NATO-Flieger über uns. Sie bombardieren die Reste Jugoslawiens.
Als die Obrenovićs von der Schwarzen Hand umgelegt wurden, war keine einzige Glocke zu hören gewesen.
Für Drago und Aleksandar.
Keine einzige.
Auch die Mönchsglocke hatte nicht gescheppert.
Stille nach der abgeschnittenen Brust und dem verbrannten Haar.
Stille nach dem aufgeschlitzten Bauch, wie bei Rotkäppchens Wolf.
Darin ein junger, zweiköpfiger weißer Adler,
unschlüssig, von welcher Leber er zuerst fressen soll,
und auch, mit welchem Schnabel.
2000
- MÖNCHE MACHEN SEILE
Gott ist ein Waise und Jesus hat keinen Großvater
in Klammer sei dazugesagt
einzig Lazarus starb zweimal.
- Blumen treiben aus dem Knochen
meiner Hand mit der ich nicht schrieb
Wie Ringe für Fässer
Wie Efeu vom Gewehrtragen
2001
- AKKUFABRIK, POTOČARI
Gleich nach dem Schuss betrat er das Badezimmer.
Im Wasser, das lange getröpfelt hatte wie Regenwasser, sah er einen Freund aus der Schule für Bauwesen,
uniformiert und in Stiefeln,
zerschossenen Kopfes. In der Hand eine Magnum, herabhängend.
Chrombeschichtete Trommel, eine Trophäe.
Die Augen waren offen, der Hals pulsierte noch, der Krieg war angezapft.
Vor ein paar Tagen treff ich ihn am Flohmarkt.
Er lacht, grüßt, verkauft Magnums aus Plastik,
für Kinder, Wasserpistolen.
Er hat mich sogar mit Wasser bespritzt und mir zwei Pistolen in die Taschen geschoben.
Zu Hause füllte ich eine Pistole mit heißem Wasser.
Ich stieg in die Badewanne mit Stiefeln an den Füßen
und ließ dunkles Blut aus der Wand ein, bis es überging.
2002
DER GESCHNEIDERTE KIRSCHGARTEN
1. Unser Theaterschneider verließ das Projekt „Iwanow“ nach Tschechow, weil der Hauptdarsteller und er sich nicht einigen konnten, in was für einem Hemd der unglückliche tschechowsche Protagonist sich umbringen sollte.
Der Schneider verließ die Probe und nahm das umstrittene Hemd mit.
Die Premiere ging bestens über die Bühne und Iwanow brachte sich bei der Vorstellung in einem ganz gewöhnlichen schwarzen Rollkragenpullover um.
2.
Jedoch brachte sich der Freund des Schneiders im genannten Hemd um, ein Jahr später,
als man seinen Kirschgarten abholzte.
2003
- OBEN IM HIMMEL, GLEICH NEBEN DER MUTTER
Špugi brachte sich am Donnerstag mit einer Kalaschnikow um. Er ließ Rigoletto laufen, die Wohnung dröhnte.
Er schob einen Adler in den Gewehrlauf, und dieser ließ seinen Kopf bersten.
Und sonst, Špugi war ein Vorzugsschüler gewesen
Und sonst, Špugi war Veteran aus zwei Kriegen gewesen
Und sonst, Špugi war Sniper gewesen
Und sonst, Špugi ließ seinen Sohn zuschauen
Noch am Dienstag hatte er mir betrunken in der Bar erzählt, wie er im Traum die Mütter von jenen sah, die er erschossen hatte.
2.
Und wie er jeder einzelnen wegen der Söhne versprach
im Schlaf zu sterben
2004
- ZAHNFEE
Ohne große Beunruhigung keine Versöhnung, pflegte Camus zu sagen.
Offensichtlich sind wir noch nicht beunruhigt.
Es gibt immer weniger von uns, wir versöhnen uns auf den Fluren deutscher Krankenhäuser.
- In einem Taschentuch bewahrte Zokas Mutter
seine Milchzähne auf –
kleine Eckzähne, kleine Backenzähne, kleine Schneidezähne
Als eine Granate ihn an der Front in Stücke riss
blieb nichts mehr übrig
Also nähte sie das Taschentuch zu.
2005
1. ÜBERSCHRIFTEN, TEXT
- „Keine Zytostatika für leukämiekranke Kinder.“
- „Sänger ließ zurückgebliebenen Sohn im Kloster zurück und startete Tournee.“
- „Schwester getötet, Körper fünfundzwanzig Jahre im Kühlschrank aufbewahrt, unter der Treppe.“
- „Mutter getötet, anschließend zum Fastenbrechen gegangen.“
- „Šaban gemeinsam mit Kiš und Andrić in der Allee der Großen.“
- „Handballer Hände verloren bei Verkehrsunfall.“
- „Drei Kinder vom Balkon geworfen, im beliebten Ferienort.“
- „Frau erstickte ihre Mutter im Schlaf, erhängte sich anschließend selbst.“
- „Religionslehrer vergewaltigte einen Schützling aus einem Heim für Kinder mit Entwicklungsschwierigkeiten.“
- „Volleyballerinnen spendeten Haare für Perücken für Krebskranke.“
- „Fünfhundert tote Zugvögel durchgeschmuggelt.“
- Damit Ophelia sich ins Grab legt, muss man zuerst den Schädel des Scherzboldes rausschmeißen.
- Ein Lift, der in Bewegung ist, veranschaulicht Heraklits Aussage – Der Weg nach oben und der Weg nach unten ist ein und derselbe.
- Mit den Flügeln zu zucken ist das Gleiche wie mit den Schultern zu zucken. Dennoch, ein Engel zuckt nicht.
- Das Gefühl, welches die Märchen nach ihrem Erzähltwordensein überfällt.
- Der Maler ist eine Tube mit Blut, das Gesprochene mit den Augen zurückgegeben.
- In der Lehre lernt der Clown, in jedem Schwamm eine Gelegenheit für eine rote Nase zu sehen.
- Origen sagt, Jesus bleibt am Kreuz, so lange, bis das Böse von jedem Menschen hinuntersteigt.
- Es gibt auch einen durchtriebenen Engel, der demjenigen, der sich zu beten anschickt, sein Gebet klaut und es „für später“ aufbewahrt.
- Wenn alle Bosnien verlassen haben, werden verminte Felder und neue verlassene Gebetshäuser zurückbleiben.
- In apokryphen Schriften steht geschrieben, Jesus sei ein freches Kind gewesen und einige Kinder seien gestorben, weil er sich das gewünscht hatte, ohne zu wissen, dass er der Sohn ist.
- Kafka schrieb über Käfige, die sich auf die Suche nach Vögeln machen.
2006
- HUNDE, HUNDE UND BÜCHER
Wir führten die Vorstellung „Ein Grabmal für Boris Davidovič“ im „Theater Prijedor“ auf. Ich weiß noch, wie ich mit Frau Mirjana Miočinović, der ersten Ehefrau von Danilo Kiš, über die Autorenrechte verhandelte und sie mich fragte:
„Moment mal, Sie meinen in Prijepolje?“
Ich sagte: „Nein, nein … in Prijedor.“
Sie fragte abermals: „In Prnjavor?“
„Nein, nein, nein … In Prijedor.“
„Moment mal, Sie meinen in jenem Prijedor?“
„Ja, in jenem Prijedor.“
„… Also … dort wird mein Danilo …“
Der Gestank der Vergangenheit dieser Stadt breitete sich aus, und es wird viel Zeit, die wir dort verbracht haben, benötigen, um diese Vergangenheit hinter uns zu lassen, um einander in die Augen zu sehen, Boris Davidovič, und zu sagen, so ist es gewesen, es ist schrecklich gewesen, die Knochen der Nachbarn haben gefroren.
2007
- WOLFGANG BORCHERT, „GENERATION OHNE ABSCHIED“
„Wenn ich tot bin,
möchte ich immerhin
so eine Laterne
sein“
(Wolfgang Borchert, Motto für den Film WENN ICH TOT BIN UND BLEICH von Živojin Pavlović, 1967 mit Dragana Nikolić in der Rolle von Jimmy Barka)
2.
Und was, wenn das Älterwerden bloß ein Evolutionsfehler ist?
Mir scheint, wir sind geboren, um lange genug da zu sein, um unsere Gene an die nächste Generation weiterzugeben. Die Gene für die Generation. Vom evolutionären Standpunkt aus betrachtet ist alles über dreißig oder höchstens vierzig Jahre ein Überschuss.
Alles, was über die realisierte Nachkommenschaft hinausreicht, ist aus evolutionärer Sicht unwichtig.
Ein Großvater zu sein bedeutet also, sich überflüssigerweise davon zu überzeugen versuchen, dass unsere Nachkommen das genetische Material weitergegeben haben.
Würden wir mit der gleichen Geschwindigkeit altern, mit der wir zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr altern, könnten wir Hunderte von Jahren alt werden.
Aber nach dem dreißigsten Lebensjahr beschleunigt sich alles plötzlich und unerklärlich, und die Menschenjahre gehen schnell in Hundejahre über. Und so zeichnet sich für die vorbeiziehenden Karawanen plötzlich ein sehr deutliches Bild ab: Stöhnen und Schwanz einziehen und ein trauriger Blick.
2008
- ENTLASSUNGSSCHREIBEN
Hör mal, jemand müsste den Europäern sagen,
dass Paulus aus Tarsus war
Scha’ul – Zeltmacher und produktivster Evangelisator –
in Damaskus wurde er zum heiligen Paulus,
in Syrien.
2.
Stell dir vor –
Jesus hat nie Schnee gesehen.
Vor dreizehn Jahren lernte ich im Schützengraben,
lautlos das Gewehr zu tragen, den Schulterträger so um den Arm zu wickeln,
dass die Metallteile sich nicht berühren und keinen Lärm machen.
2009
- EIN BESCHÄMENDES BILD DER FREIHEIT
Es ist zu viel Zeit vergangen, und bald wird niemand mehr da sein, um eine Schande anzuerkennen und zu akzeptieren. Es scheint, das kollektive Gedächtnis wartet geradezu darauf.
Dass niemand mehr da ist, der etwas zugeben könnte, und dass niemand da ist, dem gegenüber man etwas zugeben könnte.
Das bedeutet ein großes Kapital für Wiederholungen.
Darin steckt das Wesen der Niederlage.
2.
Der Medizintechniker im Rettungswagen in Prijedor heißt Danilo Kiš.
Er geht gerne fischen.
Er bedauert, mir nicht sagen zu können, ob sie jemals auch Boris Davidovič in ihrem Wagen transportiert haben.
2010
- ABTASTEN
Wenn Kunst bedeutet, Trost zu spenden, wenn Kunst eine empathische Umarmung ist – dann bedeutet Kunst auch, das eigene Martyrium zu lieben, das eigene Märtyrerschicksal. Die Zerlegung des Wortwörtlichen in der Intimisierung des Tragischen – das bedeutet in Bosnien, Künstler zu sein – seiner eigenen Nichtgleichgültigkeit von Herzen Glauben schenken.
2.
Für mich selbst bin ich ein Einzelgänger, eine Birke ohne Blätter, ein Kaninchen mit einem Ohr … Für mich selbst bin ich ein Junge, der eben erst zu sprechen gelernt hat … Für mich selbst bin ich eingeholt von einem früheren Lachen aus einer früheren Zeit … Für mich selbst bin ich derjenige, der seinen Staub ans Ende des Waldes trägt … für mich selbst bin ich eine Lampe aus Papier … Für mich selbst bin ich eine Sammlung von Tropfen, frisch nach dem Regen – glänzend auf dem Spinnennetz … Für mich selbst bin ich der Versuch zu singen, unternommen im Gestotter der Welt.
2011
- NOCH ETWAS ÜBER DIE HUNDESÖHNE
Zuerst sagte er zu ihr.
Sie habe tiefe Augen.
Später schwor er uns
er habe noch nie
so tiefe Augen
herausgeholt.
2.
Mit einem Schlagbolzen näht man nichts
vom Vogel ins Gewehr.
Steh auf, Eleazar
Die Zunge schwitzt im Mund.
2012
- NACHKRIEGSZEIT, SCHLAFLOS
Oh, Dunkelheit …
Ene mene muh
und raus bist du.
Dunkel.
Und raus bist du.
Tika taka bumm.
2.
Das Haus, das losgezogen ist, seine Buchstaben zu nächtigen.
Schere, Stümmel, Bronze, Srebrenica.
2013
- POSTKARTE ANS MEER
Im nächsten Jahr sind es hundert Jahre seit dem Ersten Weltkrieg. Im Jahre 1914 gab es in diesem Land, in Bosnien und Herzegowina also, innerhalb des gleichen Territoriums, sechs Gymnasien!
Innerhalb von hundert Jahren haben drei Kriege stattgefunden – und was für drei Kriege es waren! Von den sechs Gymnasien, über drei Kriege, bis hin zu den Privatfakultäten in jedem dritten Haus und festgenagelten Museum.
Es gibt kein Volk, keine Familie, kein Feld, kein Wald, keine Stadt, kein Dörfchen, das nicht völlig zertrampelt wurde in einem dieser drei Kriege. Aus jedem Städtchen verschwanden Köpfe (Männer, Frauen, Kinder) in einem der drei Massaker.
2.
Literatur löst nichts. Der Schreibprozess ist der Kulminationspunkt innerer Katastrophen, der sich ausbreitet zu einer – Null.
Das Gedicht kann der Finsternis unserer Zeit nichts anhaben. Die Sprache hat das Bedürfnis, sich zu bewegen, ihren Körper nach vorne zu bringen. Die Funken sprühen bei dieser Bewegung durch Poesie. Dass unsere Sprache (BKMS) den Rückzug angetreten hat und sich dabei selbst zum Einsturz gebracht und sich verletzt hat – das resultierte in meinem Fall in einer Poesie, die gezwungen ist, diese Vergangenheit auszuleuchten.
Ich habe die Thematik meiner Dichtung nicht gewählt. Vielmehr hat sie mich gewählt. Die Rede ist von einem gut eingelaufenen Müssen.
2014
- NEUE
Ratten bekommen keinen Herzanfall.
Sie leiden auch nicht unter Alzheimer. Die Ratten altern nicht langsam wie wir, sondern gehen plötzlich ein, ihre Muskeln atrophieren plötzlich und schnell.
Die Versuchsratte, der das Blutplasma eines achtjährigen Menschenkindes eingespritzt wurde, war in der Lage, den Ausgang aus dem Labyrinth eine ganze Minute schneller zu finden als eine gewöhnliche Ratte voller Rattenblut.
2.
Minute für Minute.
Wie Nägel aus Kindersärgen, wenn die Engel sie raushämmern.
2015
- FARMEN, LEDER, REBALANCE
Der echte Oskar Schindler, nicht der von Spielberg,
flüchtete gleich nach dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland nach Argentinien
durch einen der Rattenkanäle
Viel hat es nicht gebraucht, dass Oskar vom Emailgeschirr
der Schindlerjuden
zu einem neuen Business überging –
eine Farm mit Küken und erwachsenen argentinischen Bibern
Die Arbeit ging hervorragend von der Hand
Deutschland entzog ihm die Staatsbürgerschaft
als einem verdienten SS-Mitglied, und die Biber waren zunächst sehr gefragt:
So manch ein Frauenhals liebt die weiche Sanftheit
der erwachsenen Biber.
Die Küken dagegen verbringen ihr ganzes Minileben in Kammern
derart zusammengepfercht, dass sie ihre Flügelchen nicht auszubreiten vermögen
(Mit einem Zepter werden ihre Schnäbelchen abgestumpft,
damit sie sich gegenseitig nicht blenden und töten
in einer solchen Nähe zueinander mit solchen Flügeln)
Deutschland gibt ihm die Staatsbürgerschaft zurück
diesmal ist er ein verdienter Industrieller und Retter!
Aber wieder dreht sich der Teller aus Email und sein Geschäft geht ein
Und alle seine Biber werden ausgerottet; gar alle
Moshe Bejski bringt Oskar nach Jerusalem
nun ist er ein Held, der 1200 Menschen vor ihrem eigenen Rauch gerettet hat
Oskar beginnt zu trinken und fürchterliche Szenen zu machen
(Am Toten Meer hatte er eine Geliebte namens Eva Kisch)
Sogar die Geretteten von der Liste meiden ihn
und der betrunkene Oskar winkt jetzt mit Wetttickets
wie einst mit den herausragenden Namen von den Listen der Schlächter
2.
Und nur manchmal
beim koscheren Hühnchen
verspürte er das emaillierte Jucken
ein schlimmes Jucken am Hals
wie vom Biberfell aus Buenes Aires
2016
- DISNEYLAND, TROPFEN
Bei den Feierlichkeiten zur fünfundzwanzigjährigen Schließung
eines nahe gelegenen Lagers
gerieten ehemalige Lagerinsassen in eine Prügelei
rund um die Frage nach ihren Verdiensten beim Gedenken
Die Polizisten, die einst auf sie eingeprügelt hatten
brachten sie auseinander
Lasst das, Leute, es ist eine Schande
2.
Branko wurde nach fünfundzwanzig Jahren gefunden:
Knochen im Morast
und zwei Steinchen,
die drauf und dran waren, Augen eines Schneemanns zu werden
2017
- KEHLE UM KEHLE, UMARMUNG
Am selben 10. Januar 1914 wurden Matoš und Andrić an der Kehle in Zagreb operiert
Matoš war 40, Ivo 21 Jahre alt
Der Arzt Dragutin Mašek entfernte Anton Gustav Matoš den Kehlkopf
dieser wird noch immer in Formaldehyd aufbewahrt
als würde er irgendwann später wieder zu jauchzen und zu schlucken beginnen
Der Arzt Oskar Aleksandar, Privatchirurg, öffnete Andrićs verschwiegene Kehle
und schabte die Mandeln mit einem Skalpell ab
Zwei Monate später stirbt Anton Gustav
durch quälendes Ersticken der leeren Kehle
während Ivo halblaut mit Mitgliedern von Mlada Bosna darüber spricht
wie man den Erzherzog am Tag Vidovdan um seine Stimme bringen könnte
2.
Sobald Samt und Samtspielzeuge auftauchten
krochen Samtwürmer
in die Bäuche der Spielzeuge
2018
- ES GAB SCHON EINEN UNFALL
Ein nicht wiederholbarer Unfall des Falles in die Zwei.
Meine Dichtung in der gleichen „Arithmetik des Mitgefühls“ bindet sich an den konkreten Einen und besingt sogleich auch seinen Fall, seine Tragik.
Dieser Eine ist der kleinste gemeinsame Nenner, dem das Hinzufügen einer Null sein Unglück nicht vergrößert, denn er steckt bereits in seinem Unglück.
Die Poesie kommt damit zu Rande, indem sie Gnade zu diesem Einen einführt, denn er ist die Projektion der Mehrzahl.
Gnade also, als Arithmetik der Ampathie für den Einen.
Dieser Eine ist zu schwer für eine Träne wie auch für eine Gewehrkugel.
Er sticht heraus aus der Gewehrsalve und trägt die gleiche Menge an Tod, die gleiche Menge an Unglück, und benötigt die gleiche Menge an Liebe.
2.
So lehrte uns Borges, Jesus habe uns so belehrt.
2019
- DER KLEINE BRUMMKREISEL
Ich habe nichts geschafft, ich habe, scheint mir, nichts wachsen lassen können außer eines gepflegten Zweifels, notiert im Notizblock eines Gärtnerlehrlings.
Sowohl Wüste als auch Garten dauerten nur eine viel zu lange Nacht, dieselbe Nacht, der beckettartige gleiche Vers, getrocknet in der Sonne des vorigen Tages in mir.
Heute weiß ich, der morgige Tag war nicht weggegangen.
2.
Aber, ich werde im Garten immer kleiner und immer tiefstehender bin ich im Hinblick auf den Horizont.
2020
- EIN WEITSICHTIGES BILD
Drei mit Gliedamputationen machen ein Selfie auf einer Bank im Hof des Heimes für Kämpfer.
Bei Oma im Dorf hingen drei Gedenkanzeigen an der Wand, für die beiden Kinder und den Mann, die in Jasenovac verbrannt wurden.
Im vierten Akt wird geschossen.
Die Mauer bricht ein.
2.
Der Sohn des toten Kriegshelden.
Liegt auf der Onkologie.
Man hat ihm die Hoden entfernt.
Am iPhone tötet er Digimons.
Die Infusion tropft in unregelmäßigem Rhythmus, weil er ständig die Finger bewegt.
Kahl, ohne Augenbrauen, in seinen Kopfhörern hinkt die Stimme von Tom Waits, er zwinkert der schwarz gekleideten Mutter zu.
Einmal hat ihn sein Vater von der Musikschule abgeholt und zum Kuchenessen eingeladen, denkt er.
Auf seinem Display stapeln sich die Leichen der jungen Pokemons.
Die Leichen stapeln sich, sagt er.
2021
- METROPOLITAN OPERA
Ein Libretto mit dem Tragen des an der Ansteckung Verstorbenen durch die Stadt
alles ist wie füher, und Gazimestan ist nach Podgorica gekommen
Die Jugend kniet auf dem Stadtplatz, denn das Auto mit der Leiche fährt vorbei
als würde ein Ajatollah, erfüllt vom Virus, vorübergetragen werden
Und da all das mitten in der Pandemie passiert, trägt keiner eine Maske, als sei
die Maske etwas Westliches, etwas Amerikanisches und etwas Ihriges
2.
Ungeachtet des Kabarettcharakters
Zwei Anführer der Armee und ein Oberst ein Verstorbener
Jesus mit dem Vagabunden, ich sage euch, wirklich, in jenen Tagen
DIE EBENE DES EPILOGS
Vor dem verfallenen Riesengebäude des Kaufhauses aus der Vorkriegszeit PATRIA verkauft jemandes Großvater Kaninchen. Der Preis beträgt 10 und 15 Konvertible Mark pro Häschen.
PATRIA bedeutet auf Latein Heimat, Vaterland, und ebenso heißt auch der höchste Gipfel von Kozara, ganz in der Nähe.
In zwei Käfigen. Hasen und Heimat.
Aleksandra Zec ist aus Zagreb.
Sie war zwölf Jahre alt, als sie auf dem Berg Sljemen umgebracht wurde, vor fünfundzwanzig Jahren.
Ihr Vater war aus Prijedor. Er wurde zusammen mit der Mutter in derselben Nacht liquidiert.
Vater war Serbe, Mutter Kroatin.
*
Dubravka Zec ist aus Prijedor.
Sie ist fünfundfünzig Jahre alt, und schon seit fünfundzwanzig ist sie allein.
Und sie hat den Verstand verloren.
Ihr Vater war Sportlehrer im Gymnasium, Handballer.
In Omarska wurde er geschlagen und geschlagen.
Ihr Bruder wurde vor ihren Augen getötet.
*
Ich wusste nicht, dass Zec als Nachname auch bei den Kroaten existiert, sagt mein Freund.
Und, sagt man dann für eine Frau Zečeva oder Zecova?
Er fügt hinzu, er habe nicht gewusst, dass die ermordete Zagreber Familie Zec in Prijedor beerdigt wurde, und fragt, ob man Dubravkas Bruder in einer der hiesigen Gruben gefunden habe.
*
Dubravka irrt schon seit Jahren verloren durch die Stadt.
Ein schmaler, hoher, kurzgeschorener, verwirrter, erschrockener Engel.
Im Mantel.
Sie geht ins Theater, ins Kino, zum Konzert, in die Kirche, in die orthodoxe, in die katholische, sie führt Selbstgespräche, flüstert, geht auf den Friedhof, kommt wieder heraus …
Sie wohnt ganz allein, ohne Strom, ohne Heizung.
Sie dreht sich um. Keiner da.
Immer allein. Immer allein. Immer.
*
Es gibt einen Ort in der Nähe von Prijedor – Zecovi.
Halb serbische Hasen, halb bosniakische.
Zwei Käfige der Heimat.