Der Balkan – das war und ist von den europäischen Zentren aus betrachtet eigentlich immer das Fremde, das Exotische und auch das Rückständige.

Die Berichte von ausländischen Reisenden, Journalisten und Politikern über die Länder des europäischen Südostens und die Nachrichten von dort gen Nord-West waren und sind mehr oder weniger ausschließlich negativ akzentuiert. Wenige Ausnahmen bestätigen die sprichwörtliche Regel. Dem Leipziger Publikum aber möchte ich auch das zeigen, was ich als ›zugezogene‹ Bosnierin, Südosteuropäerin oder ganz einfach Europäerin sowieso schon weiß: Dass der Balkan ein gutes Fleckchen Erde ist, das Ecken und Enden hat, die es sich lohnt zu entdecken.

Den Balkan in all seinen Facetten als europäischen Kulturraum mit dem deutschsprachigen Raum in Beziehung zu setzen, das ist die Triebfeder der Arbeit des europäischen Literaturnetzwerks Traduki. Durch den literarischen Austausch, durch Übersetzungen in vielfältigen Sprachkombinationen soll es Europäern ermöglicht werden, einander besser kennenzulernen – die fernen wie auch die nächsten Nachbarn mit ihrem Schmerz, ihren Ängsten, ihren Freuden, ihren Werten und ihren Geschichten.

Deutschland, Österreich und die Schweiz haben das Netzwerk Traduki im Jahre 2008 in Leipzig ins Leben gerufen, von Jahr zu Jahr wuchs seitdem die Zahl der Partnerländer. Traduki begann als ein Projekt des Bundesministeriums für Europa, Integration und Äußeres der Republik Österreich, des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Deutschland, der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, KulturKontakt Austria (im Auftrag des Bundeskanzleramts der Republik Österreich), des Goethe-Institut, und der S. Fischer Stiftung. Der erste südosteuropäische Partner war 2009 Slowenien, ihm folgte 2011 Kroatien, 2012 wurde das Fürstentum Liechtenstein als viertes deutsch sprachiges Land Partner von Traduki. 2014 wurden Albanien und Serbien in der bereits großen Familie des Netzwerks willkommen geheißen, 2015 kam Rumänien hinzu, und im letzten Jahr wuchs das Netzwerk um zwei neue Mitglieder, Montenegro und die Leipziger Buchmesse.

Den Auftakt für unser diesjähriges Südosteuropa-Programm machten die Balkan Film Weeks im UT Connewitz, die am 1. März 2017 beginnen, und eine Kooperation mit dem Kroatischen Kultur ministerium und Slowenischen Kulturzentrum Berlin sind. Ausgewählt von Marija Katalinić werden aktuelle südost – europäische Filmproduktionen gezeigt.

Die Illustrationen in diesem Heft stammen in diesem Jahr von Aleksandra Nina Knežević und sind Motive von bosnischen Teppichen und stećci, den mittelalterlichen Grabsteinen. Bis heute sind rund 70.000 stećci erhalten. Die meisten davon befinden sich in Bosnien und Herzegowina, aber auch in den Nachbarstaaten, Kroatien, Montenegro und Serbien. Im letzten Jahr wurden stećci auf die UNSECO Liste des Weltkulturerbes aufgenommen, als eine gemeinsame Initiative der vier Länder. Nina hat die Illustrationen in diesem Heft nur als Andeutung ausgemalt, der Rest ist Ihnen überlassen.

Was mag der Balkan sein? Er ist schwer zu fassen – nicht Ost, nicht West. Über einen gewissen Zauber verfügt er aber ganz gewiss. Das können all jene bezeugen, die sich auf ihn eingelassen haben. Seine Alchemie soll auch für den langen Augenblick der Messetage in Leipzig spürbar werden.

Mein Dank gilt allen Partnern, den alten und den neuen, allen die mitgearbeitet haben und mitwirken werden, ohne die dieses Programm nicht möglich gewesen wäre, und insbesondere möchte ich mich bei meinen Kolleginnen in der S. Fischer Stiftung bedanken.